Rezension über:

Giorgio Simoncini: Roma. Le Trasformazioni Urbane Nel Quattrocento. I: Topografia e urbanistica da Bonifacio IX ad Alessandro VI (= L'Ambiente Storico. Studi di storia urbana e del territorio; X), Florenz: Leo S. Olschki 2004, VIII + 292 S., ISBN 978-88-222-5364-4, EUR 31,00
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Giorgio Simoncini (a cura di): Roma. Le Trasformazioni Urbane Nel Quattrocento. II: Funzioni urbane e tipologie edilizie (= L'Ambiente Storico. Studi di storia urbana e del territorio; XI), Florenz: Leo S. Olschki 2004, VI + 398 S., ISBN 978-88-222-5365-1, EUR 43,00
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Rezension von:
Georg Schelbert
Kunstgeschichtliches Institut, Universit├Ąt Trier
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Hoppe
Empfohlene Zitierweise:
Georg Schelbert: Giorgio Simoncini: Roma (Rezension), in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 4 [15.04.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/04/8971.html


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Giorgio Simoncini: Roma

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Das 15. Jahrhundert steht nicht nur für eine Zeitspanne tiefgreifender städtebaulicher Veränderungen in Rom, sondern darüber hinaus für einen Wandel in der Wahrnehmung und im Umgang mit dem städtischen Raum. Studien zur Topografie wie Flavio Biondos "Roma instaurata" und Albertis "Descriptio urbis romae" verorten die Monumente erstmals in einem zeit-räumlichen Kontext. Aus den mittelalterlichen Mirabilienbüchern entwickeln sich Guiden, die nun weniger von der kultischen als von der historisch-topografischen Dimension ihres Gegenstandes handeln, und auch die Bilder der Stadt zeigen diese nicht mehr als Addition einzelner Landmarken sondern als proportionale Erscheinung. Der neue Blick materialisiert sich seit der zweiten Jahrhunderthälfte in urbanistischen Projekten wie der Umgestaltung des Borgo oder der Anlage der Via Giulia, die einzelne Orte nun zu Räumen verbinden.

Das vorliegende Werk hält sich mit einer derart allgemeinen Perspektive freilich nicht auf und steht damit durchaus in der eher gegenstands- als theoriebezogenen Tradition der umfangreichen topografischen Literatur zur Ewigen Stadt. Vielmehr unternimmt es den Versuch, die städtebauliche Entwicklung ohne jede urbanistische oder stadtplanerische Teleologie anhand von Einzelmaßnahmen und Fallbeispielen darzustellen.

Entgegen dem gleichermaßen unvermeidlichen wie topischen Zweifel, auch nur ein Jahrhundert des Phänomens Rom zwischen zwei Buchdeckeln fassen zu können, ist das Unterfangen insgesamt als gelungen zu bezeichnen. Dies zum Einen, weil der Herausgeber den Stoff klar, manchmal fast schon schematisch gegliedert hat, zum Anderen, weil die Beiträge konsequent aus städtebaulicher Perspektive geschrieben sind und kaum jemals der Versuchung erliegen, sich in die Geschichte der Monumente zu verlieren.

Das Werk ist in zwei weitgehend in sich geschlossene Bände geteilt. Im ersten Band gibt Giorgio Simoncini eine chronologisch angelegte Gesamtdarstellung, im zweiten Band beleuchten einzelne Beiträge - teils eher katalogisierend, teils eher argumentierend -verschiedene Aspekte des raumbezogenen Wirtschaftsleben, des Bauwesens und des Umgangs mit den antiken Überresten.

Simoncinis Darstellung, die mit grundlegenden Ausführungen zur Organisation des Bauwesens in Rom und Reflexionen zur topografischen Terminologie (z. B. dem Gebrauch der Begriffe "campo", "piazza", "platea") eingeleitet wird, folgt der bewährten und nie wirklich infrage gestellten Periodisierung nach den Pontifikaten. Über die erste Jahrhunderthälfte, von Bonifaz IX. bis Eugen IV., gibt es ungleich weniger zu berichten, als über die folgende Zeit. Daher unternimmt der Autor zunächst eine gründliche Bestandsaufnahme der Stadtstruktur.

