Rezension über:

Florence Lotterie / Darrin M. McMahon: Les Lumières européennes dans leurs relations avec les autres grandes cultures et religions (= Études internationales sur le dix-huitième siècle; 5), Paris: Editions Honoré Champion 2002, 344 S., ISBN 978-2-7453-0646-3, EUR 53,00
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Rezension von:
Thomas Klingebiel
Historisches Seminar, Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Klingebiel: Rezension von: Florence Lotterie / Darrin M. McMahon: Les Lumières européennes dans leurs relations avec les autres grandes cultures et religions, Paris: Editions Honoré Champion 2002, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/02/6199.html


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Florence Lotterie / Darrin M. McMahon: Les Lumières européennes dans leurs relations avec les autres grandes cultures et religions

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Die seit jeher interdisziplinär betriebene Aufklärungsforschung hat sich im Laufe ihrer Geschichte den unterschiedlichsten Gegenständen und Problemen ihres Arbeitsfeldes gewidmet und dabei beachtliche Erkenntnisgewinne erzielt. Zu den Fragen, die bisher noch nicht hinreichend beantwortet worden sind, zählt die Bedeutung der außereuropäischen Kulturen für die europäische Aufklärung. Zwar ist seit langem bekannt, dass die außereuropäischen Kulturen von Aufklärern (und Gegenaufklärern) studiert und auf vielfältigste Weise in ihren Publikationen genutzt wurden, doch es fehlt weiterhin an Studien zur rezeptions- und vor allem zur wirkungsgeschichtlichen Seite dieses Vorgangs. Noch weniger beachtet worden ist bisher ein zweiter Aspekt, der angesichts des gegenwärtig wachsenden Interesses an einer neuzukonzipierenden Welt- oder Globalgeschichte erhöhte Aufmerksamkeit verdient: Die Wahrnehmung der europäischen Aufklärung bei ihren außereuropäischen Zeitgenossen.

Der hier anzuzeigende, von Florence Lotterie und Darrin McMahon herausgegebene Sammelband, der auf Tagungen der Jahre 1998/99 zurückgeht, hat den Vorzug, dass er beide Aspekte der Beziehungen zwischen der Aufklärung und den außereuropäischen Kulturen thematisiert. Dies gilt nicht nur für den Band insgesamt, sondern auch für die Mehrzahl der Aufsätze, die teils in englischer, teils in französischer Sprache abgedruckt worden sind. Von den insgesamt sechzehn, durchweg anregenden Beiträgen vorwiegend jüngerer Wissenschaftler aus - wenn ich richtig zähle - elf Ländern sind fünf der außereuropäischen Sicht auf das Europa der Aufklärung gewidmet, sechs dem Problem der Wahrnehmung außereuropäischer (nichtwestlicher) Kulturen in Europa und fünf weitere der Frage, welche Funktion die Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen für die Theoriebildung und die Publizistik der Aufklärer hatte.

Die Befunde - dies überrascht angesichts der Vielfalt der Gegenstände und methodischen Zugänge nicht - sind disparat und von unterschiedlicher Aussagekraft. Auf weithin festem Boden der Aufklärungsforschung bewegen sich die Autoren des ersten Teils ("La construction théorique: idées et modèles"), der sich mit den theoretischen Konzepten der Aufklärer beschäftigt. Herauszuheben sind hier die gedankenreichen Beiträge von Ingrid Weber über die Entwicklung ethnologischer und anthropologischer Konzepte unter dem Einfluss der Aufklärung (39-60) und von David Porter über die sich wandelnde Funktion des Chinabilds bei Montesquieu, Rousseau, Herder und anderen (61-79). Der erste Teil wird durch eine Fallstudie von Jonathan Walsh zu der im 18. Jahrhundert virulenten Diskussion über die Rolle der für die französische Aufklärung typischen Geselligkeitsformen abgeschlossen (105-122).

