Rezension über:

Beryl Rawson: Children and Childhood in Roman Italy, Oxford: Oxford University Press 2003, XIV + 419 S., ISBN 978-0-19-924034-0, GBP 60,00
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Rezension von:
Raphaela Czech-Schneider
Seminar für Alte Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Raphaela Czech-Schneider: Rezension von: Beryl Rawson: Children and Childhood in Roman Italy, Oxford: Oxford University Press 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/5911.html


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Beryl Rawson: Children and Childhood in Roman Italy

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Die Autorin des vorliegenden Buches hat spätestens seit 1964 (hier noch unter dem Namen Wilkinson) eine Reihe von Publikationen vorgelegt, die sich unter einem sehr weit gefächerten Spektrum von Fragestellungen mit der römischen Familie beschäftigen. Seit etwa gut einem Jahrzehnt sind dabei spezielle Aspekte von Kindern und Kindheit in der römischen Gesellschaft zu einem zentralen Thema ihrer Forschungen geworden, die jetzt in ihr Buch eingeflossen sind, das sich nicht nur an den engen Kreis von Fachleuten wenden will (12). Beryl Rawson wertet die römischen Gesellschaft in der von ihr behandelten Epoche zwischen dem 1. und dem 3. Jahrhundert nach Christus als eine Gesellschaft, die der Kindheit durchaus Bedeutung zumaß (Geburtsriten, Kinderspiele, -geschichten et cetera) und sich aufgrund bestimmter Besonderheiten wie der zentralen Rolle der Ehegemeinschaft in emotionaler, juristischer und zahlreicher häuslicher Bereiche von früheren und späteren Gesellschaften unterschied. Dazu gehört auch der weitere Rahmen der 'Familie' und des Klientelwesens im römischen Italien.

Für die Wahl der behandelten Epoche ist zunächst die Quellenlage entscheidend, die in sehr unterschiedlicher Weise Auskunft über Kinder gibt, wobei eine vollständige Analyse juristischer Texte den Rahmen des Buches sprengen würde. Anhand der Quellen vermeint Beryl Rawson eine Entwicklung der Wertschätzung und Repräsentation von Kindern zu erkennen: Der Beginn liegt in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Christus, der Höhepunkt im 2. Jahrhundert nach Christus. Als Begründung führt sie die Friedenszeit seit Augustus an. In Italien sind nach Meinung der Autorin die Sarkophage mit der neuen Bestattungsdekoration, die Kinder repräsentiert, ein wichtiger Beleg. Zudem spielt für Beryl Rawson insbesondere die Stadt Rom auch mit ihren Aktivitäten eine wichtige Rolle, die andere Zentren in Italien (und darüber hinaus) beeinflusste (9), das heißt, sie sieht das römische Italien nicht vorwiegend ländlich, sondern durchaus auch von Urbanität durchdrungen. Dies gilt jedoch meines Ermessens nur für die Oberschicht der italischen Städte, auf dem Lande allenfalls im Rahmen der Villenwirtschaft. Unter diesen Prämissen stellt Beryl Rawson ihrer Untersuchung die Hauptthese voran, dass Kinder in der römischen Gesellschaft willkommen waren und auch offiziell geschätzt wurden. Der erste Teil des Buches dient der Darstellung von Kindern im Römischen Italien (17-92), der zweite Teil behandelt in acht Kapiteln den Lebenslauf von der Geburt bis zum Tode (95-363).

Im ersten Teil des Buches ('Representations of Children in Roman Italy', 17-92) versucht die Autorin zu klären, in welch unterschiedlichen Formen Kinder öffentlich dargestellt wurden. Dabei handelt es sich in der Regel um freigeborene Kinder. Schon Augustus bindet in den Darstellungen auf der Ara Pacis bewusst Kinder in seine Propaganda ein (31). Insgesamt werden nach Ansicht der Autorin Kinder in Rom und Italien zu dieser Zeit liebevoll dargestellt. Der Höhepunkt liegt für Beryl Rawson im 2. Jahrhundert nach Christus. Die Autorin räumt am Ende dieses umfangreichen Kapitels ein, dass die meisten Quellenaussagen aus Rom stammen (von 500 Inschriften nur 80 außerhalb Roms). Dennoch sieht sie starke Interaktionen zwischen Rom und Italien auf kulturellem Gebiet. Quantifizierbar ist dies natürlich nicht, besonders nicht im ländlichen Raum. Dies bleibt also eine These. Bei Beryl Rawsons Umgang mit den Quellen fällt auf, dass bei den bildlichen Darstellungen die Möglichkeit von Modeerscheinungen nicht in Betracht gezogen wird. Darum könnte es sich gerade bei den Sarkophagdarstellungen des 2. Jahrhunderts nach Christus handeln. Zudem fehlt völlig ein Hinweis auf das puer-senex-Motiv bezüglich seiner Trost-Funktion für die Hinterbliebenen.

