Rezension über:

Richard Overy: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland. Aus dem Englischen von Udo Rennert und Karl Heinz Siber, München: DVA 2005, 1023 S., 32 s/w-Abb., 6 Karten, ISBN 978-3-421-05466-1, EUR 48,00
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Rezension von:
Leonid Luks
Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Empfohlene Zitierweise:
Leonid Luks: Rezension von: Richard Overy: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland. Aus dem Englischen von Udo Rennert und Karl Heinz Siber, München: DVA 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 1 [15.01.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/01/9178.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Richard Overy: Die Diktatoren" in Ausgabe 6 (2006), Nr. 1

Richard Overy: Die Diktatoren

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Warum Auschwitz? Warum Archipel Gulag? Diese Fragen stehen im Zentrum des "kurzen 20. Jahrhunderts" (E. Hobsbawm) und erschüttern bis heute das europäische Selbstverständnis. Warum Deutschland und Russland? Warum fanden diese beiden radikalsten Auflehnungen gegen die mit dem Westen assoziierten Wertvorstellungen ausgerechnet in diesen beiden Ländern statt? Auch diese Frage wartet noch auf eine adäquate Antwort. Um sie zu erhalten, ist eine vergleichende und auf einer breiten Materialgrundlage basierende Analyse der totalitären Regime rechter und linker Prägung erforderlich. Die Verwirklichung dieses Vorhabens stößt aber auf außergewöhnliche Schwierigkeiten, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen sind, dass sich die Faschismus- und die Kommunismusforschung etwa seit dem Beginn der 60er-Jahre - seit der Verdrängung der Totalitarismus-Theorie an die Peripherie des wissenschaftlichen Interesses - weitgehend unabhängig voneinander entwickelten. Auf die äußerst aufschlussreichen komparativen Ansätze, die die Totalitarismus-Theorie ungeachtet all ihrer Defizite entwickelte, wurde bei der Analyse der modernen Diktaturen immer seltener zurückgegriffen. Manche Fehldeutungen des "deutschen Historikerstreits" von 1986-88 oder der Kontroverse um das 1997 in Paris erschienene "Schwarzbuch des Kommunismus" sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Faschismus- und Kommunismusforschung wenige Berührungspunkte haben.

Im vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, diese Kluft zumindest in einem wichtigen Bereich, nämlich beim Vergleich zwischen dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen Regime, zu schließen. Die Untersuchung Overys ist äußerst breit angelegt. Hier werden u. a. die Herrschaftstechniken, die Terrorsysteme, die Herrschaftskulte, die Ideologie, die Kultur-, Wirtschafts- und Militärpolitik der beiden Regime wie auch deren Vorgeschichte miteinander verglichen. Ein äußerst ehrgeiziges Vorhaben, wenn man bedenkt, dass der Autor sich bisher im Wesentlichen nur auf dem Gebiet der Militär- und Wirtschaftsgeschichte profiliert hat.

Bereits in der Einleitung fällt auf, dass Overy bei einer Reihe der von ihm untersuchten Themen an seine Grenzen stößt. Dies betrifft u. a. einige Aspekte der russischen Geschichte. So spricht er z. B. von manchen Ähnlichkeiten zwischen dem Deutschen Reich und der Zarenmonarchie und führt aus: "Beide waren föderale Systeme mit einem beträchtlichen Anteil an dezentralisierter Verwaltung" (22). Mit dieser Aussage lässt der Autor außer Acht, dass das vorrevolutionäre Russland ein unitaristischer und zentralistischer Staat par excellence war, wenn man von einigen Ausnahmen absieht. So verfügten nur das Großfürstentum Finnland seit 1809 und das Königreich Polen in den Jahren 1815-1831 über ein nennenswertes Maß an Autonomie. Dies waren aber lediglich winzige föderale Inseln in dem ansonsten unitaristisch strukturierten Riesenreich.

