Rezension über:

Axel Kuhn: Die deutsche Arbeiterbewegung, Stuttgart: Reclam 2004, 368 S., ISBN 978-3-15-017042-7, EUR 8,80
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Rezension von:
Thomas Welskopp
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Welskopp: Rezension von: Axel Kuhn: Die deutsche Arbeiterbewegung, Stuttgart: Reclam 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/8397.html


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Axel Kuhn: Die deutsche Arbeiterbewegung

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Axel Kuhns Gesamtdarstellung der deutschen Arbeiterbewegung ist eine Einführung für Nichtspezialisten. Sie gliedert sich in drei Teile: Der Erste bietet auf rund 200 Seiten eine chronologische Darstellung vom Vormärz bis zum Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 bzw. bis zur Verabschiedung des Godesberger Programms durch die westdeutsche SPD 1959 . Der zweite Teil vertieft in zehn Abschnitten und auf rund 70 Seiten einzelne Aspekte, die Kuhn für das Verständnis des Themenkomplexes für besonders wichtig hält. Teil drei schließlich stellt dreißig Quellen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung vor, die von einem Dokument aus dem schlesischen Weberaufstand von 1844 bis zum Godesberger Programm reichen.

Kurzreferate, zugeschnitten auf die Baukastenveranstaltungen der neuen BA-Studiengänge, werden sich mithilfe dieser gut lesbaren Einführung leicht gestalten lassen, sofern sich die Studierenden auf die politische Arbeiterbewegung in Deutschland beschränken. Wer jedoch neugierig ist, was es in diesem so demonstrativ verlassenen Forschungsfeld Neues und Überraschendes zu finden gibt, wer vielleicht auch wissen will, wie sich Themenzuschnitte, Darstellungsweisen und Interpretationsansätze unter dem Einfluss der neueren kulturhistorischen Theorie- und Methodendiskussion produktiv verändert haben, wird bei der Lektüre des Bandes enttäuscht. Und wer Kuhns Leseempfehlungen am Ende des Bandes auf der Suche nach Inspiration und neuen Ergebnissen aus der aktuellen Forschung (die es ja im Übrigen gibt) durchforstet, sieht sich bis auf wenige, versteckte Ausnahmen auf einen Literaturstand verwiesen, dessen Median ungefähr beim Jahr 1985 liegen dürfte.

Zwar begründet Kuhn seine Auswahl nicht nur mit dem Verzicht auf Vollständigkeit, sondern auch damit, dass die angeführte Literatur nicht die Belegbasis der Darstellung abbilden solle. Allerdings haben die nicht erwähnten, aber angeblich rezipierten Werke auch im Argumentationsgang keinerlei Spuren hinterlassen. Und für eine Einführung mit dem Ziel, zum selbstständigen Weiterstudium anzuregen, summiert sich beides: das Ignorieren des aktuellen Forschungsstandes und seine mangelhafte Dokumentation in der Literaturliste, zu einem Defizit, das einem Scheitern gleichkommt.

Einige Beispiele mögen das verdeutlichen: Die Ausführungen zur sozialen Lage der Arbeiterschaft in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts (später kommt soziale Lage nicht mehr vor) sind offenbar ohne den materialreichen Standardüberblick aus der Feder Jürgen Kockas geschrieben worden, der sich auf eine massive sozialhistorische Forschungsliteratur stützt. [1] Eine Organisationsgeschichte der lassalleanischen Arbeiterbewegung kann aus keinen Gründen an Toni Offermanns jüngster Darstellung und Dokumentation vorbei, die immerhin 2002 schon vorgelegen hat. [2] Die gravierendsten Mangelerscheinungen zeigt freilich der Abschnitt über den Vormärz und die Revolution von 1848/49, der nicht nur ohne die ältere, aber nach wie vor grundlegende Arbeit von Wolfgang Schieder zu den Auslandsvereinen, sondern auch ohne die im Jubiläumsjahr 1998 geballt erschienene Welle neuer Veröffentlichungen zur Revolution auszukommen meint, darunter an erster Stelle die bahnbrechende Studie von Rüdiger Hachtmann über das revolutionäre Berlin. [3]

Defizite und Schieflagen sind vor allem in den darstellenden Abschnitten zu beklagen. Die wenigen Seiten über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft und die Bedingungen der Fabrikarbeit ignorieren eine ganze Bibliothek an empirisch reicher wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischer Forschungsliteratur der letzten zwanzig Jahre. Kuhn bemüht weiter das alte Klischee, die Arbeitsverhältnisse hätten sich in die Bahnen gefügt, die die Fabrikordnungen der Arbeitgeber ihnen vorgaben. Auch das überholte Bild eines "Klassenbewusstseins" lebt hier wieder auf, das sich nach dem einfachen Mechanismus gebildet habe: erst merkten die Arbeiter, wie schlecht es ihnen ging, dann begaben sie sich auf die Suche nach einer "Theorie", die ihnen diese ungerechte Welt deutete und ein Handlungsprogramm vorgab. Das ist die Wiederauflage einer marxistischen Klischeevorstellung, die allzu lange das Verständnis der Arbeiterbewegungsgeschichte beherrscht hat, und die zu historisieren wäre, anstatt sie im Jahre 2004 erneut und ohne jeden Anflug eines Zweifels als "gesichertes Handbuchwissen" auszugeben.

