Rezension über:

Klaus Ganzer: Die religiösen Bewegungen im Italien des 16. Jahrhunderts (= Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung. Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum; Heft 63), Münster: Aschendorff 2003, VII + 82 S., ISBN 978-3-402-02984-8, EUR 17,40
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Rezension von:
Cornel Zwierlein
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Cornel Zwierlein: Rezension von: Klaus Ganzer: Die religiösen Bewegungen im Italien des 16. Jahrhunderts, Münster: Aschendorff 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/5414.html


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Klaus Ganzer: Die religiösen Bewegungen im Italien des 16. Jahrhunderts

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Ein deutschsprachiges Überblicks- und Einführungswerk in die heterodoxen Strömungen in Italien in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und in die dichte hierzu bestehende Forschung ist sicherlich ein Desiderat, auf das Ganzers knappe Skizze reagiert.

Ganzer beginnt mit Hinweisen zur allgemeinen religiösen Erneuerungsbewegung des 15. Jahrhunderts, weist auf die religiösen Tendenzen innerhalb des italienischen Humanismus hin, um dann kurz einerseits Charakter und Bedeutung von Savonarolas und von Erasmus' Wirken bzw. Wirkung in Italien nachzuzeichnen (8-12). Es folgt die Aufzählung einiger Persönlichkeiten und Gruppierungen (Contarini, Giustiniani, Quirini in Venedig, Bruderschaften und Theatinerorden, Gian Matteo Giberti, Reginald Pole, Bernardino Ochino, Juan Valdés, Vittoria Colonna, Michelangelo, Marcantonio Flaminio, 12-25). Dann wird kurz nach inhaltlichen Gemeinsamkeiten bei den so unterschiedlichen Personen und Gruppierungen gefragt, was unter den Schlagwörtern des "Evangelismo" und "Spiritualismo" geschieht, wobei insbesondere die Rechtfertigung (allein) aus dem Glauben als zentrales Thema hervorgehoben wird (25-28). Es folgt die Darstellung des Religionsgespräches von Regensburg (1541) und des Echos, das seine Ergebnisse in Rom fanden. Dieses Religionsgespräch sei als Zäsur zentral auch für den italienischen Evangelismus gewesen (28-36). Kurzen Hinweisen zu Valdéz und seinen Anhängern in Neapel so wie zu Reginald Poles Kreis in Viterbo folgen längere Ausführungen zur Gründung der römischen Inquisition (1542), zur Diskussion über die Rechtfertigungslehre auf dem Trienter Konzil (Seripando) und zum Fortschreiten der römischen Repressionspolitik unter Paul IV. und dann Pius V., zur Gründung des Jesuitenordens und des Oratoriums Filippo Neris. Auf fünf Seiten (69-74) werden dann unter dem Titel "Der religiöse Radikalismus in Italien" Anabaptisten und Antitrinitarier vorgeführt, bevor in einer Würdigung (75-82) empathisch den "hoffnungsvollen Aufbrüchen" und den tragisch "vertanen Chancen" nachgesonnen wird, die der freilich "auch im Luthertum und im Calvinismus" vorzufindende Konfessionalismus auf lange Zeit hin verspielt hätte.

Leider, so muss doch kritisch bemerkt werden, folgt die Darstellung keinem überzeugenden Gliederungsprinzip, die es für "Einsteiger" in das Studium der heterodoxen Strömungen in Italien, an die sich der Text doch richtet, leicht machte, hier Zugang zu finden. Die Orientierung an einzelnen Figuren, die dann wiederholt mit eigenen Abschnitten auftauchen, erscheint als Behelfslösung. Schon ein erster geografischer Überblick über Zentren von solchen "religiösen Bewegungen" wäre vielleicht hilfreicher gewesen. Zudem nimmt die Perspektive "von oben" ausgerechnet in einem Buch, dem es doch um die Heterodoxie geht, immer noch fast den meisten Raum ein. Eine Reflexion über den Begriff der "religiösen Bewegungen", zu dem es immerhin für den protestantisch-reformatorischen Bereich einen eigenen EDG-Band gibt und der von Hans-Jürgen Goertz eine ganz spezifische Prägung erfahren hat, erfolgt nicht. [1] Die Waldenser des Piemont (sowie in Apulien, Sizilien) - die einzige heterodoxe Gruppe, die langfristig in Italien bestehen blieb - werden überhaupt nicht erwähnt. Freilich könnte man dies mit ihrer ganz anderen Vorgeschichte begründen oder damit, dass sie keine "religiöse Bewegung" seien oder dass sie seit der Synode von Chanforan von 1532 oder mit Audisio [2] erst seit ca. 1560 letztlich von Calvinisten nicht zu unterscheiden seien, aber dies bedürfte doch der begrifflich geschärften Diskussion. Schließlich betont der Reihenherausgeber Heribert Smolinsky im Vorwort (VII), dass dieser Band nicht zuletzt der "Erschließung der italienischen Forschung" diene. Hier aber sind die Lücken doch so groß und die Aktualität der zitierten Titel alles in allem so disparat, dass gerade diese, sicher vordringlichste und ganz zu Recht betonte Aufgabe eines solchen kurzen Einführungsbuches kaum geleistet wird. Keine einzige der unzähligen Publikationen ist genannt, die 1998 im Zuge des Savonarola-Gedenkjahrs die respublica litteraria überfluteten. [3] Ebenso fehlt jeder der ebenfalls seit 1998 nach der (auch nicht erwähnten) Öffnung des Inquisitionsarchivs erschienenen Sammelbände, womit die aktuelle Impulsivität dieser Forschungsfelder überhaupt keinen Widerhall findet. [4] Einschlägige aktuelle Standardwerke wie Gigliola Fragnitos "La bibbia al rogo" [5], Prosperis "Tribunali della coscienza" [6] sind an den entsprechenden Orten nicht erwähnt, der von Campi edierte wichtige Sammelband zu Vermigli mag zu spät erschienen sein [7] (was für jenen über Vergerio nicht gelten würde [8]). Bei der Erwähnung der italienischen Exil-Heterodoxen wäre ein Hinweis auf die 2000 von John Tedeschi herausgegebene Bibliografie "The Italian Reformation of the sixteenth century and the diffusion of Renaissance culture" [9] gerade bei einem Einführungsbuch, das sich vielleicht auch an Studenten richtet, die sich mit dem Gedanken an eine vertiefte Einarbeitung in die Forschung tragen, unerlässlich gewesen. Natürlich ist es nicht Aufgabe eines bewusst schmal gehaltenen Überblickswerkes, die Forschung vollständig zu erfassen. Aber hier scheint das Maß doch nicht gefunden worden zu sein - so sehr das Ausgangsanliegen des Buches zu begrüßen ist und so sehr es, gerade für die Frage der Religionsgespräche, hoch kompetente Passagen enthält.