Auch mit der frühsowjetischen Geschichte hat der Autor manche Probleme. So schreibt er: "[Im] Unterschied zum Sowjetsystem, wo die Teilung der Gewalten formell in Kraft blieb, vereinigte die deutsche Regierung faktisch Legislative und Exekutive auf sich" (105). In Wirklichkeit aber waren die Bolschewiki stolz darauf, dass sie die Gewaltenteilung, die sie für ein Relikt des bürgerlichen Zeitalters hielten, abgeschafft hatten. Im Artikel 7 der ersten sowjetischen Verfassung, die im Juli 1918 verabschiedet wurde (nicht im Dezember 1922 wie der Autor meint, 102), wurde das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee der Räte als "das höchste gesetzgebende, verfügende und kontrollierende Organ" des Staates bezeichnet.

Wenig überzeugend sind auch einige pauschale Urteile, die der Autor über den bisherigen Stalinismus- und Totalitarismusdiskurs fällt. So vertritt er die These, neue Archivfunde seit dem Sturz des Kommunismus hätten das bis dahin in der Forschung vorherrschende Bild von Stalin als einem "rücksichtslosen Verfechter einer Zentralisierung der Macht und eines schrankenlosen Despoten" erschüttert (119). "Das Paradigma einer absoluten Macht, die in einem kohärenten zentralisierten Gemeinwesen ausgeübt wurde [...], war und ist ein Fantasiebild der Politikwissenschaft." (117) Die Tatsache, dass in der sowjetologischen Forschung bereits in den 70er-Jahren (fast zwei Jahrzehnte vor der Öffnung der sowjetischen Archive) eine grundlegende "Revision" des bis dahin vorherrschenden Totalitarismus-Modells stattgefunden hatte, dass die "Revisionisten" gerade die chaotischen und planlosen Elemente im Stalinismus, die mangelnde Effizienz des Lenkungsapparats hervorhoben, widerspricht in eklatanter Weise dem Urteil Overys. Die Vernachlässigung der Rolle Stalins im stalinistischen Regime durch einige "revisionistische" Autoren veranlasste seinerzeit Bernd Bonwetsch zu folgender Aussage: "Konsequenterweise kommt Stalin in einer solchen Erklärung des Stalinismus kaum vor". [1] Und anders als Overy meint, präsentiert sich Stalin im Spiegel der neuen Quellen, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus an die Oberfläche kamen, keineswegs als "schwacher" Diktator. Im Gegenteil: Sie zeigen, wie zentral die Rolle Stalins im damaligen System war, so z. B. während des Großen Terrors, und erschütterten damit manche Thesen der "Revisionisten".

Auch bei seiner Charakterisierung der klassischen Totalitarismus-Theorien kann man Overy nicht folgen. Angeblich hätten diese die totalitäre Diktatur als eine "unbarmherzige Herrschaft über eine wehrlose Bevölkerung" bezeichnet, wohingegen in Wirklichkeit, so der Autor, "weite Teile der deutschen und der sowjetischen Bevölkerung die Diktaturen [...], häufig mit Begeisterung und Hingabe oder zumindest mit einer pauschalen Zustimmung" unterstützt hätten (408). Als ob dieses Faktum von den Verfechtern des "herkömmlichen totalitären Modells", so von Hannah Arendt, Carl J. Friedrich oder von Zbigniew Brzezinski in Frage gestellt worden wäre!

Die Stärken des Buches kommen dann zum Vorschein, wenn der Autor sich mit seiner eigentlichen Domäne befasst - mit der totalitären Militär- und Wirtschaftspolitik. Beim Vergleich zwischen der nationalsozialistischen und der stalinistischen Wirtschaftspolitik fallen dem Verfasser außerordentlich viele Ähnlichkeiten auf. Deshalb warnt er vor der Überbewertung der Tatsache, dass das nationalsozialistische System "kapitalistisch" und das stalinistische "sozialistisch" war. In beiden Staaten sei ein atemberaubendes Wachstum der Industrieproduktion zu beobachten gewesen, und zwar "unter den Bedingungen einer relativen wirtschaftlichen Isolation. [...] Der Außenhandel ging sowohl in Deutschland als auch in der Sowjetunion zwischen 1928 und 1937 um zwei Drittel zurück. [...] Beide beschlossen ganz bewußt, sich vom Weltmarkt zu isolieren, indem sie Auslandskredite durch Kapital aus heimischen Quellen [...] ersetzten" (525, 551). Eine andere Ähnlichkeit zwischen den beiden Systemen sieht Overy darin, dass es sich in beiden Fällen um eine "Kriegswirtschaft in Friedenszeiten" handelte (551). Zwischen 1928 und 1938 seien die Verteidigungsausgaben in beiden Staaten um das 26fache gestiegen (556).

