Rezension über:

Adrian Scherrer (Hg.): Grüner Heinrich. Lebensläufe zwischen Scheitern und Erfolg. Johann Gottfried Steffan und die Schweizer Maler in München 1840 bis 1890, Stäfa: Th. Gut Verlag 2005, 191 S., 134 Abb., ISBN 978-3-85717-163-5, CHF 42,00
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Rezension von:
Norbert Wolf
München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Norbert Wolf: Rezension von: Adrian Scherrer (Hg.): Grüner Heinrich. Lebensläufe zwischen Scheitern und Erfolg. Johann Gottfried Steffan und die Schweizer Maler in München 1840 bis 1890, Stäfa: Th. Gut Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/9270.html


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Adrian Scherrer (Hg.): Grüner Heinrich

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Der "Grüne Heinrich" - den Literaturtitel hat man doch schon irgendwann gehört! Schulwissen meldet sich zu Wort. Ach ja: der große Jugendroman des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller. Die erste Fassung 1850 bis 1855 in Berlin, die Zweite 1878 bis 1880 in Zürich niedergeschrieben. Eine Art Bildungsroman, der tragisch endet. Was hat der mit dem Buch zu tun, das da vor uns liegt - bezeichnenderweise im grünen Einband?

Der Held des "Grünen Heinrich" schlägt sich als mittelmäßiger Landschaftsmaler durchs Leben und scheitert. Auch Keller stand 1845 als Gescheiterter da, nach Jahren, in denen er nur eine einzige Sehnsucht kannte, nämlich Maler zu werden und sich als solcher in München zu etablieren. Keller als Paradigma für die "Schule des Scheiterns", so der Titel eines Aufsatzes in dem zu rezensierenden Sammelband.

Das Buch erschien als Begleitpublikation zu den gleichnamigen Ausstellungen im Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon, und in der Villa Grünenberg, Wädenswil (26. 2. - 17. 4. 2005). Das Layout verzichtet auf jede Effekthascherei. Die Abbildungen zeichnen sich durchweg durch gute Qualität aus. Und die Texte zerstreuen alle Bedenken, der Leser werde lediglich mit gattungsgeschichtlichen Provinzialismen der Spätromantik konfrontiert, deren Scheitern in der internationalen Kunstszene vorprogrammiert war.

Zwischen 1820 und 1900 hielten sich mehr Schweizer Künstler in München auf als in jeder Deutschschweizer Stadt: insgesamt rund 200. Von dem meisten kennt heute nur noch der Spezialist den Namen. Zu ihrer Zeit freilich galten wenigstens die führenden Repräsentanten der Künstlerkolonie nicht als zweitklassig. Ganz im Gegenteil. Die Arbeiten eines Johann Gottfried Steffan, Traugott Schiess, Adolf Stäbli - um nur die wichtigsten zu nennen - waren hoch bezahlt oder zumindest gut honoriert. Umso auffälliger im Vergleich zum einstigen Renommee die aktuelle Vergessenheit! Die Diskrepanz eröffnet einen weiten Fragenhorizont, den die Beiträge des vorliegenden Bandes durchgehend spannend und profund erörtern. Nicht zuletzt wollen die Autoren gegen jene Tendenz angehen, die Markus Schöb als "Diktat der Moderne" qualifiziert (28), eine von Avantgardebewusstsein getragene Haltung, die "Regionalismen" gerne in die Mottenkiste der Kunstwissenschaft abschiebt.

Einen Sonderfall unter den München-Schweizern stellt der junge Arnold Böcklin dar, der zwar nur kurzfristig an der Isar wohnte und in Steffans Atelier arbeitete, der hier aber seinen künstlerischen Durchbruch erlebte. Der Katalog präsentiert aufschlussreiche Beispiele seines frühen Œuvres (Kat. Nr. 85-87, 108). Eines scheint mir dabei besonders wichtig: Vergleicht man manche Bilder Steffans mit Böcklins bekanntem "Pan erschreckt einen Hirten" (um 1860, München, Schack-Galerie), oder hält man Rudolf Kollers undatierten "Bergpfad" (Kat. Nr. 91) beziehungsweise Traugott Schiess' um 1860 gemalte Komposition "Felsiger Abhang" (Kat. Nr. 92) daneben, dann zeichnen sich markante Affinitäten ab. Vor allem der veristische, von Geröll übersäte Bergabhang - Schauplatz einer ansonsten fantastisch-mythologischen Szene - erscheint dann keineswegs mehr unvorbereitet in Böcklins Schaffen!

