Rezension über:

Alfred Gottwaldt / Diana Schulle: Die 'Judendeportationen' aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden: marix Verlag 2005, 509 S., ISBN 978-3-86539-059-2, 15,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Herbert Schott
Staatsarchiv N├╝rnberg
Empfohlene Zitierweise:
Herbert Schott: Rezension von: Alfred Gottwaldt / Diana Schulle: Die 'Judendeportationen' aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden: marix Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/9688.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Alfred Gottwaldt / Diana Schulle: Die 'Judendeportationen' aus dem Deutschen Reich 1941-1945

Textgröße: A A A

Wohl über kaum einen anderen Aspekt der jüngeren Geschichte wurde in den letzten Jahrzehnten so intensiv geforscht wie über die NS-Judenverfolgung. Trotz aller neuen Forschungsergebnisse gibt es aber noch etliche Defizite, eines davon versucht die Publikation von Alfred Gottwaldt und Diana Schulle, zwei ausgewiesenen Kennern des Themas, zu beheben. Trotz zahlreicher nicht zuletzt auch lokaler und regionaler Forschungen fehlte bislang ein solider Überblick über die einzelnen Deportationen - also eine Zusammenschau, die eine Verbindung zwischen den Ereignissen am Abgangsort und den Deportationszielen ermöglicht. Das vorliegende Buch versteht sich als Hilfsmittel für die Forschung. Ziel war es, alle Judentransporte aus dem Großdeutschen Reich (in den Grenzen von 1940) einschließlich Österreichs und - allerdings nur teilweise - des Protektorats Böhmen und Mähren aufzuführen. Nicht aufgenommen wurden die Transporte innerhalb des Protektorats und der annektierten polnischen Gebiete. Die Autoren stellen fest, dass es keine "seit Anfang an perfekt" durchstrukturierte Vernichtung gab, dass Platz war für "Handlungsspielräume und Improvisation" (24).

Die Gliederung des Buches orientiert sich an den einzelnen Phasen der Deportationen. Nach einem Überblick der frühen Deportationen bis zum März 1941, z. B. der Deportationen aus Baden und der Saarpfalz ins französische Gurs im Oktober 1940, werden nacheinander abgehandelt: die Deportationen nach Litzmannstadt (Oktober/November 1941), Minsk (November 1941), die für Riga vorgesehenen und nach Kowno umgeleiteten Züge, dann die Deportationen nach Riga, ins Generalgouvernement (Distrikt Lublin und Warschauer Getto), nach Minsk und Maly Trostinec, Riga und Raasiku (August - Oktober 1942), Theresienstadt und Auschwitz. Die Autoren beschreiben jeweils die Vorgeschichte, die Richtlinien der jeweiligen Deportationswelle, ihren Verlauf, das Schicksal der Juden an den Deportationsorten. Anschließend werden alle bekannten Deportationen an diese Orte aufgezählt und - soweit möglich - Angaben zum Abfahrtsort, der Abfahrtszeit/Ankunft und der Zahl der Deportierten gemacht. Unklarheiten oder Widersprüche werden deutlich thematisiert und sofern möglich gelöst. Obwohl die Autoren hunderte von Deportationszügen nachweisen können, nicht zuletzt anhand der Kursbücher der Reichsbahn, bleiben Unklarheiten, z. B. sollen 70 bis 126 Menschen "aus einer anderen, nicht mehr feststellbaren deutschen Stadt" in einem Zug am 16.10.1941 aus Luxemburg/Trier deportiert worden sein (70). Über einen Zug, der am 13.7.1942 München verließ, heißt es: "Vorsichtig soll als Ziel ebenfalls Warschau angenommen werden" (223). Manchmal sind die Daten unsicher, dies wird aber jeweils ausdrücklich betont. Für spätere Transporte fehlen teilweise die Quellen. In den meisten Fällen werden lediglich Zahlen angegeben, nur in wenigen Einzelfällen können Details des Transports genannt werden. Wichtig ist den Autoren die Benennung der Züge (Zugnummer) und der Weg, den die Züge genommen haben; hier wird teils zu viel spekuliert, z. B. über mögliche Zugrouten von München bis Insterburg (106). Im Anhang wird eine chronologische Liste der bekannten Deportationszüge gegeben, sie umfasst 647 Einzeldeportationen im "Umfang" von einer Person bis über 2.000 Menschen aus der Zeit vom 15. Oktober 1941 bis zum 15. April 1945.

