Rezension über:

Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, X + 489 S., ISBN 978-3-412-03903-5, EUR 49,90
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Rezension von:
Armin Heinen
Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Armin Heinen: Rezension von: Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/6317.html


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Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese

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"To rap" meint ins Deutsche übertragen "schwatzen", "quatschen", freilich als "Rap" ein höchst fantasievolles, poetisches, rhythmisches Wortbilden und Phrasenformen, eine musikalische Belehrung in Gesprächsform, provokant, je individuell verschieden und mitreißend. Rap ist performativ, um ein Schlagwort der Kulturwissenschaften zu benutzen, Rap erweist sich in der Kunst der Aufführung, ist nicht beliebig reproduzierbar. Und alle diese Eigenschaften hat auch das Buch von Dietmar Hüser, denn der Gegenstand färbt offensichtlich auf die Darstellung selbst ab.

Provokativ ist die Studie, weil ein Historiker ein Thema der jüngsten Gegenwart behandelt und damit die Schamgrenze einer dreißigjährigen Frist bis zur Öffnung der Archive überschreitet. Widerspruch muss die Arbeit hervorrufen, weil der Autor sich aufs Lesen der Quellen, die Auswertung der Forschungsarbeiten und das Hören der Musik beschränkt und damit auf die für die Kulturwissenschaften so wichtige Feldforschung verzichtet. Aufrührend ist das Werk, weil es zwar den Rap historisch verortet, aber keine Geschichte des französischen Hip-Hop erzählt, allemal nicht einzelner Gruppen und Songs. Stattdessen analysiert Dietmar Hüser den Rap in Hinblick auf zwölf zentrale Leitmotive (1. Globalisierung und lokale Aneignung, 2. "Chansonerbe und Protestfolklore", 3. "Massenmedien und Hörermacht", 4. Jugendkultur, 5. Musikszene, 6. Rap-Texte, 7. Die Menschen- und Bürgerrechte und die Aneignung der Werte der französischen Republik, 8. "Integrationsdiskurse und Integrationslogiken", 9. Die Banlieu, 10. Koloniales Erbe, 11. Parteisystem und Bürgerengagement, 12. "Kulturelle Nationsbildung").

Durchkomponiert erscheint der Band, weil die Texte selbst noch einmal in sich gegliedert sind, die zwölf Sinneinheiten beispielsweise in vier Großabschnitte unterteilt werden ("Verortungen - Zentrum und Peripherie", "Ausdrucksformen - Jugend und Musik", "Tragweiten - Republik und Nation", "Zeitgeschichten - Kultur und Politik") und die Kapitel wiederum vielen Unterkapiteln Raum geben ("Rap ta France und Alte Schule", "Underground und Establishment", ...). "Poetisch" angelegt ist der Text, weil er wissenschaftliche Wortkreationen aufgreift und in den Zusammenhang stellt ("Glokalisierung - Welt-Musik und Vor-Ort-Menschen", "Vorstädtische Szenarien - Fremdbilder, Selbstbilder und Vorbilder").

Schließlich nimmt Dietmar Hüser eindeutig Stellung: (a) zu Gunsten der Rapper, die er als kreative, Mitsprache fordernde, auf die Integration der gesellschaftlichen Ränder pochende aktive Staatsbürger darstellt, (b) zu Gunsten des französischen Modells der Bürger-Nation, deren Selbstbild durch die Erklärung der Menschenrechte während der Französischen Revolution geprägt ist, und schließlich (c) zu Gunsten einer differenzierten Wahrnehmung, die die Vielfalt lokaler Praktiken und Aneignungsformen einfachen Stereotypen gegenüberstellt.

Eine historische Studie hat der Autor auch vorgelegt, freilich verpackt in den Gegenstand erläuternde Forschungsberichte zum Rap, zur Ausbildung der Banlieus, zum kolonialen Erbe oder auch zur Nationsbildung in Frankreich.

Manches, was der Leser erwarten könnte, bietet die Darstellung nicht. So fehlt etwa eine dezidierte Geschichte des französischen Raps. Davon war schon die Rede. Ebenso wenig interessiert den Autor der Hip-Hop als spezifische Ausdrucksform jugendlichen Verhaltens. Warum demnach die Jugendlichen der Banlieu gerade den Rap als musikalische Entäußerung bevorzugen, bleibt im Dunkeln. Dagegen wird deutlich, weshalb gerade in Frankreich der Rap Fuß gefasst hat, und zwar viel stärker als in Deutschland oder Großbritannien. Die Einwanderung aus Nordafrika ist als Grund zu nennen, aber mehr noch die Tradition des provokanten politischen Liedes seit der Französischen Revolution.

Letztlich lässt die Studie Dietmar Hüsers viele Lesarten zu. Auch dies spricht dafür, dass der Gegenstand des Buches die Darstellung beeinflusst hat, die je individuelle Rezeption in der Struktur der Interpretationsangebote mitbedacht wurde: Erstens enthält der Band eine Untersuchung über den kulturellen Aufbruch Frankreichs in die Postmoderne. Zweitens lässt er sich als eine Einführung in die Historische Kulturforschung lesen, so wie sie von Richard van Dülmen, Rainer Hudemann, Clemens Zimmermann und Hans-Jürgen Lüsebrink für Saarbrücken zu einem eigenständigen Studiengang fortentwickelt wurde. Drittens bietet das Buch eine politische Landeskunde Frankreichs, in der tatsächlich künstlerische Performanz, soziale Lage und politische Kultur aufeinander bezogen werden. Viertens handelt das Werk von den Banlieus und den Jugendlichen dort. Und fünftens bietet es einen Einstieg in die politische Populärmusik Frankreichs und könnte damit gute Dienste für den Französischunterricht leisten.

Armin Heinen