Rezension über:

Wilhelm Werner von Zimmern: Totentanz. Hrsg. und kommentiert von Christian Kiening (= Bibliotheca Suevica; No. 9), Eggingen / Konstanz: Edition Isele 2004, 211 S., 18 Abb., ISBN 978-3-86142-276-1, EUR 25,00
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Rezension von:
Caroline Zöhl
Kunsthistorisches Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Caroline Zöhl: Rezension von: Wilhelm Werner von Zimmern: Totentanz. Hrsg. und kommentiert von Christian Kiening, Eggingen / Konstanz: Edition Isele 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/8209.html


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Wilhelm Werner von Zimmern: Totentanz

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Nirgendwo hat sich der Todesgedanke des ausgehenden Mittelalters so nachhaltig eingeprägt wie im großen Reigen des Totentanzes. Seine unterschiedlichen Versionen als monumentale Wandbilder wie auch in Handschriften und Frühdrucken bis über die Reformation hinaus verbreitet waren, prägen bis heute Begriff, Vorstellung und Faszination des Makabren. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass es auch in langen Forschungsdebatten nicht gelungen ist, seine Bilder und Verse auf eine einzige gültige Funktion und Todesvorstellung festzulegen. Didaktisch verstand sich der Totentanz als christliche Bußpredigt und deutete den Tod im heilsgeschichtlichen Kontext - vom Sündenfall über den Opfertod Christi bis zum jüngsten Gericht. Der Furcht vor dem plötzlichen, unvorbereiteten Tod stand die Heilshoffnung des guten Lebens und Sterbens gegenüber. Die grausige Spannung zwischen dem unausweichlichen Ende im Angesicht von Gericht und Fegefeuer und unbändiger Lebensfreude in Musik und Tanz wie auch die drastischen Bilder wurmzerfressener Leichengestalten in wilden Beinhausorchestern wirken jedoch über den lehrhaften Sinn hinaus auf die Fantasie des Einzelnen. Dabei ist der Totentanz kein isoliertes Phänomen, sondern steht in einer facettenreichen Tradition meditativer Todesdichtungen und Bilder, deren Motive sich untereinander mischten, neue Themen hervorbrachten und häufig kombiniert wurden.

Ein bemerkenswertes, in seiner Gesamtheit kaum bekanntes Denkmal dieser vielgestaltigen Tradition ist das Vergänglichkeitsbuch des Wilhelm Werner von Zimmern (Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Codex Donaueschingen A III 54). Dieser Handschrift hat die im Auftrag der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke herausgegebene Reihe "Biblioteca suevica" eine schöne bibliophile Teiledition gewidmet, der ein ausführlicher, kenntnisreicher Kommentar von Christian Kiening beigeben ist. Eine erste eingehende Beschreibung der Handschrift und ihrer Kopien lieferte 1991 Gisela Fischer-Heetfeld. [1] Vornehmlich die Illustrationen diskutierte Ernst Heiss 1901, wie Kiening mit Konzentration auf den Totentanz, der als einziger Teil der Handschrift in der Forschung breitere Aufmerksamkeit gefunden hat. [2]

Der titelgebende Totentanz bildet allerdings nur eines der Kernstücke des umfangreichen Buches. Der meist irreführend als Zimmernsche Totentanzhandschrift bezeichnete Kodex versammelt auf 260 Blatt Papier 64 Texte mit reicher Bebilderung, die Graf Wilhelm Werner von Zimmern (1485-1575) im Verlauf mehrerer Jahrzehnte nach Vorlagen aus Drucken und Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts zusammentrug; darunter Texte von Hans Sachs, Sebastian Brandt, Hugo von Trimberg, Georg von Ungarn, Pierre Desrey de Troyes und Bernhard von Clairvaux. Selbst Martin Luthers Sermon von der Bereitung zum Sterben nahm der altgläubige Wilhelm Werner in seine Sammlung auf. Die dichteste Illustration bieten das Spiegelbuch mit 18 und der Totentanz mit 42 Bildern.

Der in zeitgenössischer Kurrentschrift geschriebene Sammelkodex ist nach Kienings Ansicht eine Reinschrift der kompilierten Vorlagen, die Wilhelm Werner teilweise erweiterte und durch eigene Texte und weitere Personalisierung ergänzte. Eigenhändig schuf er dazu 116 kolorierte Federzeichnungen. Zwei Illustrationen mit privatem Kontext und ein von Wilhelm Werner selbst verfasstes Gedicht bieten die Jahreszahlen 1521, 1539 und 1548. Im Unterschied zu der späteren Datierung von Fischer-Heetfeld, schließt Kiening aus dem Einband und den Wasserzeichen auf die Vollendung der Reinschrift um 1550.

Über Wilhelm Werners Leben unterrichtet vornehmlich die berühmte, in zwei Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek (Hs. 580 und 581) erhaltene Chronik der Grafen von Zimmern, an der Wilhelm Werners Neffe, Froben Christoph, bis 1566 mit Unterstützung des Onkels arbeitete. Kiening entwirft auf Basis der Quellen ein sehr lebendiges Bild Wilhelm Werners. Nach dem frühen Verlust seines Erbes, und einer erfolgreichen juristischen Laufbahn (Studium in Tübingen und Freiburg, Rektor der Freiburger Universität, Assessor und Richter am Reichskammergericht in Speyer) und diplomatischer Tätigkeit führte er ein zurückgezogenes, beinahe mönchisches Leben, das ganz seinen Studien gewidmet war. Schon Vater und Großvater prägten ein Umfeld, in dem "adlige Erinnerungskultur und literarisch-künstlerische Neigung Hand in Hand gingen" (165). Neben der persönlichen Beschäftigung mit geistiger Erbauung, aus der unter anderem das Vergänglichkeitsbuch hervorging, befasste sich Wilhelm Werner vor allem mit historischer Forschung, erstellte umfangreiche Stammtafeln und verfasste eine fünfbändige Chronik des Erzbistums Mainz und seiner Suffraganbistümer.

