Rezension über:

Kathrin Ellwardt: Kirchenbau zwischen evangelischen Idealen und absolutistischer Herrschaft. Die Querkirchen im hessischen Raum vom Reformationsjahrhundert bis zum Siebenjährigen Krieg, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004, 320 S., 257 Abb., ISBN 978-3-937251-34-9, EUR 49,90
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Rezension von:
Hans-Josef Böker
Art History and Communication Studies, McGill University, Montreal, QC
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Josef Böker: Rezension von: Kathrin Ellwardt: Kirchenbau zwischen evangelischen Idealen und absolutistischer Herrschaft. Die Querkirchen im hessischen Raum vom Reformationsjahrhundert bis zum Siebenjährigen Krieg, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/6068.html


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Kathrin Ellwardt: Kirchenbau zwischen evangelischen Idealen und absolutistischer Herrschaft

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Im Zentrum dieser Marburger Dissertation von 2000 steht die "Frage nach Ursprung und Entwicklung der protestantischen Quer[saal]kirche" (7) im hessischen oder präziser im hessisch-nassauischen Raum, also im Wesentlichen im heutigen Bundesland Hessen, lediglich aus dynastischen statt geografischen Gründen unter Einschluss von Saarbrücken und dem lothringische Saarwerden, gefolgt von einem Ausblick auf die Zeit der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis ist eine umfassende Übersicht und regionale Studie eines der interessantesten Kapitel des Kirchenbaus, dessen 35 Bauten umfassender Bestand katalogartig im Dokumentationsteil (223-279) erfasst ist.

Ein erstes Problem stellt natürlich das der Voraussetzungen des auf den protestantischen Kirchenbau beschränkten Phänomens dar. Dass dabei für die Genese der protestantischen Quersaalkirche nicht unbedingt die Predigtorientierung mittelalterlicher Kirchenbauten auf den mittleren Langhauspfeiler meist der Nordseite bemüht zu werden braucht (16f.), erscheint einleuchtend. Diskussionswürdig wäre immerhin aber auch die Frage nach der möglichen Vorbildfunktion der durch Lettner vom Langhaus abgetrennten Chor- und Querhausanlagen mittelalterlicher Sakralbauten (zum Beispiel der Elisabethkirche in Marburg), wobei in den infolge des 1707 geschlossenen Religionsfriedens der Pfalz geteilten Kirchenbauten (Abteikirche von Otterberg, wie beispielsweise auch im Simultaneum im Elsass, 83) dieser Raumbereich gerade dem katholischen Kultus zufiel. Während die Verfasserin des weiteren mit dem "Mythos von der Stuttgarter Schlosskapelle als 'Mutterkirche des Protestantismus'" und zugleich dem ersten echten Quersaalbau der Reformation aufräumt (19), weist sie die entwicklungsgeschichtliche Initialfunktion der Rotenburger Schlosskapelle von 1570 zu (29f.), was zugleich die Annahme einer Gleichsetzung mit den bereits im Titel angekündigten absolutistischen Vorstellungen unterstützen soll. Mit diesem Paradigmenwechsel ist jedoch letztlich wenig (außer einem prominenten Beispiel innerhalb des Untersuchungsgebiets selber) gewonnen, zumal diese Rotenburger Schlosskapelle, deren tatsächliche Querorientierung zudem nur bedingt belegt ist, sich funktions- und raumtypologisch wie auch in chronologischer Hinsicht deutlich von der erst im ausgehenden 17. Jahrhundert einsetzenden Gruppe absetzt.

Es folgt in einem ersten Hauptteil die von zahlreichen Einzelinformationen gestützte Vorstellung der verschiedenen Territorien mit ihrem jeweiligen Anteil an Quersaalkirchen, um zu dem Ergebnis zu gelangen, dass es "in der Mehrzahl [...] Kleinterritorien [waren], welche verstärkt Querkirchen bauten, nach Fürstung strebende Grafschaften oder gerade erst in den Reichsfürstenstand erhobene Territorien" (109), wobei "ein knappes Drittel [...] eindeutig einem höfischen Kontext zuzuordnen" ist (108). Der Versuch der Aufstellung einer Typologie erwies sich bei der Unterschiedlichkeit der Einzellösungen (110-121) als unergiebig. Insbesondere kann der Quersaal nicht getrennt von dem - im Text dann auch berücksichtigten - kreuzförmigen Kirchengrundriss gesehen werden, der namentlich bei der Saarbrücker Ludwigskirche (94f.) Friedrich Joachim Stengels nicht aus der Entwicklung zu lösen ist.