Im zweiten Teil ("Le regard européen: images et représentations") beschäftigen sich die Beiträge von Silvia Eichhorn-Jung (165-190) und Susanne Greilich (191-211) mit dem popularisierten Orientbild und dem damit verbundenen Problem der Selbstwahrnehmung. Die Befunde dieser beiden Fallstudien sind nicht spannungsfrei: Während Silvia Eichhorn-Jung anhand der Darstellung Chinas in den führenden französischen und deutschen Enzyklopädien zu dem Ergebnis kommt, dass das allzu oberflächlich, überwiegend negativ beurteilte Reich der Mitte vornehmlich zur Profilierung (oder indirekten Kritik) europäischer Verhältnisse 'missbraucht' wurde, hat Susanne Greilich herausgearbeitet, dass die weit verbreiteten populären Almanache (hier: 'Der hinkende Bote' / 'Messager boiteux') die orientalischen Kulturen gern als Spiegel für Erzählungen nutzten, die auf moralische Belehrung im Sinne einer tugendhaften Lebensführung zielten. Immer wieder sei zudem die religiöse Toleranz der Länder des Orients betont worden.

Auch in den philologisch angelegten Beiträgen von Martin Calder (125-143) und Tatiana Crivelli (145-164), die sich mit der Rolle außereuropäischer Figuren in der frühen Romanliteratur Frankreichs und Italiens auseinandersetzen, wird deren spiegelbildliche Funktion im Interesse der Gesellschafts- beziehungsweise Traditionskritik erörtert. Ein anderes, für die europäisch-außereuropäischen Beziehungen besonders aufschlussreiches Genre bildet die Reiseliteratur, auf die sich die beiden letzten Aufsätze des zweiten Teils beziehen: Während Svetoslav Stefanov eine Analyse der westlichen Reiseliteratur über den Balkan (213-227) liefert, der den Besuchern nicht weniger fremd erschien als andere Weltteile, erörtert Ute Fendler in ihrem luziden (und zugleich neue Fragen aufwerfenden) Beitrag (229-252) die Bedeutung der im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts beginnenden archäologischen Erschließung der präkolumbianischen Architektur für die sich ändernde Wahrnehmung und Beurteilung der südamerikanischen Indios aufseiten der spanischen Kolonialherren.

Der dritte Teil, der sich mit dem außereuropäischen Blick auf die Aufklärung befasst, wird von einem Beitrag von Ma Zhao eingeleitet (255-270), der sich die Frage gestellt hat, wie Europa aus chinesischer Sicht wahrgenommen wurde: Er hat zu diesem Zweck die chinesische Christenverfolgung der Jahre 1746-1748 untersucht, und zwar anhand der Regierungsakten. Anders als die bisherige Forschung möchte er die Christenverfolgung nicht als Ausdruck eines europäisch-chinesischen Kulturkonflikts deuten, sondern als Teil einer umfassenden Repressionspolitik, mit deren Hilfe die kaiserliche Regierung die seinerzeit verbreiteten Unruhen und Sektenbildungen habe dämpfen wollen, die den Herrschaftsapparat auf lokaler Ebene infrage zu stellen schienen. Ob die kaiserlichen Beamten gar nicht (mehr) in der Lage gewesen sind, zwischen Christen und einheimischen Sekten zu unterscheiden, wie Ma Zhao folgern zu müssen meint, kann man aufgrund des von ihm angezogenen Materials allein freilich nicht entscheiden.

