Rezension über:

Aeneas Silvius Piccolomini: Historia Bohemica. Gesamtwerk. Hg. von Joseph Hejnic und Hans Rothe (= Bausteine zur Slavischen Philologie und Kulturgeschichte. Reihe B: Editionen; Bd. 20, 1-3), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, 3 Bde., 1494 S., ISBN 978-3-412-15404-2, EUR 194,00
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Rezension von:
Claudia Märtl
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Märtl: Rezension von: Aeneas Silvius Piccolomini: Historia Bohemica. Gesamtwerk. Hg. von Joseph Hejnic und Hans Rothe, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/8853.html


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Aeneas Silvius Piccolomini: Historia Bohemica. Gesamtwerk

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Die "Böhmische Geschichte" des Enea Silvio Piccolomini (1405-1464) gilt als ein Meilenstein für die Entwicklung der Historiografie: 1457/58 entstanden, dank der Erhebung Piccolominis zum Papst breit rezipiert, 1475 zum ersten Mal gedruckt, machte sie einem gebildeten Publikum die Geschichte Böhmens von ihren legendären Ursprüngen bis zur Zeitgeschichte bekannt. Böhmen erhielt damit als eine der ersten Regionen nördlich der Alpen eine von humanistischer Sensibilität durchdrungene umfassende Landesgeschichte, die durch die Aufgeschlossenheit des Autors für seine Umwelt, seine Begabung zu lebendiger Darstellung und seinen anerkannten Rang als Literat zu den Meisterwerken der Gattung zählt. Nach zahlreichen Auflagen des Werks in der Frühen Neuzeit ließen Editionen des Texts, die auf einer kritischen Autopsie der handschriftlichen Überlieferung beruhen, allerdings lange auf sich warten. Der erste Band der vorliegenden Ausgabe bietet zusammen mit einer Einleitung, einer deutschen Übersetzung und einigen Beilagen den lateinischen Text der Historia Bohemica, die innerhalb eines Jahrzehnts hier zum zweiten Mal mit wissenschaftlichem Anspruch ediert wurde [1], während die beiden volkssprachlichen Übersetzungen im zweiten und dritten Band erstmals im Druck vorgelegt werden. Die Historia Bohemica ist damit das zurzeit am besten aufbereitete historiografische Opus Piccolominis, wobei für Historiker und Historikerinnen der erste Band der wichtigste Teil dieser Ausgabe ist. Als Fazit sei vorweggenommen, dass die einzelnen Bestandteile dieses verschiedenen Bearbeitern zu verdankenden Bandes von äußerst unterschiedlichem wissenschaftlichem Wert sind.

Die einleitenden Darlegungen zur Überlieferung der Historia Bohemica (0127-0207) können keinesfalls als abschließende Untersuchung gelten. Zwar ist hier (0127-0129) eine beeindruckende Zahl von 39 Handschriften einschließlich der beiden Übersetzungen genannt, wovon 32 lateinische Textzeugen berücksichtigt werden, die Darstellung der Überlieferungslage ist jedoch ziemlich verwirrend. Die Handschriftensiglen wurden inkonsequent vergeben (vgl. etwa die Siglengruppen M und N oder X Y Z, 0128 f.; zu N 1 folgt die korrekte Signatur erst auf Seite 0218). Die Angaben zu den Handschriften sind ungleichmäßig und oft spärlich. Die Aufzählung der erhaltenen Abschriften ist zudem nicht vollständig. Eine flüchtige Recherche erbrachte fünf zusätzliche Textzeugen (Basel, Universitätsbibliothek, ms. AN IV 20; Cambridge [USA], Harvard University, Houghton Library, ms. Typ. 91 fol. 247-332; Lyon, Bibliothèque municipale, ms. 365 fol. 125-180; Reims, Bibliothèque municipale, ms. 1445; Princeton, New Jersey, University Library, ms. 89 fol. 1-80). Unverständlich ist vor allem, wieso das seit 1954 an der Harvard University aufbewahrte Exemplar aus dem Besitz des Johannes Vitéz unbenutzt blieb, der nach 1452 enge, auch literarisch fruchtbare Beziehungen zu Piccolomini hatte. [2]

