Rezension über:

Thomas Scharf-Wrede (Hg.): 1803 - Umbruch oder Übergang. Die Säkularisation von 1803 in Norddeutschland, Regensburg: Schnell & Steiner 2004, XV + 623 S., ISBN 978-3-7954-1682-9, EUR 39,90
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Rezension von:
Wolfgang Rosen
Landschaftsverband Rheinland, Köln
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Rosen: Rezension von: Thomas Scharf-Wrede (Hg.): 1803 - Umbruch oder Übergang. Die Säkularisation von 1803 in Norddeutschland, Regensburg: Schnell & Steiner 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/6944.html


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Thomas Scharf-Wrede (Hg.): 1803 - Umbruch oder Übergang

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Die Säkularisationen zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Ereignisse, die nicht nur für die Germania Sacra mit einschneidenden Veränderungen verbunden waren, sondern gesamtgesellschaftliche Folgen zeitigten. Im Focus der bisherigen Forschungen standen vor allem das Rheinland und Süddeutschland. Der protestantisch geprägte norddeutsche Raum fand hingegen bislang kaum Beachtung. Da es insbesondere in den Fürstbistümern Osnabrück und Hildesheim jedoch eine starke katholische Minderheit gab, markierte die Säkularisation auch in der Geschichte dieses Raumes einen großen Einschnitt. 2003 hat das Hildesheimer Bistumsarchiv diese Ereignisse in einem Symposium aufgearbeitet, und in Osnabrück beschäftigte man sich hiermit in einer Vortragsreihe unter dem Titel "Vom Krummstab zur Königskrone". Die vorliegende Publikation vereint die Referate der Hildesheimer Tagung und des Osnabrücker Vortragszyklus.

Im ersten Beitrag über die "Säkularisation und ihre Auswirkungen auf die Germania Sacra" richtet Friedhelm Jürgensmeier den Blick über Norddeutschland hinaus indem er die Säkularisation in Kurmainz untersucht. Er weist zu Recht darauf hin, dass die Säkularisation für die Kirche auch große Chancen bot, sich ohne Verkrustungen zu erneuern. Armgard von Reden-Dohna zeigt auf, dass die Säkularisation im Fürstbistum Hildesheim keine plötzliche Zäsur war. Das Besondere war hier, dass eine katholische Minderheit eine protestantische Bevölkerungsmehrheit regierte. Die Autorin betont die große Reformbereitschaft des Fürstbischofs Friedrich Wilhelm von Westphalen im Vorfeld der Säkularisation, der zahlreiche Neuerungen im kirchlichen und weltlichen Bereich einführte: Diese reichten von der Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft über eine neue Schulordnung bis hin zur Erneuerung der Priesterausbildung. Die Vorbehalte gegenüber Klöstern waren allerdings schon früh zu spüren und zeigten sich darin, dass man 1777 das Kartäuserkloster auflöste, um das neue Priesterseminar finanziell abzusichern.

Den Blick zurück ins 17. Jahrhundert, den Christian Hoffmann über das Hochstift Osnabrück unternimmt, unterstreicht die von Reden-Dohna aufgestellte These über Hildesheim. Osnabrück war zudem durch ein Spannungsfeld von alternativer Sukzession in der Landesherrschaft und konfessioneller Parität im Domkapitel charakterisiert. Bereits 1648 sollte das Fürstbistum säkularisiert werden, doch wurde hier eine gleichsam "halbe Säkularisation" durchgeführt: Gemäß den Bestimmungen des Westfälischen Friedens sollte fortan alternierend ein vom Domkapitel frei zu wählender katholischer und ein vom Domkapitel aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg zu bestimmender evangelischer Fürstbischof das Hochstift regieren. Die Übergänge von der katholischen zur evangelischen Herrschaft und umgekehrt verliefen weitgehend reibungslos.

Christian Schuffels zeigt anhand des aufwändig gestalteten Aufschwörungsbuches des Hildesheimer Domkapitels, in dem jeder neue Kapitular die Namen und Wappen seiner adeligen Vorfahren eintragen lassen musste, welch starke Rolle die Domkapitel vor der Säkularisation spielten. Alexander Dylong beleuchtet Verfassung und Entwicklung der Domkapitel von Hildesheim und Osnabrück am Vorabend der Säkularisation. Hans-Georg Aschoff präsentiert einen fundierten Überblick über die - von der Säkularisation von 1802/03 sich deutliche absetzende - zweite Säkularisationswelle im Königreich Westfalen, die vornehmlich die noch bestehenden Frauenklöster traf.

Karl-Heinrich Kaufhold vermag in einem methodisch wichtigen Aufsatz die noch immer weit verbreitete These einer ökonomischen Rückständigkeit der Fürstbistümer eindrucksvoll zu widerlegen. Zu Recht fragt er, nach welchen Kriterien die jeweiligen Ökonomien beurteilt werden sollen, und weist darauf hin, dass die ältere Forschung das Augenmerk meist auf Abweichungen von einer abstrakt formulierten generellen Entwicklungslinie der Zeit legte, ohne dabei genaue Kriterien zu nennen, die solche Untersuchungen an sich erfordern. Er plädiert hingegen dafür, dass das Maß für den Entwicklungsstand nicht an einer abstrakten Grundlinie, sondern im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Territorien zu entwickeln ist. Kaufhold analysiert in systematischer Weise die drei Wirtschaftssektoren und kommt zum Ergebnis, dass auch die beiden geistlichen Länder die Ökonomie im Sinne des Kameralismus förderten und Reformen initiierten: Weder Hildesheim noch Osnabrück waren gegenüber benachbarten Territorien deutlich zurückgeblieben, sondern wiesen vielmehr ein ähnliches Niveau mit vergleichbaren weltlichen Territorien auf.

