Rezension über:

Stefanie Zaun / Daniela Watzke / Jörn Steigerwald (Hgg.): Imagination und Sexualität. Pathologien der Einbildungskraft im medizinischen Diskurs der frühen Neuzeit (= Analecta Romanica; Heft 71), Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2004, 244 S., ISBN 978-3-465-03296-0, EUR 49,00
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Rezension von:
Daniel Schäfer
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Florian Steger
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Schäfer: Rezension von: Stefanie Zaun / Daniela Watzke / Jörn Steigerwald (Hgg.): Imagination und Sexualität. Pathologien der Einbildungskraft im medizinischen Diskurs der frühen Neuzeit, Frankfurt /M.: Vittorio Klostermann 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/02/4348.html


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Stefanie Zaun / Daniela Watzke / Jörn Steigerwald (Hgg.): Imagination und Sexualität

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Der Produktion wie auch Rezeption von Tagungsbänden haftet leider mitunter etwas Frustranes an: Selten gelingt es den Herausgeberinnen und Herausgebern sowie den Autorinnen und Autoren, den Geist einer gelungenen Veranstaltung in verbindliche Schriftlichkeit zu fixieren. Oft genug stehen Beiträge so unverbunden nebeneinander, dass man sich fragt, welches gemeinsame Interesse die Forscherinnen und Forscher eigentlich zusammengeführt hat. Hinzu kommt, dass die durch kleine Auflagen überteuerte Publikation sich meist über mehrere Jahre hinzieht und (nicht zuletzt auch deshalb) die Beiträge in modifizierter Form bereits an anderer Stelle erschienen sind. Ansonsten droht - auch und gerade im Zeitalter der Online-Datenbanken - das Vergessen im "Publikationsgrab Tagungsband".

Diese deutlichen Worte richten sich nicht unmittelbar gegen das konkret vorliegende, sehr ehrenwerte Projekt, ein durch die Bochumer DFG-Forschergruppe "Imagination und Kultur" im Jahr 2002 ausgerichtetes internationales Kolloquium zu publizieren. Doch die derzeit noch gültigen Rahmenbedingungen geisteswissenschaftlicher Forschungsförderung - Interdisziplinarität, Diachronizität und Internationalität um jeden Preis - verleihen dem Gesamtergebnis den recht ungünstigen Eindruck wahllos zusammengeführter Mosaiksteine. Nicht umsonst wurden als Titelstichworte zwei Begriffe gewählt, die schon jeder für sich und erst recht in Kombination ein denkbar breites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten eröffnen, vor allem, wenn man dem breiten deutschen Terminus "Sexualität" noch den englischen Gender-Begriff beilegt. Wie bereits angedeutet, können solche Assoziationen im Rahmen einer Tagung sehr befruchtend sein; den nach Zusammenhängen fahndenden Leser enttäuschen sie hingegen, zumal der vorliegende Band bereits drei ähnliche Vorgänger sowie einen Nachfolger zum Thema Imagination besitzt. [1]

Unausgesprochener Schwerpunkt der vorliegenden Publikation ist offensichtlich das 18. Jahrhundert; entsprechend der Ansiedelung des Projekts in der Bochumer Romanistik lassen sich fünf der elf Beiträge im weitesten Sinne einer romanistischen Kulturwissenschaft zuordnen; ferner ist überall ein medizinischer Kontext angesprochen (wobei mit Daniela Watzke nur eine Autorin in diesem Bereich wirklich ausgebildet ist).