Interessante Aufschlüsse hätte die hier unterlassene systematische Analyse der Provenienzen bieten können. Die während des Kongresses in Mantua geschriebene Handschrift der Bibliothek des Hospitals in Kues, ms. 39 (Sigle C, 0137), wird auf Seite 0163 den "nicht in Italien entstandenen" Abschriften zugerechnet! Dass für sie eine Entstehung im Auftrag Kardinal Nikolaus' von Kues und somit in der unmittelbaren Umgebung Pius' II. gesichert ist, wird bei der Erörterung der Redaktionen nur ungenügend beachtet (eine Diskussion erfolgt erst auf Seite 0195). Bei der Handschrift Biblioteca Apostolica Vaticana, Chigi I VIII 282 (Sigle R 1) entscheidet sich die jüngste, hier nicht beachtete Beschreibung (vgl. 0192) für 1459 oder 1460. [3] Der sich selbst nennende Schreiber Ioan. de Monasterio der Handschrift Siena, Biblioteca Comunale K VI 63 (Sigle S, 0151) ist mit Johannes Horn aus Münster zu identifizieren, der im Haushalt Pius' II. lebte. Auch die Ausstattung - von der Tiara bekröntes Piccolominiwappen, Schenkungsvermerk eines Neffen Pius' II. - lässt vermuten, dass die Abschrift noch zu Lebzeiten des Papstes in seinem Auftrag angefertigt wurde. [4] Hingegen ist der Codex Biblioteca Apostolica Vaticana, Urb. lat. 403 (Sigle R 4, 0191) nicht, wie hier behauptet, für den Papst selbst angefertigt und ihm gewidmet; er stammt aus der Sammlung des Federico da Montefeltro (gestorben 1484); daher ist die Annahme zu bezweifeln, dass diese Abschrift "am 19. August 1458 abgeschlossen war". Dass ein Fragment der Historia Bohemica in der Handschrift Wien, Österreichische Nationalbibliothek cvp 3366 (Sigle W 4, vgl. besonders 0170 ff.) an ein Autograf von Piccolominis Historia Austrialis angehängt ist, verdankt sich einer Buchbindersynthese; Schlussfolgerungen für die Datierung lassen sich daraus nicht ableiten. Es ist allerdings durchaus möglich, wie hier vermutet, dass es sich um einen Teil einer ersten Redaktion der Historia Bohemica handelt.

Insgesamt wird eine Entstehung der Historia Bohemica in drei Redaktionen angenommen (0188 ff.), die hauptsächlich an der Einteilung des Texts in Kapitel oder Bücher festgemacht werden. Eine Abfolge von Bearbeitungsstufen, die von einer jedenfalls vor dem Hochsommer 1458 entstandenen ersten Redaktion über eine im Hochsommer 1458 in Viterbo redigierte zweite Fassung schließlich zur "Ausgabe letzter Hand" in der Papstzeit Piccolominis führt, ist durchaus plausibel.

Aus der Einleitung lässt sich nur schwer ein Bild davon gewinnen, nach welchen Grundsätzen der lateinische Text gestaltet wurde. Erst aus den Bemerkungen zur Orthografie (0204) wird klar, dass für den Wortlaut des Obertextes die Handschrift R 1 zu Grunde gelegt wurde und "vereinzelt [...] die Hss. R 3, S und C berücksichtigt" wurden. Diese Entscheidung war gewiss nicht falsch, berücksichtigt sie doch vor allem die Handschriften, die nachweislich noch während der Papstzeit Pius' II. entstanden. Auch die Edition von 1998 hatte R 1 als Leithandschrift benutzt (0223), sodass der hier gebotene lateinische Text sich nur an wenigen Stellen von der älteren Ausgabe unterscheidet; allerdings fällt der Variantenapparat viel üppiger aus, wobei die des Öfteren auftauchende Sigle Ω nirgends erklärt ist. Der Sachkommentar konzentriert sich auf knappe Erläuterungen der Personen, Orte und historischen Ereignisse; auch werden vereinzelt Parallelen aus dem Briefwechsel Piccolominis und seinen Commentarii angefügt, während die jüngste Ausgabe der Europa, deren Editor sich um einen vollständigen Nachweis der Querverbindungen in den Opera Piccolominis bemühte [5], hier nicht benutzt wurde. Die dem lateinischen Text beigegebene deutsche Übersetzung ist recht sorgfältig und gut lesbar. Sie weckt nur selten Bedenken, z. B. sind "privilegia" (51) keine "Papsturkunden", sondern Königs- und Kaiserurkunden, wie denn auch im Folgenden von einer Urkunde Karls IV. die Rede ist, die leider im Kommentar nicht nachgewiesen wird; auf Seite 57 wird "heram" mit "Hera" übersetzt, gemeint ist aber das u. a. aus der Sprache römischer Komödien bekannte weibliche Pendant zu "herus", d. h. Herrin; der Satz auf Seite 56, Zeile 4 f. fehlt in der deutschen Übersetzung. Damit aber genug; die Übersetzung der Historia Bohemica ist insgesamt eine beachtliche Leistung.

