Rezension über:

Vera-Elisabeth Hirschmann: Horrenda Secta. Untersuchungen zum frühchristlichen Montanismus und seinen Verbindungen zur paganen Religion Phrygiens (= Historia. Einzelschriften; Heft 179), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, 168 S., ISBN 978-3-515-08675-2, EUR 37,00
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Rezension von:
Henrike Maria Zilling
Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Technische Universität, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Henrike Maria Zilling: Rezension von: Vera-Elisabeth Hirschmann: Horrenda Secta. Untersuchungen zum frühchristlichen Montanismus und seinen Verbindungen zur paganen Religion Phrygiens, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/8351.html


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Vera-Elisabeth Hirschmann: Horrenda Secta

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Der Montanismus war eine prophetische Bewegung mit einer auf die Endzeit ausgerichteten Ethik und Askese. Als Entstehungszeitpunkt werden die Jahre 157 und 172 n. Chr. diskutiert (41-49). Die Anhänger bezeichneten sich als die "Neue Prophetie". Sie waren davon überzeugt, dass der im Johannesevangelium angekündigte Paraklet (Fürsprecher oder Beistand) im Propheten Montanus präsent sei und auch Frauen zu seinen Sprecherinnen gemacht habe (14 f.). Besonders zwei Frauengestalten traten neben dem Gründer Montanus in Erscheinung: Es waren dies die Prophetinnen Maximilla und Priscilla. Die Bewegung wurde schon bald auf regionalen Synoden bekämpft und schließlich verboten (124). Der Ursprung des Montanismus liegt in der kleinasiatischen Landschaft Phrygien in der Gegend der heutigen Stadt Usak. Von zentraler Bedeutung sind die wieder entdeckten antiken Städte Pepouza und Tymion, da die Montanisten dort das himmlische Jerusalem erwarteten. [1]

Die Autorin ordnet den Montanismus sowohl in die Geschichte des frühen Christentums als auch in die phrygische Landesgeschichte ein. Ihre bereits 2001 mit dem Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ausgezeichnete Dissertationsschrift ist nun beim Steiner-Verlag erschienen. Damit liegt eine umfassende Einzeluntersuchung zum phrygischen Montanismus vor, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die religiösen Ursprünge und Zusammenhänge der Neuen Prophetie in ihrem regionalen Umfeld geschlossen darzustellen.

Das Problem einer solchen Untersuchung liegt in der schwierigen Quellenlage, weil keine montanistischen Schriften aus der phrygischen Anfangszeit erhalten sind. Zwar wurden, wie von späteren Autoren erwähnt, die Orakel und Aussagen der Urmontanisten in Büchern festgehalten, diese sind aber vollständig verloren gegangen bzw. vernichtet worden und nur in der Wiedergabe und Entgegnung der Gegner greifbar. Frühe antimontanistische Traktate finden wir bei Eusebius in seiner Kirchengeschichte. Zu den wichtigsten späten Zeugnissen zählt der Bericht des Epiphanius in seinem Panarion zum Montanismus. Die einzigen erhaltenen montanistischen Schriften aus späterer Zeit verfasste der Kirchenvater Tertullian, der sich um 208 n. Chr. dem Montanismus zuwandte. Diese werden in einem Exkurs zusammengefasst, mit der Begründung, Tertullian diskutiere den Montanismus auf einer theologischen Ebene, die sich von den phrygisch-ländlichen Anfängen entfernt habe (16 f.).

Hirschmann geht in ihrer Untersuchung von der zentralen Beobachtung aus, dass der Montanismus pagane Elemente aufweise. So stellt sie gleich zu Beginn gegen Schepelern die These auf, "dass traditionell-pagane Einflüsse nur dann Zugang zu einer christlichen Bewegung gefunden haben können, wenn die Bereitschaft dafür bereits am Anfang der Bewegung bestanden hat" (21). [2] Daher betrachtet sie vor allem die Anfänge des Montanismus in Phrygien, den sie mit heidnischen religiösen Parallelerscheinungen in Beziehung setzt, wobei der kleinasiatische Kontext des Apollon- und Kybelekultes im Vordergrund steht. Schließlich behauptet die so genannte Dialexis ("Diskussion eines Montanisten mit einem Orthodoxen"), Montanus sei in seinem paganen Vorleben ein Apollonpriester, und Hieronymus, er sei ein verschnittener Halbmann, mithin Kybelepriester, gewesen. Möglicherweise, so Hirschmanns Annahme, hat Montanus in seiner mysischen Heimat sowohl der Göttin als auch Apollon gedient (140).

