Rezension über:

Rolf-Dieter Müller: Der Zweite Weltkrieg (= Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte; Bd. 21), 10., völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta 2004, XXXIX + 461 S., ISBN 978-3-608-60021-6, EUR 42,00
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Rolf-Dieter Müller: Der letzte deutsche Krieg 1939-1945, Stuttgart: Klett-Cotta 2005, 415 S., ISBN 978-3-608-94133-3, EUR 24,50
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Rezension von:
Dieter Pohl
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Dieter Pohl: Sammelrezension zur Geschichte des 2. Weltkriegs (Rezension), in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/8302.html


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Sammelrezension zur Geschichte des 2. Weltkriegs

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Es ist erstaunlich, dass seit Jahrzehnten kein Handbuch zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges von einem deutschen Historiker verfasst worden ist. Rolf-Dieter Müller, inzwischen Leiter des Großprojekts "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg", erscheint wie kaum ein anderer dazu prädestiniert, eine solche Synthese zu leisten. Dabei stand er vor der Herausforderung, die globalen Implikationen des Krieges in ein Handbuch für deutsche Geschichte zu integrieren und zugleich zentrale Teile der deutschen Kriegspolitik, nämlich die Herrschaftsstruktur des NS-Staates und den Mord an den Juden, anderen Bänden des "Gebhardt" überlassen zu müssen.

Geht man von diesen Vorgaben aus, so erweist sich die Konzeption des Bandes schon auf den ersten Blick als überzeugend, mit der Abdeckung aller relevanten Themenbereiche, aber auch mit innovativen Akzenten. Geboten wird gleichsam die "Rückkehr des Krieges" in die Kriegsgeschichte. Nach Jahrzehnten, in denen Untersuchungen über die Gesellschaft und über die Verbrechen unter dem NS-Regime dominierten, ruft der Autor wieder ins Bewusstsein, dass die Jahre 1939 bis 1945 in erster Linie durch den Verlauf des Krieges bestimmt waren. Und dieser wird hier kompetent und detailliert auf der Höhe neuester Forschung dargestellt. Dabei bleiben sowohl die weltpolitischen Rahmenbedingungen als auch der asiatische Kriegsschauplatz im Blick.

Besonders hervorzuheben sind die Passagen, die auf den noch unpublizierten Teilen von "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" beruhen. So interpretiert Müller die größte Schlacht des Zweiten Weltkrieges neu, die Auseinandersetzung bei Kursk im Sommer 1943. Die deutschen Verluste sind weit geringer, die der sowjetischen Seite weit höher zu veranschlagen als bisher angenommen. Auch die sowjetische Sommeroffensive 1944 kostete die Rote Armee einen höheren menschlichen und strategischen Preis. Nicht jedoch Moskau und Stalingrad, sondern die alliierte Landung 1944 rückt hier in den Mittelpunkt der deutschen Kriegsniederlage. In Frankreich erlitt die Wehrmacht den entscheidenden Schlag. Müller lässt die letzte Kriegsphase 1943-1945, die immer noch im Schatten der Forschung steht, endlich einmal deutlich zu ihrem Recht kommen.

Zu den besten Abschnitten des Buches gehören die Ausführungen über die Rüstungswirtschaft, auch dies ein zentrales Forschungsfeld des Autors. Trotz ihrer hohen technischen Innovationsfähigkeit war es der deutschen Wirtschaft nicht gelungen, diesen Vorteil auch in der Rüstung umzusetzen. Zunächst behielt das Regime bis ins Jahr 1941 eine friedensähnliche Wirtschaftspolitik bei, dann wirkte sich der institutionelle Wildwuchs aus und die Fehlentscheidungen häuften sich. Für die Luftwaffe baute man die falschen Flugzeuge, die Marine wurde weitgehend vernachlässigt. Schließlich machten alliierte Bomber die kriegswirtschaftlichen Anstrengungen allmählich zunichte. Auch der Luftkrieg erfährt als weiteres Spezialgebiet Müllers eine konzise Darstellung.

Die Geschichte der Kriegsgesellschaft findet im Handbuch ausreichend Platz, bleibt jedoch im Vergleich zu den militärischen und rüstungsökonomischen Aspekten eigentümlich blass. Hier überwiegen allgemeine Ausführungen; Statistiken werden nur zurückhaltend verwendet. Ob sich die Bevölkerung schon vor der Zeit von Stalingrad vom Regime abwandte, wie der Autor meint, lässt sich nur schwer beurteilen. Weniger die 'normalen' Deutschen (und Österreicher), sondern vor allem die Zwangsarbeiter und der deutsche Widerstand finden breite Berücksichtigung.

