Rezension über:

Sebastian Schütze / Madeleine Gisler-Huwiler (eds.): Pierre-François Hugues D'Hancarville: The Complete Collection of Antiquities from the Cabinet of Sir William Hamilton, Köln: Taschen Verlag 2004, 550 S., 460 Farb-Abb., ISBN 978-3-8228-2195-4, EUR 150,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Hildegard Wiegel
Schwabach
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Hildegard Wiegel: Rezension von: Sebastian Schütze / Madeleine Gisler-Huwiler (eds.): Pierre-François Hugues D'Hancarville: The Complete Collection of Antiquities from the Cabinet of Sir William Hamilton, Köln: Taschen Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/7077.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Sebastian Schütze / Madeleine Gisler-Huwiler (eds.): Pierre-François Hugues D'Hancarville: The Complete Collection of Antiquities from the Cabinet of Sir William Hamilton

Textgröße: A A A

Selten hat ein archäologisch-antiquarisches Buch des späten 18. Jahrhunderts, das verschiedene Vasenformen und -bilder reproduziert, ein solches Presseecho geerntet - und das in den unterschiedlichsten Organen - wie die so genannte Faksimileausgabe der vierbändigen im Originaltitel tatsächlich lautenden Antiquités étrusques, grecques et romaines tirées du Cabinet de M. Hamilton (im Folgenden als AEGR abgekürzt), erschienen laut Impressum in Neapel in den Jahren 1766 und 1767 und vor kurzem vom Kölner Taschen-Verlag als aufwändiger Prachtband neu herausgebracht. Von der französischen Marie Claire Maison bis zur Neuen Zürcher Zeitung, von der amerikanischen Vogue bis zur Londoner Times - alle äußern sich einstimmig lobend über den im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigen Band, der fast sieben Kilo auf die Waage bringt. Angesichts des Gewichts eignet er sich trotz seines hohen dekorativen Wertes als so genanntes "coffee table book" nur sehr bedingt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ein schönes Buch geworden, optisch ansprechend gestaltet und aufgrund der einführenden Texte des Kunsthistorikers Sebastian Schütze (6-33) und der Klassischen Archäologin Madeleine Gisler-Huwiler (34-39), die bei eingehender Betrachtung allerdings etwas enttäuschen, auch für ein breiteres Publikum geeignet. Schütze zeichnete für die Publikationsgenese im geopolitischen und antiquarisch-historischen Kontext in Neapel und die Biografie des Auftraggebers, des Diplomaten, Antikensammlers und Vulkanologen Sir William Hamilton (1730-1803), verantwortlich. Madeleine Gisler-Huwiler, die sich bereits seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv mit der Antikensammlung Hamiltons beschäftigt, zeichnet die Sammlungsgeschichte nach und präsentiert in diesem Band erstmals ihre Forschungsergebnisse zu den Identifikationen der abgebildeten Vasen, die den Hauptteil des Buches ausmachen. Diese Gefäße stammten, so Gisler-Huwiler, nur zum Teil aus Hamiltons Provenienz. Zahlreiche Abbildungen in diesen beiden Artikeln erleichtern den Zugang zu dem wohl aufwändigsten Publikationsunternehmen des Klassizismus, das wie kein Zweites als "Musterbuch" von Künstlern und Kunsthandwerkern genutzt wurde.

Ein Glossar zu Vasenformen und antiken Begriffen sowie zu mythologischen Figuren (546-549) und eine Bibliografie (549) schließen das Werk ab. Sicherlich sind in der Bibliografie einige der wichtigsten und rezentesten Primär- und Sekundärquellen zur antiquarischen Forschung in Neapel zu Zeiten Sir William Hamiltons im Allgemeinen sowie zu seiner Person und seinen Sammlungen im Besonderen zu finden, jedoch enttäuscht bereits auf den ersten Blick der Umfang (wenig mehr als eine Drittelseite) und die Zitierweise beziehungsweise die unterschiedliche Betonung von Quellenangaben sowie die wissenschaftliche Auswertung bzw. Zitiergenauigkeit. Letztere sind beispielweise ablesbar an zwei Vasen, die sich nachweislich niemals in Hamiltons Besitz befanden, sondern in dem des Malers Anton Raphael Mengs (1728-79), und die dessen Freund Johann Joachim Winckelmann (1717-68) in seinen Monumenti antichi inediti (Rome 1767) publizierte. Für die eine, heute Dresden 233, wird weder der Verweis auf die Mengs-Sammlung angegeben (siehe 364 zu AEGR, Band 3, Tafel 86), noch auf Winckelmann verwiesen (dort abgebildet als Tafel 100); für die andere, Louvre G 203, wird als Nummer der Winckelmann-Tafel 259 angeführt (siehe 325 zu AEGR, Band 3, Tafel 49, hier falsch vermerkt bei Band 3, Tafeln 50-51), dabei lautet sie richtig 159. Beide Informationen kann man genauestens in dem von François Lissarrague und Marcia Read verfassten Artikel "The collector's books" lesen [1], der sich ebenso wie Winckelmanns Werk in der Bibliografie findet. Zudem wird für die Pariser Amphore ohne Quellenangabe als Fundort Nola genannt, dabei ist diese Angabe ebenfalls auf Winckelmann zurückzuführen (siehe die Monumenti antichi inediti, 212).