Das lässt sich von den Seiten 03 bis 091 des ersten Bandes nicht sagen, vor deren Benutzung gewarnt werden muss. Hier finden sich die beiden Viten Pius' II. aus der Feder der Zeitgenossen Platina und Campano, denen jeweils eine deutsche Übersetzung folgt. Die kritische Edition dieser Texte war dem (den?) Verantwortlichen für diese Abschnitte offenbar nicht bekannt; geboten wird die Version des Basler Drucks von 1571 mit allen Interpunktions- und Setzfehlern, was Folgen für die Übersetzung hat. Es könnte nun sein Bewenden haben mit dem Hinweis, dass der Leser diese Seiten überblättern und besser die kritische Ausgabe mit ihrem hervorragenden Kommentar [6] konsultieren sollte. Da aber zu befürchten ist, dass nichts ahnende Studierende gutgläubig zu den vermeintlich hilfreichen Übersetzungen greifen, sind einige Anmerkungen nötig. Der Übersetzer dieser Texte war von seiner Aufgabe über weite Strecken völlig überfordert. Die Unkenntnis der kritischen Edition wie des historischen Kontexts rächt sich bitter durch eine weitgehende Unfähigkeit, Personen und Orte korrekt zu identifizieren, ein mangelndes Vermögen, kirchliche oder politische Sachverhalte des 15. Jahrhunderts terminologisch angemessen zu benennen, und schließlich durch zahlreiche unexakte, schiefe oder falsche Formulierungen.

Zur Illustration folgt zuerst eine Blütenlese aus der Vita Platinas. Besonders schlecht ergeht es italienischen Namen; der nicht unbekannte Söldnerführer Jacopo Piccinino wird auf verschiedenste Weise und selten so, wie man ihn kennt, geschrieben; die Bäder von Petrioli im Hinterland Sienas kommen mehrmals vor, immer falsch übersetzt, am 'schönsten' auf Seite 027 "zu den olanischen Bädern von St. Peter" ("ad balnea Petriolana"). Auf Seite 021 ist ein "Galerus, das Zeichen der Kardinalswürde", anzutreffen, der in der Kirchengeschichte als der rote Hut der Kardinäle bekannt ist. Ebenda wirkt Aeneas als Abbreviator der "apostolischen Schriften", die man als päpstliche oder kuriale Urkunden ("litterae apostolicae") kennt. Auf Seite 022 wird Aeneas "dreimal" (lat.: "bis"!) unter die "Zuweiser (Verwalter) der Benefizien [...] gewählt"; kirchenrechtlich spricht man von Kollatoren (collatores). Ebenda wird die Erklärung des Kanzleiterminus Protonotar ("quos principes in secreto adhibent") übersetzt mit "die der Fürst zu den Geheimsitzungen hinzuzog", es handelt sich aber um eine gelehrt-humanistische Umschreibung des Terminus "secretarius" und wäre als solche kenntlich zu machen. Beim Konklave Nikolaus' V. ist Platinas Aussage, Aeneas habe als würdigster "orator" eine wichtige Funktion übernommen, mit "Redner" (023) nicht richtig wiedergegeben: diese Rolle kam ihm als dem höchstrangigen Gesandten, nämlich dem Gesandten des künftigen Kaisers, zu. Ebenda wird "Borsio Estense" (recte Borso d'Este) zum "Fürsten von Modena gewählt": Er war von Friedrich III. zum Herzog erhoben worden, und das ist etwas anderes als "gewählt" (so noch öfter). Auf Seite 023 ist das missverständliche "Pice comite" des Drucks von 1571 (07) zwar geglättet zu "Vizecomes", in die Geschichte ist diese Familie aber unter dem Namen Visconti eingegangen. Auf den Seiten 023/024 vertritt Aeneas 1454 in Regensburg "die Interessen des Kaisers", bei Platina leitet er die Versammlung stellvertretend für den Kaiser ("imperatorias vices gerens"). Seite 024 findet ein Reichstag 1455 nicht in Wiener Neustadt ("in Nova Civitate"), sondern "in einer anderen Stadt" statt. Auf Seite 025 tritt "Graf Petiliano" auf (recte Graf von Pitigliano), ebenda unten "Naceria" (recte Nocera); ebenda "Fürst von Colunensis" (recte Fürst Colonna). Ebenda wird Jacopo Piccinino zum "Herzog" befördert, das von Platina verwendete "dux" bedeutet in diesem Fall aber nichts anderes als Söldnerführer oder condottiere; ebenda lässt die Übersetzung "Borsio" verstorben sein, es handelt sich aber nicht um Borso d'Este, sondern um Juan Borja (Platina: "Boria"), den Neffen Calixts III. Auf Seite 026 ist von den "Beleidigungen des Königs René [durch die Franzosen]" die Rede, die Pius II. abgewiesen habe, nach Platina aber hatte René Verleumdungen ("calumnias Renati", genitivus subiectivus) gegenüber dem Papst ausgestoßen, gegen die sich dieser zur Wehr setzte. Auf Seite 028 tritt der "Herzog von Venetien" (so öfter) auf, üblich ist im Deutschen der Doge von Venedig. Auf Seite 029 wird "Borsio" als "Censuarius" bezeichnet, was im Deutschen nicht verständlich sein dürfte (recte zinspflichtig, oder noch exakter: zinspflichtiger Lehnsmann). Der Erzbischof von Benevent wollte nicht "Benevent mit Hilfe der Franzosen zugrunde richten" (030), er wollte Benevent vielmehr an die Franzosen verraten bzw. es ihnen übergeben ("Gallis prodere"). Zur Unkenntlichkeit entstellt ist die Namensreihe der von Pius erhobenen Kardinäle (030 oberes Drittel); hier finden sich nicht nur völlig irreführende Namensformen, sondern in drei Fällen ist eine Person in zwei aufgespalten worden, dafür sind auch zwei Personen aus ursprünglich vier zusammengelegt worden, und beiläufig bemerkt ist Ludovico Gonzaga nicht "Herzog", sondern Markgraf von Mantua.