Wie es um die Frömmigkeit in dieser Zeit bestellt, kann Joachim Oepen eindrucksvoll am Beispiel Kölns aufzeigen. Auch unter der französischen Herrschaft gab es Gottesdienste, Wallfahrten und Bruderschaften - trotz der Maßnahmen gegen Klöster und diverser Einschränkungen bestimmter Frömmigkeitsrituale.

Ein bislang vernachlässigtes Feld beackert Peter Albrecht, indem er anhand der Bewertung der Geschehnisse von 1802/03 durch die norddeutsche Presse die zeitgenössische Resonanz analysiert. Doch gilt damals wie heute, dass Zeitungsbericht und Realität selten deckungsgleich sind. Der Autor präsentiert eine Reihe von Quellentexten, zum Teil mit den faksimilierten Abdrucken, wenngleich leider nicht alle Abbildungen lesbar sind. "Sensationell" erschien den damaligen Lesern die Eröffnung protestantischer Kirchen in Köln, Fulda und Münster.

Im folgenden Teil des Bandes werden einzelne Institutionen in den Blick genommen. So geht Stefan Bringer der Auflösung der Augustiner-Chorherrenstifte im Bistum Hildesheim nach, Christoph Römer untersucht die Aufhebung des Klosters St. Ludgeri bei Helmstedt, Ida-Christine Riggert-Mindermann stellt die Säkularisation von Frauenklöstern im Bistum Hildesheim vor, Wolfgang Seegrün schildert das Schicksal der Klöster im Bistum Osnabrück, und Heinrich Bernhard Kraienhorst beschreibt die Entwicklung von einer Johanniter-Kommende zur Pfarrei. Karl Bernhard Kruse stellt den Hildesheimer und Martin Colberg den Hamburger Dom in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Im Anschluss untersucht Helmut Jäger die Auswirkungen der Säkularisation auf die Pfarrseelsorge im Bistum Osnabrück in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er kann auf zahlreiche Neuerungen (Visitations- und Firmungsreisen, Gebetsvereine, Volksmissionen, Kategorialseelsorge, Kirchenzeitung) dieser Zeit hinweisen.

Dass auch die evangelische Kirche von der Säkularisation betroffen war, zeigen Thomas Klingebiel und Wolfgang Brandis. Auffallend für den Protestantismus ist - wie im katholischen Bereich - die Revitalisierung des religiösen Lebens, vor allem auf der Gemeindeebene durch ein verbessertes Bildungsniveau der Pfarrer, neue Seelsorgemittel und Verwaltungsmodernisierungen.

Maria Kapp zeigt die Vielfalt der Klosterarbeiten - Reliquienkästen, Altarpyramiden, Paramente etc. - auf. Ebenfalls auf die materielle Ebene ausgerichtet ist der Aufsatz von Elisabeth Peters über die Weiterverwendung klösterlichen Inventars. Monika Tontsch vermag anhand von Prozessionsfiguren und ihrer Einkleidung einen Aspekt der Volksfrömmigkeit zu untersuchen. Der letzte Aufsatz "Ich komm' zum Glück aus Osnabrück" von Hermann Queckenstedt befasst sich mit dem heutigen Regionalbewusstsein und gehört nicht mehr zum eigentlichen Thema dieses Bandes.

Ein Orts-, Namens- und Sachregister rundet den insgesamt sehr gelungenen Sammelband ab. Lediglich einige Punkte sind zu bemängeln: So ist es bedauerlich, dass die Begriffe "Säkularisierung" und "Säkularisation" immer wieder falsch verwendet werden (4, 10, 19, 68). Ein großes Manko ist die Qualität der Abbildungen, sind diese doch meist zu klein wiedergegeben. Insbesondere bedauerlich ist dies bei den Karten, die ja nicht nur als schmückendes Beiwerk dienen sollen. So ist es beispielsweise auf der Schwarz-Weiß-Karte des Bistums Hildesheim kaum möglich, einen Ortsnamen zu lesen (27); das Gleiche gilt für die Karten der Diözese Osnabrück (320, 572, 606 und 416 - wobei bei der letztgenannten die für die einzelnen Bistumsteile gewählten Schattierungen vom "frischen" steingrau über asch- bis mausgrau leider nicht zu unterscheiden sind). Bei vielen abgebildeten Quellen - wie den Statuten des Hildesheimer Domkapitels oder den Aufschwörungsbüchern - hätte man sich ebenfalls eine bessere Wiedergabequalität gewünscht. Bei einem Sammelband nicht immer vermeidbar, aber einzuschränken sind Doppelungen; deutlich wird dies vor allem an der häufigen Erläuterung der Osnabrücker "Successio alternativa". Nicht in den selbst definierten territorialen Rahmen dieses Bandes fallen die beiden - inhaltlich freilich hervorragenden - Beiträge über Kurmainz und Köln, was allerdings nicht den Autoren anzulasten ist.

Insgesamt überwiegt aber der sehr positive Eindruck, vor allem, weil nun endlich auch der norddeutsche Raum mit der gelungenen Kombination aus Überblicksdarstellungen und Detailstudien eine so facettenreiche und gründliche Aufarbeitung der Säkularisationszeit erfahren hat.

Wolfgang Rosen