Rezension über:

Michael Hagner: Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung (= Wissenschaftsgeschichte), Göttingen: Wallstein 2004, 384 S., 79 Abb., ISBN 978-3-89244-649-1, EUR 38,00
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Rezension von:
Frank Stahnisch
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Florian Steger
Empfohlene Zitierweise:
Frank Stahnisch: Rezension von: Michael Hagner: Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung, Göttingen: Wallstein 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/7137.html


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Michael Hagner: Geniale Gehirne

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In seinem neuesten Buch "Geniale Gehirne" greift Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH in Zürich, die Beschäftigung mit den "Verkörperungen des Geistes" (309) aus einer umfassenden wissenschaftshistorischen Perspektive auf. Er folgt der Leitfrage, warum die Perspektive auf das Gehirn von außerordentlichen Personen, etwa von Carl Friedrich Gauß (1777-1855), Hermann von Helmholtz (1821-1894) oder Albert Einstein (1879-1955), immer dann neurowissenschaftliche Konjunktur erlebte, wenn sich die sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen von Hirnforschung verschoben. Hagners diskursanalytisch orientierte Studie setzt also beim Erstaunen darüber an, wie sich Themenkomplexe der Naturwissenschaften in der Wissenschaftsgeschichte als sensationsanfällig und den sozialen Aufmerksamkeiten unterworfen entpuppen.

Wie sich aus der Nachbemerkung erfahren lässt, lag dieser Geschichte der Elitegehirnforschung eigentlich eine Verlegenheit zu Grunde: "Im Herbst 1995 hielt ich [Michael Hagner] einen kleinen Vortrag in Göttingen, wo das Gehirn des Mathematikers Carl Friedrich Gauß wiederaufgetaucht war [...]. Seitdem habe ich mit Unterbrechungen an diesem Buch gearbeitet" (311). Die historiografische Beschäftigung mit dem Phänomen "Gehirn" beschränkt sich beim Autor seit Langem nicht auf die Frage außergewöhnlicher Gehirne, sondern zielt auf ein breites Forschungsprogramm zur Frage des "Aufstiegs der Hirnforschung seit dem 19. Jahrhundert" ab (8). Das Manuskript des vorliegenden Buchs ging sogar wesentlich aus Vorarbeiten zu seinem früheren Werk "Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn" (1997) [1] hervor (12). Tatsächlich lässt "Geniale Gehirne" wieder deutlich narrative Strukturen erkennen, in denen die epistemische Metamorphose des Gehirns in den Feldern von Psychologie, Moral, Ästhetik, Ökonomie etc. als zentraler Ansatzpunkt gewählt wird, um die Prägung des modernen Menschenbilds durch die Hirnforschung zu verdeutlichen.

Eingebunden in die Tradition der Science Studies, "Wissenschaft als kulturelle Praxis" (9) zu fassen, steht die Arbeit vor einem breiten Forschungshintergrund, in dem das "Gehirn" als epistemisches Ding erscheint. "Geniale Gehirne" verfolgt damit die kulturelle Dimension der "Resonanzen und Korrespondenzen, Aufsprengungen und Ausschließungen" neurowissenschaftlicher Begleitdiskurse, ungefähr seit den 1780er-Jahren bis um 1960, und lässt das Cerebrum als "symbolisch kontaminiertes Organ" (9) hervortreten. Diesem Narrativ verpflichtet, geht es dem Autor also weniger darum, die für sich gesehen amüsanten und skurrilen Anekdoten um die Gehirne bedeutender Wissenschaftler zu kompilieren. Stattdessen sucht er eine Antwort darauf, "[...] in welchen historischen Konstellationen sich Praktiken, Theorien und Dispositive zur Konstruktion des genialen Gehirns zusammengefügt haben. In welchen Wissensräumen der Anatomie und Psychiatrie, der Anthropologie und Schädelkunde, der Philosophie und Ästhetik [wurde] das Gehirn bedeutender Persönlichkeiten ins Licht gerückt, mit Bedeutung aufgeladen, metaphorisiert oder als Chiffre für bestimmte Leitvorstellungen instrumentalisiert [...]?" (9).

Dieser Fragenkomplex zur Geschichte des Gehirns wird in 6 Kapiteln entfaltet: In den ersten beiden (19-118) geht Hagner der Entstehung des Interesses an den Schädeln und Gehirnen außerordentlicher Personen im späten 18. Jahrhundert auf den Grund. Dass er Georg Christoph Lichtenbergs (1742-1799) Diktum von 1771 an den Anfang stellt, wonach die Physiognomik "die größten Männer, die Gefängnisse und die Tollhäuser durchsehen" (19) müsse, um eine Grundlage für die Kenntnis des Menschen zu erlangen, ist bezeichnend für die anthropologische Breite des Ansatzes. Hagner folgt über Johann Caspar Lavater (1741-1801) und Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) hinaus immer wieder Spuren der Untersuchung von Gehirnen der Kriminellen und Geisteskranken, die er kontrastierend neben das Interesse am Genie stellt: So wird der Leser auch in die feinsinnige Klaviatur der kraniologischen Bestimmung bei Franz Joseph Gall (1758-1828) und Johann Caspar Spurzheim (1776-1832) eingeführt, mit denen "die Einschreibung der geistigen Qualitäten in die Hirnrinde" begann.