Es ist außerdem nicht nachvollziehbar, warum beispielweise nur einer der beiden wichtigsten Artikel zur illustren Persönlichkeit und wissenschaftlichen Methode des Verfassers Pierre Hugues', des selbsternannten Baron d'Hancarville, nämlich der Alain Schnapps, genau zitiert wird. [2] Francis Haskells Artikel dagegen zu "The Baron d'Hancarville: An Adventurer and Art Historian in Eighteenth-Century Europe", der in seinem Aufsatzband "Past and Present in Art and Taste. Selected Essays" gut zugänglich ist, wird nur indirekt aufgeführt, indem auf den Aufsatzband insgesamt verwiesen wird. [3]

Ergänzen sollte man die Bibliografie sicherlich um die beiden kurzen, aber grundlegenden Artikel von Nancy H. Ramage, "Piranesi's Decorative Friezes: a source for neoclassical border patterns" und "the publication dates of Sir William Hamilton's four volumes", beide erschienen in der leider sehr raren Zeitschrift der New Yorker Wedgwood-Gesellschaft "Ars Ceramica". [4]

Die AEGR waren aufgrund der opulenten, zumeist handkolorierten Stiche schon zur Entstehungszeit sehr selten in Bibliotheken zu finden; in Deutschland waren es in erster Linie die Souveräne der verschiedenen Kleinstaaten, wie der Herzog von Württemberg und der König von Preußen, die sich ein solches Werk leisten konnten. Die Provenienz des Exemplars, das der Kölner Ausgabe zu Grunde liegt, ist besonders prominent, denn es stammt von Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar (1739-1807), die es am 11. Mai 1780 der Weimarer Bibliothek vermachte; ein Umstand der kurz im Impressum (5) erwähnt und dessen Dedikation auf Seite 13 als Abbildung 15 abgebildet wird - vielleicht etwas zu klein im Maßstab. Erst fast neun Jahre später, im Januar 1789, sollte die Herzogin Sir William Hamilton und seine berühmte Gefährtin Emma in Neapel auf ihrer Italienreise persönlich kennen lernen. Die Weimarer Bände wurden glücklicherweise bei der Brandkatastrophe in der Anna-Amalia-Bibliothek am 2. September 2004 nicht in Mitleidenschaft gezogen, als die Decke in Flammen aufging und ein Großteil des historischen Rokokosaals sowie viele der dort befindlichen Bücher stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die reproduzierten Bände gehören stattdessen zum Bestand des vom Feuer nicht betroffenen Bibliotheksturms, auf den auch die Signatur, Th R O: 22 (a) bis (d) ("Th" für altertümlich Thurm), verweist. Sie sind bis heute problemlos einsehbar.

Der direkte Vergleich von Vorbild und Nachdruck macht die Schwachpunkte der Taschen-Ausgabe deutlich - der offensichtlichste ist das Fehlen des Originaltextes, der nur sehr selektiv für die Vasenlegenden herangezogen wurde. Auf die Komplexität des für die Kunsttheorie des Klassizismus äußerst wichtigen Quellentextes wird zwar in der soliden Einleitung von Sebastian Schütze verwiesen (siehe vor allem 20-27), aber für ein wirkliches Faksimile wäre dies ein absolutes Must gewesen. Dafür werden die Angaben zur Identifikation der abgebildeten Vasen unterhalb der Tafeln mit Literaturzitaten wie aus den homerischen Epen oder Hesiods "Theogonie" garniert, von denen man gerne wüsste, ob sie aus dem Originaltext stammen oder nicht, beziehungsweise, warum sie da stehen. Besonders erstaunt in diesem Zusammenhang die völlig un-chronologische Kombination von einer Satyrvase mit einem Zitat zu Satyrn von Friedrich Nietzsche (1844-1900) aus dessen "Geburt der Tragödie" (368-369).

