Rezension über:

Ulrich Wyrwa: Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich. Aufklärung und Emanzipation in Florenz, Livorno, Berlin und Königsberg i. Pr. (= Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts; Bd. 67), Tübingen: Mohr Siebeck 2003, IX + 491 S., ISBN 978-3-16-148077-5, EUR 54,00
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Rezension von:
Werner Daum
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Werner Daum: Rezension von: Ulrich Wyrwa: Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich. Aufklärung und Emanzipation in Florenz, Livorno, Berlin und Königsberg i. Pr., Tübingen: Mohr Siebeck 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/7522.html


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Ulrich Wyrwa: Juden in der Toskana und in Preußen im Vergleich

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Lässt sich der deutsch-jüdische Assimilations- oder gar Integrationsprozess im Zeitalter der Emanzipation nach der Erfahrung des Holocaust noch unvoreingenommen betrachten und beurteilen? Muss nicht nach Auschwitz die Emanzipation der Juden bereits im Emanzipationsprozess selbst als gescheitert gelten? Mit diesem erkenntnistheoretischen Dilemma der Forschung beschäftigt sich Ulrich Wyrwa (Zentrum für Antisemitismusforschung) in seiner 2003 an der Universität Potsdam angenommenen Habilitationsschrift. Die Arbeit bietet eine vergleichende Geschichte der Juden in der Toskana (Florenz, Livorno) und in Preußen (Berlin, Königsberg) im Zeitalter von Aufklärung und Emanzipation. Dabei beansprucht der Autor, am Beispiel der Geschichte der jüdischen Emanzipation zur Ursachenforschung über den krisenhaften Entwicklungsgang der Zivilgesellschaft und das Scheitern der bürgerlichen Utopien beizutragen. Der Fokus der Arbeit ist ein beziehungsgeschichtlicher, denn nicht innerjüdische Verhältnisse, sondern die Erfahrungen der Juden im Umgang mit ihrer Umwelt stehen im Zentrum.

Die Zielsetzung verfolgt Wyrwa methodisch mit einem komplexen Apparat begrifflicher Instrumentarien (8-12). Ausgewertet werden Archivalien zum Teil jüdischer Provenienz, periodische Schriften sowie Broschüren-, Memoiren- und andere Literatur der Epoche. Dem Autor ist zugute zu halten, dass er sein Verfahren im Sinne der neueren historischen Komparatistik an den Anforderungen eines systematischen, gleichgewichtigen Vergleichs orientiert. Die Auswahl der beiden Einzelstaaten Preußen und Toskana ist mit Verweis auf die dort annähernd analoge wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Juden plausibel begründet.

Die Arbeit gliedert sich chronologisch in drei Hauptkapitel. Kapitel I behandelt das Verhältnis zwischen Juden und Christen im Zeitalter der Aufklärung und der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Im zweiten Hauptkapitel werden die politischen Erfahrungen der Juden in der französisch-napoleonischen Epoche dargestellt. Kapitel III untersucht für die Epoche des Liberalismus die mit der Nationalstaatsbewegung und -bildung aufkommende neue politische Kultur und Staatsbürgergesellschaft. Nach dem Schlusskapitel folgen im Anhang zeitgenössische Bildquellen. Das Werk wird durch ein ausführliches Personenregister erschlossen.

Die Darstellung beginnt mit einer materialreich unterfütterten Rekonstruktion des Wandels, dem die Juden durch die um sich greifende Aufklärung unterlagen. Neben der bürgerlichen Öffentlichkeit nimmt Wyrwa auch die "repräsentative Öffentlichkeit" im Umfeld der Fürstenhöfe in den Blick, die sich durch die unterschiedliche Ausprägung jüdischer Präsenz auszeichnete. Auch der "Judenfeindschaft der Unterschichten" widmet er ein eigenes Kapitel. Seitens dieser populären Öffentlichkeiten sahen sich die Juden im Zuge der Politisierung und Nationalisierung in der französisch-napoleonischen Epoche - trotz "von oben" konzedierter partieller Gleichstellung - vor allem in der Toskana verstärkten Anfeindungen ausgesetzt.

Die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen sich die Nationalbewegungen in beiden Kontexten herausbildeten, traten im Zeitalter von Restauration und Vormärz deutlicher hervor. Wyrwa zeigt, wie sich bei den deutschen Burschenschaften mit dem Feindbild Frankreich auch eine zunehmende Judenfeindschaft einstellte, während die Freimaurer und Carbonari Italiens in ihrer antihabsburgischen Haltung auf die Ausbildung innerer Feindbilder verzichteten. An der literarischen Öffentlichkeit, die sich in den 1820er- und 1830er-Jahren in Florenz und Livorno der Erfindung einer italienischen Nation widmete, waren daher Juden an exponierter Stelle beteiligt. Dagegen wandte sich die literarische Öffentlichkeit in Preußen eher von politischen Themen ab, auch zeigte sie eine größere Judenfeindschaft, die dann vor allem auch im radikalen politischen Lager des "Jungen Deutschland" wirksam wurde.

