Rezension über:

J. Samuel Walker: Three Mile Island: A Nuclear Crisis in Historical Perspective, Berkeley: University of California Press 2004, xi + 303 S., ISBN 978-0-520-23940-1, GBP 15,95
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Rezension von:
Anselm Tiggemann
Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Anselm Tiggemann: Rezension von: J. Samuel Walker: Three Mile Island: A Nuclear Crisis in Historical Perspective, Berkeley: University of California Press 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/9304.html


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J. Samuel Walker: Three Mile Island: A Nuclear Crisis in Historical Perspective

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Three Mile Island - In dem Kernkraftwerk nahe Harrisburg kam es am 28. März 1979 zum bisher schwersten Störfall in einem kommerziellen Kernkraftwerk der westlichen Welt. Das, was Kernkraftgegner auf der ganzen Welt befürchtet hatten, trat ein: Eine partielle Schmelze des Reaktorkerns in Folge einer Verkettung von Abläufen, bei denen die Bedienmannschaft folgenschwere Fehler begangen hatte: Ein offenes Ventil, das erst nach zwei Stunden entdeckt wurde, führte zu einem Druckabfall. Daraufhin sprangen Einspeisepumpen an. Weil jedoch angenommen wurde, dass genügend Kühlmittel vorhanden sei, wurden sie abgestellt. Ein Dampf-Wasser-Gemisch löste bei den Kühlpumpen Vibrationen aus, sodass auch diese abgeschaltet wurden. Der Reaktorkern wurde freigelegt, er überhitzte und wurde beschädigt. Es bildete sich gasförmiger Wasserstoff, da durch die Überhitzung das Hüllmaterial der Brennstäbe mit dem Kühlwasser reagierte. Mehrere Tage galt eine gefährliche Gasexplosion als möglich, ja sogar als wahrscheinlich, was die Welt in Atem hielt und den Gouverneur dazu veranlasste, eine freiwillige Evakuierung zu empfehlen.

Walker, der Historiker der United States Nuclear Regulatory Commission, rekonstruiert den Störfall und seine Folgen minuziös auf breiter Quellengrundlage. Wie häufig bei vermeintlich gut erforschten Ereignissen der jüngsten Zeitgeschichte wird deutlich, dass viele wichtige Quellenbestände vor der Studie nur unzureichend berücksichtigt wurden (287-290). Neben den Akten von Walkers Behörde und einzelner Beamter, die u. a. Besprechungsniederschriften und Telefonprotokolle zur Reaktorkrise enthalten, wurden die Akten des vom Präsidenten eingesetzten Untersuchungsausschusses sowie die Aktenbestände von Jimmy Carter und vom Gouverneur von Pennsylvania, Richard L. Thornburgh, herangezogen. Für die erste historische Analyse des Harrisburg-Störfalls führte Walker darüber hinaus zahlreiche Zeitzeugengespräche und verarbeitete umfangreiches Material zur Kernkraftkontroverse in den USA. Das Ergebnis ist ein spannendes Buch, dessen Herzstück die genaue Rekonstruktion der Krise im und um den havarierten Reaktor ist (71-189). Kapitel zu den kurz- und langfristigen Auswirkungen folgen (190-244). Dem Leser fällt auf, dass Walker langjährige Erfahrungen in der Geschichtsschreibung nuklearer Themen hat: Gekonnt porträtiert er sowohl den wissenschaftsnahen Experten wie den politischen Entscheidungsträger auf regionaler wie auf nationaler Ebene und zeichnet treffsicher die Entscheidungs- und Diskussionsprozesse nach. Hierin liegt die Stärke des Buches: Walker versteht es, sich in die Akteure, ihre Motive und Zwänge hinein zu denken und ihr Handeln verständlich zu machen. Ganz nebenbei liefert er dabei wichtige Einblicke in die amerikanische "nuclear community" und verdeutlicht eklatante Schwächen, die bei dem Störfall zu Tage traten: Im Kontrollraum des Reaktors sorgten nach Eintritt des Störfalls unübersichtliche und widersprüchliche Signale für Verwirrung. In der Öffentlichkeit führten Unterschiede in der Darstellung des Betreibers, der Aufsichtsbehörde und des Gouverneurs zu Unsicherheit. Bei der Bewertung des Störfallablaufes und der Wahrscheinlichkeit einer Gasexplosion gingen die Bewertungen weit auseinander. Auch bei der Aufarbeitung des Störfalls zeigte sich, wie groß die Unsicherheit über die Auswirkungen bei den staatlichen und privaten Reaktorexperten war: Die partielle Kernschmelze wurde erst im Nachhinein festgestellt. Die Beschädigungen des Reaktorkerns durch den Störfall waren unterschätzt worden.

