Rezension über:

Renate Hürtgen: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, 353 S., ISBN 978-3-412-14205-6, EUR 42,90
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Rezension von:
Detlev Brunner
Historisches Institut, Universität Rostock
Empfohlene Zitierweise:
Detlev Brunner: Rezension von: Renate Hürtgen: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 2 [15.02.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/02/9023.html


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Renate Hürtgen: Zwischen Disziplinierung und Partizipation

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Was bewog Millionen Frauen und Männer in der DDR, eine ehrenamtliche Gewerkschaftsfunktion zu übernehmen? War es Loyalität zum System, die die fast 350.000 Vertrauensleute Mitte der 1980er-Jahre veranlasste, diese betriebliche Basisfunktion zu übernehmen? Wie sah das offizielle Funktionärsprofil aus, welche realen Handlungsfelder eröffneten sich zwischen Disziplinierung und Partizipation in dem in der DDR zentralen Lebensbereich "Betrieb"? Wandelte sich die soziale, generationelle und geschlechtermäßige Zusammensetzung dieses Funktionärs-"Körpers"?

Diese Fragenkomplexe sind von einiger Relevanz für das Verständnis des Diktatursystems in der DDR. Sie betreffen das Verhältnis von Akzeptanz und Repression, des "Sich-Arrangierens" und der realen Möglichkeiten von Interessenartikulation und Teilhabe. Renate Hürtgen bearbeitet diese Fragenkomplexe und bettet sie in drei Kontexte ein: Im funktionalen Kontext des Ehrenamtes als Systemstabilisierung mit dem sich ergebenden Dilemma objektiv nötiger Partizipation, im Kontext betrieblicher Herrschaftspraxis und im Kontext deutscher Arbeiterbewegungstradition, in der der ehrenamtliche Funktionär, anders als der geschmähte "Hauptamtliche", als von den Mitgliedern anerkannter Funktionär hervortritt. Im Unterschied zu den beiden ersten Kontexten ist diese Ebene wenig erkenntnisfördernd. Wie die Autorin bereits in der Einleitung hervorhebt, war die "soziale Figur des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes, wie ihn die deutsche Arbeiterbewegung kannte, [...] besonders rasch nach 1945 aus der betrieblichen Praxis in der SBZ/DDR verschwunden." (19) Etwas Adäquates konnte und sollte unter den Systembedingungen der DDR nicht entstehen. Inwiefern dieser Traditions-Kontext die Studie und ihre Fragestellungen mit strukturieren helfen soll, ist nicht erfindlich.

Die Studie folgt einem chronologischem Gliederungskonzept, in dem zunächst die Zeit von 1946 bis 1970 abgehandelt wird, bevor im 200 Seiten umfassenden Hauptteil die "Vertrauensleute des FDGB in den siebziger und achtziger Jahren" untersucht werden. Das dritte Kapitel mit gut 20 Seiten widmet sich den Vertrauensleuten in der Zeit der "Wende" 1989/90.

Die Ergebnisse der Arbeit sind im Hinblick auf Aufgaben und Kompetenzen der Vertrauensleute wenig überraschend. Das Diktum vom "funktions- bzw. kompetenzlosen Funktionär" bewahrheitet sich durch alle Zeitphasen der DDR. In den 1950er-Jahren hatte der gewerkschaftliche Vertrauensmann "keine wichtige Funktion für die Mitglieder" (69). Auch die zaghaften Reformansätze im Rahmen des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS) in den 1960er-Jahren schlossen gewerkschaftliche Beteiligung und Mitbestimmung auf Betriebsebene nicht mit ein. Und in den 1970er- und 1980er-Jahren zog der in der Kombinatsbildung verkörperte Zentralisierungsprozess einen "weiteren Bedeutungsverlust der ehrenamtlichen Basis, einschließlich des Vertrauensmannes" nach sich (121). Die Motive, Vertrauensmann zu werden, haben dementsprechend nur sehr wenig mit der Hoffnung auf tatsächliche Partizipation und Interessenvertretung zu tun, sie lagen vor allem im subjektiv wahrgenommenen und real vorhandenen sozialen Prestige: Man genießt Vertrauen, fühlt sich anerkannt, sitzt in den Sitzungen mit den entscheidenden Kadern auf Betriebsebene und wähnt sich im Besitz von Informationen, die die anderen Belegschaftsmitglieder nicht haben. Soziale Kompetenz und ein Gespür für eine harmonische Betriebsatmosphäre sind gefragt, keine "harte" Interessenvertretung, sondern Verständnis für die Alltagssorgen.