Das Vergänglichkeitsbuch ist ein sehr persönliches Zeugnis der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit des Grafen von Zimmern. Kiening legt überzeugend dar, dass der Autor nicht allein dessen Inhalt, sondern bereits die Arbeit daran als heilsfördernd ansah. Die Handschrift vereint Texte und Bilder zu den letzten Dingen, zu Sterben und Tod, Fegefeuer und Gericht, Vergänglichkeit und Weltverachtung, deren Anordnung durchaus Planung verrät. Im ersten Teil, der mit dem Totentanz und Wilhelm Werners Gedicht "Über die rechte Lebensführung" abschließt versammelt er vornehmlich Verstexte und imaginative Auseinandersetzungen mit dem Tod, sowie den größten Teil der Bilder. Im zweiten Teil dominieren Prosatexte, die um die Sterbestunde, den Prozess des Sterbens und das christliche Dasein kreisen. Während in einigen Vorlagen auch die Bilder mit überliefert waren, hat sich der Autor und Sammler für andere Illustrationen, beispielsweise zu eigenen Texten, bei diversen Quellen bedient und die Vorbilder häufig sehr frei verwendet.

Neben dem Totentanz wurde aus der umfangreichen Handschrift für die vorliegende Edition nur eine Auswahl von vier weiteren Texten sorgfältig transkribiert. Dabei fehlen die zugehörigen Bilder. Nur sieben in den Kommentar eingefügte Abbildungen vermitteln einen Eindruck von dem ikonografischen Reichtum der 116 Federzeichnungen. Die übrigen Texte erschließen eine in 46 Hauptabschnitte zusammengefasste Liste, sowie der anschließende Kommentar. Da dieser jedoch zugleich eine Analyse von Aufbau und Inhalt der Handschrift sowie Erläuterungen, Deutungen und Vergleiche bietet, dürfte die Orientierung Lesern, die die Handschrift nicht kennen, Probleme bereiten. Hinzu kommt, dass sich die Identifikation der Abbildungen nicht durch die Bildunterschriften gewährleistet ist und sich auch nicht immer durch die Lektüre des Textes eindeutig ergibt, sondern der Referenz der Bildnachweise bedarf.

Das Konzept der Edition ist ohne Erläuterung nicht unmittelbar einsichtig. Sie beginnt mit den vollständigen Totentanzversen. Die weitgehend an den Holzschnitten des um 1488 von Heinrich Knoblochtzer publizierten "Doten dantz mit figuren" orientierte Bildfolge schließt sich an. Offenbar geht es den Herausgebern vornehmlich um die Publikation des Totentanzes in verlässlichen, kommentierten Transkriptionen und Abbildungen. Der Kontext der gesamten Handschrift gerät dabei weitgehend zum Bestandteil des Kommentars. Auch für den Totentanz wird der in der Handschrift durchgängig gewahrte Zusammenhang von Bild und Text zu Gunsten einer Gegenüberstellung der Federzeichnungen mit der Bildfolge einer späteren Kopie aufgegeben. Ein professioneller Schreiber und ein Buchmaler haben um 1600 (für Fischer-Heetfeld bereits früher) mit der Stuttgarter Handschrift Cod. Donaueschingen 123 das private Vergänglichkeitsbuch in eine Repräsentationshandschrift im Folioformat umgesetzt, deren Totentanzbilder fast zur Hälfte nach Holbeins 1538 in Lyon publizierten Imagines mortis kopiert sind - erstaunlicherweise zum Teil seitenverkehrt, sodass noch eine gedruckte Kopie nach Holbein verwendet worden sein kann.

Mit dem Totentanz des Zimmernschen Vergänglichkeitsbuches hat die Biblioteca suevica eine informativ kommentierte und dabei durchaus unterhaltend lesbare Edition eines wenig bekannten Dokumentes der facettenreichen Vergänglichkeitsbetrachtung am Übergang zur Neuzeit vorgelegt, die sowohl wissenschaftlichem Interesse als auch einer breiteren Leserschaft gerecht wird. Intensiver interessierte Leser sollten allerdings zusätzlich Fischer-Heetfelds Handschriftenbeschreibung und die von Christian Kiening und anderen im Internet publizierte vollständige Abbildung und Transkription der beiden Stuttgarter Handschriften konsultieren (http://www.ds.unizh.ch/kiening/vergaenglichkeitsbuch/). Beide Kodizes können dort geblättert werden und sind durch ein Inhaltsverzeichnis mit Links zu den entsprechenden Folia erschlossen.


Anmerkungen:

[1] Gisela Fischer-Heetfeld: Die so genannte "Totentanzhandschrift" des Grafen Wilhelm Werner von Zimmern und ihre Abschriften. In: Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters. Begonnen von Hella Frühmorgen-Voss. Fortgeführt von Norbert H. Ott [u. a.], Bd. 1., München 1991, 304-328.

[2] Ernst Heiss: Der Zimmern'sche Totentanz und seine Copien. Diss. Gießen. Heidelberg 1901.

Caroline Zöhl