Anmerkungen:

[1] Hans-Jürgen Goertz: Religiöse Bewegungen in der Frühen Neuzeit (= Enzyklopädie deutscher Geschichte; 20), München 1993.

[2] Gabriel Audisio: Les vaudois du Lubéron. Une minorité en Provence (1460-1560), Mérindol 1984; ders.: Chanforan 1532. Quel changement?, in: Bollettino della società di studi Valdesi 154 (1984), 25-38.

[3] Vgl. nur eine Auswahl: Gian Carlo Garfagnini (Hg.): Savonarola. Democrazia, Tirannide, Profezia, Firenze 1998; Frate Girolamo Savonarola e il suo movimento. V centenario della morte di Girolamo Savonarola (= Memorie domenicane; N.S. 29), Pistoia 1998; Anna Fontes / Marina Marietti / Jean-Louis Fournel / Michel Plaisance (Hg.): Savonarole. Enjeux, débats, questions, Paris 1998; Massimiliano G. Rosito: Savonarola rivisitato (1498-1998), Firenze 1998; Girolamo Savonarola. L'Uomo e il frate (= Centro italiano di studi sul basso medioevo - Accademia Tudertina / Centro di studi sulla spiritualità medievale dell'università degli studi di Perugia), Spoleto 1999; Rpberto Ridolfi: Prolegomeni ed Aggiunte alla 'Vita di Girolamo Savonarola', Firenze 2000; Stella Fletcher (Hg.): The world of Savonarola. Italian élites and perceptions of crisis, Aldershot 2000; Gigliola Fragnito / Mario Miegge (Hg.): Girolamo Savonarola da Ferrara all'Europa, Firenze 2001.

[4] Nur als Auswahl zur Forschungsdiskussion (die schon große Fülle von monografischen Studien zur regionalen Wirksamkeit der Inquisition nicht berücksichtigend): John Tedeschi: The prosecution of heresy. Collected studies on the inquisition in early modern Italy, Binghamton / NY 1991; L'apertura degli archivi del Sant'Uffizio romano: giornata di studio Roma, 22 gennaio 1998, Roma 1998, 2. Aufl. 2000; Inquisizione e indice nei secoli 16-18: controversie teologiche dalle raccolte casanatensi, Vigevano 1998; L'inquisizione e gli storici: un cantiere aperto: tavola rotonda nell'ambito della Conferenza annuale della ricerca: Roma, 24-25 giugno 1999, Roma 2000; Andrea Del Col / Giovanna Paolin (Hg.): L'Inquisizione romana: metodologia delle fonti e storia istituzionale: atti del Seminario internazionale, Montereale Valcellina, 23 e 24 settembre 1999, Trieste 2000; Hubert Wolf (Hg.): Inquisition - Index - Zensur. Wissenskulturen der Neuzeit im Widerstreit, Paderborn 2001, 2. Aufl. 2003; Andrea Romano (Hg.): Intolleranza religiosa e ragion di Stato nell'Europa mediterranea: Inquisizione e Santo Uffizio, Milano 2002; Giovanni Romeo: L'inquisizione nell'Italia moderna, Roma / Bari 2002, 2. Aufl. 2004.

[5] Gigliola Fragnito: La Bibbia al rogo: la censura ecclesiastica e i volgarizzamenti della Scrittura, 1471-1605, Bologna 1997.

[6] Adriano Prosperi: Tribunali della coscienza: inquisitori, confessori, missionari, Milano 1996.

[7] Emidio Campi (Hg.): Peter Martyr Vermigli. Humanism, republicanism, reformation, Genève 2002.

[8] Ugo Rozzo (Hg.): Pier Paolo Vergerio il giovane, un polemista attraverso l'Europa del Cinquecento. Convegno internazionale di studi, Cividale del Friuli, 15 - 16 ottobre 1998, Udine 2000.

[9] John Tedeschi / James M. Lattis: The Italian Reformation of the sixteenth century and the diffusion of Renaissance culture. A bibliography of the secondary literature (ca. 1750-1997), introd. Massimo Firpo, Modena 2000.

Cornel Zwierlein