Mit diesem faktischen Zuschnitt der Aufgaben der Vertrauensleute in den 1970/80er-Jahren korrespondiert ein Wandel in der Zusammensetzung dieser Funktionäre. Nach den vorherrschend "jugendlichen Agitatoren" der 1950er-Jahre wird "der Vertrauensmann" in den 1970er-Jahren zunehmend weiblich. Für die "weichen" Funktionen des Ausgleichs schienen Frauen, so Hürtgen, auf Grund ihres historisch gewachsenen Rollenverständnisses als "Frau und Mutter" gut prädestiniert. Zu den genannten Motiven kamen Möglichkeiten weiterer Qualifikation und Laufbahnvergünstigungen und der Schutz vor ungeliebten Parteiämtern hinzu. Im Vergleich zu den Gesamtbelegschaften lässt sich bei den Vertrauensleuten zudem tatsächlich eine stärkere staatsloyale Haltung feststellen. Unter der provokativen Fragestellung "Jeder Vertrauensmann ein Spitzel der Staatssicherheit?" schildert Hürtgen ausführlich, dass die Vertrauensleute auch ein "Rädchen" in dem durch das MfS organisierten und durch den FDGB bereitwillig exekutierten "Sicherheitssystem" auf Betriebsebene darstellten. In der "Wende-Zeit" von 1989/90 kam trotz der Passivität der Gewerkschaften die Stunde zumindest für manche Vertrauensleute, die nun in dieser Umbruchsphase mit ihrer sozialen Kompetenz und Betriebskenntnis Vertrauen schaffen konnten, ohne allerdings für die kommenden Aufgaben gewerkschaftlicher Interessenvertretung im vereinten Deutschland gerüstet zu sein.

Zu kritisieren bleiben Mängel in der Methodik und im Aufbau der Studie. Tatsächlich geht es in der Studie nur zu einem geringeren Teil um die Vertrauensleute des FDGB und sehr viel mehr um die Rolle von Gewerkschaften und das sich wandelnde Konfliktverhalten der Belegschaften in den DDR-Betrieben generell. Insofern ist die Titelgebung zu kleinteilig und weckt zugleich Erwartungen im Hinblick auf die Analyse einer bislang kaum beleuchteten "Funktionärswelt", die nur bedingt erfüllt werden. Die Motivlagen der Vertrauensleute, ihre Zusammensetzung, die realen Handlungsfelder und die subjektiven Erfahrungen im Herrschaftsraum DDR-Betrieb - all dies wird zu wenig systematisch und methodisch fundiert präsentiert. Die empirische Grundlage des spannenden Versuchs einer Typenbeschreibung - die Interviews mit 28 Frauen und Männern - wird völlig unzureichend in einer Fußnote (180 f.) und nicht an exponierter Stelle in der Einleitung erläutert. Trotz dieser Defizite liefert Hürtgen wichtige Ergebnisse zur Einschätzung der Rolle der Gewerkschaften und ihrer Basisfunktionäre für das Funktionieren des DDR-Systems mit Fokus auf die Siebziger- und Achtzigerjahre und regt weitere Forschungen zu diesem bislang viel zu wenig beachteten Forschungsfeld an.

Detlev Brunner