Rezension über:

Alexander Neumann: "Arzttum ist immer Kämpfertum". Die Heeressanitätsinspektion und das Amt "Chef des Wehrmachtsanitätswesens" im Zweiten Weltkrieg (= Schriften des Bundesarchivs; Bd. 64), Düsseldorf: Droste 2005, XII + 420 S., ISBN 978-3-7700-1618-1, EUR 42,00
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Rezension von:
Alexander Brakel
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Alexander Brakel: Rezension von: Alexander Neumann: "Arzttum ist immer Kämpfertum". Die Heeressanitätsinspektion und das Amt "Chef des Wehrmachtsanitätswesens" im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf: Droste 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/7848.html


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Alexander Neumann: "Arzttum ist immer Kämpfertum"

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Trotz einer in den letzten Jahren sehr lebhaft geführten Diskussion über die Rolle der Wehrmacht im nationalsozialistischen Staat und obwohl die Beteiligung von Ärzten an den Verbrechen des 'Dritten Reichs' bereits seit den Achtzigerjahren intensiv erforscht wird, ist die Rolle der deutschen Militärmediziner im Zweiten Weltkrieg bisher kaum untersucht worden. Zu Unrecht, wie Alexander Neumann in seiner von der Universität Freiburg angenommenen Dissertation zeigen kann. Denn entgegen dem in zahlreichen Selbstzeugnissen und nicht zuletzt im Roman "Die unsichtbare Flagge" von Peter Bamm gezeichneten Bild war das Streben der deutschen Militärärzte im Zweiten Weltkrieg bei weitem nicht immer von der "Humanitas" geprägt, die das Berufsethos forderte. Vielmehr waren auch weite Teile des Sanitätswesens der Wehrmacht in die Verbrechen des NS-Systems verstrickt oder trugen diese sogar eigenverantwortlich mit.

Die Frage, wie die Militärmediziner mit dieser "Humanitas" umgegangen sind, ist die Leitfrage, mit der Neumann sich seinem Gegenstand nähert. Zu Anfang formuliert er das generelle Dilemma der Militärmedizin: Durch die Erfüllung ihres Heilauftrags führt sie die Geheilten wieder der Front zu und dient damit der Vernichtung menschlichen Lebens. Die Zerrissenheit des Sanitätsoffiziers zwischen dem Beruf des Arztes und dem des Offiziers schildert Neumann in einem Überblick über die Entwicklung des Selbstverständnisses des Berufsstands vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus. Dabei kommt er zu dem Befund, dass auch bei den Sanitätsoffizieren - ähnlich wie in weiten Teilen des Offizierkorps insgesamt - antidemokratische und autoritäre Prägungen zusammen mit dem Erlebnis der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Versailler Friedensordnung zu einer weitgehenden Ablehnung der Weimarer Republik führten sowie einer Annäherung an den Nationalsozialismus Vorschub leisteten. Viele Sanitätsoffiziere übernahmen auch in ihrem Beruf immer stärker nationalsozialistische Vorstellungen und sahen ihre Aufgabe vor allem darin, der "Volksgemeinschaft" genügend gesunde Kämpfer zur Verfügung zu stellen. Der Schwerpunkt ihres Selbstverständnisses hatte sich vom Arzt zum Offizier verschoben. Dies zeigte sich gerade auch während des Zweiten Weltkriegs, als die Tauglichkeitskriterien immer weiter nach unten korrigiert wurden, um möglichst viele Rekruten zu den Waffen rufen zu können. Die gesundheitliche Gefährdung, die dies für einen nur eingeschränkt tauglich Gemusterten mit sich brachte, scheint die meisten verantwortlichen Ärzte dabei nicht interessiert zu haben. Gleiches galt bei der Behandlung Verwundeter und Kranker in den Lazaretten, die häufig früher wieder an die Front entlassen wurden, als dies ihrer Gesundheit zuträglich war. Das oberste Ziel, dem sich das Sanitätswesen der Wehrmacht verschrieben hatte, bestand nicht mehr in der Gesunderhaltung der anvertrauten Patienten, sondern im Erreichen des "Endsiegs" - auch unter Verletzung des hippokratischen Eides.