Der zweite Teil des Buches mit dem Titel 'The Life Course' (95-363) beginnt mit Kapitel 2 'Welcoming a New Child' (95-113), das sich mit Aspekten im Umfeld der Geburt eines Kindes beschäftigt. Grundthema ist die hohe Bedeutung des Nachwuchses als Fortsetzer familialer Traditionen und - seit Augustus - der auf Kinder und Familie bezogenen Reichsideologie. In diesem Kontext wird das Alter schwangerer Mütter diskutiert sowie die hohe Kindersterblichkeit. Dass Kinder für den Fortbestand einer Gesellschaft eine conditio sine qua non darstellen, reflektieren zudem juristische Maßnahmen und die Einführung eines Geburtsregisters seit Augustus sowie dessen Ehegesetze. Die in diesem Kapitel angesprochenen unterschiedlichen Aspekte sind insgesamt sehr knapp abgehandelt. Dabei betreffen die Ausführungen ausschließlich freigeborene Kinder, insbesondere der römischen Oberschicht. Nur im Zusammenhang der Einführung des Geburtsregisters wird als Reflex dieser Einrichtung auf untere Schichten auf die Praxis der testatio insbesondere der Soldatenkinder verwiesen. Sklavenkinder werden dagegen völlig ausgeblendet.

Kapitel 3 'Rearing' (114-133) weist insgesamt sechs Untergliederungen auf. Der erste Unterpunkt 'Rejecting a New Child' (114-119) beschäftigt sich mit den Aspekten der Empfängnisverhütung sowie Aussetzung und Kindesmord. Anschließend befasst sich Beryl Rawson mit 'Medicine and Nursing' (120-125). Insgesamt wird auf die Bedeutung der Griechen für die Medizin verwiesen sowie auf das hohe soziale Ansehen der Ärzte, besonders im 2. Jahrhundert nach Christus (vergleiche Soranus 'Gynaecology'). Die Autorin verweist im Zusammenhang der hohen Bedeutung des Ammenwesens für die römische Gesellschaft zu Recht darauf hin, dass dies kein Indiz für ein mangelndes Interesse der Eltern, respektive der Mütter an ihren Kindern gewesen sei. Sklavenkinder wurden vielfach zu Ammen auf das Land verbracht. Für diese Maßnahme waren jedoch ökonomische Interessen des Sklavenbesitzers maßgebend, nämlich der Erhalt der Arbeitskraft der Mutter. Ein weiteres, auf einer halben Seite knapp abgehandeltes Unterkapitel trägt den Titel 'Illness' und greift dabei auf im Wesentlichen bereits angesprochene Aspekte zurück (siehe Kapitel 2). Diesen Ausführungen folgt ein knapper Abschnitt (ein Drittel der Seite 126) unter der Überschrift 'Weaning'. Insgesamt hätten diese sehr knappen Ausführungen zu 'Illness' und 'Weaning' innerhalb Kapitel 3 unter 'Medicine and Nursing' mit abgehandelt werden können. Weitere Ausführungen werden unter dem Titel 'Stories, Games and Pets' (126-130) behandelt. Mit Bezug auf literarische Quellen hebt die Autorin nochmals die besondere Rolle der Ammen für die frühkindliche Erziehung hervor. Unter dem Gliederungspunkt 'Carers' (130-133) geht Beryl Rawson auf die erzieherische und emotionale Bedeutung der Ammen und im Haushalt lebenden Dienstboten ein. Gerade 'carers' aus dem Sklavenstand konnten bei Tod oder Scheidung der Eltern den Kindern Kontinuität und emotionale Stabilität gewähren. Leider beziehen sich auch hier die Ausführungen der Autorin ausschließlich auf die Oberschicht. Ansätze schichtenspezifischer Betrachtungsweisen ergeben nur Allgemeinplätze: "Poorer persons used whatever help was available and could be afforded" (132).

