Rezension über:

Eva Kormann: Ich, Welt und Gott. Autobiographik im 17. Jahrhundert (= Selbstzeugnisse der Neuzeit; Bd. 13), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, X + 357 S., ISBN 978-3-412-16903-9, EUR 39,90
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Rezension von:
Antje Flüchter
Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Antje Flüchter: Rezension von: Eva Kormann: Ich, Welt und Gott. Autobiographik im 17. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/5477.html


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Eva Kormann: Ich, Welt und Gott

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Statt auf dem vertrauten autobiografischen Höhenkamm der Confessiones des Augustinus oder Goethes Dichtung und Wahrheit zu verweilen, wendet sich Eva Kormann in ihrer Habilitationsschrift den Texten breiterer und vor allem weiblicher Bevölkerungsgruppen im 17. Jahrhundert zu. Dafür analysiert sie drei Quellencorpora: religiöse, evangelische Schriften, meist mit einem pietistischen Hintergrund aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, autobiografische Klosterchroniken aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und schließlich eine Quellengattung, die Kormann als "familienzentrierte Schreiben" bezeichnet. Dabei wird jeweils ein Hauptcorpus, dessen Texte von Frauen verfasst wurden, mit einem aus männlicher Feder verglichen.

Zunächst setzt sich Kormann kenntnisreich mit der bisherigen Theorie und Literatur zu Autobiografien auseinander. Recht vehement schreibt sie gegen eine teleologische Sicht auf die Entstehung des modernen Selbstbewusstseins an und wendet sich dagegen, dass diese Entwicklung sich in der Ablösung heteronomer Selbstkonzeptionen durch autonome zeige. Die Dichotomie von heteronom - autonom könne das frühneuzeitliche Selbstverständnis nicht wirklich fassen. Stattdessen propagiert Kormann den Begriff der Heterologie, wie ihn Verena Olejniczak formuliert hat, und stellt mit ihrer Studie die These auf, "daß die autobiographische Selbstkonzeption von Menschen des 17. Jahrhunderts heterolog ist. Ein Ich sagt, spricht, schreibt sich über das andere, über Gott und Welt" (6). Mit ihrem zeitlichen Schwerpunkt richtet sich Korman auch gegen die alte These, dass die Geschichte der menschlichen Selbstkonstruktion erst um 1800 begonnen habe und das 17. Jahrhundert geradezu ihr Tiefpunkt gewesen sei.

Zudem beklagt Kormann, dass das 17. Jahrhundert von den genderstudies geradezu vernachlässigt worden sei. Die Forschung sei sich zwar über einen Paradigmenwechsel im Geschlechterdiskurs um 1800 einig, für das 17. Jahrhundert werde aber - in der Literaturwissenschaft - die Ansicht vertreten, Autobiografien könnten geschlechtsneutral untersucht werden. Kormann dagegen siedelt ihre Studie im Rahmen der Theorie Judith Butlers an und bezeichnet ihre Vorgehensweise als 'gendersensibel'. Im Gegensatz zu klassischen genderstudies soll damit ein "Offensein für andere Kategorien" signalisiert werden (20). Kategorien wie class, gender, race, sexual orientation - also das klassische Set der amerikanischen genderstudies - seien eben nicht natürlich vorgegeben, sondern würden gesellschaftlich ausgehandelt. Die Offenheit für andere Kategorien wie die Interdependenz dieser Kategorien und gender sind seit Langem Thema der Geschlechtergeschichte. Der immer wieder geäußerte Vorwurf, andere Kategorien durch die Konzentration auf gender zu vernachlässigen, läuft daher bei deren ausgereiften Studien ins Leere, wird aber nichtsdestotrotz immer weiter tradiert. So selbstverständlich also diese kategoriale Offenheit mittlerweile sein sollte, so sehr ist diese erneute Klarstellung von Kormann zu begrüßen.

Außerdem sind zwei weitere theoretische Begriffe für Kormanns Arbeit erkenntnisleitend: der autobiografische Pakt nach Philipp Lejeune und der Begriff der Stör-Erfahrung, wie ihn Peter Sloterdijk formuliert hat. Sloterdijk untersuchte unter anderem, wie durch autobiografisches Schreiben den eigenen Erfahrungen Sinn zugeschrieben wird und wie dabei mit gegenläufigen Erfahrungen, den Stör-Erfahrungen, umgegangen wird.