Platina bescheinigt dem Papst, dass er nur selten Sonderwünsche beim Essen hatte ("Cibos raro sibi apparari iussit"; d. h.: "er befahl selten, daß ihm Speisen [eigens] zubereitet würden", nicht: "Er ließ sich nur selten das Essen bringen", 030); auch bevorzugte er nicht "[Weine] aus dem Süden" (ebenda), sondern "leichten eher als schweren" Wein ("levis magis quam austeri [vini] amator"). Der Campus Florae (031) existiert heute noch in Rom als Campo de'Fiori; nicht mehr existieren die "Bäder von Maceratana" bei Siena (ebenda), aber trotzdem lautet der Ortsname heute korrekt Macereto. Auf Seite 032 lässt Pius "die Treppe einer Kirche beim Vatikan" reparieren; gemeint sind die Bauarbeiten vor St. Peter ("templum", 017, ist hier prägnant verwendet); ebenda baut er in Corsignano "einen berühmten Tempel in Schildkrötenform" (vielmehr eine eingewölbte Kirche, "templum testudineum", den Dom von Pienza); auf Seite 033 ist angeblich ein "Brief an die Türken" gerichtet (in Wahrheit an den Großtürken Mehmed II., "epistola ad Turcum").

Auch einige der von Platina am Ende überlieferten Sentenzen Piccolominis sind in der Übersetzung misslungen; der zweite Satz ist überhaupt ausgelassen ("omnem sectam" usw., 019). Im dritten Satz muss es heißen: "Auch wenn der christliche Glaube nicht durch Wunder bestätigt worden wäre" [...] (nicht: "bestätigt worden sei", 033); die aufeinander folgenden Sätze "Neque avarum pecunia neque doctum cognitione rerum unquam repleri. Cui plura nosse datum est, eum maiora sequi dubia" lauten korrekt: "Weder bekomme der Geizige jemals genug an Geld noch der Gelehrte an Kenntnissen. Wem mehr zu wissen verliehen sei, der werde auch von größeren Zweifeln verfolgt" (nicht: "Weder durch das Geld der Habgierigen noch durch Kenntnisse von der Welt werde ein gelehrter Mann erfüllt, dem es gegeben sei, mehr zu wissen; jener verfolge Größeres mit Zweifel", 033/034); der Satz "In plebem vim habere leges, in potentes mutas" lautet korrekt: "Gegenüber dem Volk hätten die Gesetze Kraft, bei den Mächtigen schwiegen sie" (nicht: "Über das einfache Volk hätten die ohnmächtigen und stummen Gesetze Kraft", 034); der Satz "Neque qui sacra negligit, ecclesiae proventum, neque regem, qui iuridicendo non assidet, vectigalia digna petere" lautet korrekt: "Der [Geistliche], der den Gottesdienst vernachlässige, verlange zu Unrecht kirchliche Einkünfte, so wie der König, der sich nicht um die Rechtsprechung kümmere, zu Unrecht Steuern fordere" (nicht: "Weder ein Wohl der Kirche, das die heiligen Dinge außer Acht läßt, noch ein König, der sich nicht um die Rechtsprechung kümmert, fordern würdige Steuern", 034); der Satz "Sacerdotibus magna ratione sublatas nuptias, maiori restituendas videri" enthält Piccolominis oft zitierte Kritik am Zölibat und ist folgendermaßen zu übersetzen: "Es scheine, als ob den Priestern mit gutem Grund das Heiraten untersagt worden sei, mit noch besserem Grund ihnen aber wieder erlaubt werden müsse" (nicht: "Die Priester müssten ein Verlöbnis, das sie aus wichtigem Grund aufgelöst hätten, für einen wichtigeren erneut eingehen", 034).