Das Kapitel 4 (134-145) betrifft 'Ages and Stages'. Ausgehend von der besonderen Bedeutung des Geburtstages bei den Römern werden insbesondere die Lebensaltersphasen in der römischen Gesellschaft dargestellt; dabei bietet sie auch komparatistische Ausblicke. Beryl Rawson betont mit Recht (136), dass derartige Einteilungen mehr auf einer numerischen Symbolik beruhen. Dem folgt eine Einschätzung und Bewertung des Säuglings und Kleinkindes aus der Sicht römischer Quellen sowie eine Auflistung der mit Kindern assoziierten Gottheiten.

Kapitel 5 'Education' (146-209) ist wiederum in mehrere Unterkapitel gegliedert: 'Rhetoric', (147-153), 'Early Education' (157f.), 'Schools, Teachers, Curriculum' (158-183), 'Role of State' (184-187), 'Slave children' (187-191), 'Professions and Trades' (191-194), 'City and Country' (195f.), 'Education of Girls' (197-209). Zunächst wird die Rhetorik als Lehr- und Lernfach abgehandelt, was verwundert, da diese nach dem Elementarunterricht und dem Unterricht beim Grammatiker den krönenden Abschluss einer Schul- beziehungsweise Hochschulausbildung für die Söhne der Oberschicht darstellte. Bezüglich des familialen Umfeldes betont Beryl Rawson die allgemein bekannte Rolle griechischer Lehrer. Die schulische, respektive elementare Ausbildung verdankte sich privater Organisation. Doch gab es bereits in republikanischer Zeit öffentliche Schulen. Mit etwa 14-15 Jahren endete diese Ausbildung, und man besuchte, sofern die schulische Ausbildung fortgesetzt werden sollte, den Grammatiker. An dieser Stelle betont Beryl Rawson die große Bedeutung der durch griechische Ammen und Lehrer vermittelten zweisprachigen Erziehung für die Römer hinsichtlich ihrer außeritalischen Aktivitäten. Weitere Erörterungen gelten dem niederen sozialen und wirtschaftlichen Status der Lehrer und ihren schlechten Arbeitsbedingungen. Rawson verweist darauf, dass auch der Staat selbst an der Erziehung und Ausbildung der Kinder interessiert war. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Munizipien selbst verantwortlich fühlten. Als Beispiel führt die Autorin Plinius den Jüngeren an, der in seiner Heimatstadt Como eine Schulstiftung begründete, damit die Schüler für eine weiterführende Ausbildung nicht in das ferne Mailand übersiedeln mussten. Doch ist dies gerade ein Zeugnis für privaten Euergetismus.

Ein weiteres Unterkapitel beschäftigt sich mit der schulischen und beruflichen Ausbildung von Sklavenkindern. Sie wurden informell im Haushalt oder auch in auswärtigen Schulen unterwiesen beziehungsweise bei Meistern in die Lehre gegeben. Angehörige der Oberschicht unterhielten eigene Sklavenpädagogien. Bezüglich der Lehrlingsausbildung zitiert die Autorin die aus dem römischen Ägypten auf uns gekommenen Lehrlingsverträge, die freie und Sklavenkinder gleichermaßen betrafen, jedoch keine freien Mädchen. Diese erhielten wohl eher eine informelle Ausbildung im familiären Umfeld. Beryl Rawson wertet dies als Nachteil gegenüber den Ausbildungschancen von Sklavenmädchen. Indes diente eine berufliche Ausbildung der Sklavenmädchen nicht ihrer Emanzipation, sondern allein den ökonomischen Interessen des Sklavenbesitzers.

Ein weiterer Untergliederungspunkt des Gesamtkapitels betrifft den Unterschied zwischen Stadt und Land. Der an dieser Stelle von Beryl Rawson mit Bezug auf die neuere Forschung konstatierte qualitative, für freie und Sklavenkinder gleichermaßen geltende Unterschied der Ausbildung in der Stadt und auf dem Land bezieht sich in den angeführten Quellenbeispielen ausschließlich auf die schulische Ausbildung (Grammatik und Rhetorik) der Oberschicht. Insofern ist die Eingangsthese meines Ermessens hinfällig. Ein nächstes Unterkapitel, das sich mit der Ausbildung und Erziehung von Mädchen beschäftigt, bezieht sich ebenfalls ausschließlich auf die Töchter der Oberschicht. Die Autorin geht davon aus, dass gerade die Oberschicht Wert darauf legte, ihre Töchter gut ausgebildet zu verheiraten.

