Rezension über:

Gisela Bock (Hg.): Genozid und Geschlecht. Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Frankfurt/M.: Campus 2005, 276 S., ISBN 978-3-593-37730-8, EUR 34,90
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Rezension von:
Edith Raim
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Edith Raim: Rezension von: Gisela Bock (Hg.): Genozid und Geschlecht. Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Frankfurt/M.: Campus 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/7922.html


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Gisela Bock (Hg.): Genozid und Geschlecht

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Der Band vereint Aufsätze zur Situation der weiblichen jüdischen Häftlinge in verschiedenen Konzentrationslagern (Moringen, Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Neuengamme, Theresienstadt) und zu nationalen Gruppen innerhalb der Häftlingsbevölkerung von Lagern (Griechenland, Rumänen in transnistrischen Lagern) sowie zum Leben jüdischer weiblicher Überlebender in der Tschechoslowakei und den Vereinigten Staaten nach 1945. Enthalten ist außerdem eine biografische Skizze einer SS-Aufseherin. Die Themen werden unter historischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Aspekten beleuchtet. Vorab sei gesagt, dass viele der Beiträge höchst lesenswert sind und wichtige Themen aufgreifen. Gleichwohl hinterlässt der Band insgesamt einen enttäuschenden Eindruck, weil zwischen dem ehrgeizigen Titel und dem Inhalt eine große Kluft besteht.

Das beginnt schon bei der nachlässig gearbeiteten Bibliografie. Da wird zwar einerseits vollmundig beklagt, dass die Erinnerungen weiblicher jüdischer Überlebender in der Forschung kaum berücksichtigt werden (Bock, 7; Jaiser, 123), aber gleichzeitig stellt der Band durch die lückenhafte Literaturangabe sicher, dass sich daran nichts ändern wird. In der Primärliteratur fehlt selbst die - teils in hohen Auflagen und teils in Publikumsverlagen erschienenen - Bücher von Cordelia Edvardson, Fania Fénélon, Helene Holzman, Anita Lasker-Wallfisch, Mascha Rolnikaite oder Gerty Spies. Weniger bekannte Autorinnen und Werke wie Gertrude Schneiders "Journey into terror" über Riga oder Elsa Bernsteins Erinnerungen an Theresienstadt wagt man schon kaum mehr anzumahnen. Wer die Gedichte von Gertrud Kolmar im Literaturverzeichnis erwähnt, sollte die von Selma Meerbaum-Eisinger, die mittlerweile auch in Anthologien Eingang gefunden haben, nicht verschweigen. Ausdrücklich genannt wird zwar das Arbeitserziehungslager Breitenau (Caplan, 22), die Briefe der dort inhaftierten Lilli Jahn an ihre Kinder vor der Deportation nach Auschwitz (mittlerweile sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung publiziert) werden ignoriert. In der Sekundärliteratur ist sogar der Name des Historikers und Theresienstadt-Überlebenden Miroslav Kárný zu "Miroslaw Kárn" verstümmelt. (Hájková, 217, 269). Auch Forschungsergebnisse von einschlägigem Interesse für den Band wie etwa der Aufsatz von Kerstin Engelhardt zu Frauen im KZ Dachau (Dachauer Hefte 14) werden nicht wahrgenommen.

In weiten Teilen scheitert die Aufsatzsammlung einfach an einer Fehlkonzeption. Wer im Klappentext ankündigt, "erstmals [...] in einem deutschsprachigen Band das Leben, Sterben und Überleben jüdischer Frauen in den Lagern des NS-Regimes" zu untersuchen, muss sich auch an diesem Anspruch messen lassen. Unstrittig ist unter Historikern, dass es bis zur Pogromnacht von 1938 und der damit einhergehenden Massenverhaftung von (männlichen) Juden keine größere jüdische Häftlingsbelegschaft in den Konzentrationslagern gab. Erst ab 1942 waren jüdische Frauen in größeren Mengen unter den Gefangenen vertreten und selbst dann nur in den Lagern im Osten, denn nach Himmlers Befehl vom 29. September 1942, mit dem die Konzentrationslager im Reich "judenfrei" gemacht wurden, dienten diese lediglich noch als Durchgangsstation für Auschwitz. Eine Ausnahme bildete das KZ Bergen-Belsen, das aber zunächst andere Funktionen hatte (und auch im vorliegenden Band nicht thematisiert wird). Erst Mitte 1944 wurden in die Konzentrationslager im Reich und vor allem in ihre Außenlager wieder zehntausende männliche und weibliche jüdische Häftlinge aus ganz Europa eingewiesen. Die Situation der meisten weiblichen jüdischen Gefangenen war dadurch gekennzeichnet, dass sie in der letzten (und chaotischsten) Phase im KZ-System in Erscheinung traten.

