Rezension über:

Nikolaus Werz / Reinhard Nuthmann (Hgg.): Abwanderung und Migration in Mecklenburg und Vorpommern, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004, 296 S., ISBN 978-3-531-14287-6, EUR 32,90
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Rezension von:
Henrik Bispinck
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Henrik Bispinck: Rezension von: Nikolaus Werz / Reinhard Nuthmann (Hgg.): Abwanderung und Migration in Mecklenburg und Vorpommern, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/8184.html


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Nikolaus Werz / Reinhard Nuthmann (Hgg.): Abwanderung und Migration in Mecklenburg und Vorpommern

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Die hohe Abwanderung vor allem junger Menschen aus den neuen Bundesländern ist ein gravierendes politisches Problem der heutigen Zeit. Am stärksten vom Bevölkerungsrückgang betroffen ist Mecklenburg-Vorpommern. Der hier vorzustellende Sammelband, der auf ein im Juni 2003 vom Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock und dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock veranstaltetes Symposium zurückgeht, zeigt neben der aktuellen auch die historische Dimension dieses Phänomens auf: Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Mecklenburg hinter Irland die zweithöchste Auswanderungsrate Europas und auch im 20. Jahrhundert verließen viele Menschen das Land. Umgekehrt gab es zu manchen Zeiten auch eine erhebliche Zuwanderungsbewegung in die Region. Die Autoren sind Sozial- und Politikwissenschaftler, Historiker, Demografen, Statistiker und Geografen. Gut die Hälfte der 18 Beiträge ist historischen Aspekten gewidmet, während die Übrigen sich mit aktuellen Fragen von Migration und demografischer Entwicklung befassen.

An die Einleitung und den gelungenen Forschungsüberblick von Peter Marschalck schließen sich im ersten Abschnitt "Aus- und Einwanderung im 19. Jahrhundert" zwei Aufsätze mit komplementären Themen zur Migration in Mecklenburg-Strelitz bzw. Mecklenburg-Schwerin an. Insgesamt verließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts knapp ein Drittel der Bevölkerung der beiden Staaten die Heimat Richtung Übersee. Am Beispiel von Mecklenburg-Strelitz erläutert Axel Lubinski Verlauf, Ursachen und Wirkungen dieser Wanderung, die hauptsächlich die Unterschichten der Landbevölkerung betraf. Die aus der paternalistischen Organisation von Ökonomie und Herrschaft resultierenden gesellschaftlichen Spannungen hätten in Verbindung mit dem Bevölkerungszuwachs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit "wesentlich die Voraussetzungen für die Entstehung und Entfaltung der überseeischen Massenauswanderung aus Mecklenburg" (40) geschaffen, die dann um 1850 auf Grund von akuten Krisen wie Missernten einen ersten großen Schub erhielt. Folge war in den kommenden Jahrzehnten ein zunehmender Arbeitskräftemangel, den die Gutsbesitzer durch Anwerbung von Arbeitskräften aus Schweden, Russland und dem russisch besetzten Polen auszugleichen suchten, wie Reno Stutz am Beispiel Mecklenburg-Schwerins anschaulich zeigt.

Mit einer Gesamtzahl von fast 1 Million nahm Mecklenburg-Vorpommern nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb der SBZ den größten Teil der Heimatvertriebenen auf; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug hier 43,3 Prozent (1949). Georg Diederich widmet sich im zweiten Teil des Bandes insbesondere den Vertriebenen katholischen Glaubens, die den Anteil der Katholiken in Mecklenburg und Vorpommern abrupt von 5,8 auf etwa 16 Prozent ansteigen ließen und schildert die sich daraus ergebenden Probleme für die praktische Seelsorge. Dass Katholiken unter den späteren Westflüchtlingen überproportional vertreten waren, begründet der Autor etwas vage damit, dass ihnen in der mecklenburgischen Diaspora die "geistige Heimat" gefehlt habe. Erfreulich knapp und konzise skizziert Peter Voigt das Auf und Ab in der Bevölkerungsentwicklung der Hansestadt Rostock. Zwischen 1910 und 1940 waren es der zunehmende Tourismus und Bäderverkehr sowie die Ansiedlung von Flugzeug- und Rüstungsindustrie, die fast zu einer Verdoppelung der Bevölkerungszahl auf über 125.000 führten. Nach einem zwischenzeitlich dramatischen Rückgang infolge des Zweiten Weltkriegs sorgte die rasante Expansion traditioneller Wirtschaftszweige wie Seeverkehr, Schiffbau und Fischerei in der DDR-Zeit für einen weiteren Anstieg auf 250.000 Einwohner. Den beträchtlichen Bevölkerungsrückgang seit der Deutschen Einheit, der zu einem Teil lediglich der Suburbanisierung geschuldet sei, bezeichnet Voigt nüchtern als Rückkehr zur "'Normalität' einer Mittelstadt in Deutschland" (121).