Overy hebt hervor, dass sich die zentrale Wirtschaftslenkung nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im 'Dritten Reich' durchsetzte: "Nun ist zwar nicht zu übersehen, daß Formen des Privateigentums im Dritten Reich auch überlebten, aber ebenso klar ist, daß eine rapide Verstaatlichung von Eigentum in Gang war. [...] Auch wenn das Privateigentum der meisten Deutschen vom NS-Staat nicht unmittelbar bedroht wurde, sorgten die rassischen und völkischen Prioritäten des Regimes dafür, daß die Rechtssicherheit im Bereich des Privateigentums auf vielfacher Weise durchlöchert wurde." (577 f.)

Trotz der brillanten und äußerst fundierten Argumentation Overys kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er den Verwandtschaftsgrad zwischen den beiden Wirtschaftssystemen überbewertet. Die Tatsache, dass die NSDAP, anders als die bolschewistische Partei, infolge eines Kompromisses mit Teilen des herrschenden Establishments an die Macht kam, zwang Hitler, trotz seines vielfach geäußerten Bedauerns, zur Eindämmung der "zweiten Revolution", die der sozialrevolutionäre Teil der NS-Bewegung anstrebte. Und sogar nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli wagte Hitler keine Abrechnung mit den alten Eliten nach Stalinscher Manier - trotz seiner Bewunderung für die Art, wie Stalin mit der sowjetischen Elite umging. Der Endkampf mit der Aristokratie werde warten müssen, bis der Krieg vorbei sei, sagte er nach dem 20. Juli. Jetzt sei nicht der Augenblick, Spaltungen innerhalb des Volkes hervorzurufen. [2]

Overy befasst sich allerdings nicht nur mit den Ähnlichkeiten, sondern auch mit den Unterschieden zwischen den beiden Regimen, dies besonders intensiv in den Kapiteln, in denen er die totalitären Ideologien und die beiden Lagersysteme analysiert. So weist er darauf hin, dass der stalinistische Gulag trotz all seiner Schrecknisse keine Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Bełżec, Sobibór oder Chełmno kannte, in denen die Menschen bereits einige Stunden nach ihrem Eintreffen ermordet wurden (805 f.). Grundlegende Unterschiede bestanden auch zwischen den nationalen Zusammensetzungen der Lagerinsassen in beiden Systemen: "Hauptsächlich sperrte der Sowjetstaat seine eigenen Leute ein, während die deutschen Lager [in den Kriegsjahren] überwiegend durch Ausländer bevölkert waren" (815). Abgesehen davon hätten die sowjetischen Behörden versucht, die Häftlinge mithilfe der so genannten "Kulturarbeit" zu indoktrinieren. "In den deutschen Lagern [hingegen] war niemand für die Kultur zuständig" (822).

Dieses letztere Unterscheidungsmerkmal war eng mit den unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen der beiden Regime verbunden, die im Buch ausführlich analysiert werden. Das rassistische Denkmodell der NSDAP, das von der Unveränderbarkeit der biologischen Gesetze ausging, wird mit der bolschewistischen bzw. stalinistischen Auffassung von der Flexibilität der menschlichen Natur verglichen, die durch äußere Faktoren, also auch durch die so genannte "Erziehung" bzw. "Aufklärung", beeinflusst werden kann.