Im Unterschied zu vielen anderen Städten kennzeichnet Rom bis heute ein Nebeneinander mehrerer Schwerpunkte (Kommunales Zentrum auf dem Kapitol; Zentrum des Handels im Tiberknie; politisches und geistliches Zentrum in Vatikan und Lateran). Simoncini bestätigt Martin V. (1419-31) als Initiator der neuzeitlichen Umgestaltung der Stadt durch seine administrativen Neuerungen, auch wenn die baulichen Aktivitäten - genauso wie unter Eugen IV. (1431-47) - noch unbedeutend blieben. Erst Nikolaus V. (1447-55), der in engem Kontakt mit Leon Battista Alberti stand, nahm bekanntlich größere städtebauliche Projekte in Angriff, die freilich großenteils nicht ausgeführt wurden. Nikolaus' Ruhm als Erneuerer der Stadt gründet sich vor allem auf das von Manetti überlieferte Borgo-Projekt, dessen Behandlung durch eigene Rekonstruktionsvorschläge Simoncinis ein wenig monografisch geriet und zu wenig die programmatischen Fragen diskutiert. [1]

Pius' II. (1458-64) Initiative zur Neugestaltung des Petersplatzes und die urbanistische Bedeutung des Neubaus von Pauls' II. Palast bei S. Marco (Pal. Venezia) erscheinen hingegen eher unterbewertet. Spätestens seit Sixtus' IV. (1471-84), der nicht mehr auf Großprojekte, sondern auf einzelne Infrastrukturmaßnahmen (Ponte Sisto), Kirchenstiftungen und vor allem legislative Maßnahmen setzte - darunter die bekannte Anweisung, alle widerrechtlich in die Straßen gebauten Portiken abreißen zu lassen -, gewinnt die private Bautätigkeit und nicht zuletzt diejenige der Nepoten eine immer größere Bedeutung. Simoncini schenkt der Frage nach den jeweils treibenden Kräften allerdings relativ geringe Aufmerksamkeit. So hätte es sich etwa in den das Jahrhundert abschließenden Pontifikaten Innozenz' VIII. (1484-92) und Alexanders VI. (1492 -1503) angeboten, die Rolle Kardinal Raffaele Riarios zu untersuchen, der nicht nur den später Cancelleria genannten Palast von S. Lorenzo in Damaso errichten ließ, sondern als Kämmerer eine Schlüsselposition für das Bauwesen besaß.

Die Beiträge des zweiten Bandes werden von Donatella Strangio und Manuel Vaquiero Pineiro mit einer wirtschaftshistorischen, teils statistischen Untersuchung zur Entwicklung des Immobilienmarktes auf der Grundlage von Steueraufzeichnungen und Vertragsdokumenten eröffnet (II: 3 - 28). Anhand der Lebensmittelmärkte (II: 29 - 64) untersucht Anna Modigliani den Handel im öffentlichen Raum, der wiederum Rückschlüsse auf die Besiedelung und die Frequenz der verschiedenen Zonen der Stadt erlaubt. Renata Samperi, Maria Giulia Aurigemma und Flavia Colonna behandeln die Bereiche des Kirchenbaus (II: 65 - 94), des Palastbaus - eingeschränkt auf den Leittypus dieser Zeit, den Kardinalspalast - (II: 95 - 116) und der Fürsorgebauten (II: 159 - 171). Die drei Beiträge, die sämtlich auch aktuellste Forschung berücksichtigen, bieten einen zwar knappen aber gründlichen Überblick. Alle drei werden ergänzt durch Kataloge (II: 95 - 116; 117 - 136; 159 - 171), die auch als Ausgangspunkt für baumonografische Fragestellungen interessant sind.

