Rezension über:

Ansgar Reiß: Radikalismus und Exil. Gustav Struve und die Demokratie in Deutschland und Amerika (= Transatlantische Historische Studien; Bd. 15), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 501 S., ISBN 978-3-515-08371-3, EUR 68,00
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Rezension von:
Frank Engehausen
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Frank Engehausen: Rezension von: Ansgar Reiß: Radikalismus und Exil. Gustav Struve und die Demokratie in Deutschland und Amerika, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/4769.html


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Ansgar Reiß: Radikalismus und Exil

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Die beiden bekanntesten Figuren des südwestdeutschen Radikalismus in der Revolution von 1848/49, Friedrich Hecker und Gustav Struve, sind erst spät durch umfassende wissenschaftliche Biografien gewürdigt worden. Nachdem zum 150. Revolutionsjubiläum Sabine Freitag den populäreren der beiden auf seinem politischen Weg porträtiert hat [1], liegt nun auch eine gewichtige Studie zu Gustav Struve vor, die in der gleichen, wenn auch in ein neues Gewand gekleideten Reihe "Transatlantische Historische Studien" erschienen ist. Wie im Falle Heckers sind die Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Washington, D.C. auch für diese Biografie ein gut geeigneter Erscheinungsort, denn Struve verbrachte nach der Niederschlagung der Revolution mehr als ein Jahrzehnt in Amerika, bevor er nach seiner Amnestierung 1863 nach Deutschland zurückkehrte. Struves Werdegang im amerikanischen Exil widmet sich Reiß in seiner Untersuchung auf ähnlich breitem Raum wie seiner Entwicklung als politischer Publizist im Vormärz und als linker Parteiführer in der Revolution.

Die Arbeit von Reiß ist keine Biografie im herkömmlichen Sinne, denn sie verzichtet auf eine detaillierte Schilderung von Struves Lebensweg - dies ist schon daran ersichtlich, dass die wichtigsten Daten und Karriereschritte vorab in einem Anhang der Einleitung mitgeteilt werden (29-43). Reiß blendet nicht nur das Privatleben Struves weitgehend aus, das man mit Recht als historisch weniger bedeutsam betrachten kann, sondern verzichtet häufig auch - was in einer politischen Biografie ungewöhnlich anmutet - auf die genaue Schilderung des Verhaltens seines Protagonisten in wichtigen Entscheidungssituationen. Wer neue Informationen zum Beispiel über die Kontroversen im Vorparlament und den Heckerzug im April 1848 oder die badische Mairevolution von 1849 erwartet, an denen Struve durchaus bedeutenden Anteil hatte, wird von Reiß' Untersuchung enttäuscht sein, denn diese Themen werden eher nebenher behandelt, und selbst der Putsch vom September 1848, der unter Struves Namen bekannt geworden und geblieben ist, wird auf sehr knappem Raume abgehandelt (146-151). Dies erklärt sich zum Teil wohl durch die problematische Quellenlage, mit der Reiß konfrontiert wurde: Struves im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrter Nachlass enthält nämlich überwiegend Material aus der Zeit nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil, die jedoch relativ uninteressant ist, weil Struve zwischen 1863 und seinem Todesjahr 1870 nur noch geringe politische Wirksamkeit entfaltete - er verstrickte sich in einen langwierigen Konflikt mit Fedor Streit, dem Protagonisten des linken Flügels des Deutschen Nationalvereins, setzte seine publizistische Karriere mit mäßigem Erfolg fort, engagierte sich vorübergehend in den Reihen der demokratischen Gegner einer preußischen Reichsgründung und zog sich 1868 ganz von der politischen Bühne zurück.