Kapitel 6 'Relationships' (210-268) ist wiederum in mehrere Unterkapitel untergliedert: 'Parents and Children' (220-239), 'Other Family Relationships' (239-250), 'Displaced Children' (250-263), 'Slave Families' (263-268). Die Ausführungen gelten - mit einem Fachterminus der historischen Anthropologie - den 'Sozialagenten' der Kinder, wobei allerdings diese Thematik in den verschiedenen Kapiteln zumeist bereits angesprochen worden ist. Ein längerer Abschnitt gilt der 'slave family' mit all ihren Facetten. Einen relativ breiten Raum nimmt das 7. Kapitel 'Public Life' (269-335) ein, das ausführt, dass ein großer Teil des täglichen Lebens (politisch, wirtschaftlich, sozial, religiös) sich in der Metropole Rom, aber auch in den Kleinstädten Italiens in der Öffentlichkeit abspielte. Dem folgt ein zumeist im 2. Jahrhundert nach Christus beginnender Überblick über die bauliche und künstlerische Ausgestaltung Roms, die Erwachsene und Kinder gleichermaßen beeinflusste. Messbar ist das natürlich nicht. In den diesbezüglichen Quellen werden hier zudem, so auch die Autorin, nur Kinder der Oberschichten beziehungsweise der kaiserlichen Familie greifbar.

Das abschließende Kapitel 'Death, Burial, and Commemoration' (336-363), das unter anderen die hinlänglich bekannten Übergangsriten und - nochmals - die hohe Kindersterblichkeit et cetera behandelt, soll hier nur kurz gestreift werden. Die Autorin fasst hier die archäologischen Untersuchungen zu antiken Friedhöfen (340 ff.) zusammen, wobei der Höhepunkt der Anteilnahme am frühzeitigen Tod der Kinder im 2. Jahrhundert nach Christus liegt. Eine derartige Anteilnahme ist nach Meinung der Autorin beispiellos und wird erst wieder in Gesellschaften des 20. Jahrhunderts erreicht. Den Abschluss der Untersuchung bilden ein chronologischer Überblick (Kaiser, Juristen und Autoren), ein Glossar, eine umfangreiche Bibliografie sowie zwei Indices.

Beryl Rawson hat mit ihrem Buch einen umfassenden Überblick über die Kindheit in Rom und Italien gegeben, wobei eine Vielzahl von Aspekten angesprochen wird. Indes gerät auch hier größtenteils die Oberschicht in das Blickfeld der Autorin. Eine stärker differenzierende schichtenspezifische Analyse wäre wünschenswert gewesen, zumal die Auswertung nicht nur literarischer, sondern auch anderer Quellengattungen durchaus Einsicht in die Lebenssituation der Bevölkerung jenseits ihrer gesellschaftlichen Elite erlaubt, wie es etwa Jens-Uwe Krause mit seiner Untersuchung 'Zur rechtlichen und sozialen Stellung von Witwen und Waisen im Römischen Reich' (Stuttgart 1995) zeigen konnte. Zu Gunsten einer schichtenspezifischen Darstellung hätten auch die Ergebnisse von Elisabeth Hermann Otto (Ex ancilla natus, Stuttgart 1994) noch stärker herangezogen werden können. Bei manchen Ausführungen verwirrt zudem eine gewisse Unsystematik der Vorgehensweise (zum Beispiel Kapitel 5 'Education'). Die These von einer Entwicklung zu mehr Emotionalität im Verhältnis zu Kindern im 2. Jahrhundert nach Christus ist meines Ermessens kritisch zu bewerten. Gerade die Beschäftigung mit dem Phänomen 'Kindheit' zeigt die mögliche Verschiedenheit dieser Zeitspanne in synchroner und diachroner Betrachtung. Diese Historizität von 'Kindheit' als Lebensphase impliziert unterschiedliche historiografische Konzeptionen. Daher sind emotionale Bewertungen von kulturspezifischen Verhaltensnormen und Praktiken insgesamt besonders schwierig.

Raphaela Czech-Schneider