Steffan war seit 1850 Mittelpunkt des Schweizer Kreises in München. Er war nicht nur der Erfolgreichste, sondern für viele Künstler so etwas wie eine Vaterfigur. Die Person Steffan ist im übrigen noch aus folgendem Grund von höchstem Interesse: Aus der süddeutschen Landschaftsmalerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ragten Carl Rottmanns (1797-1850) Kompositionen mit ihren kühnen Farb-Licht-Stimmungen heraus. Noch neuere Publikationen behaupten, Rottmanns expressiver Stil hätte in München kaum unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Landschaftsmalerei ausgeübt. Untersuchungen jüngster Zeit - etwa Raimond Selkes Buch über August Becker - [1] und eben auch der vorliegende Katalogband beweisen das Gegenteil. Rottmann hat wesentlich mehr Kollegen zur Nachahmung begeistert, als bisher angenommen.

Ähnlich wie Rottmann gelang es Steffan in seinen frühen Gebirgsansichten, die Natur derart zu dramatisieren, dass sie sozusagen an die Stelle der akademisch höher bewerteten Historienmalerei treten konnte. Seine 1840 entstandene "Burgruine Wädenswil" in Privatbesitz (Kat. Nr. 38) machte Eindruck (der Münchner Kunstverein hat sie für seine Jahresverlosung angekauft). Der in warmes Abendlicht getauchte Ausblick über den Zürichsee folgt besonders in der Farbgebung Rottmanns italienischen und griechischen Landschaften (den in jenen Jahren gelegentlich "innovativen" Steffan ins Blickfeld gerückt zu haben, ist eine Leistung des Katalogs, die Nachfolge verdient). Doch bald setzte sich Steffan selbst Grenzen. Eine stilistische Weiterentwicklung, gar hin zum Impressionismus, erschien dem Vater von neun Kindern zu riskant, schien seinen bisherigen kommerziellen Erfolg unnötig aufs Spiel zu setzen. Deshalb "bekehrte" er sich im Spätwerk vom anfänglichen Pathos à la Rottmann zu einem nahezu fotografisch exakten Realismus.

Zahlreiche instruktive Analysen und Erkenntnisse in der Art der soeben skizzierten begegnen dem Leser des Kataloges. Sie alle aufzuzählen, ist hier nicht möglich. Stattdessen will ich abschließend nochmals auf Gottfried Keller als den Protagonisten zweier Aufsätze in vorliegendem Sammelband zurückkommen. Bernhard Echte ist Kellers Suche nach dem Poetischen auf der Spur (44 ff.), Bruno Weber widmet seiner "Heroischer Landschaft" ein Kapitel (133 ff.), also dem 1841-1842 in München realisierten Hauptwerk des malenden Schriftstellers. Das Ölbild fasziniert durch das Zusammenspiel von Stärken und Schwächen, von konstruktiven Gegensätzen und unaufgelösten Widersprüchen. Es ist ein Solitär in der Kunstgeschichte der Schweiz. Und es beweist, dass das Scheitern Kellers als Landschafter - im "Grünen Heinrich" als quälender Akt der Selbstreflexion thematisiert - auf hohem Niveau stattfand.

Unermüdlich benannte Keller im Lauf der Jahre sein Defizit: zwar habe er, der dilettierende Maler, die Poetisierung der Natur als essenzielle Kategorie erkannt - diese Poesie aber in ein durch und durch gelungenes Werk einfließen zu lassen, blieb ihm, da die technische Ausbildung in der Ölmalerei fehlte, versagt. Der Titelheld seines Romans, vor identische Schwierigkeiten gestellt, resigniert und malt zuletzt die ungegenständliche Darstellung eines Spinnennetzes (übrigens eine ungefähre Parallele zu Balzacs erstmals 1831 erschienener Novelle "Le chef-d'œuvre inconnu", die ebenfalls mit der Auflösung eines Gemäldes in abstrakte Chiffren endet). Eine vergleichbare Flucht des handwerklich versagenden Künstlers in die von Zwängen entbundene Avantgarde war Keller versagt. Aus dem normativen Gefängnis akademischer Kunstregeln gab es für ihn noch keinen Ausweg.

Vielleicht sollten Kunsthistoriker Gottfried Kellers "Grünen Heinrich" wieder öfter zur Hand nehmen - den grün gewandeten Ausstellungskatalog über Schweizer Lebensläufe zwischen Scheitern und Erfolg aber sollten sie unbedingt studieren. Man lernt viel daraus, nicht nur über Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts!


Anmerkung:

[1] Raimond Selke: August Becker (1821-1887). Der Darmstädter Landschaftsmaler aus der Düsseldorfer Schule. Koblenz 2005.

Norbert Wolf