Rezension über:

Frauke Geyken: Gentlemen auf Reisen. Das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert (= Campus Forschung; Bd. 845), Frankfurt/M.: Campus 2002, 357 S., ISBN 978-3-593-37130-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Sabine Volk-Birke
Institut für Anglistik und Amerikanistik, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Volk-Birke: Rezension von: Frauke Geyken: Gentlemen auf Reisen. Das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert, Frankfurt/M.: Campus 2002, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/02/2619.html


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Frauke Geyken: Gentlemen auf Reisen

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Wenn der wachsenden Zahl von Untersuchungen zum Fremd- und Selbstbild in der Reiseliteratur einerseits oder zur Entstehung des britischen Nationalgefühls (Englishness oder Britishness) andererseits eine Veröffentlichung hinzugefügt wird, ist der mit der Forschungslage vertraute Leser auf der Suche nach Neuem. Auf den ersten Blick scheint es sich bei der Göttinger Dissertation von Frauke Geyken, dem Titel nach zu urteilen, um eine Variation eines bekannten Themas zu handeln, denn die britische Reiseliteratur ist seit längerer Zeit Gegenstand der anglistischen Forschung. Außerdem sind Genese, spezifische historische Ausprägung sowie Verbreitung der einschlägigen Stereotypen von Deutschland und den Deutschen in der Nachfolge von Tacitus' "Germania" hinlänglich bekannt. Bereits Günther Blaicher hat in seiner 1992 erschienenen Monografie "Das Deutschlandbild in der englischen Literatur" die überzeitlichen Klischees und Stereotypen in der englischen Wahrnehmung Deutschlands aufgezeigt sowie für zahlreiche literarische Werke deren jeweilige Funktionalisierung im Text analysiert. Dabei ist er im Überblick auch auf die historischen Ereignisse eingegangen, die das jeweils aktuelle Deutschlandbild beeinflusst haben. Es kann also nicht verwundern, dass die Stereotypen und deren Wandel, die Geyken erläutert, zumeist gut bekannt sind. Auch methodisch betritt die Verfasserin kein Neuland. Entstehung, Tradierung und Funktionalisierung von Stereotypen sind (nicht nur in der anglistischen Forschung) vielfach diskutiert und erläutert worden, wie es auch eine umfangreiche Diskussion über die Art und Weise beziehungsweise den Zeitpunkt der Entstehung eines britischen Nationalbewusstseins im Laufe des 18. Jahrhunderts gibt.

Dennoch ist die Lektüre des Buches lohnend, da Geyken sich auf einige wichtige Themen in sehr genau definierten und eng begrenzten Zeiträumen konzentriert und somit im Einzelnen den engen Zusammenhang zwischen politischer Situation und Instrumentalisierung des Deutschlandbilds zeigen kann. Dabei erweitert sie das Repertoire der Quellen, anders als der Titel vermuten lässt, über die bekannte Reiseliteratur hinaus, indem sie auch Enzyklopädien, Wörterbücher und zahlreiche Pamphlete heranzieht und diesen Schritt überzeugend begründet. Die enge Verzahnung der Reisebeschreibungen im strengen Sinne mit den Lexika und Pamphleten ergibt sich aus der Tatsache, dass die Reisenden ihre Vorinformationen aktiv oder passiv aus diesen Quellen bezogen; insofern haben alle diese Veröffentlichungen Anteil an der Konstruktion des untersuchten Deutschlandbildes. Wenn Geyken allerdings das "Gentleman's Magazine" (das in der Bibliografie nicht aufzufinden ist) als gleichberechtigte Quelle neben den Pamphleten anführt (25 und 31), steht dies nicht in Relation zum Umfang oder zur Bedeutung der zitierten Belege (170 f.). Hier wäre zumindest eine genauere Erläuterung der Methode wünschenswert gewesen.

Die Arbeit gliedert sich in eine ausführliche Einleitung, sechs Kapitel und eine Zusammenfassung. Dabei werden zwei Hauptteile unterschieden, "Bilder" und "Wahrnehmungen". Die Wahl dieser beiden Überschriften ist nicht glücklich, denn einerseits ist der Bildbegriff in der Forschung so komplex, dass er hier einer differenzierten Definition bedürfte, andererseits geht es im zweiten Hauptteil gerade darum, die Wirkung der Stereotypen auf die Wahrnehmungen aufzuzeigen, also die 'Bilder' gerade nicht von den 'Wahrnehmungen' zu trennen.