Auf den ersten Hauptteil folgt etwas unvermittelt, gleichsam als ein inserierter Aufsatz und mit negativem Ergebnis, ein Exkurs über Leonhard Christoph Sturms Idealentwürfe von 1712 und 1718, deren Umsetzung im braunschweigischen Salzgitter-Salder 1713 - 1717 mit der richtigen Bemerkung, dass Sturm "die Quersaalkirche nicht erfunden" habe, indem "Bauten dieses Typs [...] auch als Residenzkirchen, bereits vorher ausgeführt" worden seien und "seine Idealpläne [...] vielmehr zeitgleiche Tendenzen in der Baukunst" widerspiegelten (126), zumal die von Stengel 1736 und 1737 im nassauischen Grävenwiesbach und Heftrich ausgeführten Kirchenbauten nicht als Rezeption der Sturm'schen Vorlage verstanden werden können. Ein anderes solches Kapitel befasst sich mit den Kirchenbauten der Hugenotten insbesondere in der Landgrafschaft Hessen-Kassel, wobei die Verfasserin zurecht der verbreiteten Ansicht entgegentritt, die französischen Glaubensflüchtlinge hätten den Bautypus aus ihrer Heimat mitgebracht. Dass in Carlsdorf der mutmaßliche Architekt, Paul du Ry, "der, bevor Karl ihn 1685 an den Kasseler Hof berief, zwanzig Jahre lang in den Niederlanden gearbeitet hatte" und "dort [...] zweifellos Querkirchen kennengelernt [hatte], die im protestantischen [das heißt reformierten] Holland schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts verbreitet waren" (135), ist eine Kette von Schlussfolgerungen, denen man zur Erhärtung der Argumentationslinie eine vertiefte Untersuchung gewünscht hätte. Das architektonische Erscheinungsbild der eher aus ihrem unmittelbaren regionalen Kontext denn der höfischen Architektur zu verstehenden Fachwerkkirche rechtfertigt ebenfalls eine solche, zudem im Widerspruch zu der Annahme von Rotenburg als Vorbild stehenden, Interpretation nicht.

Das Kapitel über "Theologie und Liturgie" resultiert in der an sich wenig aussagekräftigen Feststellung der Diskrepanz zwischen dem "biblische[n] Armutsideal" und dem "höfische[n] Prunk der Landesfürsten sowie [der] Prachtentfaltung zum Lobe Gottes im Kirchenbau" (159), und hier, wo sich die Verfasserin auf ein abstrakteres Niveau begibt, treten entsprechend auch die Probleme zu Tage, die sich aus einer vorbestimmten theoretischen Position ergeben. Die methodologischen Schwierigkeiten manifestieren sich besonders drastisch in der Darstellung des Absolutismus als der treibenden Kraft des Kirchenbaus. Zwar folge, wie die Verfasserin konzidiert, "diese Interpretation [...] undifferenziert gängigen Klischees, doch ist sie im Kern nicht von der Hand zu weisen" (160), auch wenn letztlich "begründete Zweifel" bestehen, "ob die theoretische Vorstellung eines absolut regierenden Herrschers überhaupt jemals Realität geworden ist" und "die landläufige Vorstellung vom absolutistischen Herrscher, der über ein totales Machtmonopol verfügte, als Mythos" zu sehen sei (161), um dennoch "am Begriff des Absolutismus festzuhalten", in dem "das staatsrechtliche Modell als Ideal Gültigkeit und Vorbildfunktion besaß und die herrschaftliche Repräsentation prägte" (162). Für das Verständnis der Bautengruppe insgesamt ist damit letztlich wenig gewonnen.

