Rezension über:

William I. Brustein: Roots of Hate. Anti-semitism in Europe before the Holocaust, Cambridge: Cambridge University Press 2003, XV + 384 S., ISBN 978-0-521-77478-9, GBP 17,99
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Rezension von:
Ulrich Wyrwa
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität, Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Wyrwa: Rezension von: William I. Brustein: Roots of Hate. Anti-semitism in Europe before the Holocaust, Cambridge: Cambridge University Press 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/6263.html


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William I. Brustein: Roots of Hate

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Eines der zentralen Defizite der historischen Antisemitismusforschung besteht im Mangel an europäisch-vergleichenden Studien. Die Frage, was das Spezifische des Antisemitismus in Deutschland ausmacht, und ob diese Besonderheiten ausschlaggebend dafür waren, dass der Holocaust von Deutschland ausging, kann nur auf Grund von komparativen Untersuchungen beantwortet werden. Aus diesem Grund weckt die Studie von Brustein über die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus in Europa vor dem Holocaust große Erwartungen. Zuvor hat der Autor über die sozialen Ursprünge der NSDAP in der Weimarer Republik gearbeitet. In seiner neuen Publikation geht es ihm darum, die historischen Wurzeln des modernen Antisemitismus, von der Entstehung des Begriffs und der Formierung der antisemitischen Bewegung bis zum Jahr 1939 systematisch-vergleichend in fünf europäischen Ländern - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Rumänien - zu analysieren. In dieser Periode vollzog sich der Umschlag in den Beziehungen von Juden und Nichtjuden in Europa vom Paradigma der Emanzipation zum Antisemitismus, wobei in zwei Ländern - Deutschland und Rumänien - der Antisemitismus besonders stark, in zwei weiteren Ländern - Italien und Großbritannien - der Antisemitismus eher schwächer ausgeprägt war und ein Land - Frankreich - in der Mitte stand, so die Begründung des Autors für die Konzentration auf diese Länder. Dies erscheint als prägnante und überzeugende Konzeption.

In seiner Einleitung präsentiert er zudem einen auch methodisch viel versprechenden Ansatz, indem er erstens die ungemein umfangreiche und detaillierte Berichterstattung des American Jewish Year Book über antisemitische Gewaltakte in Europa und zweitens ausgewählte Tageszeitungen aus den fünf Ländern systematisch auswertet. Das American Jewish Year Book gibt für diesen Zeitraum einen umfassenden Überblick über die antisemitischen Gewaltakte in Europa und stellt damit eine exzellente historische Quelle dar. Während die Studie insgesamt auf die Jahre 1879 bis 1939 ausgelegt ist, umfasst der zeitliche Rahmen dieser Erhebung jedoch lediglich die Jahre ab 1899. Aus diesen Berichten entwickelt Brustein eine Typologie antisemitischer Gewalt, die von falschen Beschuldigungen bis hin zu Aufruhr und Mord reicht. Bei der Zeitungsanalyse wiederum konzentriert sich Brustein zunächst auf die Tageszeitungen mit der jeweils größten nationalen Verbreitung, ergänzt durch eine zusätzliche selektive Auswertung der zweitgrößten Zeitungen. Er hat daraus alle Artikel gesammelt, in denen über Juden berichtet wurde und so ein Sample von über eintausend Artikeln zusammengestellt, deren Auswertung eine große Zahl von Beiträgen im Jahr 1899 zeigt, eine relativ geringe Anzahl zwischen 1914 und 1935 und eine starke Zunahme seit 1935. Schließlich hat er die Beiträge in drei unterschiedliche Kategorien eingeteilt hat, je nachdem ob Juden in ihnen positiv, negativ oder neutral dargestellt wurden. Diese Analyse zeigt, dass der überwiegende Teil der Berichte zunächst neutral war, mit dem Jahr 1932 aber ins Negative umschlug.

So instruktiv und vielversprechend diese Einleitung auch ist, so enttäuschend und konventionell bleiben demgegenüber die vier Hauptkapitel über die religiösen, rassistischen, wirtschaftlichen und politischen Wurzeln des Antisemitismus. Hier gibt Brustein Zusammenfassungen und Kompilationen der vorliegenden Sekundärliteratur. Der entscheidende Mangel dieser Kapitel liegt aber weniger in diesem Vorgehen, sondern vor allem darin, dass die Argumente in den einzelnen Kapiteln wenig konsistent und die Abschnitte über die fünf Länder eher additiv nebeneinander gestellt und kaum systematisch komparativ angelegt sind. Im Kapitel über die religiösen Wurzeln gibt Brustein einen kurzen Abriss der Geschichte des christlichen Judenhasses, vor allem aber beschäftigt er sich mit der Philosophie der Aufklärung, die für ihn gleichfalls eine der Wurzeln des Antisemitismus darstellt. Dass erst mit der Aufklärung ein neues Konzept von Judentum möglich und die Integration der Juden in die Gesellschaft denkbar geworden ist, thematisiert Brustein nicht. Dafür geht er umso schärfer mit Voltaire ins Gericht, der für ihn ein Vorreiter des modernen Antisemitismus ist, ohne den Unterschied zwischen einem agnostischen Polemiker, der über jedwede Religion spottet, und Autoren, die dezidiert die jüdische Religion verurteilen, zu reflektieren. Bedenklich muss es vor allem stimmen, wenn Brustein einen so aufgeklärten Reformpolitiker und wirkungsvollen Befürworter der Integration der Juden in die bürgerliche Gesellschaft wie Friedrich Wilhelm Dohm ohne Umstände zu den Judenfeinden zählt.