Für ein Handbuch eher ungewöhnlich erscheinen einige andere Akzente, die der Autor setzt. Insbesondere durchzieht das Werk eine durchgehende Kritik an den Mythen der sowjetischen Geschichtspropaganda. In der Tat hat letztere die Forschung über Jahrzehnte hinweg deutlich negativ beeinflusst; dies lässt sich für die neueste Historiografie freilich kaum mehr feststellen.

Bei einer solchen Ausrichtung überrascht es ein wenig, dass der Autor gerade im Bereich Osteuropa einige Unsicherheiten erkennen lässt. So wird hier die alte Legende kolportiert, Stalin habe die Tage nach dem deutschen Angriff tatenlos auf seiner Datscha verbracht. Noch verblüffender erscheint die Aussage, die sowjetische Herrschaft in Ostpolen ab 1939 sei von Anfang an brutaler als die deutsche im Westteil des Landes gewesen, ja überhaupt hätten beide eine ähnlich mörderische Wirkung gehabt. Dies gilt bereits nur eingeschränkt für die Phase bis Mitte 1941, kaum jedoch für den ganzen Krieg, wie ein Blick in die seriöse Literatur zeigt. Stattdessen tritt die Wehrmacht in der Darstellung des Polenfeldzuges ausschließlich als Opponentin gegen deutsche Kriegsverbrechen auf, obwohl sie in Wirklichkeit etwa für die Hälfte davon selbst verantwortlich zeichnete. In der Darstellung des deutsch-sowjetischen Krieges ist eine sprachliche Identifizierung mit den deutschen Truppen im Osten unübersehbar, während die sowjetischen Partisanen - ganz so wie es wieder in Mode kommt - als die eigentlichen Bösewichte auf die Bühne treten. Das Massaker von Babi Jar als "Vergeltung für Anschläge der Roten Armee" zu deklarieren, so im chronologischen Anhang, ist nicht akzeptabel. Die hier gemeinte Sprengung von Teilen der Kiewer Innenstadt ging nicht auf die sowjetische Armee, sondern auf die Geheimpolizei zurück; das Sonderkommando 4a, das für das Massaker verantwortlich zeichnete, hatte schon früher - ohne derartige Vorwände - damit begonnen, große jüdische Gemeinden zu vernichten. Auf unsicherem Boden stehen einige Schätzungen von Opferzahlen, die hier präsentiert werden. So seien auf Grund des "Kommissarbefehls" nur einige hundert Rotarmisten erschossen worden. Die Zahl der polnischen Opfer bei den Massakern während der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 wird hier gar mit nur 10.000 Personen angesetzt; dies ließe sich durchaus um ein Vielfaches erhöhen (wohingegen bei den angeblich über 100.000 Toten der französischen "épuration", der Racheaktion an echten oder vermeintlichen Kollaborateuren, eine Null gestrichen werden kann). Im Fall Nemmersdorf, dem ersten sowjetischen Kriegsverbrechen auf deutschem Boden 1944, spricht die zitierte Literatur eine etwas andere Sprache als der Handbuchtext. Müllers Versuch Korrekturen am inzwischen dominierenden Narrativ der Kriegsgeschichte anzubringen ist also nicht durchweg gelungen.

Der Band ist reich mit den Ergänzungen versehen, wie sie im neuen "Gebhardt" üblich sind, also mit einer Chronologie, mit Literaturverzeichnissen, Karten und ausführlichen Registern. Eine Erwähnung der neuesten russischen Editionen hätte den Nutzwert noch ein wenig erhöht. [1]

Dem Verlag ist zu danken, dass er - zum Jahrestag des Kriegsendes - auch noch eine andere Fassung des Buches anbietet: Der (hoffentlich) letzte deutsche Krieg. In dieser Variante sind die ausführlichen, für Handbücher üblichen Bibliografien stark verkürzt wiedergegeben, sowohl die wertvollen Karten als auch das exzellente Register aber beibehalten. Im Gegensatz zum "Gebhardt" werden hier Fotografien geboten, oftmals mit ausführlichen Erklärungen versehen. Zusätzlich ist ein aufwändiger Farbbildteil beigegeben, der deutsche Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion 1941 zeigt.

Der Autor hat eine neue Einleitung verfasst, die ohne den Forschungsüberblick auskommt; die Fußnoten wurden auf ein notwendiges Minimum reduziert. Da das Thema Judenverfolgung ja explizit aus dem Handbuch-Band auszuklammern war, findet sich hier zusätzlich ein kursorischer Überblick zur Geschichte dieses Verbrechens.

Nun ist es am Leser, sich für eines der beiden Bücher zu entscheiden. Zweifelsohne handelt es sich um die wichtigste Darstellung des Zweiten Weltkrieges, die wir aus der Feder eines deutschen Historikers haben.


Anmerkung:

[1] Besonders: Velikaja Otecestvennaja [Der "Große Vaterländische"]. Herausgegeben von V. A. Zolotar'ev u.a. bisher 28 Bde. Moskva 1993-2002.

Dieter Pohl