Als Basis zur Bewertung der Ereignisse im Frühjahr 1979 gibt Walker einen instruktiven Überblick über die amerikanische Kernkraftdebatte (1-28) und die amerikanische Atomaufsicht (29-50). Wer jedoch Reflexionen über zeithistorische Methodik oder neue Erkenntnisse zur amerikanischen Anti-AKW-Bewegung sucht, deren Proteste in Folge des Störfalls in einem Abschnitt mit der Überschrift "Political Fallout" zusammengefasst werden, wird das Buch enttäuscht beiseite legen. Für den europäischen und besonders deutschen Leser ist bedauerlich, dass die globalen Folgen des Unglücks nur angedeutet werden. Die Folgen sowohl für die Reaktorsicherheitstechnik als auch die technik- und gesellschaftspolitische Kernenergiedebatte sind jedoch enorm. Es ist daran zu erinnern, dass das Reaktorunglück nicht ohne Auswirkungen auf die bundesdeutsche Atomdebatte geblieben ist: Wie bestellt platzte es in das Gorleben-Hearing hinein und verstärkte die Stimmung für ein technikpolitisches Klima, in dem der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht ein "Nukleares Entsorgungszentrum" mit Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben ablehnte, da es ihm politisch nicht durchsetzbar erschien. Diese Entscheidung ist als Meilenstein auf dem Weg der Akzeptanzkrise der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet worden. [1] In Meinungsfragen zeigte sich in Westdeutschland in Umfragen ein großer Anstieg der Kernenergieskepsis, ein "Harrisburg-Schock". [2] Ähnliches konstatiert Walker auch für die USA. Für prominente amerikanische Umweltschützer wie den Verbraucheranwalt Ralph Nader war die Lage eindeutig: "This is the beginning of the end of nuclear power in this country." (zitiert nach Walker 197). Die historische Distanz zeigt jedoch, dass das Unglück zwar eine Krise der amerikanischen Kerntechnik und durch die Verschärfung der Genehmigungsverfahren eine starke Verlangsamung des Ausbaus der Kernkraftwerke bewirkte, jedoch keine Abkehr von der Atomenergie als Energieform erfolgte. Auch in der Bundesrepublik beruhigten sich die Gemüter bis zum Reaktorunfall von Tschernobyl im April 1986, der eine wesentlich tiefere Verunsicherung und einen nachhaltigen Meinungsumschwung gegen die Kernenergie bewirkte. [3]

Walker kommt das Verdienst zu, den Harrisburg-Störfall als technik- und umweltpolitisches Ereignis mit seinen Hintergründen und Folgen treffend und abgewogen analysiert zu haben. Das gut lesbare Buch ist einem breiten Leserkreis zu empfehlen; es ist ein Beispiel dafür, wie man als Zeithistoriker Handlungsstränge, Personen und Institutionen miteinander verweben kann, sodass Charaktere und Spannungen plastisch hervortreten, aber an der wissenschaftlichen Solidität keine Abstriche gemacht werden.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Straßburg, ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, gegenüber dem Autor.

[2] Wolfgang D. Müller: Die Kernenergiekontroverse in Deutschland, in: Handbuch Kernenergie. Kompendium der Energiewirtschaft und Energiepolitik, hg. von Carsten Salander/Hans Michaelis, Frankfurt am Main 1995, 777-815, 792. Norbert Dube: Die öffentliche Meinung zur Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland 1955-1986. Eine Dokumentation (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 88-303), Berlin 1988.

[3] Ortwin Renn: Public Responses to the Chernobyl Accident, in: Journal of Environmental Psychology 10 (1990), 151-167.

Anselm Tiggemann