Noch deutlicher zeigte sich dies in der Verwendung eigener Soldaten für wehrmedizinische Experimente. In stärkerem Maße und mit ungleich geringeren Hemmungen nutzten deutsche Militärärzte freilich KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene für ihre medizinischen Versuche. Anders als bei den eigenen Soldaten mussten die Mediziner bei diesen Probanden keine Rücksicht auf Gesundheit oder Leben nehmen. Zahlreiche Häftlinge fanden bei der Erprobung von Medikamenten gegen Gasvergiftung und Ähnliches den Tod. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie sehr sich führende Sanitätsoffiziere die nationalsozialistische Rassenideologie zu Eigen gemacht hatten. Sowjetische Kriegsgefangene wurden deutlich schlechter behandelt als französische und diese wiederum schlechter als englische.

In einem letzten Kapitel stellt Neumann den Aufbau des Sanitätswesen in der 1955 gegründeten Bundeswehr dar, wobei er herausarbeitet, dass - wie in vielen anderen Bereichen - zwar nicht auf die Erfahrungen und Spezialisten der Wehrmacht verzichtet werden konnte, die neue Führung in erster Linie aber eher auf Sanitätsoffiziere aus der zweiten Reihe und damit auf vermeintlich weniger stark belastetes Personal zurückgriff.

Neumann bündelt in souveräner Weise eine komplexe Materie zu einem gut lesbaren Buch, das einen systematischen Einblick in das ganze Spektrum des militärischen Sanitätswesens in der Wehrmacht bietet. Für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung steht nun ein solides Handbuch zur Verfügung. Einzelaspekte dürfen darüber hinaus auch den Historiker interessieren, der andere Themen der Wehrmachts- und Weltkriegsforschung untersucht.

Allerdings kann Neumanns Einschätzung der Motivationen seiner Protagonisten nicht immer überzeugen. Einen Internisten, der seine Bitte um den Abwurf von Lebensmitteln für die bei Stalingrad eingeschlossene 6. Armee mit dem Argument begründete, der Hunger würde den Widerstandswillen und die Abwehrkraft der Soldaten schwächen, rügt Neumann: Er habe versucht, "die aussichtslose Lage der 6. Armee mit allen Mitteln zu halten, statt aus ärztlicher Sicht zum Rückzug zu raten, um das Leben der Soldaten zu retten." (60) Wie aber hätte ein Mediziner gegenüber einem menschenverachtenden Regime, das auch die eigenen Leute millionenfach opferte, Protest anders artikulieren können? Überhaupt überschätzt Neumann die individuellen Freiräume innerhalb einer totalitären Diktatur, die sich zudem im Kriegszustand befand, ebenso wie die Möglichkeiten des Einzelnen, Einfluss auf die Beschlüsse der obersten Führung zu nehmen. Dies zeigt sich etwa, wenn er den führenden Sanitätsoffizieren vorwirft, sie hätten dadurch, dass sie noch nicht genesene Soldaten wieder in den Kampf schickten, den Krieg verlängert (213). Mit Sicherheit verstießen derartige Praktiken gegen die medizinische Ethik, zu der sich die Ärzte zu Beginn ihres Berufslebens verpflichtet hatten, und mit Sicherheit stellten sie sich damit in den Dienst des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Ursächlich verantwortlich für die Verlängerung des Krieges war indes die Führungsschicht des Regimes selbst, die ja nicht nur Verwundete, sondern zum Schluss sogar Halbwüchsige und Greise zu den Waffen rief, statt die eigene Niederlage einzugestehen. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit sich das Verhalten der Sanitätsoffiziere primär aus der NS-Ideologie und nicht aus dem besonderen Berufsverständnis des militärischen Sanitäters sowie aus der Extremsituation des Krieges ableitete. Kam dergleichen nur in der deutschen Armee oder auch bei ihren Verbündeten oder Gegnern vor? Und inwiefern stellte ein solches Verhalten einen Unterschied zum Ersten Weltkrieg dar? Mit seiner mitunter zu holzschnittartigen Betrachtung verbaut sich Neumann den Weg zu einer genaueren Analyse der Motivationen der Wehrmachtsmediziner. Ein bedauerlicher Aspekt in einem ansonsten sehr lesenswerten Buch!

Alexander Brakel