Die Intention der Einteilung ist allerdings einleuchtend: Im ersten Teil werden das positive Wissen über Deutschland sowie die Stereotypen jeweils in einem Kapitel zusammengefasst, im zweiten Teil werden die Komplexe "Politik", "Religion", "Geschichte" und "Kultur" ins Zentrum von vier Kapiteln gestellt, um die Funktionalisierungen der Darstellung von Deutschland (beziehungsweise unterschiedlicher Regionen, Kleinstaaten oder Städte) im Hinblick auf diese Themen im Kontext aktueller politischer Diskussionen in Großbritannien deutlich zu machen.

In der Auseinandersetzung mit Hannover spielten vor allem britische Verfassungsfragen beziehungsweise Probleme eine Rolle, die sich aus der Personalunion des Königs mit dem Kurfürsten von Hannover ergaben, also zum Beispiel die Außenpolitik und die Frage der Finanzierung hannoverscher Söldner im englischen Heer. Die eigenen politischen Probleme und Diskussionen strukturieren die Darstellung des Fremden.

Es ist ein Zeichen für das inzwischen in der Forschung deutlich gewachsene Interesse am Stellenwert der Religion im Zusammenhang mit Politik und Kultur, dass Geyken dem Anteil des Protestantismus an der Konstruktion von Fremd- und Selbstbildern ein Kapitel widmet. Sie zeigt auf, wie der englische Protestantismus die Wahrnehmung der protestantischen oder katholischen Territorien beeinflusst und Urteile über Städte und Regionen oder Kleinstaaten prägt. Das englische anti-katholische Ressentiment schlägt regelmäßig auf die Beschreibungen durch.

Im Kapitel "Geschichte" geht Geyken auf die Erforschung der angelsächsischen Geschichte durch die antiquaries sowie deren Funktionalisierung im 17. und 18. Jahrhundert ein und zeigt die unterschiedlichen Interpretationen auf, die Whigs und Tories gegenüber den germanischen Vorfahren mobilisieren. Im letzten Kapitel, "Kultur", liegt der Schwerpunkt auf dem späten 18. Jahrhundert, da erst im 19. Jahrhundert die negative Bewertung Deutschlands als unzivilisiertes, barbarisches Land der Bewunderung deutscher Philosophie und Dichtung gewichen war. Da sich auch die ästhetischen Paradigmen gewandelt hatten, konnte die deutsche Landschaft (vor allem der Rhein) neu bewertet werden. Solange herrschaftliche Landhäuser und englische Gartenkunst den Reisenden als alleinige Kriterien von Kultur gegolten hatten, konnte Deutschland nur als negatives Gegenbeispiel zu England konstruiert werden.

Im Schlusskapitel nimmt Geyken Stellung zur Frage, ab wann 'Britishness' als etabliert gelten kann. Im Gegensatz zu Linda Colley, die den Schwerpunkt der Entstehung eines britischen Nationalbewusstseins in den Zeitraum nach 1770 verlegt, plädiert Geyken auf der Basis ihrer Untersuchungen für einen früheren Zeitpunkt. Dabei betont sie, wie wichtig die Religion für diese Entwicklung war: "Die Bestimmung der Koordinaten eines Vereinigten Königreichs von Engländern, Schotten, Walisern und Iren war dabei nicht notwendigerweise auf die Abgrenzung gegen Amerikaner, Inder oder Afrikaner beschränkt. Jedes Aufeinandertreffen mit einem katholischen Europäer war ein Akt der Selbstvergewisserung, der im kleinen dazu beitragen konnte, im großen ein Bild von Großbritannien mitzuentwerfen und zu festigen" (297). "Das britische Selbstbild hatte in den 1750er Jahren bereits eine feste Form angenommen" (299).

Man hätte sich für ein wissenschaftliches Werk gewünscht, dass eine sorgfältige redaktionelle Durchsicht eine Reihe von Nachlässigkeiten und Errata bereinigt hätte und dass Stilmittel wie die Häufung von Fragen oder essayistische Elemente in Wortwahl und Syntax mit größerer Zurückhaltung gebraucht worden wären. Das Buch bietet aber auf der Basis umfangreicher Quellen einen guten Überblick über das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert und wird sicherlich von Historiken wie von Anglisten vor allem als Einführung in die Thematik mit Gewinn gelesen werden.

Sabine Volk-Birke