Rezension über:

Joachim Rees / Winfried Siebers / Hilmar Tilgner (Hgg.): Europareisen politisch-sozialer Eliten im 18. Jahrhundert. Theoretische Neuorientierung - kommunikative Praxis - Kultur- und Wissenstransfer (= Aufklärung und Europa. Schriftenreihe des Forschungszentrums Europäische Aufklärung e.V.; Bd. 6), Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2002, XXVIII + 339 S., 30 Abb., ISBN 978-3-8305-0320-0, EUR 40,00
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Rezension von:
Michael North
Historisches Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Michael North: Rezension von: Joachim Rees / Winfried Siebers / Hilmar Tilgner (Hgg.): Europareisen politisch-sozialer Eliten im 18. Jahrhundert. Theoretische Neuorientierung - kommunikative Praxis - Kultur- und Wissenstransfer, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2002, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 3 [15.03.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/03/4676.html


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Joachim Rees / Winfried Siebers / Hilmar Tilgner (Hgg.): Europareisen politisch-sozialer Eliten im 18. Jahrhundert

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Reisen und Mobilität erfreuen sich seit den 1980er-Jahren eines intensiven Interesses verschiedener Disziplinen. Neben der Geschichtswissenschaft und der Geografie schenkten vor allem Literaturwissenschaftler, Soziologen und Volkskundler diesen Phänomenen Aufmerksamkeit. Dabei standen bis vor Kurzem die adlig-patrizische Kavalierstour und die vielfältigen Facetten der Reiseliteratur im Mittelpunkt der Forschung. Der vorliegende aus einem gleichnamigen Potsdamer Forschungsprojekt hervorgegangene Tagungsband setzt partiell neue Akzente. Zum einen behandelt er die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und zum anderen die adligen Funktionsträger und nicht wie bei der Reiseliteraturforschung die bürgerlichen Reisenden und Autoren. Obgleich die Trennlinie zwischen der Kavalierstour und der Reise der adligen, teilweise hochadligen Funktionsträger nur selten scharf zu ziehen ist, waren letztere Reisen aufgrund der privilegierten gesellschaftlichen Stellung, der Entscheidungskompetenz und der kulturellen Vorbildfunktion (Trendsetter) zumindest territorial geschmacksbildend. Damit wird nun der lange Zeit zu wenig beachteten Rolle der Funktionseliten im kulturellen Formierungsprozess der Aufklärung die ihr gebührende Aufmerksamkeit geschenkt.

Gegliedert ist der Band in drei thematische Abschnitte. Der Erste ist zeitgenössischen Theorieangeboten des 18. Jahrhunderts (Friedrich Wolfszettel), aber auch systematischen Betrachtungen zum Funktionswandel von Kavalierstour (Winfried Siebers) und Adelsreise (Hilmar Tilgner) sowie quellenkritischen Bemerkungen (Werner Drobesch) gewidmet. Der zweite Teil bietet Fallstudien, die von der berühmten Reise des Dänenkönigs Christian VII. nach Paris 1768 (Ulrik Langen) über den England-Aufenthalt Karl Graf Zinzendorfs ebenfalls 1768 (Elisabeth Fattinger) bis hin zum Inkognito in der Reisepraxis des 18. Jahrhunderts (Richard Wrigley) reichen. Dabei zeigt vor allem die in der Literatur im Zusammenhang mit dem Aufstieg Struensees bereits oft behandelte, aber niemals systematisch untersuchte Reise Christians VII. nach Paris, wie die Reise eines hohen Funktionsträgers (um in der Diktion des Bandes zu bleiben) vielfältig wahrgenommen und instrumentalisiert wurde. So sorgte sich der pariserfahrene dänische Außenminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff allein darum, dass der für seine Ausschweifungen bekannte König nicht sich selbst und Dänemark insgesamt blamierte, und vereinbarte mit seinem französischen Amtskollegen ein dicht gedrängtes Besuchs- und Unterhaltungsprogramm. Dagegen nutzten die Pariser Protagonisten, wie d'Alembert oder Friedrich Melchior Grimm, die Präsenz des ausländischen Gastes dazu, um bestimmte Botschaften in den internen Debatten und Konflikten zu lancieren.

Am interessantesten erscheint der dritte Teil des Tagungsbandes, in dem nach Transferprozessen auf den Gebieten von Kultur und Technologie gefragt wird. So mündete die Studienreise des sächsischen Wasserbauingenieurs Friedrich Ludwig Aster in die Niederlande 1770/71 (Falk Seliger) in zahlreichen Manuskripten für das sächsische Ingenieurskorps, aber auch in Publikationen für eine breitere Öffentlichkeit. Andere Transfers blieben oft weniger konkret oder ohne größere Breitenwirkung. So zeitigte die mit großen Ambitionen angetretene Italienreise Anna Amalias von Sachsen-Weimar-Eisenach 1788-1790 außerhalb der Hofhaltung der Herzogin nur wenig Einfluss auf das kulturelle Leben Weimars (Joachim Berger). Im Gegensatz dazu steht die Reise der russischen Gräfin Ekatarina Petrovna Barjatinskaja, die sie 1789-1792 nach West- und Südeuropa führte (Ljubov' Savinskaja). Neben dem Besuch von Sammlungen und dem Ankauf von Kunst betätigte sich die Gräfin mäzenatisch im Künstlerkreis von Angelika Kaufmann in Rom. Dabei spielte Johann Friedrich Reiffenstein als Cicerone und Kunstagent für die nach Italien reisenden Hochadligen ebenso wie für zahlreiche Höfe eine wichtige Vermittlerrolle. Insbesondere die immateriellen Kulturtransfers, die von sprachgewandten Kontaktpersonen, wie dem Abbé Ferdinando Galiani in Neapel, europäischen Reisenden auch per Korrespondenz vermittelt wurden (Christoph Frank), sollten in künftigen Forschungen nicht unterschätzt werden.

Trotz der vielfältigen Facetten der einzelnen Beiträge, die an dieser Stelle nicht alle genannt werden können, bleiben diese vielfach impressionistisch. Hier hätten eine stärkere Strukturierung und Systematisierung, zum Beispiel der Kulturtransfers durch Reisen, dem Band gut getan. Das erscheint vor allem für weitere Veröffentlichungen des reichhaltigen in Potsdam gesammelten Quellenmaterials gleichermaßen notwendig wie wünschenswert.

Michael North