Der erste Teil der Textanalysen widmet sich vor allem der pietistischen Autobiografik. Im Zentrum steht die Kurze Erzählung der Johanna Eleonora Petersen. Ihr 'Ich im Text' konzentrierte sich auf die Auseinandersetzung mit Gott und seinem Wort. Petersen war sehr zurückhaltend bei der Schilderung von Gefühlen, so findet Kormann auch keine Belege für eine 'typisch weibliche und pietistische Innerlichkeit', die frühere Interpreten aus diesem Text herauslasen. Im Vergleich ihrer kurzen (70 Seiten) Selbstbeschreibung mit den 700 Seiten Lebens-Beschreibung ihres Mannes, Johannes Wilhelm Petersen, und der bisherigen Literatur zu beiden Texten liegt eine besondere Stärke dieser Studie. Beide Texte sind heterolog, aber auf eine völlig andere Weise: Johanna Eleonora Petersens Selbstkonzeption ist heterolog, weil sie nicht aufgrund eines autonomen Selbstbewusstseins schrieb oder sich so ihr Leben erschrieb, sondern dies aus einem Gefühl der Demut Gott gegenüber tat - daraus schöpfte sie ihr Selbstbewusstsein. Ihr Ehemann war dagegen in der Heterologie beziehungsweise Mehrstimmigkeit der Diskurse seiner Zeit verhaftet. Im Unterschied zu ihr verarbeitete er seine Stör-Erfahrungen nicht, sondern übertünchte sie mit zeitgenössischen Argumentationsmustern.

Dem Ehepaar Petersen werden weitere religiöse Selbstbeschreibungen der Zeit zur Seite gestellt, beispielsweise die von Anna Vetter, die wohl nie eine Schule besucht hatte. Eindrucksvoll ist, was Kormann aus diesem nur fragmentarisch durch Arnolds Kirchen- und Ketzerhistorie überlieferten Text herausgearbeitet hat: So die Einbettung biblischer Bilder in weibliche Alltagserfahrung, zum Beispiel die Gleichsetzung der Geburtswehen mit dem Leiden Christi am Kreuz. Anna Vetter geriet in Konflikt mit der Obrigkeit, da sie Kompetenzen des männlichen und geistlichen Lehramtes für sich beanspruchte. Daher zeigt ihr Text, wie schon die der Petersens, dass Religion in der Frühen Neuzeit nicht nur Unterwerfung bedeutete. Vielmehr ermöglichte "das Zwiegespräch mit Gott" auch Konventionen, wie Standes- und Konfessionsschranken, zu verletzen (177).

Als Nächstes analysiert Kormann Klosterchroniken aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Maria Anna Junius in ihrem kurzen verzeignuß, die Priorin Clara Staiger in ihrem Verzaichnus und die Äbtissin Maria Magdalena Haidenbucher in ihrem Geschichts Büch - alle drei Frauen identifizierten sich in ihren Texten über ihre Klostergemeinschaft. Doch - und hier erweist sich wieder die Fruchtbarkeit des Heterologie-Begriffes - ihr 'Ich im Text' löste sich darüber nicht auf. Denn über die klösterliche Gemeinschaft wurde das eigene 'Ich im Text' überhaupt erst schreibbar, zudem zeigt sich bei Staiger und bei Haidenbucher auch ein deutliches Bewusstsein der eigenen Position im Kloster. Konfessionell interessant ist, dass im Vergleich mit der ersten Textgruppe Gott hier nur eine geringe Rolle spielte und auch nicht als Legitimationsgrund des Schreibens diente. Auch in diesen Texten mussten Stör-Erfahrungen verarbeitet werden, vor allem war es der Krieg mit seinen anhaltenden Gräueltaten, der das Vertrauen in die göttliche Weltordnung sprengte oder zumindest daran nagte, verstärkt dadurch, dass man - wie frau - 'noble Schweden' und 'räuberische Kaiserliche' erlebte. Diese Erfahrungen mussten in der eigenen Weltdeutung verarbeitet werden und führten zu einem eigenen Blick auf die Welt.