Im Kapitel über die rassistischen Wurzeln des Antisemitismus rekapituliert Brustein einleitend die Entstehung rassistischer Konzepte in den Wissenschaften, im Mittelpunkt aber steht die Einwanderung von Ostjuden in die westeuropäischen Gesellschaften. In den Abschnitten über die fünf Nationen wiederum gibt er eher einen allgemeinen, wiederum lediglich aus der Sekundärliteratur gearbeiteten Überblick der verschiedenen antisemitischen Schriftsteller und Literaten in diesen Ländern. Er geht darin aber kaum auf die jeweiligen rassenbiologischen oder rassenanthropologischen Voraussetzungen des Antisemitismus oder die dem Rassismus zugrunde liegenden wissenschaftlichen Konzepte ein. In Italien konnte ein rassistischer Antisemitismus, wie Brustein treffend betont, nicht Fuß fassen. Dass ein Wissenschaftler wie Cesare Lombroso, auf dessen zentrale Bedeutung für die Entwicklung rassistischer Wissenschaften Brustein durchaus hinweist, selbst Jude und ein Gegner des Antisemitismus war, erwähnt er nicht.

Weniger inkonsistent ist das "Die ökonomischen Wurzeln" überschriebene Kapitel, in dem Brustein zunächst die den Juden auferlegten wirtschaftlichen Beschränkungen im mittelalterlichen Europa schildert, sodann den ökonomischen Aufstieg jüdischer Bankhäuser im 19. Jahrhundert, insbesondere der Familie Rothschild, sowie die Bedeutung der Wirtschaftskrisen vom späten 19. bis ins 20. Jahrhundert für die Entstehung des Antisemitismus. "Jews", so das Resümee dieses Kapitels, "have frequently been accused of involvement in criminal activities such as financial and political scandals."

Im letzten Kapitel thematisiert Brustein die politischen Wurzeln des Antisemitismus. Er konzentriert sich darin aber weniger auf die Politik der antisemitischen Bewegung, als vielmehr auf die politischen Aktivitäten von Juden in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Aus Russland und Polen emigrierte jüdische Sozialisten, so die pointierte Behauptung Brusteins, seien dafür verantwortlich gewesen, dass sich der Schwerpunkt der Sozialdemokratie zur extremen Linken hin verlagert habe.

In seiner Zusammenfassung kommt Brustein noch einmal auf seine Auswertung der Berichterstattung im American Jewish Year Book sowie seine Sammlung von Zeitungsartikeln zurück. Er versucht eine quantifizierende Auswertung, die jedoch nicht immer plausibel ist und konzeptionell unbefriedigend bleibt. Der Antisemitismus variierte, so fasst Brustein seine Ergebnisse zusammen, zeitlich und räumlich. Antisemitische Handlungen und Einstellungen erreichten zwischen den Weltkriegen ihren Höhepunkt, insbesondere in Deutschland und Rumänien, während Italien bis 1936 vom Antisemitismus relativ unberührt blieb.

Was die Studie von Brustein problematisch macht, sind weniger diese eher vagen Resultate, auch nicht so sehr die Tatsache, dass die Frage, worin das Besondere des deutschen Antisemitismus bestehe oder ob es einen spezifisch deutschen Antisemitismus gegeben habe, weitgehend unbeantwortet bleibt. Es ist vielmehr die zugespitzte Interpretation des Antisemitismus als einer Reaktion auf das politische Engagement von Juden in der sozialistischen Bewegung. Die antisemitische Rhetorik sei, so Brustein, eine unmittelbare Folge der Identifikation von Juden mit der politischen Linken, und pointiert schreibt er: "Revolutionary socialism provided anti-Semites a key weapon in their assault on Jews". Juden mit der kommunistischen Bewegung in Verbindung zu bringen sei für Brustein mitunter durchaus berechtigt gewesen. Ausdruck für die politische Voreingenommenheit des Autors gegen die Linke ist etwa die Tatsache, dass Marx ebenso häufig erwähnt ist wie Marr, und selbst Lassalle öfter genannt wird als Treitschke oder Stöcker. Dass der Antisemitismus vor allem im politisch rechten Lager propagiert wurde, im konservativen Bürger- und Kleinbürgertum seine stärkste Klientel hatte und im kirchlich-konservativen Milieu gar als kultureller Code, wie Shulamit Volkov es so treffend formuliert hat, fungierte, hat Brustein demgegenüber ausgeblendet.

Ulrich Wyrwa