Durch die Gliederung nach Gattungen gehen trotz des städtebaulichen Blickpunkts freilich wichtige Aspekte verloren, wie etwa die Bildung von landsmannschaftlich geprägten Stadtvierteln, in denen gerade Kirchen, Hospitäler und Kardinalspaläste unmittelbar aufeinander bezogen sind. Der Beitrag Roberto Meneghinis über die Kaiserforen im 15. Jahrhundert (II: 189 - 204) bringt eigene aktuelle archäologische Forschung ein, was den inhaltlich zu sehr auf das Mittelalter ausgerichteten Text jedoch aus dem Rahmen fallen lässt. Wenn auf diese Weise auch einiges Neues über die nachantiken, inzwischen wieder entfernten Überbauungen der Foren berichtet wird, hätte man an dieser Stelle gerne mehr über die Rezeption der Foren im 15. Jh. in Literatur und Bildzeugnissen erfahren. Im abschließenden Beitrag (II: 205 - 228) widmet sich Daniela Esposito den großen, bislang gleichwohl wenig beachteten unbebauten Gebieten innerhalb der aurelianischen Mauern, die im Lauf des Jahrhunderts zunehmend von Nutzflächen in Gartenanlagen verwandelt wurden.

Der in gewohnter Olschki-Manier handwerklich gut gemachte Doppelband ist mit zahlreichen Apparaten ausgestattet. Neben der umfangreichen, sachlich gegliederten Bibliografie und einem nach Bänden getrennten Personenindex ist insbesondere der aufwändige - leider nur auf den ersten Band bezogene - kommentierte Ortsindex hilfreich. Ebenfalls von großem Nutzen ist die Zusammenstellung und Übersetzung der wichtigsten, nach Gesetzestexten, literarischen Texten und Diarien gegliederten Dokumente (II: 229 - 349). Nicht ganz so erfreulich ist der Abbildungsapparat. Daran, dass das überlieferte, wohl bekannte Bildmaterial überwiegend erst aus dem 16. Jahrhundert stammt (Zeichnungen, Stadtpläne), lässt sich nichts ändern. In einigen Fällen, hätte man aber auf bessere Reproduktionsqualität achten oder für aktualisierte Rekonstruktionszeichnungen sorgen können.

Simoncinis gut lesbarer Text im ersten Band ist nicht immer dem deutlich aktuelleren Stand der Einzelbeiträge des zweiten Bandes angeglichen. In der manchmal eigenwilligen Auswahl der Quellen und Referenzen - vor allem aus der Chronistik und der älteren Geschichtsforschung (Adinolfi, Gregorovius, Pastor) - setzt er gelegentlich unerwartete Akzente. Mancher neue Name erscheint, aber eben auch mancher alte, der von der Forschung längst verworfen wurde. So erscheinen etwa fragwürdige Zuschreibungen, wenn etwa Giovanni de' Dolci als Baumeister des Palazzetto Venezia (I: 151, n. 39) oder Giuliano da Sangallo als Baumeister des Palastes bei SS. Apostoli (I: 189) angeführt werden. Auch ist etwa die auf Adinolfi zurückgehende Annahme, der Vorgängerbau des Palastes von Nikolaus V. bei S. Maria Maggiore habe sich östlich der Basilika befunden (I: 129, n. 128), wohl kaum haltbar.

Insgesamt ist das Werk durch die klare Strukturierung ein guter Überblick, der zudem den städtebaulichen Gesichtspunkt stets im Auge behält und in den Katalogteilen umfängliche Sachinformationen bereitstellt, die es zugleich zu einem nützlichen Nachschlagewerk machen.


Anmerkung:

[1] Vgl. hierzu Ch. Burroughs: From Signs to Design. Environmental Process and Reform in Early Renaissance Rome, Cambridge Mass., London 1990 sowie M. Tafuri: Nicolò V e Leon Battista Alberti, in ders.: Ricerche del Rinascimento. Principi, città, architetti. Turin 1992, 33 - 88.

Georg Schelbert