Diesen drei Texten werden die Collectanea des Salemer Zisterziensermönchs Sebastian Münsters entgegengestellt. Wie Johann Wilhelm Petersen nimmt Münster mit einer von Kormann als 'männlich' bezeichneten Autorität mehr Raum für seine Memoria-Schrift ein; wie Petersen ist auch Münster in den Diskursen seiner Zeit verfangen und kann so weniger souverän als die Nonnen mit den Widersprüchen umgehen. Spannend ist, dass Münster sein 'erinnertes Ich' zwar stärker zurücknahm als die Frauen, sein 'schreibendes - und beurteilendes - Ich' aber ganz selbstverständlich in den Vordergrund rückte.

Vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre erstaunt das Ergebnis von Kormann nicht, dass die Nonnen sich nicht nur als Frauen, sondern erst einmal als Klosterfrauen verstanden. Zwar argumentierten sie mit dem Argumentationsmuster der schwachen Frau, doch ihre Welt war nicht dichotomisch nach gender geteilt, sondern eine "multipel stratifizierte Gesellschaft" (211), in der nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern ebenso zwischen Nonnen und Bürgersfrauen unterschieden wurde.

Die Analyse der autobiografischen Familienchroniken fällt etwas schwächer aus. Das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Quellendichte, verursacht durch Überlieferungsprobleme. Erneut zeigt sich, dass der Begriff der Heterologie ein neues Licht auf bekannte Text wirft. Außerdem kann Kormann beim Pichl der Maria Elisabeth Stampfer frühere Fehlinterpretationen zurechtrücken, die Stampfer vor allem entsprechend dem Klischee einer Mutter und Ehefrau im trauten Heim beschrieben, während doch im Pichl selbst - ganz im Sinne des Wunder'schen Begriffs des Arbeitspaares - ein sehr weites Handlungsspektrum der Hausmutter ausgebreitet wird. Damit soll nicht behauptet werden, dass Geschlechterdifferenzen keine Rolle spielten; ausführlich erarbeitet Kormann in diesem Teil die verschiedenen geschlechtsspezifischen Bildungschancen und auch Handlungsräume. Durch das Zusammenleben der verschiedenen Geschlechter fällt die Differenz im familiären Zusammenhang deutlicher aus als im klösterlichen.

Zwei Forschungsmeinungen widerlegt Kormann: die teleologische Entwicklung von heteronomer zu autonomer Selbstkonzeption und die Vernachlässigung des Genderaspekts in der Autobiografieforschung des 17. Jahrhunderts. Zum einen erweist sich der Begriff der Heterologie als fruchtbringend, allerdings manchmal auch als überbeansprucht. So könnte gefragt werden, ob es sinnvoll ist, die Selbstdefinition über eine Klostergemeinschaft und das Verhaftetsein in den Deutungsschemata der zeitgenössischen Diskurse mit einem Begriff zu fassen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Heterologie konstatiert Kormann selbst, so hätten sich Männer selbstbewusster geriert. Auf Stör-Erfahrungen im Sinne Sloterdijks hätten Männer aber eher heteronom reagiert. Während Frauen diese Stör-Erfahrungen autonom verarbeiteten und so zu neuen, eigenständigen Positionen gelangten, blieben die Männer stärker in den hegemonialen Diskursen ihrer Zeit verwurzelt und reagierten auf Störungen heteronom mit Verhärtung ihrer Weltsicht. Zum anderen hat Kormann gezeigt, wie entscheidend eine gendersensible Untersuchung auch für die Autobiografik des 17. Jahrhunderts ist, wie aber auch eine Beschränkung auf weibliche Autoren die Ergebnisse verfälschen kann. Besonders beeindruckend ist Kormanns Buch in den Passagen, in denen sie durch den Vergleich weiblicher und männlicher Texte Auffassungen von dem, was 'typisch weiblich' sei, widerlegt.

Eva Kormann bietet in ihrer literaturwissenschaftlichen Studie vielfältige und anregende Anknüpfungspunkte für alle, die sich mit Geschlechtskonzeptionen und Alltagskultur beschäftigen, vor allem leistet sie aber einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um Selbstkonzeption und Konstruktion des 'vormodernen Selbst'.

Antje Flüchter