Wyrwas Untersuchung liefert einmal mehr den wissenschaftlichen Beweis dafür, dass der Kampf für die Unabhängigkeit und nationale Einigung Italiens 1859/60 unter massiver Beteiligung toskanischer beziehungsweise italienischer Juden gewonnen wurde, wie sich auch Bismarck im Prozess der deutschen Reichseinigung vielfältiger jüdischer Unterstützung erfreute. Infolge ihrer rechtlichen Emanzipation im neuen Nationalstaat gliederten sich die toskanischen und preußischen Juden in die nationale Gemeinschaft ein, auch wenn diese von anhaltendem Antijudaismus gekennzeichnet blieb, der freilich in der Toskana eher von den Unterschichten, in Preußen von den bürgerlichen Intellektuellen ausging. Diesbezüglich stellt der Autor für Preußen trotz günstigerer Ausgangsbedingungen die Ausbildung einer "christlich-deutschen Sprache" (411) mit antijüdischen Aversionen fest.

Als Fazit seiner vergleichenden Untersuchung benennt Wyrwa den wesentlichen Unterschied im jüdischen Leben beider Länder folglich mit der Ausbildung komplementärer christlich-konservativer und jüdisch-konservativer Richtungen in Preußen, für die es in der Toskana keine Analogien gab (407). Dem entsprach ein großer politischer Einfluss kirchlicher Kreise in Preußen, dem der weitgehende politische Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in der Toskana gegenüberstand (408). Der Autor konstatiert überdies für Preußen eine spezifisch intellektuelle Judenfeindschaft, während sich in der Toskana die einzige judenfeindliche politische Kraft (die katholische Kirche) ins Abseits begab (410). Schließlich stand dem liberal-laizistischen Königreich Italien, das sich auf Kosten des Kirchenstaats konstituierte und unter Ausschluss einer katholisch-konservativen Kraft zur parlamentarischen Monarchie fortentwickelte, die autoritäre Monarchie des Deutschen Kaiserreichs gegenüber, in der das Nationale vom christlich-konservativen Lager vereinnahmt wurde (411).

Das Schlusskapitel stellt unter Anknüpfung an die eingangs formulierten weiteren Erkenntnisziele den preußisch-toskanischen Vergleich in den europäischen Zusammenhang eines jüdischen Emanzipationsprozesses (1781-1878), den Wyrwa in fünf Phasen beschreibt. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass am Ende dieses Prozesses die Emanzipation der Juden noch durchaus gelungen schien. Wenn sie dann im nachfolgenden Verlauf trotzdem misslang, geschah dies "insofern, als das Projekt der Nation als einer an den Menschenrechten orientierten zivilen und liberalen Bürgergesellschaft scheiterte" (431).

Gerade die europäische Perspektive wirft neue Fragestellungen auf, die in dieser Arbeit sicher nicht alle zu vertiefen waren. Wyrwas Dokumentation der extrem antijüdischen Tumulte, in denen 1799 die "Viva-Maria"-Bewegung in der Toskana eskalierte (167-173), fordert zu einer ergänzenden Berücksichtigung der zur gleichen Zeit im Königreich Neapel gegen die republikanischen Intellektuellen wütenden Sanfedisten-Bewegung heraus. [1] Auch verdient die zeitweise Annäherung zwischen den Vertretern der liberalen Nationalbewegung Preußens und der Toskana unter dem Dach des "Jungen Europa" (246) eine vertiefende Betrachtung im Hinblick auf ihre abweichende Haltung gegenüber den Juden.

Darüber hinaus liefert die Arbeit im Ergebnis für die Geschichte des italienischen Risorgimento erstmals in einem systematischen Vergleich fundierte Erkenntnisse über die jüdische Emanzipation in Italien. Auch beschreibt sie für die Geschichte der Juden die Emanzipation systematisch als "europäischen Prozess" (429). Für beide historischen Disziplinen hat Wyrwa somit zweifellos einen unverzichtbaren Beitrag für künftige Forschungen geleistet.


Anmerkung:

[1] Für eine übergreifende Betrachtung von Sanfedismus, Viva-Maria- und ähnlichen Volksbewegungen im italienischen Kontext: Anna Maria Rao (Hg.): Folle controrivoluzionarie. Le insorgenze popolari nell'Italia giacobina e napoletana, Roma 1999; Massimo Viglione: Le insorgenze. Rivoluzione e controrivoluzione in Italia 1792-1815, Milano 1999.

Werner Daum