Rezension über:

Traudel Himmighöfer / Michael Landgraf / Gabriele Stüber: Pfälzische Kirchengeschichte multimedial (= Veröffentlichungen des Vereins für Pfälzische Kirchengeschichte - Neue Medien; 1), Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2003, CD-ROM, ISBN 978-3-89735-248-3, EUR 19,90
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jörg Seiler
Campus Koblenz, Universität Koblenz-Landau
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Seiler: Rezension von: Traudel Himmighöfer / Michael Landgraf / Gabriele Stüber: Pfälzische Kirchengeschichte multimedial, Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/5841.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Traudel Himmighöfer / Michael Landgraf / Gabriele Stüber: Pfälzische Kirchengeschichte multimedial

Textgröße: A A A

Der "verlag regionalkultur" ist bekannt für wissenschaftlich fundierte Forschungsarbeiten zu historischen, ökologischen und ökonomischen Aspekten der südwestdeutschen Landesgeschichte einerseits und andererseits für historische Veröffentlichungen, die einem weiten Publikum von Nicht-Fachleuten Geschichte und Geschichten zur Geschichte nahe bringen wollen. Unter die letztgenannte Kategorie zählt die "Pfälzische Kirchengeschichte".

Neun chronologische und ein systematisches Kapitel durchlaufen die wesentlichen Stationen der Geschichte der Kirche in der Pfalz. Es sind dies im Einzelnen: Christentum bis zur Reformation, Anfänge der Reformation, Reformation in der Pfalz, Calvinismus, Orthodoxie und Pietismus, Kriege und Mächte (17. Jahrhundert), Aufklärung und Revolution (18. Jahrhundert), Union und Richtungskampf (19. Jahrhundert), Zeit der Weltkriege. Thematische Schwerpunkte liegen bei der Reformationsgeschichte und bei den theologischen Auseinandersetzungen des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts. Das systematische Kapitel wirft einen Blick auf die "Pfälzische Landeskirche heute". Über diesen chronologischen Zugang hinaus können vier Querschnittsthemen aufgerufen werden, die Zeit übergreifend folgende Themen behandeln: Diakonie und Mission, Frauen, Kirche und Schule, Kirchenbau. Am Ende einer jeden dieser Einheiten steht ein "Quiz", in dem das Faktenwissen spielerisch rekapituliert werden soll.

Aufbau und Navigation der CD-ROM sind dankenswert einfach. Das jeweilige Hauptkapitel wird in einem Kurztext von maximal vier Sätzen umrissen. Ein Bilddokument dient der Veranschaulichung. Links führen von dieser Seite zu weiteren Unterkapiteln, deren Anzahl zwischen zwei und zehn schwankt. Diese Unterkapitel sind analog zu den Hauptartikeln aufgebaut. In seltenen Fällen (Reformorden im Mittelalter, Träger der Reformation in der Pfalz) wird der Benutzer eine weitere Ebene tiefer geführt. Eine kluge und maßvolle Verlinkung auf der Ebene der Unterkapitel ermöglicht dem kirchengeschichtlichen Laien, sich Hintergrundwissen zum Verständnis des vorliegenden Textes aus anderen Kapiteln zu erwerben. Dass hierbei ein großer Teil dieser weiterführenden Unterkapitel mit: "Mehr Informationen zu NN. (Überschrift des Hauptkapitels)" umschrieben wird, ist bedauerlich. Benutzerfreundlicher und aussagekräftiger wären inhaltlich qualifizierende Überschriften.

Neun Tondokumente ermöglichen einen weiteren Zugang zur pfälzischen Kirchengeschichte. Hier finden sich neben Quellen (eine Luther- und eine Calvinpredigt, Choräle von Gerhardt und Zinzendorf) auch Orgeln und Geläute protestantischer Kirchen der Pfalz - über den jeweiligen historischen Quellenwert wäre im Einzelfall zu diskutieren. Der CD-ROM integriert ist die von Oberkirchenrat Klaus Blümlein herausgegebene Schrift: "...'mutig voranzuschreiten...'. Zur Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz" im pdf-Format. Sie ist eine hilfreiche Ergänzung zur CD-ROM, die durch ihre digital gebotene Kürze lediglich Grundzüge entfaltet.

Die Darstellung der einzelnen Epochen ist unterschiedlich umfangreich. "Das Christentum bis zur Reformation" wird in nur einem Kapitel, jedoch souverän, abgehandelt. Der Reformation sind vier Kapitel gewidmet, wobei der für die Pfalz typische Calvinismus hinreichend gewürdigt und verständlich dargestellt ist (unter anderem mit Bezügen auf die Universität Heidelberg und das Neustadter Casimirianum). Zacharias Ursinus, Caspar Olevian und David Pareus prägten hier die reformierte Frühorthodoxie (1564-1618/19).

