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Christine Roll / Matthias Schnettger: Neuerscheinungen zur Reichsgeschichte in der FrĂŒhen Neuzeit. Einführung, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
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Neuerscheinungen zur Reichsgeschichte in der FrĂŒhen Neuzeit

Einführung

Von Christine Roll / Matthias Schnettger

Die Geschichte des Alten Reichs zĂ€hlt seit mehr als einem halben Jahrhundert unzweifelhaft zu den fruchtbarsten Feldern der deutschen FrĂŒhneuzeitforschung. LĂ€ngst vorbei sind die Zeiten, da das Heilige Römische Reich Deutscher Nation einer kleindeutsch-borussisch ausgerichteten Historiographie als Ausdruck tiefster Dekadenz galt und als Zerrbild des ersehnten Nationalstaats herhalten musste oder bloß den dunklen Hintergrund abgab, vor dem sich der Aufstieg Brandenburg-Preußens zum Wegbereiter neuer nationaler GrĂ¶ĂŸe vollzog.

Inspiriert und begĂŒnstigt durch die hohe WertschĂ€tzung, derer sich - als Folge der Perversion des Machstaats - föderale Strukturen bald nach 1945 wieder erfreuten, gewann auch das Alte Reich, jene ganz andere Tradition deutscher Staatlichkeit, fĂŒr die FrĂŒhneuzeitforschung ungemein an AttraktivitĂ€t. Mehrere Generationen von Reichs-Historikern haben unsere Kenntnisse ĂŒber das Alte Reich in einer FĂŒlle von Einzelstudien und Gesamtdarstellungen seither ernorm erweitert und vertieft. Auch ist die Geschichtswissenschaft in ihrem BemĂŒhen, angemessene Kategorien fĂŒr die Erforschung jenes eigenartigen, vormodernen, so gar nicht imperialistischen Imperiums auszuarbeiten, ein gutes StĂŒck vorangekommen.

In der politischen Ordnung des Alten Reichs sieht man denn auch nicht mehr Kleinstaaterei und DysfunktionalitĂ€t, sondern begreift, dass die Verfassung des Reichs die kleineren und kleinsten seiner Glieder vor dem Zugriff der großen weitgehend zu bewahren vermochte und dass sie fĂŒr politische AktivitĂ€ten wie fĂŒr unkonventionelle Kompromisse erhebliche SpielrĂ€ume bot. Verfassungsgeschichte des Reichs ist mithin nicht mehr die isolierte Geschichte seiner Institutionen, sondern das BemĂŒhen um das VerstĂ€ndnis von der Verfasstheit, ja: vom Wesen des Reichs - unter Einbeziehung seiner sozialen, wirtschaftlichen, konfessionellen, regionalen kommunikativen und weiteren Strukturen. Den vormals diskreditierten "Flickenteppich" lobt mancher inzwischen sogar als regionale Vielgestaltigkeit - so dass es scheint, als ob sich die Anschauungen des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts mittlerweile geradezu in ihr Gegenteil verkehrten und die Hochachtung vor dem Forschungsgegenstand fĂŒr seine - ja auch von vielen Zeitgenossen beklagten - Schwachstellen blind zu machen drohe.

Das Alte Reich jedenfalls sorgt fĂŒr Diskussion im Fach. Und wenn die von Georg Schmidt vorgetragene These vom Alten Reich als dem Staat der Deutschen - genauer: vom "komplementĂ€ren Reichs-Staat der deutschen Nation" - jĂŒngst so hohe Wellen schlug, dass sie auch in die allgemeinen Zeitschriften des Fachs hineinschwappten, zeigt das, welch große Bedeutung der gelehrte Disput um die "richtige" Interpretation des Alten Reichs in der FrĂŒhneuneuzeitforschung heute hat.

Die Tagung "Die FrĂŒhe Neuzeit als Epoche" der Arbeitsgemeinschaft "FrĂŒhe Neuzeit" im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (15.-17. September in Erlangen) ist uns Anlass, Rezensionen ĂŒber wichtige Neuerscheinungen zur Reichsgeschichte in der FrĂŒhen Neuzeit in einem FORUM der sehepunkte zusammenzufassen. FĂŒnf Beobachtungen seien hierbei hervorgehoben:

1. Nachdem die Forschung sich lange Zeit bevorzugt mit den reichsstĂ€ndisch geprĂ€gten Institutionen beschĂ€ftigt hatte, gewinnt seit einigen Jahren auch die Verfassungsinstitution Kaiser verstĂ€rkt an Interesse. Damit kommen die Habsburger in Blick, die in der FrĂŒhen Neuzeit - mit einer Ausnahme - ausschließlichen TrĂ€ger der Kaiserkrone. Das Forschungsinteresse gilt inzwischen auch den Residenzen und ihrer Baugeschichte, etwa jener Schönbrunns (Elisabeth Hassmann), und es gilt dem mit kĂŒnstlerischen Mitteln geĂ€ußertes Lob der Dynastie wie Herrscherkritik (Pierre BĂ©har / Herbert Schneider). Eine immer wieder gestellte, jedoch noch keineswegs erschöpfend beantwortete Frage ist die nach den Zielen und BeweggrĂŒnden der kaiserlich-österreichischen Reichspolitik (Angela Kulenkampff). Verfolgten die Habsburger primĂ€r ihre landesherrlichen Interessen? Welche Rolle spielten ihre dynastischen Belange wie die des Reichs? Im Zusammenhang solcher Fragestellungen kommen auch die kaiserlichen Minister und RĂ€te vermehrt in den Blick: als wichtige EntscheidungstrĂ€ger am Kaiserhof, in ihren sozialen und konfessionellen Bindungen und sogar in ihrer je eigenen Biographie (Anja Meußer).