Fragwürdig wirken bisweilen die Abbildungsqualität und der -maßstab. Zum größten Teil wurde versucht, zumindest die aufwändig gestalteten und handkolorierten Titelblätter, die im Weimarer Exemplar tatsächlich ausgesprochen rotstichig ausfielen, zu reproduzieren. Dieser Versuch blieb jedoch fragmentarisch, da die vielgestaltigen Frontispize und mit antiken Monumenten verzierten Initialen, die das Werk in seiner Gestaltung ausmachen, nur sehr selektiv abgedruckt wurden. Zudem wurde von jeder im Original royalfoliogroßen Tafel nur der Teil des Blattes reproduziert, der mit einer Vasendarstellung versehen ist. Ungleich dem Weimarer Vorbild sind diese oftmals ausgesprochen braunstichig, was der Verlag im Umbruch noch digital hätte korrigieren können. Dass die Reproduktion bei vielen Tafeln, die die gesamte Vasenformen mitsamt ihrer Dekoration abbilden, in bis zu dreifacher Vergrößerung ausgeführt wurde, läst nur eine Frage zu: wozu? - neue Erkenntnisse bringt es nicht, jeden Strich des Kupferstiches nachzeichnen zu können. Wiederum konträr zum Original versuchte man zudem, zusammengehörige Vasenabbildungen, die sich aufgrund der komplexen Entstehungsgeschichte zum Teil auf zwei Bände verteilen, zusammenzustellen. Das ist zwar inhaltlich sinnvoll, aber widerspricht ebenfalls dem Charakter eines Faksimiles.

Fazit: Ob der Kostbarkeit und Seltenheit des Werkes muss man dankbar sein, dass sich der Kölner Taschen-Verlag dessen angenommen hat und nun erstmals für einen Preis einem größeren Publikum zugänglich macht, den man zeitgenössisch wohlfeil genannt hätte. Das Taschen-Buch in dieser Form bringt jedoch gewisse, für die momentan im Bereich der Wissenschaftsgeschichte und Antikenrezeption sehr aktive wissenschaftliche Forschung hinderliche Einschränkungen mit sich. Es handelt sich eben keineswegs um ein puristisches "Faksimile", das sowohl den inhaltlich hochkomplexen Text als auch die anspruchsvolle grafische Gestaltung der vier Royalfoliobände wiedergibt und von einem wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdenden Kommentar begleitet wird. Sowohl Klassische Archäologen als vor allem auch Kunsthistoriker werden es jedoch sicherlich begrüßen, dass die wohl als Mustersammlung einflussreichsten Vasentafeln des Klassizismus in den Fachbibliotheken erstmals weithin verbreitet sein werden. Zumindest in diesem Sinne wird die Taschen-Publikation dem Anspruch d'Hancarvilles gerecht, "useful to Artists, to Men of Letters and by their means to the World in general" zu sein (ursprünglich abgedruckt im Vorwort der AEGR, Band 1, II; in diesem Band zitiert auf Seite 6 und auf dem rückseitigen Umschlagtext dazu).


Anmerkungen:

[1] François Lissarrague / Marcia Read: The collector's books, in: Journal of the History of Collections 9/2 (1997), 275-94, vor allem 291.

[2] Siehe Alain Schnapp: La pratique de la collection et ses conséquences sur l'histoire de l'antiquité. Le chevalier d'Hancarville, in: Annie-France Laurens / Kryzystof Pomian (Hg.): L'anticomanie: la collection d'antiquités aux 18e- 19e siècles, Paris 1992, 97-109; auch erschienen als ders.: La pratica del collezionismo e le sue conseguenze nella storia dell'antichita. Il cavaliere d'Hancarville, in: Philippe Boutry (Hg.): La Grecia antica. Mito e simbolo per l'eta della Grande rivoluzione, Mailand 1991, 147-158.

[3] Francis Haskell: The Baron d'Hancarville: An Adventurer and Art Historian in Eighteenth-Century Europe, in: ders.: Past and Present in Art and Taste. Selected Essays, New Haven / London 1987, 30-45.

[4] Nancy H. Ramage: Piranesi's Decorative Friezes: a source for neoclassical border patterns, in: Ars Ceramica 8 (1991), 14-19; dies.: The publication dates of Sir William Hamilton's four volumes, in: Ars Ceramica" 8 (1991), 35.

Hildegard Wiegel