Im dritten Abschnitt widmet sich Wolfgang Weiß der Regional-Demografie Mecklenburg-Vorpommerns von 1945 bis 1990, die ihm zufolge derart in die Gesamtentwicklung der DDR eingebettet ist, dass sie den Charakter einer "regionalen Vertiefung" (159) der Demografie der DDR habe. So sind die vier Phasen, in die Weiß die Migrationsbewegung einteilt, denn auch auf viele andere Regionen der DDR übertragbar: Bevölkerungswachstum durch Vertriebene und Flüchtlinge nach 1945, Ost-West-Wanderung aus wirtschaftlichen und politischen Gründen 1946-1961, Binnenmigration innerhalb der DDR, bedingt durch die Umgestaltung der Agrar- und Industriestruktur 1961-1989 und Abwanderung nach Westdeutschland seit 1989. Regionale Spezifika Mecklenburg-Vorpommerns, etwa der besonders hohe Anteil allochthoner Bevölkerungsteile, scheinen daher nur am Rande durch.

Die Aufsätze von Reiner Hans Dinkel sowie von Hartmut Fischer/Ursula Kück befassen sich mit der Bevölkerungsentwicklung der Region seit 1990. Beide konstatieren einen - auch innerhalb der neuen Bundesländer - überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsverlust, bedingt durch die geringe Geburtenrate einerseits und Abwanderung andererseits. Da vor allem jüngere und gut ausgebildete Menschen das Land verlassen, zeichnen die Autoren zudem ein düsteres Bild von der Zukunft: Fischer und Kück zufolge ist "im Extremfall" mit einer Halbierung der Einwohnerzahl Mecklenburg-Vorpommerns bis zum Jahr 2050 zu rechnen (216). Die Gründe für die starke Abwanderung sind vor allem in den schlechten Berufsaussichten der Region zu suchen: Über 50 Prozent der Abwanderer, so zeigt Andrea Schultz, haben das Land wegen Arbeitslosigkeit oder aus Angst davor verlassen. Die Chancen, die abgewanderten Menschen zur Rückkehr nach Mecklenburg-Vorpommern zu bewegen schätzt sie gering ein.

Dem Anliegen der Herausgeber, die Migrationsbewegungen in Mecklenburg und Vorpommern aufzuarbeiten und die "Relevanz dieser Prozesse in Geschichte und Gegenwart des Landes" (8) aufzuzeigen, wird der Band nur zum Teil gerecht. Dies liegt weniger an den Beiträgen selbst als in ihrer Zusammenstellung und Anordnung, die teilweise etwas beliebig wirkt. Was hat etwa der Beitrag zur "Auswanderung aus Mecklenburg und Vorpommern als Gegenstand der Literatur" in dem Abschnitt "Fremdarbeit Bevölkerungsgewinne und ausländische Besucher im 20. Jahrhundert" zu suchen? Einige sehr spezielle Aspekte, etwa die Amerika-Auswanderung aus Mecklenburg-Strelitz im 19. Jahrhundert oder geschlechtsspezifisches Wanderungsverhalten in Sachsen-Anhalt (!) werden ausführlich und instruktiv behandelt, wohingegen gewichtigere Themen gar nicht oder nur am Rande vorkommen. So wird die wohl gravierendste Bevölkerungsbewegung des Untersuchungszeitraums, die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten, fast ausschließlich unter dem Aspekt der Bemühungen der katholischen Kirche um die Integration der katholischen Minderheit abgehandelt. Ein Beitrag zur Fluchtbewegung aus Mecklenburg und Vorpommern nach Kriegsende - allein zwischen 1953 und 1961 gingen über 320.000 Bewohner aus den drei Nordbezirken der DDR in den Westen - fehlt.

Der Band zeigt zudem die Grenzen des in den letzten Jahren viel beschworenen interdisziplinären Zugangs auf: Einige der von Demografen und Statistikern verfassten Beiträge sind für Laien schwer verständlich, während umgekehrt die Historiker in ihren Untersuchungen nur begrenzt auf Methoden und Begriffe aus diesen Wissenschaften zurückgreifen. Mit dieser Kritik soll die vielfach hohe Qualität der einzelnen Beiträge und die grundsätzliche Relevanz des Themas keinesfalls geschmälert werden. Doch hätte der Band mit einer etwas sorgfältigeren Auswahl und Zusammenstellung viel gewinnen können.

Henrik Bispinck