Die vorliegende Publikation ist eminent wichtig, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Vielzahl der Deportationszüge bewusst macht, die aus allen Teilen Deutschlands abgingen - der Leser fragt sich angesichts dessen dabei immer wieder, wie die meisten Deutschen nach dem Krieg sagen konnten, sie hätten nichts gewusst und nichts gesehen. Außerdem werden Deportationsziele ins Bewusstsein gerückt, die vielen nahezu unbekannt sein dürften, z. B. das "heute kaum noch wahrgenommene Deportationsziel Maly Trostinec" (230). Es bleiben aber Fragen, die das Buch nicht beantworten wollte und konnte, insbesondere nach der Auswahl der im jeweiligen Einzelfall zu deportierenden Juden (warum wurden für die jeweiligen Deportationen bestimmte jüdische Menschen ausgewählt und von wem?), denn die allgemein erlassenen Richtlinien lösen diese Frage nicht. Des Weiteren gibt es einige Unstimmigkeiten und Fehler, die nicht verschwiegen werden sollen. Die Darstellung der einzelnen Züge im Textteil ist nicht vollständig: Da seit Mitte 1943 "Anzahl und Umfang der Transporte nach Theresienstadt merklich zurückgegangen" sind, werden sie nur im Anhang aufgeführt (364), was unlogisch ist, da im Text vorher etliche Transporte mit einer oder zwei Personen aufgelistet werden. Leider sind die Angaben zu den einzelnen Deportationszügen sehr unterschiedlich, was nicht immer der Forschungslage anzulasten ist. So werden vielfach kleine Orte genannt, aus denen Juden von einer größeren Stadt aus deportiert wurden (z. B. 302 f.), dagegen sind die Angaben über die zweite Deportation aus Mainfranken Ende März 1942 zu pauschal; es werden die 19 Juden aus dem Landkreis Karlstadt und die 20 aus der Stadt Würzburg nicht genannt (186), obwohl dies in der einschlägigen Literatur, die im Literaturverzeichnis aufgeführt ist, leicht nachlesbar ist. Überhaupt sind die Angaben zu den Deportationen aus Mainfranken leider nicht immer korrekt. Bei der dritten Deportation aus Mainfranken am 25. April 1942 soll die Region ausgekämmt worden sein, da die größeren Städte schon weitgehend von Juden geräumt gewesen seien - dass dies nicht stimmt, geben die Autoren aber auf den folgenden Seiten selbst an, wenn sie sagen, dass aus den drei kreisfreien Städten der Region (Aschaffenburg, Schweinfurt und Würzburg) 128, 30 bzw. 78 Juden diesen Deportationszug besteigen mussten (197-200). Die Aussage, es habe einen "bayerischen Gestapostellenbezirk mit München und Nürnberg" (288) gegeben, ist unrichtig. Es gab je eine Staatspolizei(leit)stelle in Nürnberg (Leitstelle seit 1943) und München, dazu Außendienststellen der Gestapo. Die Aussage, dass kein Transport aus dem Bereich der Gestapo-Außenstelle Würzburg oder der Staatspolizeistelle Nürnberg 1943 nach Auschwitz ging (382), wird ebenfalls einige Seiten später durch die Schilderung des Transports vom 17./18.6.1943 mit 73 Juden aus Würzburg/Nürnberg (421) widerlegt.

Anzumerken ist noch, dass die Aussage, dass sämtliche Judentransporte aus Deutschland seit dem 29.11.1942 nach Auschwitz geleitet wurden (236), voraussetzen würde, dass Theresienstadt zum Deutschen Reich gehörte - das so genannte Protektorat kann man aber nur sehr bedingt dazu zählen. Der Rezensent kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren ihr Buch etwas überstürzt auf den Markt brachten; man hätte es besser nochmals sorgfältig gelesen. Das Buch enthält zahlreiche Abbildungen, nicht zuletzt von Dokumenten, doch sind die Reproduktionen oftmals enttäuschend und Texte nur schwer oder gar nicht zu entziffern, z. B. die abgebildete Transportliste (328).

Als Fazit kann man den Mut der Bearbeiter, ein solch umfassendes Buch vorzulegen, nur bewundern. Sie haben eine unglaubliche Fülle an Details zusammengetragen, die vielen Forschern insbesondere in den einzelnen Regionen helfen wird, die jeweiligen Transporte besser einzuordnen. Dass den Autoren einige Fehler unterlaufen sind, ist bedauerlich, sie wären bei einer genauen Lektüre leicht zu vermeiden gewesen. Trotzdem ist das Buch zur Lektüre und als Nachschlagewerk unbedingt zu empfehlen.

Herbert Schott