Rezension über:

Albert van der Schoot: Die Geschichte des Goldenen Schnitts. Aufstieg und Fall der göttlichen Proportion. Aus dem Niederländischen von Stefan Häring (= Aesthetik; 3), Stuttgart / Bad Cannstadt: Frommann-Holzboog 2005, 382 S., 70 Abb., ISBN 978-3-7728-2218-6, EUR 76,00
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Rezension von:
Susanne Deicher
Fachbereich Design/Innenarchitektur, Hochschule Wismar
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Deicher: Rezension von: Albert van der Schoot: Die Geschichte des Goldenen Schnitts. Aufstieg und Fall der göttlichen Proportion. Aus dem Niederländischen von Stefan Häring, Stuttgart / Bad Cannstadt: Frommann-Holzboog 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/8376.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Albert van der Schoot: Die Geschichte des Goldenen Schnitts

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Das anzuzeigende Werk ist nur der erste Teil eines Projekts, welches "systematisch und historisch die Hintergründe des Denkens über Proportionalität im allgemeinen und den goldenen Schnitt im besonderen zu erforschen" verspricht. Van der Schoots Ausgangspunkt war die Erfahrung moderner Musik und Architektur. Dass Partituren Béla Bartóks Fibonaccizahlen zu Grunde liegen oder dass in Le Corbusiers Architekturentwürfen Flächenteilungen nach der Ratio des goldenen Schnitts immer wieder vorkommen, hatte ihn verwundert. Denn war nicht die Epoche eines Denkens, das mithilfe von Proportionsanalysen abstrakte Ähnlichkeiten zwischen Kosmos und Kunstwerk herstellte, mit der Renaissance beendet gewesen? Handelte es sich also um moderne Anachronismen, um irrlichternde Reflexe einer populären Literatur, die den goldenen Schnitt und die Fibonaccizahlenreihe zu Formeln eines magischen Welträtsels gemacht hatte? Zahlreiche Künstler rezipierten Ghykas Esthétique des proportions (Paris 1927), in dem die universale Anwesenheit des goldenen Schnitts in der Natur und zugleich eine in der Ästhetik aller historischen Epochen gleichermaßen festzustellende Geltung der goldenen Ratio behauptet wurde.

Die Kunstgeschichte hatte der rasanten Mythenbildung aus dem Lager zweifelhafter Ästhetiker zunächst wenig Substanzielles entgegen zu halten. Die Forschung hat nicht nur den goldenen Schnitt kaum beachtet, sondern auch zum Thema Proportion zumeist Distanz gehalten. Schon Erwin Panofsky wollte in Die Entwicklung der Proportionslehre als Abbild der Stilentwicklung von 1918 zeigen, dass die Orientierung am Begriff 'Stil' und die Erforschung historischer Grundlagen der Stile für das Fach wichtiger seien, als die Suche nach überzeitlichen Gesetzen der Form. Rudolf Wittkowers Architectural principles in the Age of Humanism (1949) postulierte zwar einen von der Antike über das Mittelalter bis zur Renaissance reichenden Traditionszusammenhang des Proportionsdenkens, negierte aber die historische Bedeutung des goldenen Schnitts entschieden. Der österreichische Architekturhistoriker Paul von Naredi-Rainer wusste davon 1985 in seinem Werk Architektur und Harmonie bereits nichts mehr, präsentierte eine Vielzahl ungeprüfter Messergebnisse und tradierte Proportionslegenden. Frank Zöllner stellte in Vitruvs Proportionsfigur 1987 Wittkowers Idee einer konsistenten Überlieferungstradition in Frage, während Jürgen Fredel [1], an Wittkowers Skepsis anknüpfte und darlegte, dass der goldene Schnitt in der älteren Kunst trotz Paciolis isoliert gebliebenem Traktat Divina proportione noch keine Rolle gespielt hatte - erst Adolph Zeisings Neue Lehre von den Proportionen des menschlichen Körpers (1854) habe den modernen Mythos des Goldenen Schnitts begründet.

An der Amsterdamer Universität, an deren 'Faculteit der Geesteswetenschappen' der Autor lehrt, ist die Kunde von diesen kunsthistorischen Ergebnissen nicht angekommen. Wittkowers Position wird ausgesprochen oberflächlich rezipiert - es wird gar der Eindruck erweckt, er sei Zeisings Argumenten erlegen. Vor allem aber präsentiert Van der Schoot die These, dass der "goldene Schnitt als ästhetisches Ideal eine Erfindung des 19. Jahrhunderts" (284) sei, die 1992 nahezu wortgleich schon von Fredel aufgestellt wurde ("Der Rang des GS als Proportionsnorm ist vielmehr eine Erfindung des 19. Jahrhunderts", Fredel 180), schlicht noch einmal, ohne auf den Vorläufer zu verweisen. Das ist mehr als nur ärgerlich.

Dennoch lohnt die Lektüre des launig geschriebenen Werks, denn es formuliert einen aufschlussreichen theoretischen Kontext. Bereits der Titel der niederländischen Ausgabe diagnostizierte den modernen Missbrauch antiker Theorie: "Pythagoras wäre sicher entsetzt gewesen, hätte er in Ghykas und Huntleys Büchern lesen müssen, dass die göttliche Proportion zum pythagoreischen Ideal ausgerufen wurde" (22). Denn die goldene Ratio sei ein auf irrationalen Zahlen basierendes Verhältnis - die irrationalen Zahlen aber erkannte Pythagoras nicht an, seine Lehre basierte auf einer aus ganzen Zahlen bestehenden Reihe, die als "numerische Ontologie" (30) fungieren, als tatsächliche Zahlen-Ordnung des Kosmos gelten sollte. Zwar wurde nicht nur die irrationale Zahl bereits im 5. Jahrhundert vor Christus in die Mathematik eingeführt, sondern auch das Prinzip der Analogie, das dazu führte, dass die philosophische Meditation über Zahl und Proportion nur noch "lediglich eine Art 'Sprungbrett' auf dem Weg zur wahren Erkenntnis" (30) sein konnte. Proportionen und mathematische Verhältnisse galten, so van der Schoot, nicht nur in der auf Platon folgenden Epoche, sondern auch noch bis in die Renaissance nicht mehr als Teil der Wirklichkeit. Sie waren vielmehr Elemente einer Beschreibungssprache oder Anteile poetischer und bildnerischer Konstruktionen. Proportion kam geistigen Gebilden zu, für die in Anspruch genommen wurde, dass sie der Struktur des Kosmos ähnlich seien.