Macht sich nun der Leser, erschöpft durch die Lektüre des Platina-Texts, an die Vita Pius' II. aus der Feder Campanos, so erwartet ihn zunächst einmal eine angenehme Überraschung, denn diese Übersetzung steht auf einem wesentlich höheren Niveau. Allerdings stoßen im Fortgang des Texts zunehmend ähnliche Ärgernisse wie in der Vita Platinas auf. Auch hier nur wenige Beispiele! Obwohl die Namensformen überwiegend besser getroffen sind, werden "Norici" obstinat als "Tirol" und "Tiroler" übersetzt, wobei es sich samt und sonders um "Österreich"/"Österreicher" handelt und man sich höchstens darüber unterhalten könnte, ob von Ober- oder Niederösterreichern oder Steiermärkern die Rede ist. Tiroler sind es nie! Cosimo de' Medici taucht verballhornt als "Cosma" und zudem falsch übersetzt als "in Siena der klügste Mann" auf (072; recte: "der alte Cosimo", lat. Ablativ "Cosma sene"). Auf Seite 073 ist nicht erkannt, dass es sich bei der dem Kaiser entrissenen Stadt um Donauwörth handelt (nicht Kaiserswerth!). Der Ort der Alaunfunde von 1462 heißt Tolfa, nicht "Tolfano" (075); die "Calumnenser" (076) sind die Colonna, der Ort der Fronleichnamsprozession 1462 ist Viterbo (nicht "Viturnium", 079), das von Piccolomini geschätzte Alpental heißt Sarntal, nicht "Tal bei Sarent", und er erhielt dort eine Pfarrkirche als eine seiner ersten Pfründen (aedem consecutus est, nicht: "er errichtete [...] ein Gebäude", 080), sein nach Campano einflussreichster Familiar war Goro / Gregorio Lolli (nicht "Sorus Lollius" o. Ä.). Auch sonst macht sich wieder mangelnde Vertrautheit mit dem Hintergrund bemerkbar. Die "Kaiserwähler" (065) sind in der deutschen Verfassungsgeschichte gemeinhin als Kurfürsten ("electores") bekannt. Auf Seite 066 ist Aeneas als "oberster Konsul in Religionsangelegenheiten" tätig (recte: er sollte bei den Beratungen über den Gesamtzustand des Glaubens bzw. der Kirche anwesend sein, "consultationibus de religionis summa adesset"). Auf Seite 066 wird Eleonore von Portugal als "Enkelin" König Alfonsos bezeichnet, sie war aber seine Nichte, wie Campano richtig sagt ("neptis"), und deshalb ist auch das "sic!" zu dem mit "Großonkel" übersetzten "avunculus" Alfonso (068) unangebracht. In Perugia "stiftete" Pius II. keine "Meßkapelle" (071), sondern er weihte den Dom San Domenico ("dedicavitque phanum Dominici"). In Florenz zieht Pius ein "caeteris auream sellam per vices subeuntibus, Galeazio per aetatem manum apponente" (nicht: "Die übrigen traten der Reihe nach an die goldene Sella heran. Galeacius gab dem Alter entsprechend die Hand", 071, sondern: Während die Übrigen abwechselnd den goldenen Tragestuhl auf die Schultern hoben, legte Galeazzo wegen seines [noch jugendlichen] Alters [symbolisch] die Hand an diesen), und danach richtet nicht der Papst Theaterspiele aus (ebenda), sondern die Florentiner veranstalten diese, genauer gesagt Tierhetzen (das "decreti" der lat. Vorlage ist für die Übersetzung zu ergänzen durch "sunt"). Auf Seite 073 wird übersetzt: "Piccinino sei [...] nach Frankreich geflohen" (er war zum französischen Heer, "ad Gallos", in Unteritalien übergelaufen). Campano nennt die südfranzösischen Grafschaften Valence und Die in gewählter Humanistenmanier "tetrarchiae": prompt tauchen sie hier als "einige Teile [...] aus der Vierherrschaft von Valentinian und Diens" auf (075)! Völlig missverstanden ist auch der berüchtigte Graf von Armagnac, der im Inzest mit seiner Schwester lebte (076 liest man tatsächlich: "Ein anderer Gallus, der als Stadtfürst in der Provinz Armenien [...] Inzest betrieb", für "Gallum alterum Armeniacum tyrannum" = "einen anderen Franzosen, den 'Tyrannen' von Armagnac"). Weiteres sei übergangen, nur zwei besonders auffällige Fehlübersetzungen seien noch aufgeführt. Auf Seite 086 heißt es, "daß er in den Bädern von Petriolano zwei Stunden lang einen Katheder mit Haken ertragen hat". Davon kann keine Rede sein, vielmehr ertrug er in den Bädern von Petrioli zwei Stunden lang eine Leitung größeren Durchmessers [über seinem Kopf] ("fistulam deuncem"), d. h. eine Dauerdusche mit heißem Schwefelwasser, was Pius selbst in seinen Commentarii erläutert ("aquas calidas [...] per canale ductas in vertice capitis accepit"; ed. van Heck, 1 S. 261 Z. 8 f.). Und schließlich wird sogar eines der bei Campano überlieferten berühmten letzten Worte des Papstes falsch übersetzt: "Et haec quoque principum miseria est, inquit, ne in morte quidem carere assentatoribus" (recte: "Auch das gehört zum Elend der Fürsten, dass sie nicht einmal im Tod ohne Schmeichler sein können", hier aber: "Dies ist der Anfang einer Plage [...]", 090). Ja, es ist eine Plage, und leider ist es auch die Spitze eines Eisbergs!