Es wäre daher logisch gewesen, sich auf die Jahre 1941 bis 1944/1945 zu konzentrieren und sich den Konzentrationslagern zu widmen, in denen tatsächlich Jüdinnen in großer Zahl inhaftiert waren. Die in der Aufsatzsammlung beschriebenen Lager sind dies mit der Ausnahme von Theresienstadt - das eine Zwitterstellung zwischen Ghetto und KZ einnimmt - und Auschwitz jedoch keineswegs. Über die exklusiv jüdischen Konzentrationslager Riga-Kaiserwald, Kaunas, Vaivara und Klooga oder die Haftstätten mit einer quantitativ großen jüdischen - auch weiblichen - Häftlingsbevölkerung wie Lublin-Majdanek, Krakau-Plaszow, Stutthof oder Groß-Rosen und ihre jeweiligen Außenlager schweigt der Band. Das "univers concentrationnaire" - ein von David Rousset geprägter und im vorliegenden Werk gern kokett zitierter Begriff (Bock, 7, 20; Dublon-Knebel, 66) - wird so sicher nicht ausgelotet. Stattdessen werden Nebenschauplätze detailverliebt beackert. Die Relevanz von Moringen darf ebenso angezweifelt werden wie die der transnistrischen Lager, die - muss man es wirklich sagen? - nicht von Deutschen betrieben wurden und damit per definitionem nicht Teil des nationalsozialistischen Lagersystems sein konnten. So interessant die Erforschung der Traumabewältigung bei Überlebenden in der Tschechoslowakei und den USA nach 1945 sein kann - im vorliegenden Band ist dies deplatziert. Angesichts der eklatanten Lücken in der Forschung erscheint die Fokussierung auf das teils Bekannte (wie Ravensbrück und Buchenwald - der Aufsatz von Irmgard Seidel geht nur unwesentlich über den 1982 von Renate Ragwitz publizierten Beitrag in den Buchenwald-Heften hinaus) und das Periphere mehr als diskussionsbedürftig.

Niemand will behaupten, dass die Forschungslage zur Situation weiblicher jüdischer Häftlinge im NS-Lagersystem einfach ist. Schon die von der Zentralen Stelle Ludwigsburg betriebenen Ermittlungen zu den Frauenlagern machen deutlich: es war schwierig, die Zeuginnen überhaupt zu finden, die unter neuen Namen in Israel und Übersee lebten. Frauen konnten oft nur wenig qualifizierte Hinweise zur Ermittlung der Täter liefern, da ihnen SS-Dienstgrade und Uniformen kein Begriff waren und mangelnde Sprachkenntnisse auch bei der korrekten Wiedergabe deutscher Namen Schwierigkeiten bereiteten. Sobald keine als Mord einzustufenden Tötungsverbrechen vorlagen, erlahmte außerdem das Interesse der Ermittler schnell. Die noch jungfräulichen Benutzerblätter in deutschen Archiven zeigen schließlich, dass sich bisher nur wenige Historikerinnen und Historiker die Mühe gemacht haben, die Akten zu studieren.

Deshalb gibt es noch so viele offene Fragen: Wann befanden sich wie viele jüdische Frauen in welchem Lager? Wie wandelten sich die Überlebensbedingungen während des Krieges? Wir wissen, dass jüdische Frauen bei den Selektionen aufgrund von Mutterschaft und geringerem Interesse der Nationalsozialisten an ihrer Arbeitskraft meist schlechtere Überlebenschancen hatten als jüdische Männer. Wandelte sich dies im Jahr 1944, als vermehrt Jüdinnen in die Konzentrationslager und ihre Außenlager kamen und ihrer Arbeitskraft größere Bedeutung beigemessen wurde? Oder führte gerade die Kombination von Misogynie und Rassismus der Nationalsozialisten zu besonders aggressiven Vernichtungsexzessen wie etwa das Massaker von Palmnicken oder der Todesmarsch aus dem Flossenbürger Außenlager Helmbrechts - mit jeweils fast ausschließlich jüdischen weiblichen Opfern - vermuten lassen? Wie unterschieden sich die Schicksale von Jüdinnen verschiedener Nationalitäten? Auf diese Fragen geht der Band nicht einmal ansatzweise ein. Insgesamt ein hochspannendes Thema - leider eine verschenkte Chance.

Edith Raim