Van der Schoot überprüft zahlreiche Quellen seit Euklid, bei dem zwar nicht der Begriff, aber doch die Beschreibung des Maßverhältnisses irrationaler Zahlen im goldenen Schnitt zuerst festzustellen ist. Doch vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis hin zu Luca Paciolis Divina proportione (1509) findet er noch nirgends Spuren des modernen Postulats von der Universalität und Naturimmanenz der goldenen Ratio. Der goldene Schnitt, die irrationale simphonia, galt Pacioli wegen ihrer stupendi effetti als bemerkenswert - und zwar gerade deshalb, weil dieses Maßverhältnis nicht in der Natur anzutreffen war. Göttlich nannte er diese Proportion, weil sie einzigartig sei und ihr Wesen mit nichts anderem verglichen werden könne - darin sei sie wie Gott. Unter anderem deshalb bestehe, so habe Pacioli ausgeführt, wissenschaftlich feststellbare Ähnlichkeit zwischen Gott und der divina proportione.

Alle Theorien des goldenen Schnitts, welche bei den Denkern der Renaissance zu finden sind, halten sich im Rahmen des Ähnlichkeitsparadigmas, wie es durch Platon zuerst formuliert worden war. Das gelte ebenso für Kepler, "der erste Autor, der nicht nur die mathematische Beziehung zwischen dem goldenen Schnitt und der Fibonacci-Folge erkannte, sondern beide auch mit Elementen der belebten Natur verband" (154). Er folgte dabei stets einem traditionsreichen, analogischen Beschreibungsstil, der den "Kosmos als Kopie des göttlichen Modells" (129) erweisen sollte. Geometrisches Regelmaß galt ihm als Eigenschaft des göttlichen Schöpfungsplans - aus diesem im Prinzip unbekannten Plan war die Immanenz bestimmter mathematischer Verhältnisse in der Natur nicht abzuleiten. Darum war es auch möglich, dass Kepler auf neue empirische Beobachtungen reagierte, indem er mathematische Paradigmata seiner Beschreibungsmodelle einfach auswechselte.

Im 18. Jahrhundert galt dann die Beschäftigung mit Proportionstheorien vielen Theoretikern als uninteressant, denn Analogien ohne Realitätsgehalt seien, so Edmund Burke, nur eine "artificial idea" (68). Erst im deutschen 19. Jahrhundert wird "der Ausdruck 'goldener Schnitt'" gefunden. "Uns ist keine ältere Belegstelle bekannt als die zweite Auflage des Lehrbuchs von Martin Ohm, Die reine Elementar-Mathematik (Berlin 1835-39)" (74). Der Leipziger Philosoph Zeising (1810-1876) widmete sein Lebenswerk der Suche nach "einem die ganze Natur und Kunst durchdringenden morphologischen Grundgesetze". Zeitgleich mit Semper und in offener Konkurrenz zu diesem verteidigte der Hegelianer Zeising die 'ideale' Proportion als geistige Erscheinung des Schönen inmitten des empirischen Materials - dass es sich um ein reines Flächenmaßsystem handelte, störte ihn dabei nicht. Gerade in der Umwandlung der dreidimensionalen Dinge in ein Flächenbild im Blick des Subjekts ereignete sich für ihn die Epiphanie des Schönen als Erkenntnis der Wahrheit der Natur. Van der Schoot verteidigt die These, die moderne Erfindung des goldenen Schnitts gehe letztlich zurück auf die deutsche idealistische Philosophie, auf Schelling und Hegel, die Natur und Menschendinge aus dualen Gegensätzen zu entwickeln suchten und sie sodann mithilfe der Dialektik denken wollten. Die Zweiteilung der Fläche und die dreitaktige Einheit der Form aus Minor, Maior und Ganzem, welche für den goldenen Schnitt grundlegend seien, sei den logischen Operationen der Dialektik sehr ähnlich. Daher erwies sich diese Proportion als passendes Werkzeug zur Unterwerfung der empirischen Welt unter die Prinzipien der Philosophie.

Erst aus dieser geistesgeschichtlichen Tatsache heraus sei die Karriere des goldenen Schnitts, der in Antike und Renaissance nur eine schöne Proportion unter vielen anderen gewesen sei, in der modernen Ästhetik zu verstehen. Indem Van der Schoot zeigt, dass bereits einzelne Formen Teil einer Geschichte des Denkens sein können, kann er eine Alternative weisen zu der von Panofsky 1918 vorgenommen Unterordnung der Proportionsgeschichte unter die Stilgeschichte.


Anmerkung:

[1] Jürgen Fredel: Dürer und der goldene Schnitt, Aust.Kat. Die Beredsamkeit des Leibes, Wien, Albertina, 1992, 174-180; Ders.: Maßästhetik, Studien zu Proportionsfragen und zum goldenen Schnitt, Hamburg 1998.

Susanne Deicher