Die Problematik wird besonders im eigentlichen Hauptkapitel des analytischen Teils über "Landesherrschaft und Kirchenbau" deutlich, in dem es um den tatsächlichen Anteil der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen und Kräfte am Zustandekommen eines Kirchenbaus geht. Wenn die Verfasserin in dem Abschnitt "Der Landesherr als Bauherr der Kirche" konzediert, dass "zahlreiche Angehörige regierender Fürsten- und Grafenhäuser sich intensiv mit der Architektur" befassten und ein "Grundwissen sowohl in der Zivil- als auch der Militärarchitektur [...] allgemein zur Erziehung und Ausbildung junger Adliger" gehörte, "wobei [in ersterem Fall] die Säulenordnungslehre im Vordergrund stand" (166), so trifft dieses gerade im Fall von Landgraf Carl nicht den Punkt, der in dem Widmungsschreiben Giacomo Leonis für das dritte Buch seiner weit verbreiteten Londoner Palladio-Ausgabe von 1715 als ein Herrscher genannt wird, der nicht nur mit Szepter und Schwert, sondern auch mit Zirkel und Lineal umzugehen wisse. Wenn dabei, wofür die gerade von ihm in Auftrag gegebene Kirche von Carlsdorf als Beleg dafür herangezogen wurde, dass "herrschaftliche Zeichen überall über das Territorium ausgestreut wurden", um, was natürlich zu diesem Zeitpunkt, mehr als ein halbes Jahrhundert nach den großen Grenzverschiebungen des Dreißigjährigen Krieges, längst nicht mehr aktuell sein konnte, "die symbolische Inbesitznahme des Landes" (168) zu dokumentieren, so wird eine aktive Baupolitik, wie sie gerade für Landgraf Carl als einem dilettierenden Architekten charakteristisch ist, ohne weitere Diskussion der Fakten beiseite geschoben. Zumal wenn, wie angeführt, die dafür aufgebrachten Finanzmittel ohnedies "aus den Taschen von Untertanen im In- und Ausland stammten" (167), wodurch "die herrschaftlichen Kassen kräftig entlastet wurden" (168). Herrschaft basiert nun einmal primär auf der Verfügbarkeit über das (finanzielle) Vermögen von Abhängigen.

Erst im Zusammenhang der Besprechung der Herrschaftslogen fällt gelegentlich die aufgegriffene, dann aber nicht weiter verfolgte Bemerkung, dass diese geradezu durch ihre ideale Positionierung in Quersaalkirchen den Bautypus initiiert haben könnte (174). Gerade unter dem Aspekt fürstlicher Bauinitiative aber bleiben bei allem ausgebreiteten Material interessante Fragen offen. Insbesondere kann für Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken der Beweggrund seiner Kirchenbaupolitik sicher nicht, wie die Verfasserin annimmt, darin gesehen werden, "in seinem Land so offenkundig evangelische Kirchengebäude errichten zu lassen, die von seinem Bekenntnisstand und von seiner Herrschaft Zeugnis ablegen" (189), um sich damit gegen den übermächtigen französischen Nachbarn abzusetzen, da gerade dieser Fürst eine Anlehnung an Frankreich suchte.

Die an sich beachtenswerte wissenschaftliche Leistung der Arbeit wird durch das häufig bei Dissertationen festzustellende Missverständnis, dass ein Buch den ausführlichen Bericht seiner Recherchen, und nicht so sehr eine Darlegung von deren Ergebnissen darstellen sollte, relativiert, was die Lektüre oftmals mühsam macht. Diese wird auch nicht durch die für wissenschaftliche Prosa oftmals zu bildliche, wenn nicht saloppe Sprache ("Die Gerüchteküche brodelte im Flecken Rodheim" (140); "eine Verwaltungsbürokratie, die mitunter zum Selbstläufer wurde" (166); "Insgesamt gesehen zogen geistliche und weltliche Obrigkeit an demselben Strang" (166)) erleichtert.

Hans-Josef Böker