Das 3. Kapitel "Schädelkunde oder: Die Erfindung der cerebralen Biographien" (54-118) macht die kulturhistorischen Hintergründe einer Tabuisierung von anatomischen Leichenöffnungen deutlich, wobei sich der Raum für das Interesse an den Gehirnen der "hommes de génie" (François Magendie, 1783-1855) sehr zaghaft und über den Umweg der Hirnsektionen bei Geisteskranken erschloss. Geniekult, Hagiografie und politischer Materialismus charakterisieren das kulturelle Tripel, das die Untersuchung zu Hirngewicht und Physiognomik der zerebralen Windungen (119-176) Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmte. Wenn auch aus unterschiedlicher politischer Motivation heraus, so können hierfür die Namen von Rudolph Wagner (1805-1864) und Paul Broca (1824-1880) einstehen, die den Höhepunkt der Messkultur sowie des Vergleichs von Hirnmassen, Körpergrößen und Intelligenzleistungen markieren. Hagner beschreibt mit archäologischem Tiefsinn und mit Verweis auf den "Nutzen und Nachteil der Zahlen", aber auch, wie sich dieser szientistische Ansatz zum Fin de siècle im Gestrüpp der Daten verhedderte.

Mit seinem aus medizinhistorischer Perspektive vielleicht bemerkenswertesten Kapitel "Gelehrten- und Künstlergehirne im Fin de siècle" (177-234) stößt Hagner in das naturwissenschaftliche Zeitalter vor und greift die beeindruckende Undulation in den Auffassungen vom Gehirn zwischen Fortschrittsglauben und den virulenten Untergangsängsten heraus. Mediziner hätten wesentlich das Pathologische am Ende des 19. Jahrhunderts generalisiert, zu einer Zeit, als sich auch die Hirnforschung weiter in spezialisierte Bereiche auszudifferenzieren begann. Cesare Lombroso (1835-1909) muss als wichtiger Eckpunkt einer Verfeinerung in den Bereich der Kriminalanthropologie gesehen werden, und Paul Flechsig (1847-1929) deutete den Weg zur Hirnpsychiatrie, die das geniale und kultivierte Gehirn in Augenschein nahm und den autoptischen Forscherblick ins Mikroskopische hinein verfeinert hat. Natürlich fehlen im Folgekapitel zu "Aufstieg und Niedergang der Elitegehirnforschung" (235-287) die Hintergründe und Wendungen im Programm der Zytoarchitektonik von Oskar Vogt (1870-1959) ebenso wenig wie seine Untersuchungen des Gehirns von Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924). Hagner verweist hier deutlich auf die semantische Besetzung der Elitegehirnforschung mit Lenins Hirn, was ihre geringe Relevanz in der Biomedizin des Nationalsozialismus erklärt (275).

"Geniale Gehirne" spannt überdies einen wichtigen Bogen zur Zeit "Nach der Elitegehirnforschung" (Kapitel 6: 288-310). Hagner bemüht sich hierbei deutlich um eine Entmystifizierung der Neurowissenschaften und stellt sich keinesfalls auf eine gelassene wissenschaftshistorische Position, die die Wege und Abwege, die Forschungskonzeptionen und soziokulturellen Kontexte als ewige Wiederkehr des Gleichen brandmarken würde. Die Aufgeregtheiten unserer Zeit werden jedoch auf ihre historische Folie zurückgeholt und verlieren an diskursiver Schärfe. Vielleicht lässt sich somit als Kernthese des Buchs festhalten, dass "Gehirne außerordentlicher Persönlichkeiten [...] immer dann ein heißer Forschungsgegenstand gewesen [sind], wenn neue Technologien oder Theorien versprachen, dem Verhältnis von Gehirn und Geist auf die Spur zu kommen" (8). Und es kann kaum Zweifel geben, dass die technisch-methodischen Zugangsmöglichkeiten zur Erforschung des Gehirns mit der Decade of the Brain tatsächlich enorm zugenommen haben.

Hagners neuestes Buch brilliert in seiner Materialfülle, den großen kulturanthropologischen Linien und der Auswahl illustrativer Details. Gleichwohl hätte man an einigen Stellen eine tiefer gehende Darstellung wünschen können, so etwa eine stärkere Thematisierung rhetorischer und wissenschaftlicher Übernahmestrategien bei gegenläufigen Positionen in der Hirnforschung - etwa die Selbstzweifel, die Samuel Thomas von Soemmerring (1755-1830) oder Jacob Fidelis Ackermann (1765-1815) im Umgang mit den Phrenologen plagten - oder eine umfassendere Darstellung der Entwicklungslinien in nicht-deutsprachigen Ländern. Gegenüber Hagners grundlegender Arbeit müssen solche weitergehenden Wünsche aber zurückstehen. Das Buch wird von 30 Seiten Literaturverzeichnis vervollständigt, und die 71 Abbildungen sowie 7 Farbtafeln unterstreichen zentral die ästhetische Dimension in Hagners Argument. Ein 6-seitiges Personenregister ist zwar angefügt, doch sucht man ein Orts- und Sachregister, das den wissenschaftlichen Zugang sicher erleichtert hätte, vergebens. Last, but not least ist zu betonen, wie leicht der Autor auch schwierige wissenschaftshistoriografische Konzeptionen in flüssige Sprache kleidet, sodass "Geniale Gehirne" sicherlich breite Rezeption finden wird. Und wenn die Neurowissenschaften im Slang von Laborforschern inzwischen bereits sexy geworden sind, dann ist Wissenschaftsforschung nach Hagners Diktion vraiment génial!


Anmerkung:

[1] Michael Hagner: Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn, Berlin 1997.

Frank Stahnisch