Rezension über:

Hatto H. Schmitt / Ernst Vogt (Hgg.): Lexikon des Hellenismus, Wiesbaden: Harrassowitz 2005, XII + 1232 S., ISBN 978-3-447-04842-2, EUR 99,00
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Rezension von:
Sabine Müller
Historisches Seminar, Universität Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Müller: Rezension von: Hatto H. Schmitt / Ernst Vogt (Hgg.): Lexikon des Hellenismus, Wiesbaden: Harrassowitz 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/10086.html


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Hatto H. Schmitt / Ernst Vogt (Hgg.): Lexikon des Hellenismus

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Das Lexikon des Hellenismus ist die dritte, überarbeitete und deutlich erweiterte Auflage des Kleinen Lexikon des Hellenismus aus dem Jahre 1993, bei dem es sich wiederum um die revidierte zweite Edition des Kleinen Wörterbuches des Hellenismus handelt. Die Intention war und ist es, in anschaulicher Überblicksform ein umfassendes Bild von Politik, Kultur, Religion, Wissenschaft und Alltag im Hellenismus zu vermitteln.

Die Anzahl namhafter Mitarbeiter aus verschiedenen Sparten der Altertumswissenschaften, darunter so renommierter Forscher wie Werner Huß, Frank William Walbank und Gerhard Wirth, stieg in der dritten Auflage von 32 auf 45. Eine große Anzahl von Artikeln stammt auch von dem Herausgeber Hatto H. Schmitt selbst. Die Seitenzahl wurde bei größerem Format von 825 auf 1106 erhöht, auch der Stichwortfundus erfuhr eine Erweiterung. So werden bei allen Themenschwerpunkten ausgewählte Sujets und Personen, die in der zweiten Auflage nur in einer übergeordneten Kategorie Erwähnung fanden, in separaten Artikeln eingehender behandelt, etwa prominente Vertreter philosophischer Schulen und literarischer Gattungen. Einige Artikel wurden komplett ersetzt, andere auf der Basis von Neufunden grundlegend überarbeitet, etwa der Abschnitt zu Poseidippos, dem die Verse des Mailänder Papyrus P.Mil.Vogl. VIII 309 durch Herausgeber und den größeren Teil der Forschung zugeschrieben werden. [1] Die Literaturhinweise zur aktuell sehr regen Debatte um Poseidippos, die sich in einer hohen Zahl an Publikationen niederschlägt, fallen indes ein wenig knapp aus. [2]

Die Aufsplittung der einzelnen Dynastien in separate Artikel zu ihren Mitgliedern wurde bewusst unterlassen, um den Eindruck der dynastischen Geschlossenheit als ein Signum der hellenistischen Herrschaftsinszenierung zu bewahren. Den Themenbereichen Religion, Herrschaftsideologie und Kultur, ist - auch besonders im Hinblick auf Gender-Fragen - gegenüber der zweiten Auflage mehr Eigengewicht und Raum zugemessen. Wünschenswert wäre noch gewesen, die prägnantesten und teilweise nicht unumstrittenen Codes der hellenistischen Alexanderikonografie und davon abgeleitet der Herrscherikonografie - wie Diadem, Szepter, Exuvien, Ägis, Ammonshorn sowie für die Königinnen Schleier oder Stephane - in gesonderten Artikeln detailliert zu besprechen. [3]

Die Zeittafel am Ende ist geblieben, das Register wurde erweitert, und die Zahl der Abbildungen, die in der Zweitauflage einen Anhang aus 33 Bildern ausmachten, ist auf 365 erhöht und zur besseren Übersicht in den entsprechenden Text eingefügt worden. Hervorzuheben ist ihre hohe Qualität, besonders für die Münzbilder.

Auch die dritte Auflage hat den bewährten Charakter einer Sammlung komplexer Einführungen zu verschiedenen Aspekten des Hellenismus in der Art beinahe schon eines Companion bewahrt. Neben dem allgemeinen Überblick wird auch aufgrund sehr spezifischer Lemmata nicht nur Lexikonwissen vermittelt, sondern teilweise, so im neu verfassten Artikel zu Kallimachos (506-512), Einblick in die neueste Forschung gewährt. Entsprechend sind die Artikel noch reichlicher als in der zweiten Auflage in den Anmerkungen und aktualisierten Literaturhinweisen dokumentiert.

Angesichts der häufigen Themenkonzentration auf das klassische Griechenland und die römische Kaiserzeit ist es umso positiver, dass der Hellenismus als eigenständige Epoche in seiner ganzen Bedeutung mit einem solchen Werk stärker ins Bewusstsein auch einer etwas weiteren Öffentlichkeit gerückt wird. Jedem, der sich mit Aspekten der hellenistischen Geschichte beschäftigt, auch den Besitzern der vorangegangenen Editionen, sei das kritische, informative, ebenso einführende wie weiterführende Buch daher empfohlen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. G. Bastianini / C. Gallazzi (Hg.): Posidippo di Pella. Epigrammi (= Editio princeps), Mailand 2001; C. Austin / G. Bastianini (Hg.): Posidippi Pellaei quae supersunt omnia (= Editio minor), Mailand 2002.

[2] Zu nennen wären beispielsweise: K.J. Gutzwiller: Poetic garlands. Hellenistic epigrams in context, Berkeley 1998; G. Bastianini (Hg.): Un poeta ritrovato. Posidippo di Pella, Mailand 2002; S. Stephens: Seeing double. Intercultural poetics in Ptolemaic Alexandria, Berkeley u. a. 2003; B. Acosta-Hughes u.a. (Hg.): Labored in Papyrus leaves. Perspectives on an epigram collection attributed to Posidippus (P.Mil.Vogl. VIII 309), Washington 2004. Aktuell: K.J. Gutzwiller: The new Posidippus: A Hellenistic poetry book, Oxford 2005.

[3] Dies erfolgt explizit unter dem übergeordneten Thema "Herrschaftszeichen (Insignien und Ornat)" (432-436), aber in recht knapper Form. Vgl. D. Svenson: Darstellungen hellenistischer Könige mit Götterattributen, Frankfurt a. M. 1995. Auch fällt auf, dass das Diadem unrelativiert als Teil des persischen Ornats gilt, das Alexander von den Achaimeniden übernommen habe (432). Die Gegenposition, die auf die ältere makedonische Tradition des königlichen Diadems verweist, wird nicht berücksichtigt. Vgl. N.G.L. Hammond: The evidence for the identity of the royal tombs at Vergina, in: W.L. Adams / E.N. Borza (Hg.): Philip II, Alexander the Great and the Macedonian heritage, Washington 1982, 111-127; E.N. Borza: The royal Macedonian tombs and the paraphernalia of Alexander the Great, Phoenix 41 (1987), 105-121; G. Calcani: L'immagine di Alessandro Magno nel gruppo equestre del Granico, in: J. Carlsen u.a. (Hg.): Alexander the Great. Reality and myth, 2. Aufl., Rom 1997, 29-39.

Sabine Müller