Der Befund führt zu einer heiklen Frage: nämlich der Betreuung durch den Böhlau-Verlag. Einem in redaktionellen Belangen geschulten Leser der Einleitung hätten die stehen gebliebenen Inkonsequenzen, Widersprüche und Tippfehler kaum entgehen können. Es scheint sich um einen weiteren der immer öfter auftretenden Fälle zu handeln, in denen sich Verlage den Einsatz eines Lektors sparen. Dieses Werk wurde "mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung" gedruckt, was gewöhnlich auf einen Druckkostenzuschuss hinweist; die drei Bände kosten zusammen 194 Euro. Das dürfte den Etat so mancher Seminarbibliothek übersteigen. Das Versprechen des Titelblatts, eine historisch-kritische Edition und damit einen 'Markenartikel' von beständigem Wert zu bieten, löst der erste Band dieser Ausgabe indes nur unvollkommen ein.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Dana Martínková / Alena Hadravová / Jiří Matl (Hgg.): Aeneae Silvii Historia Bohemica, Prague 1998.

[2] Vgl. Klára Csapodi-Gárdonyi: Die Bibliothek des Johannes Vitéz, Budapest 1984, 82 f.

[3] Adriana Marucchi: I codici latini datati della Biblioteca Apostolica Vaticana, 1, Città del Vaticano 1997, Nr. 236, 104.

[4] José Ruysschaert: Miniaturistes "romains" sous Pie II, in: Domenico Maffei (Hg.): Enea Silvio Piccolomini - Papa Pio II, Siena 1968, 253, Anm. 44; Alfred A. Strnad: Studia piccolomineana, im selben Band, 322, Anm. 114.

[5] Adrian van Heck (Hg.): Enee Silvii Piccolominei postea Pii PP II De Europa (= Studi e testi; 364), Città del Vaticano 2001.

[6] Giulio C. Zimolo (Hg.): Le vite di Pio II di Giovanni Antonio Campano e Bartolomeo Platina (= Rerum Italicarum Scriptores; 3,2) Neue Ausgabe Bologna 1964.

Claudia Märtl