Aber auch verwandte Züge im ideologischen Gebäude der beiden Diktaturen waren unverkennbar. Overy spricht in diesem Zusammenhang von der Ablehnung der modernen, avantgardistischen Kunst, die in beiden Regimen als "entartet" galt, von ihrer antielitären Attitüde, von ihren Appellen an das "gesunde Volksempfinden". Zugleich hebt der Autor hervor, dass diese Ablehnung der Moderne nichts mit der Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" zu tun hatte, sondern Bestandteil der revolutionären Programme der beiden Diktaturen war, die sich die Erschaffung eines "neuen Menschen" zum Ziel gesetzt hatten. Overy betont allerdings, dass sich die Inhalte der beiden Programme bzw. Utopien, ungeachtet der ähnlichen Methoden, mit denen Stalin und Hitler sie zu verwirklichen suchten, diametral voneinander unterschieden. Es war eine biologistische Utopie in dem einen und eine soziale in dem anderen Fall. Und in beiden Fällen führten die Versuche, diese utopischen Träume zu verwirklichen, zur Realisierung eines "Alptraums der Gewalt, Diskriminierung, Verfolgung und Entstellung" (350).

Overys Überlegungen zu den totalitären Ideologien bzw. zur totalitären Kunst sind zwar nicht so originell wie seine Analyse der totalitären Wirtschafts- und Militärpolitik. Oskar Anweiler oder Igor´ Golomštok haben bereits ähnliche Thesen vertreten. Dessen ungeachtet trägt die prägnante Zusammenstellung der bisherigen Forschungsergebnisse, die Overy präsentiert, erheblich zum Verständnis der jeweiligen Eigenart der beiden Diktaturen bei.

Umso kurioser wirken vor diesem Hintergrund erstaunliche sachliche Fehler, die das Buch auch in seinen scharfsinnigsten Passagen enthält und die auf des Autors fehlende Kenntnis der russischen Sprache und seine mangelnde Vertrautheit mit einigen Kapiteln der russischen Geschichte zurückzuführen sind. So schreibt Overy im Zusammenhang mit den Veränderungen, die in der Roten Armee während des deutsch-sowjetischen Krieges stattfanden, folgendes: "Die Anrede 'Genosse' wurde bei der Truppe zunehmend seltener verwendet; an ihre Stelle traten vermehrt Rangabzeichnungen" (704). In Wirklichkeit lautete die Anrede auch weiterhin "Genosse", und zwar zusammen mit der Rangabzeichnung: Genosse Hauptmann, Genosse Major usw. Der in russischer Sprache verfasste Befehl der deutschen Besatzungsbehörden in Weißrussland wird im Buch als eine in "weißrussischer Sprache" verfasste Bekanntmachung bezeichnet. Der Fürst von Novgorod und Vladimir Aleksandr Nevskij, der 1242 (nicht 1245) die Schlacht am Peipus-See gewonnen hatte, wird von Overy als moskowitischer Fürst bezeichnet (741). Der Aufstieg Moskaus zum mächtigsten russischen Fürstentum begann aber erst nach dem Tode Nevskijs. Der russische Religionsphilosoph und Kritiker des Bolschewismus Nikolaj Berdjaev wird im Buch als "messianischer Bolschewik" charakterisiert (363).

So enthält das Buch Höhen und Tiefen, und dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, wie breit und umfassend die Untersuchung Overys angelegt ist. Trotz mancher Schwächen wird diese Monografie aber zur Belebung der vergleichenden Erforschung der totalitären Diktaturen beitragen. Dies gilt in erster Linie für die wahrlich brillanten Kapitel über die Wirtschafts- und Militärpolitik des 'Dritten Reiches' und der stalinistischen Sowjetunion.


Anmerkungen:

[1] Bernd Bonwetsch: Stalinismus "von unten": Sozialgeschichtliche Revision eines Geschichtsbildes, in: SOWI 17 (1988), 123.

[2] Ian Kershaw: Hitler 1936-1945, Stuttgart 2000, 903.

Leonid Luks