Rezension über:

Rudolf Hiestand: Hundert Jahre Papsturkundenforschung. Bilanz - Methoden - Perspektiven. Akten eines Kolloquiums zum hundertjährigen Bestehen der Regesta Pontificum Romanorum vom 9.-11. Oktober 1996 in Göttingen (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. Dritte Folge; Bd. 261), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, 400 S., ISBN 978-3-525-82533-4, EUR 109,00
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Rezension von:
Thomas Frenz
Historische Hilfswissenschaften, Universität Passau
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Frenz: Rezension von: Rudolf Hiestand: Hundert Jahre Papsturkundenforschung. Bilanz - Methoden - Perspektiven. Akten eines Kolloquiums zum hundertjährigen Bestehen der Regesta Pontificum Romanorum vom 9.-11. Oktober 1996 in Göttingen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/5667.html


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Rudolf Hiestand: Hundert Jahre Papsturkundenforschung

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Der Titel des Bandes ist missverständlich: Nicht die Papsturkundenforschung der letzten hundert Jahre wird bilanziert, sondern die Tätigkeit der so genannten Pius-Stiftung (auch: Göttinger Papsturkundenwerk), die die päpstlichen Urkunden bis zum Jahre 1198 (circa 25.000 Stücke, so auf Seite 40, das ist unter 1 % des Gesamtbestandes) sammelt und regestiert. Der Band enthält die Wiedergabe von 18 Beiträgen einer Mitarbeiter-Tagung anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Unternehmens 1996: 13 Berichte über den Bearbeitungsstand der einzelnen geografischen Untergliederungen, drei Erörterungen zu "einzelnen Quellengruppen", das Ganze eingerahmt durch zwei öffentliche Vorträge zu Beginn und Schluss der Tagung.

Der Eröffnungsvortrag von Rudolf Hiestand "100 Jahre Papsturkundenwerk" (11-44) skizziert die Geschichte des Unternehmens, mit Blick auf das zwar gebildete, aber nicht fachkundige Publikum eines öffentlichen Vortrags mit vielen anekdotischen Einzelheiten im Bereich des Allzumenschlichen und kräftigem Gebrauch des Weihrauchfasses (auch in Richtung auf die eigene Person). Dabei kommt zwangsläufig auch die Zeitgrenze 1198 zur Sprache. Mich verwundert, dass der Autor dabei die nicht stichhaltigen Begründungen für dieses willkürlich gewählte Jahr kommentarlos wiederholt (8): "dass mit dem Jahr 1198 die Reihe der fast vollständig erhaltenen Registerserien der päpstlichen Archive [!] einsetzt. Erst sie erlauben es, das Wirken des Papsttums von der Zentrale her zu erfassen, während für die davorliegenden 1200 Jahre die Überlieferung bei den Empfängern [...] gesucht werden muss [...]." Tatsächlich ist die Serie der Register auch seit Innozenz III. keineswegs so vollständig. Und vor allem: zu keiner Zeit wurden alle Papsturkunden registriert; besonders im Bereich der litterae minoris iustitiae ergäbe eine Beschränkung auf die kurialen Quellen ein völlig verzerrtes Bild. Nicht von ungefähr ist mit dem Censimento ein Unternehmen ins Leben gerufen worden, das die Überlieferung nach 1198 bei den Empfängern ermittelt (leider nur bis 1417).

Die 13 Arbeitsberichte über "I. Italia Pontificia und Germania Pontificia" (45-124), "II. Gallia Pontificia" (125-204) und "III. Die peripheren Gebiete der Latinitas" (= Spanien, Polen, Africa, Kreuzfahrerstaaten, 205-263) haben internen Charakter, was das häufige jargonmäßige Weglassen des Wortes "pontificia" nach den Länderbezeichnungen und bei mehreren Beiträgen das Fehlen aller Nachweise erklärt, und sind auch nur teilweise auf den Stand von 2003 gebracht. Den Versuch, über technische Angaben hinaus vorzuführen, wie die Ergebnisse für die allgemeine Geschichtswissenschaft nutzbar gemacht werden können, unternimmt eigentlich nur Egon Boshof, "Das Bistum Verden in seinen Beziehungen zum Papsttum: Zu den historischen Voraussetzungen und Problemen der Überlieferung" (75-103). Ob die spanischen Kollegen über die Einreihung als "peripheres Gebiet" glücklich sind, sei dahingestellt; immerhin war seit der Rückgewinnung Toledos 1085, die auch durch die almorawidisch-almohadische Reaktion nicht infrage gestellt wurde, mehr als die Hälfte der Halbinsel in christlicher Hand.

Weiterführend sind die drei Beiträge, die unter der Kategorie "Spezielle Quellengruppen" eingereiht sind. Ludwig Falkenstein, "Die Sirmondsche Sammlung der 56 Litterae Alexanders III." (267-334) fällt durch eine starke Neigung zur Statistik auf. Stefan Weiß, "Legatenurkunde und Papsturkunde" (335-350) erweist sich erneut als Spezialist für diese Quellengattung. Harald Müller, "Die Urkunden der päpstlichen delegierten Richter. Methodische Probleme und erste Erkenntnisse am Beispiel der Normandie" (351-371, leider auf dem Stand von 1997) plädiert für eine Erweiterung des Papsturkundenbegriffs auf alle Urkunden, die aufgrund päpstlicher Bevollmächtigung in dessen Auftrag Entscheidungen fällen, ist sich aber möglicherweise nicht darüber im Klaren, welche Quellenlawine er damit für die Papsturkundenforschung der spätmittelalterlichen Zeit lostritt. Der Schlussvortrag von Rudolf Schieffer "Papsttum und mittelalterliche Welt" (373-390) ist bereits 1997 in GWU 48, 580 ff. gedruckt worden.

Insgesamt hinterlässt der Band bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Ich meine, es wäre besser gewesen, von der Publikation in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt abzusehen, die teils um Jahre veralteten internen Arbeitsberichte nicht mehr zu drucken und die inhaltlich weiterführenden Beiträge in Zeitschriften zu veröffentlichen.

Thomas Frenz