Der Bochumer Anglist und Mediävist Luuk Houwen betrachtet anhand des faszinierenden spätmittelalterlichen Motivs der heilenden Tiere, das er über Albertus Magnus auf Plinius und Aristoteles zurückführt, die unterschiedlichen Konzepte der Imagination, Intention und Beurteilung bei Tier und Mensch in Abhängigkeit von den ihnen zugeschriebenen geistigen Vermögen (17-35). Die Bochumer Romanistin Stefanie Zaun untersucht in altspanischen Übersetzungen verschiedener Werke von Bernard de Gordon (um 1300) die Verknüpfung zwischen Imagination und physiologischen wie pathologischen Formen der Sexualität, insbesondere der Liebeskrankheit (amor hereus) (37-57). Dagegen widmet sich die Kunsthistorikerin Claudia Swan (North-Western-University of Illinois) zeitgenössischen medizinischen Vorstellungen (Johann Weyer, Reginald Scot) von Imagination bei vermeintlichen Hexen und postuliert deren Rezeption in der niederländischen Malerei Jacques' de Gheyn II. (59-82). Gabriele Vickermann-Ribémont (Orleans) untersucht Vorstellungen von Imagination in Nicolas Venettes Eheratgeber "Tableau de l'amour conjugal" im Kontext von Spätgalenismus und Aufklärung und arbeitet überzeugend den Aspekt der Ökonomisierung geistig-physiologischer Prozesse heraus (83-100). Ein ähnlicher Gesichtspunkt deutet sich im Beitrag der Romanistin Anne C. Vila (University of Wisconsin) an, die die (aus Sicht des Medizinhistorikers keineswegs ungewöhnliche) Auffassung französischer Intellektueller des 18. Jahrhunderts untersucht, eine Inanspruchnahme der Imagination durch geistige Beschäftigung könne in Konkurrenz zur Sexualität treten (101-118). Die Bochumer Medizinhistorikerin Daniela Watzke beschreibt pathologische Konzepte zur Imagination in der Missbildungslehre und (unter dem Aspekt des "Versehens") deren Rezeption in der Bevölkerung bis zum 20. Jahrhundert (119-136). Im diskursiven Anschluss an Michel Foucault interpretiert Jörn Steigerwald (Bochum) ausgewählte Artikel aus der "Encyclopédie" im Umkreis von Sexualität und Imagination (137-163). Der Wissenschaftshistoriker Fernando Vidal (Berlin) arbeitet ebenfalls anhand von Artikeln aus Lexika und Handbüchern sowie von Bienvilles einschlägiger Monografie (1771) die relative Abhängigkeit des Nymphomanie-Konzeptes von zeitgenössischen Imaginationsvorstellungen heraus (165-192). Verborgenen "priapischen Traditionen" im klassischen Weimar geht der Germanist Simon Richter (University of Pennsylvania) nach (193-207), im Kontrast zur zeitgenössischen Onanie-Diskussion, in der Käte Meyer-Drawe (Bochum) nicht zuletzt auch eine Herausbildung des autonomen Subjekts vermutet (209-223). Die Kulturwissenschaftlerin Susanne Greinke (Berlin) schließlich deutet eines der berühmten Wachsfigurenmodelle aus dem Wiener Josephinum, die so genannte Venus, als männliche Imagination weiblicher Anatomie (225-237).

Auch wenn in den Beiträgen überwiegend wohl bekannte Quellen ausgewertet wurden, ist fast jeder lesenswert und inspirierend, die kurze Einleitung der Herausgeberinnen und des Herausgebers (9-15) dagegen eher (und aus den angegebenen Gründen notgedrungen) enttäuschend. Ein kurzes Sach- und Personenregister schließt den Band ab; biografische Angaben zu den einzelnen Autorinnen fehlen leider. Insgesamt kann das Buch als gute Einführung in die Vielfalt von Formen und Ausdrucksmöglichkeiten der Imagination im Bereich der Medizin empfohlen werden.


Anmerkung:

[1] Rudolf Behrens / Jörn Steigerwald: Die Macht und das Imaginäre, Würzburg 2005 (angekündigt); Jörn Steigerwald / Daniela Watzke (Hg): Reiz - Imagination - Aufmerksamkeit. Über Erregung und Steuerung von Einbildungskraft im klassischen Zeitalter (1680-1830), Würzburg 2003; Thomas Dewender / Thomas Welt (Hg.): Imagination - Fiktion - Kreation. Das kulturschaffende Vermögen der Phantasie, München / Leipzig 2003; Rudolf Behrens (Hg.): Ordnung des Imaginären. Theorien der Imagination in funktionsgeschichtlicher Sicht (= Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kulturwissenschaft; Sonderheft), Hamburg 2002.

Daniel Schäfer