2. An den kaiserlichen RĂ€ten, aber auch an den ReichsfĂŒrsten, interessiert in wachsendem Maße ihre Rolle als Akteure und TrĂ€ger der politischen Kommunikation (Reiner Zimmermann). Auf die Erforschung der Kommunikationswege wie deren Organisatoren wird zunehmend Gewicht gelegt (Karl Heinz Kremer). Studien zur Reichspublizistik erweisen sich weiterhin ebenfalls als ergiebig (Albrecht von Arnswaldt). Auf den ersten Blick erstaunlich erscheint, dass es bis zum Ende des Reichs Bestrebungen und Hoffnungen gab, mit dem Buchhandel zusammenhĂ€ngende Fragen reichsweit und -einheitlich zu regeln (Steffen-Werner Meyer), wenngleich auch in diesem Bereich im 18. Jahrhundert eine schleichende Föderalisierung zu beobachten ist. Diese Neuerscheinungen weisen darauf hin, dass in jĂŒngster Zeit das Reich verstĂ€rkt auch als Kommunikationsraum wahrgenommen worden ist.

3. Nach wie vor aktuell erscheint die in den 1970er Jahren laut gewordene Forderung, sozial- und verfassungsgeschichtliche Forschungen zum Alten Reich miteinander zu verbinden, dies nicht nur mit Blick auf die bereits erwÀhnten AmtstrÀger am Kaiserhof, sondern selbstverstÀndlich auch auf die reichsstÀndischen Vertreter an Reichskammergericht und Reichstag, wobei sich fruchtbare Verbindungen zwischen reichs- und landesgeschichtlicher Forschung ergeben können (Lupold von Lehsten, Christoph Schmelz). Daneben gilt das Interesse der kaiserlichen Klientel, den MindermÀchtigen im Reich. Hier ist nicht zuletzt die Reichsritterschaft zu nennen (Helmut Neumaier), die zwar nicht zu den ReichsstÀnden gehörte und folglich auch nicht an den reichsstÀndischen Institutionen wie Reichstag und Reichskammergericht partizipierte, gleichwohl im 16. Jahrhundert nicht zuletzt mit Hilfe kaiserlicher Privilegien ihre Reichsunmittelbarkeit sicherte.

4. Die Stellung des Reichs in Europa ist ein Forschungsfeld, das in den letzten Jahren wieder verstĂ€rktes Interesse findet. Zum einen werden die Beziehungen von Kaiser und Reich zu ihren Nachbarn in den Blick genommen, von denen traditionellerweise Frankreich eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, das auch in relativen SchwĂ€chephasen eine aktive Reichspolitik pflegte und wo die Kenntnisse ĂŒber das Reich und seine Verfassung bemerkenswert gut waren (Jörg Ulbert). Zum anderen erfahren die nichtdeutschen Peripherien des Reichs verstĂ€rkt Aufmerksamkeit. Ambivalent war beispielsweise die Stellung Böhmens (Alexander Begert): Einerseits war der König von Böhmen der vornehmste der weltlichen KurfĂŒrsten (und zugleich in Personalunion in der FrĂŒhen Neuzeit fast durchgĂ€ngig der Kaiser), andererseits erfolgte im spĂ€ten Mittelalter ein RĂŒckzug Böhmens aus dem Reich - erst durch die sogenannte Readmission von 1708 wurde es zum steuerzahlenden Mitglied des Reichstags.

5. Eine fĂŒnfte Beobachtung betrifft die Frage, wie die Ergebnisse der neuen Reichsgeschichtsforschung ĂŒber die Kreise der Spezialisten hinaus dem allgemeinen Fachpublikum, aber auch einer grĂ¶ĂŸeren Öffentlichkeit nahe gebracht werden können. Dass das Reich und seine Verfassung in Überblicksdarstellungen zur FrĂŒhen Neuzeit eine angemessene Rolle einnehmen mĂŒssen, sollte unbestritten sein (Hans-JĂŒrgen Goertz). Daneben hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von JubilĂ€en und mit diesen verknĂŒpften Ausstellungen das Alte Reich stĂ€rker ins allgemeine Bewusstsein gerĂŒckt: 1998 zum WestfĂ€lischen Frieden, 2003 zum Reichsdeputationshauptschluss, 2005 zum Augsburger Religionsfrieden ("Als Frieden möglich war"), und 2006 wird man an das Ende des Reichs erinnern. Man mag mit Recht kritisieren, wenn sich die Forschung zu sehr an die aktuelle "JubilĂ€umskonjunktur" binden lĂ€sst. Gerade fĂŒr die Ă€lteren Epochen besitzen die JubilĂ€umsausstellungen jedoch eine wichtige Vermittlungsfunktion.

Die im FORUM besprochenen BĂŒcher bestĂ€tigen insgesamt das hohe Niveau, das die Forschungen zum Alten Reich in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben. Zugleich wird deutlich, dass die Reichsgeschichtsforschung durchaus in der Lage ist, mit Gewinn aktuelle ForschungsansĂ€tze zu adaptieren und ihrerseits neue zu entwickeln. Freilich bleibt noch eine Menge zu tun. Die Tatsache, dass das fĂŒr die frĂŒhneuzeitliche Reichsgeschichte wichtigste Archiv, das Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, den BenĂŒtzern nach einer mehrjĂ€hrigen Umbauphase nun wieder ohne EinschrĂ€nkung zur VerfĂŒgung steht, sollte ein Ansporn sein, sich in die Arbeit zu stĂŒrzen.

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