Überhaupt geht Axel Kuhn mit Begriffen und Konzepten auf eine irritierende Weise unbefangen um. Der Begriff des "Arbeiters" erscheint unproblematisch gleichbedeutend mit einem abhängig Beschäftigten in zentralisierten Fabrikbetrieben, wenn er auch die handwerkliche Beteiligung an der Bewegung und ihrem Führungspersonal in der Frühzeit wenigstens vermerkt. Ebenso unbekümmert hält Kuhn an der Unterscheidung zwischen "Theorie" und Ideologie im Sinne einer diffus marxistischen Tradition fest. Der "wissenschaftliche Sozialismus" ist für ihn ebenso gültiges Modell der Weltauslegung mit ungeschmälertem Erklärungsanspruch wie der "dialektische" und der "historische Materialismus", die nicht etwa in ihrem historischen Kontext gewürdigt werden, sondern wie ein auch heute noch autoritatives Theorieangebot daherkommen.

Immerhin: Der darstellende erste Teil des Buches ist eine über weite Strecken zumindest verlässliche Kombination von personen- und organisationsbezogener Ereignis- und Ideengeschichte, die zumeist die Klarheit und Reinheit der Prinzipien zum Maß der Dinge macht. Aber es bleibt auch bei dieser blutleeren, altbackenen Darstellungsform, die erheblich dazu beigetragen hat, Arbeiterbewegungsgeschichte zu einem so hermetischen - und auf lange Sicht dahin schrumpfenden - Feld der Geschichtsschreibung zu machen. Auch der "Aspekte" genannte zweite Teil des Buches, der eine synthetisierende, vertiefende Interpretation verspricht, kommt in den meisten Abschnitten über eine Ideengeschichte des Sozialismus in seinen verschiedenen Phasen und Strömungen nicht hinaus. Das zehnte und letzte Teilkapitel schließlich bietet eine nur knappe, aber pointiert kommentierte Ereignisgeschichte der sozialdemokratischen Regierungsbeteiligungen nach der Verabschiedung des Godesberger Programms, wobei die aktuellen Kabinette Schröder seit 1998 offenbar für Kuhn bereits zu wenig sozialdemokratisch sind, um überhaupt noch Erwähnung zu finden.

Kuhns Anspruch einer Gesamtdarstellung der deutschen Arbeiterbewegung ist überzogen. Der Band enthält eine Geschichte der sozialistischen Arbeiterparteien in Deutschland und ihrer Beziehungen zum Sozialismus als einem Entwicklungsstrang politischer Ideen. Die Gewerkschaften kommen nur am Rande vor, und einen Begriff, was Gewerkschaften eigentlich sind und welchen eigenständigen Organisationstyp sie verkörpern, entwickelt Kuhn nicht. Sie bleiben ihm fremd und - als "nur" ökonomische Institutionen - der politischen Bewegung strikt nachgeordnet. Kuhn rechtfertigt das mit dem richtigen Hinweis darauf, dass Arbeiterbewegung in Deutschland vor allem ein politisches Phänomen gewesen sei. Doch erhebt er damit zur unbefragten Norm, was eigentlich, und dabei in einer hier völlig vernachlässigten vergleichenden Perspektive, erst zu erklären wäre. Die starke dritte Säule der Arbeiterbewegung, die Genossenschaften, erhalten noch weniger Raum; gerade eine drei viertel Seite räumt Kuhn diesen zentralem Element der deutschen Arbeiterbewegung ein - zu wenig für seinen umfassenden Anspruch.

Kuhns Interesse gilt vor allem dem Bündnis zwischen Sozialismus und Arbeiterparteien, was man auch an seinem eigenwilligen Entschluss erkennt, seine Geschichte der Arbeiterbewegung in der DDR mit dem 17. Juni, dem "Verrat" der SED an den Arbeitern, und in der Bundesrepublik mit Godesberg (mit wenigen Ausblicken auf die Zeit danach) enden zu lassen. Ganz abgesehen von dieser schal schmeckenden Parallelisierung verkennt dies denn doch die Bedeutung, die die Gewerkschaften, die Betriebsvertretungen und die Mitbestimmung seither erobert und verteidigt haben. Und auch in der SPD ließ sich letztlich die Öffnung zur "Volkspartei" nicht eins zu eins programmatisch verordnen. Das starke Gewicht der sozialdemokratischen "Traditionsmilieus" hat sich ja gerade immer wieder einschränkend auf die Mehrheitsfähigkeit der Partei ausgewirkt. Man hat die SPD in den 1980er-Jahren als "Gesamtbetriebsrat" der Republik abgestempelt. Und wenn diese "Traditionsmilieus" in der aktuellen Zerreißprobe in der SPD auch wenig Zukunft zu haben scheinen, so haben sie doch wenigstens eine Geschichte, die mit Godesberg nicht zu Ende war.


Anmerkungen:

[1] Jürgen Kocka: Weder Stand noch Klasse. Unterschichten um 1800, Bonn 1990; ders.: Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert, Bonn 1990.

[2] Toni Offermann: Die erste deutsche Arbeiterpartei. Organisation, Verbreitung und Sozialstruktur von ADAV und LADAV 1863-1871, Bonn 2002.

[3] Wolfgang Schieder: Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung. Die Auslandsvereine im Jahrzehnt nach der Juli-Revolution von 1830, Stuttgart 1963; Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution, Bonn 1997.

[4] Thomas Welskopp: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000.

Thomas Welskopp