Die auffälligste Beziehung der Montanisten zur heidnischen Umwelt sieht Hirschmann zum einen in der engen Verbindung zwischen Prophetie und Ekstase und zum anderen in der unmittelbaren Präsenz des Gottes in seinem Propheten, der als Medium fungiert, aus dem Gott direkt spricht. So kann sie zeigen, dass die phrygischen Propheten ebenso wie die Kybelepriester und andere lokale Kulte keine rationale Dialogform mit Gott kennen, sondern, wie Eusebius kritisch bemerkt, in Raserei und schwer verständliche Rede verfallen. Sie kommt zu dem Schluss, Montanus diene Gott in der Art und Weise, wie sie sich im phrygischen Raum über viele Jahrhunderte in den paganen Kulten fest etabliert habe. Deshalb sieht sie die Neue Prophetie eher in der vorchristlichen Tradition Phrygiens verwurzelt als in der Tradition des Alten und Neuen Testaments (99).

Hirschmann stützt ihre These auf eine breit gefächerte Analyse der Gottheiten und Kulte der Region, für die es reichlich Voruntersuchungen und Quellenmaterial gibt. Dieses setzt sie mit zwei montanistischen Orakeln in Beziehung, die Epiphanius in seinem "Arzneikasten" überliefert. Darin bringt Montanus zum Ausdruckt, dass der Prophet ein Werkzeug und Sprachrohr Gottes ist, wofür er den bekannten Vergleich mit einer Leier anführt, die nur durch die Berührung Gottes erklingt (Leierorakel Pan. 48,4 ff.). Auch wenn die Quellengrundlage für die montanistischen Orakel aufgrund der Überlieferungssituation sehr dünn ist, überzeugt Hirschmanns Argumentation, welche die Einbettung in die paganen Kulte und einheimischen Traditionen so klar konturiert.

Dies bestätigt sich auch bei der Frage nach dem Vorbild für die hervorgehobene Position der montanistischen Prophetinnen. Hier weist sie das Vorbild der Apollonpriesterinnen in Kleinasien und Griechenland, insbesondere den Aspekt der rituellen Jungfräulichkeit, stichhaltig nach (118 f.). Auch bezüglich der viel diskutierten Frage nach der Organisationsstruktur der Montanisten sieht sie den Rückgriff auf heidnische Vereinsmodelle als entscheidend an. Entsprechend vergleicht sie das rätselhafte Amt der Koinonen bei den Montanisten mit dem eines einflussreichen Finanzfunktionärs in einem heidnischen Verein (138). Indes stellt sich die Frage, warum sie der akuten Endzeiterwartung der Montanisten so wenig Beachtung schenkt, die ja sogar zur Vermögensaufgabe motivieren konnte? Über solche speziell durch den christlichen Glauben begründeten Konsequenzen des Montanismus erfährt man bei Hirschmann zu wenig.

Unklar ist zudem die Grundannahme, warum gewissermaßen von Anfang an eine Prädisposition für heidnische Infiltrationen in den montanistischen Ursprungsgruppen in Phrygien bestanden haben soll. Gerade die Ausgrenzung der Montanisten und ihre Stigmatisierung als Häretiker könnte zu einer verstärkten Einflussnahme heidnischer Kreise in späterer Zeit geführt haben, ohne deshalb frühere Anknüpfungspunkte mit heidnischen Kulturtraditionen ausschließen zu müssen. Vielleicht hätte in diesem Zusammenhang die eingehende Vertiefung der Diskussion um die Orthodoxie der Bewegung - ein Anspruch, den Tertullian auch als Montanist mit Vehemenz erhebt - weiter geführt werden können. [3] Denn gerade im orthodoxen Selbstverständnis liegt meines Erachtens ein wichtiger Grund für den Erfolg der Bewegung, die sich rasch über enorme geografische Entfernungen verbreiten konnte und die trotz der Bekämpfungen durch Gegner und Synoden eine große Beständigkeit zeigte.

Gleichwohl hat Hirschmann eine für das Verständnis dieser so schwer zu fassenden Bewegung des Montanismus aufschlussreiche und argumentativ durchweg stringente Arbeit vorgelegt, die nachweist, wie sehr eine frühchristliche Gruppierung mit den paganen Religionen verwoben war.


Anmerkungen:

[1] Peter Lampe: The Phrygian Archeological Surface Survey Project of the University of Heidelberg and the Discovery of Pepouza and Tymion. A Preliminary Report, in: Zeitschrift für antikes Christentum 6 (2002), 117-120; Christoph Markschies: Nochmals: Wo lag Pepuza? Wo lag Thymion? Nebst einigen Bemerkungen zur Frühgeschichte des Montanismus, in: Jahrbuch für Antike und Christentum 37 (1994), 7-28.

[2] Willem Schepelern: Der Montanismus und die phrygischen Kulte, Tübingen 1929, 160.

[3] Henrike Maria Zilling: Tertullian. Untertan Gottes und des Kaisers, Paderborn 2004, 45-56.

Henrike Maria Zilling