Keine direkte Beziehung zum Europa der Aufklärung vermag Bok Rae Kim in seinem Beitrag (305-324) für Korea nachzuweisen. Informationen über Europa pflegte man auf der isolierten Halbinsel über Peking zu beziehen, das auch sonst insbesondere den traditionskritischen koreanischen Intellektuellen die nötigen Anregungen lieferte. Angesichts dieser Umstände hat der Autor sich mit einer intellektuellen Strömung Koreas beschäftigt, die seiner Ansicht nach erstaunliche Parallelen zur europäischen Aufklärung aufweist. Bok Rae Kim charakterisiert den 'Sirhak', der mehrere Richtungen mit verschiedenen Lehrmeinungen in sich vereinte, als eine modernisierende Kraft in einer krisengeschüttelten Feudalgesellschaft. Um einzelne inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der europäischen Aufklärung nicht überstrapazieren zu müssen, argumentiert Bok Rae Kim vor allem mit der Figur funktionaler Äquivalenzen und betont die Vergleichbarkeit der gesellschaftlichen Herausforderungen. Es spricht für ihn, dass er seine Ausführungen in eine grundsätzliche Reflexion über die Möglichkeit münden lässt, die Geschichte asiatischer Gesellschaften im Rahmen europäischer Epochenkonzepte zu interpretieren.

In geografischer Hinsicht weit näher als die beiden ostasiatischen Länder stand Europa Marokko. Diese räumliche Nähe garantierte indes, wie Hayat Diyen in seinem Aufsatz (325-338) überzeugend darzulegen vermag, keine engeren Beziehungen. Die Kontakte zwischen Europa und dem Maghreb beschränkten sich auf den asymmetrischen, für Marokko stets defizitären Handel und den Freikauf von europäischen Gefangenen. Von einer Rezeption der Aufklärung auf marokkanischer Seite kann dem Autor zufolge keine Rede sein; es war vielmehr so, dass die oppositionellen, auf Veränderungen bedachten Kräfte in der zerrissenen, durch ökonomische Schwierigkeiten belasteten marokkanischen Gesellschaft sich in religiös inspirierten Gemeinschaften (Derwische) sammelten, die dem Rationalismus der Aufklärer ferner standen als der orthodoxe Islam.

Ergänzt werden die Beiträge über außereuropäische Kulturen durch zwei Aufsätze zu Russland und Ungarn. Beide Länder befanden sich im Zeitalter der Aufklärung in einer prekären, für die Forschung daher besonders reizvollen Rand- beziehungsweise Zwischenlage. Während Irina Lagoutina am Beispiel des in russische Dienste getretenen, in seiner neuen Heimat als Aufklärer beargwöhnten Friedrich Maximilian Klinger die russische Perspektive beleuchtet (271-279), sucht Judith Fejes (281-304) die Selbstwahrnehmung des indigenen ungarischen Adels und der ungarischen Emigranten zu erfassen, die sich mit der Herrschaft der Habsburger nicht abzufinden vermochten. Sie kommt zu dem Schluss, dass Aufklärung (und mit ihr auch Europa?) bei ihnen nur durch Montesquieu repräsentiert worden ist, dessen Verfassungskonzeption als Gegenentwurf zum monarchischen Regiment der Habsburger aufgenommen wurde. Man vermisst hier jene Momente der Selbstwahrnehmung, die zumal den ungarischen Adel mit Westeuropa verbanden: vor allem den Calvinismus, aber auch die anderen in Ungarn und Siebenbürgen zu findenden christlichen Konfessionen und Sekten, die ihre Wurzeln im westlichen Europa hatten.

Auch wenn die einzelnen Beiträge den Leser in inhaltlicher oder methodischer Hinsicht nicht immer ganz zu überzeugen vermögen, so ist der Sammelband insgesamt als gelungen zu bezeichnen: Er vereint erprobte Ansätze der Aufklärungsforschung mit anderen, vielfach noch ungesicherten, aber produktiven Zugängen und ermöglicht einen erweiterten Diskurs, der es erlaubt, Aufklärungs- und Weltgeschichte konzeptionell und operativ in einer neuen Weise zu verbinden. Es wäre zu begrüßen, wenn nicht nur die Organisatoren und Mitarbeiter des Bandes, sondern auch andere Aufklärungsforscher diesen innovativen Ansatz weiter erproben würden, dessen konzeptionelle Grundrisse bekanntlich von den Aufklärern selbst entworfen worden sind.

Thomas Klingebiel