Im ersten Teil seiner Studie, die eine "politische und intellektuelle Biographie" Struves und zugleich einen Beitrag zur "Demokratie in Deutschland und (Nord-)Amerika um die Mitte des 19. Jahrhunderts" (11) darstellen soll, schildert Reiß "Gustav Struves Radikalismus im Vormärz und in der Revolution" (47-205) und skizziert zunächst seine politische Vorstellungswelt, die durch verschiedenartige Einflüsse geprägt war: Aus Versatzstücken der liberalen Theorien der Zeit schuf sich Struve eine eigene Staatsphilosophie, die weniger durch innere Stringenz ausgezeichnet war als durch mancherlei Kuriositäten wie Einsprengsel der damaligen Modewissenschaft der "Phrenologie", der Struve mit großem Engagement anhing. Sein häufig am Beispiel der Vereinigten Staaten illustriertes politisches Ideal war schon zu einem frühen Zeitpunkt die Demokratie, allerdings ohne dass er ein konkretes republikanisches Ordnungskonzept entwarf. So gewann Struve denn auch nicht als origineller politischer Denker Einfluss, sondern als rastloser Publizist, der seit 1845 massive Kritik an den Zuständen in Deutschland übte. Die Nichterfüllung des Artikels 13 der Bundesakte, der für alle deutschen Staaten Verfassungen in Aussicht gestellt hatte, die durch die Karlsbader Beschlüsse eingeführte Pressezensur und die Religionsfreiheit waren die Themen, die im Vordergrund seiner Agitation standen. Sie zielte noch nicht auf einen Umsturz der bestehenden Ordnung, sondern wollte einen bei der Neuordnung Deutschlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts intendierten und teilweise früher auch schon verwirklichten Rechtszustand wiederherstellen. Dass er vielfach vorgab, für altes Recht zu streiten, bewahrte ihn nicht vor Konflikten mit der Zensur, die Struve öffentlich auszutragen versuchte, indem er seine Repressionserfahrungen publizierte. Wie Reiß zu Recht hervorhebt (95 f.), handelte es sich dabei um eine effektive Form der Selbstinszenierung: Struve wurde, wie er selbst es ausgedrückt hat, zu einem "Freund des Volkes", der "sich selbst der Verfolgung und dem Hasse der Machthaber bloßstellt, um dem Volke zu seinem Rechte zu verhelfen" (124).

Am Vorabend der Revolution und vollends dann in ihrer Anfangsphase im Frühjahr 1848 gewann für Struve das Konzept einer Versammlungsdemokratie an Bedeutung: Anders als die Gemäßigten, die politische Reformen in den Parlamenten auf den Weg bringen wollten, strebte Struve - wohl auch, weil ihm selbst der Einzug in den badischen Landtag nicht geglückt war - direkte Aktionen an. Der Anspruch, die Interessen des Volkes zu vertreten, wurde nun mit Verweis auf die Massenveranstaltungen erhoben, auf denen Struve selbst und seine radikalen Mitstreiter als Redner auftraten. Dabei ging es nicht darum, den Willen des Volkes zu ermitteln, denn den kannte man ja bereits: Das Volk bildete nur den "inszenatorischen Rahmen" für die Konstituierung einer "Partei der gesinnungstreuen Aktivisten" (117) - dies war eine politische Strategie, die in Kenntnis späterer Formen totalitärer Volksbeglückung problematisch erscheinen mag und die Struve als Vorkämpfer einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, als der er häufig gepriesen wurde, untauglich erscheinen lässt. Wie groß Struves Vorbehalte gegenüber einem parlamentarischen System waren, zeigt auch ein im Juli 1848 veröffentlichter Verfassungsentwurf, in dem er sich erstmals präzise über die Gestalt der von ihm angestrebten deutschen Republik äußerte: An der Spitze sollte zwar ein von einer aus freien Wahlen hervorgegangenen Volksvertretung eingesetzter Präsident stehen; die höchste Autorität sollte aber weiterhin das Volk sein, das in monatlichen Urversammlungen die Arbeit von Regierung und Parlament kontrollieren sollte und auch Gesetze beschließen konnte (145 f.).