Der Einleitungssatz im Unterkapitel "Das Ende der Orthodoxie" zeigt sprachliche Schwächen auf, die in einem Werk, das auf prägnante Kürze setzt, leider nicht übergangen werden können: "Durch die Ausbildung einer unabhängigen Vernunft und einer kritischen Bibelexegese geriet die reformierte Theologie am Ende des 17. Jahrhunderts allmählich in Schwierigkeiten". Dass eine unabhängige Vernunft sich in jeder Epoche ausbildet, sollte nicht zweifelhaft sein. Nicht deren Ausbildung ist also charakteristisch für die Aufklärung, sondern die Funktion, die der Vernunft von nun an zugesprochen wird. Entsprechende Ausführungen finden sich im Kapitel "Aufklärung und Revolution" dann auch tatsächlich sachgerecht entwickelt. Für den pfälzischen Raum wird der Heidelberger Jurist Johann Friedrich Mieg (1700-1788) mit seiner Forderung eines gemeinsamen Gottesdienstes von Reformierten und Lutheranern vorgestellt.

Der Erbfall der Pfalz an die katholische Linie der Pfalz-Neuburger (1685) führte besonders unter Kurfürst Johann Wilhelm (1690-1716) "zu einer scharfen Rekatholisierung". Dass sich hierdurch unter dynastischer Perspektive reichspolitische Optionen im Bereich der Reichskirche neu ergaben, wird leider nicht erwähnt. Die erläuterte Religionsdeklaration von 1705 fand weder in Rom noch beim Trierer Kurfürsten Franz Ludwig, dem Bruder Johann Wilhelms, noch bei den Nachbarbischöfen Zustimmung. Ist dies nicht ein Indiz für ein auf die Pfalz zugeschnittenes, also passables Vertragswerk? Immerhin stabilisierte es das konfessionelle Geflecht der Pfalz, ungeachtet der Auseinandersetzungen um den Heidelberger Katechismus zwischen 1718-20, die zur Verlagerung der Residenz nach Mannheim führten.

Zu korrigieren wären die Ausführungen zum Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) im Kapitel "Kriege und Mächte im 17. Jahrhundert". In einem gemeinsamen Unterkapitel finden sich hier "Französische Gebietsansprüche und Pfälzischer Erbfolgekrieg" abgehandelt. Die in ihrem Zusammenspiel unklare Darstellung der Fakten vermittelt dem Nutzer die Vorstellung, als sei bereits die Verwüstung der Pfalz 1674 der Pfälzische Erbfolgekrieg - er brach jedoch bekanntlich erst nach dem Tod Karls II. (1685) und der Nachfolge der katholischen Pfalz-Neuburger aus.

Mit Johann Heinrich Jung-Stilling wurde 1778 ein führender Vertreter der aufklärungs-skeptischen Erweckungsbewegung nach Kaiserslautern berufen. Zwar schuf die Pfälzische Kirchenunion 1818 eine einheitliche protestantische Kirche in der Pfalz, doch brachen die innertheologischen Gegensätze im Kampf zwischen Erweckten und Rationalisten immer wieder auf (Gesangbuchstreit 1823-1861). Das Ende des 1. Weltkrieges, die Novemberrevolution von 1918 und die Weimarer Reichsverfassung markieren das Ende des protestantischen Staatskirchentums, das durch die "Verfassung der vereinigten protestantisch-evangelisch-christlichen Kirche der Pfalz" vom 20. Oktober 1920 kompensiert wurde (Staatsvertrag mit Bayern am 15.11.1924). Die Konflikte zwischen den "Deutschen Christen" (vor allem in Speyer, Frankenthal und Ludwigshafen um den späteren Landesbischof Ludwig Diehl und ab 1935 um Eugen Neumüller) und der "Pfälzischen Pfarrbruderschaft" (vor allem in Pirmasens um Heinz Wilhelmy und in Landau um Hans Stempel und Theodor Schaller) führten "trotz aller Konflikte nicht zu einem länger anhaltenden offenen Bruch". Eine deutsch-nationale Gesinnung und völkische Grundeinstellung der meisten pfälzischen Pfarrer sind bereits vor 1933 festzustellen.

Die angeführten Kritikpunkte schmälern nicht die Einsatzmöglichkeiten der CD-ROM. Als erste Informationsquelle für interessierte Schüler und im Bereich der Erwachsenenbildung ist sie gut geeignet. Sie sollte dann Appetit auf mehr machen. Eine Bibliografie grundlegender Werke wäre daher hilfreich gewesen. Sie ist darüber hinaus sinnvoll im binnenkirchlichen Raum (etwa im Konfirmandenunterricht) einsetzbar. Hier kann ein Verständnis für die geschichtliche Gestalt von Kirche gefördert werden. Die Ausführungen über die "Landeskirche heute", die die Gestalt, Verfasstheit und seelsorgliche Aufgaben beschreiben, scheinen einen solchen Adressatenkreis im Blick zu haben.

Jörg Seiler