Struves Vertrauen in die revolutionäre Energie des Volkes, die in dieser hohen Wertschätzung von Massenversammlungen zum Ausdruck kommt, wurde in den Revolutionsmonaten mehrfach enttäuscht, besonders bei dem Aufstandsversuch im September 1848, bei dem sich Struve nach Reiß' Auffassung "nicht nur als unfähiger, sondern darüber hinaus als keineswegs konsequenter Putschist" erwies (147). Selbstzweifel beschlichen ihn allerdings nicht; vielmehr bestand die Revolutionsbewältigung für Struve in erster Linie darin, die Unreife des Volkes zu beklagen. Nur unter günstigen Verhältnissen sei es der "kleinen Minderzahl von aufgeklärten und charakterfesten Männern" vorübergehend gelungen, "die gedrückten Völker für sich und ihre Bestrebungen zu gewinnen. Allein schon bald erschlaffte die Kraft der Begeisterung", konstatierte er 1852 im Rückblick auf die Revolution (202). Zu diesem Zeitpunkt befand sich Struve bereits in den Vereinigten Staaten, wohin er 1851 ausgewandert war - nicht weil er sie als das gelobte republikanische Land betrachtete, sondern weil ihn die materielle Not dazu zwang, nachdem seine Versuche, in England Fuß fassen, unter anderem als Führer einer Agrarkommune, gescheitert waren.

In den Vereinigten Staaten versuchte Struve, so wie er es am Vorabend der Revolution in Deutschland getan hatte, sich ein Auskommen als Publizist zu sichern. Dies gelang allerdings eher schlecht als recht: Eine von ihm herausgegebene deutschsprachige politische Wochenzeitung ging schon nach kurzer Zeit ein; er publizierte danach mit mäßigem finanziellem Erfolg eine Weltgeschichte, die er im Abonnement in Einzellieferungen vertrieb. Ebenso misslich wie die Fortdauer der bedrängten persönlichen wirtschaftlichen Lage war der Umstand, dass Struves politische Ambitionen ins Leere liefen. Struves Kernproblem in den Vereinigten Staaten war, so urteilt Reiß, "die Öffentlichkeit nicht mehr wie im Vormärz initiieren zu können, wobei ihm dann ihre Repräsentation wie die Bestimmung der Inhalte von selbst in die Hand fielen. Er fand die Medien der Öffentlichkeit vielmehr schon besetzt, die Agenda festgelegt" (384). Anders formuliert: Struve konnte in den Vereinigten Staaten nur noch eine politische Nebenrolle spielen, wobei er sich auf verschiedenen Bühnen versuchte - Ende der 1850er-Jahre kurzzeitig als Redakteur der Vereinszeitschrift des "Allgemeinen Arbeiter-Bundes", als Wahlkampfhelfer Abraham Lincolns oder als Kriegsfreiwilliger auf Seiten der Union im amerikanischen Bürgerkrieg. Allerdings nahm er frühzeitig seinen Abschied; der Tod seiner Frau und die Nachricht von einer Amnestie für die badischen Revolutionäre boten den Anlass, den Vereinigten Staaten, in denen er offensichtlich nie heimisch geworden war, den Rücken zu kehren.

Dass Reiß nicht der Versuchung erlegen ist, Heldenverehrung zu betreiben, wie sie in der älteren Struve-Literatur gang und gäbe war, wird in seiner Zusammenfassung hinreichend deutlich: Weder als politischer Praktiker noch als Theoretiker könne er "allzu große Bedeutung beanspruchen" (448), konstatiert Reiß, der seinem Protagonisten auch als Person wenig abgewinnen kann. "Seine Figur rief schon bei Zeitgenossen Unwillen hervor und mag auch in der heutigen Zeit je nach Betrachtungsweise bisweilen unlieb oder lachhaft erscheinen" (455), heißt es am Schluss der Studie, die mit ihren Einblicken in die politischen Gedankenwelt eines deutschen Radikalen des 19. Jahrhunderts verdienstvoll ist, auch wenn sie für die Geschichte der Revolution von 1848/49, die ja zweifellos den Höhepunkt der politischen Wirksamkeit Struves markierte, keine wichtigen neuen Erkenntnisse zu Tage fördert.


Anmerkung:

[1] Sabine Freitag / Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners, Stuttgart 1998.

Frank Engehausen