Rezension über:

Mark Duffy: Royal Tombs of Medieval England, Stroud: Tempus Publishing 2003, 320 S., 112 b/w illus., ISBN 978-0-7524-2579-5, GBP 17,99
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Rezension von:
Antje Fehrmann
Institut für Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Ute Engel
Empfohlene Zitierweise:
Antje Fehrmann: Rezension von: Mark Duffy: Royal Tombs of Medieval England, Stroud: Tempus Publishing 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/7264.html


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Mark Duffy: Royal Tombs of Medieval England

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Anzuzeigen ist die Publikation des Historikers und Kunsthistorikers Mark Duffy zu englischen Königsgrabmälern des Mittelalters von 1066-1509. Wollte man bisher einen Überblick über englische mittelalterliche Königs- und Königinnengrabmäler gewinnen, musste man auf das 1891 publizierte Buch von Charles Wall zurückgreifen. Ansonsten ist, da seit dem Tod Heinrichs III. 1272 die meisten englischen Könige in Westminster Abbey begraben wurden, zu den Königsgrabmälern der Plantagenets vor allem die ausgezeichnete Monografie zur Abteikirche von Paul Binski (1995) zu konsultieren, ferner die deutsche Untersuchung von Eva-Andrea Wendebourg (1986). Trotz fundierter Einzelstudien über englische königliche Begräbnisse und Grabmäler, wie sie unter anderem Elisabeth Hallam, Howard Montagu Colvin, Phillip Lindley und Christopher Wilson lieferten, ist eine neuere Zusammenschau aller Grabmäler der englischen mittelalterlichen Könige und Königinnen daher höchst willkommen. [1]

Mark Duffy hat einen chronologisch nach Todesdaten geordneten Katalog der Grabmäler aller englischen Könige und Königinnen sowie einiger Mitglieder der Königsfamilie geschrieben. Er führt Sterbeort und -datum an, beschreibt kurz das Begräbnis und stellt Quellen zum Testament und Grabmal sowie Epitaphien und Inschriften zusammen. Diesem Katalog sind kurze Überblickskapitel vorangestellt zu allgemeinen Themen wie Begräbnisort, Begräbnisritual und Grabmalsproduktion; die Auffindbarkeit der Grabmäler gewährleistet ein Index am Ende des Buches. Die Auswahl von Grabmälern des Hochadels begründet der Autor nicht, sie ist offenbar der Bedeutung der Monumente und der Verstorbenen geschuldet. Duffy erläutert sein Erkenntnisinteresse folgendermaßen: "The aim here is to examine a wide group of senior monuments including those which have so far received little attention, or are lost, and to ask how they related to the deceased as individuals" (11). Das Buch reiht sich damit in die Tradition der Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein, die nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich eine wichtige Quelle für Duffy darstellt. Dieser Eindruck drängt sich auch dadurch auf, dass fast jedes Grabmal, auch wenn es, wie die meisten englischen Königsgrabmäler, gut erhalten ist, durch einen Stich (oder eine Zeichnung), aber nur selten durch ein Foto illustriert wird. Die Abbildungsqualität ist durchweg sehr gut.

Die Arbeit hat allerdings ein grundlegendes methodisches Problem: Kontextuelle Fragen nach Raum, liturgischem Gedächtnis, Repräsentation, dynastischer Selbstdarstellung, Gruppenzugehörigkeit oder gar Geschlechtsbewusstsein, wie sie die kunsthistorische Grabmalsforschung seit langem herausgearbeitet hat, stellt Duffy selten. Man hätte gerne mehr über die Funktionen der Grabmäler erfahren, die er, was seines Erachtens offenbar eindeutig ist, in der liturgischen, zukunftsgerichteten personalisierten Erinnerung sieht (8). Einzig Ernst Kantorowicz wird in der Einleitung zur Frage der Bedeutung von Grabmälern diskutiert, seine Methode zugleich aber als für England wenig brauchbar zurückgewiesen, weil englische Könige, mit vielleicht einer Ausnahme, keine "Doppeldeckergräber" hatten (10f.). Duffys Vergleiche erlauben manch interessante Erkenntnis, sie sind aber meist auf die in seinem Band vorgestellten Grabmäler beschränkt.

Auch ein gut ausgearbeiteter, differenzierter, wenn auch positivistischer Katalog der englischen Königsgrabmäler, der Quellen und Literatur zusammenfassend wiedergibt, hätte der Forschung von großem Nutzen sein können. Begriffliche Unschärfen und eine hohe Fehlerquote erweisen das Buch aber als wenig verlässlich und erschweren dem Leser die Beurteilung und nicht zuletzt die Würdigung der oft beiläufig formulierten, aneinander gereihten Erkenntnisse. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Passus "tumulo ex more composito" beweist kein erhöhtes Grabmal ("Tumba") Heinrichs I., schon gar nicht ein "tomb of 'customary design'" (!), wie Duffy (52) übersetzt. Vielmehr muss er sich auf die Begräbnissitte ex more composito zu beziehen, die das Sammeln und Präparieren der Knochen beinhaltet. Dieses Zitat stammt zudem aus der Chronik des Florentius von Worcester und nicht, wie Duffy angibt, aus der Historia Anglorum des Henry of Huntingdon. Mindestens seit Lethaby ist bekannt, dass "latonis" (englisch "latoner") mit Bronzegießer und nicht etwa mit Steinmetz (lateinisch "latomus") zu übersetzen ist (134). Der Liber Regie Capelle, eine Abschrift des englischen Krönungsordo des 14. Jahrhunderts, wurde nicht um 1448 verfasst, sondern zu der Zeit für den König von Portugal kopiert (181). Das nicht erhaltene Original des Liber, dessen Datierung umstritten ist, wurde entweder für die Krönung Heinrichs V. 1413 oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, für die Krönungen Heinrichs VI. 1429 und 1431 in London und Paris angefertigt. Ein Passus in der Chronik des Jean de Waurin bezieht sich keinesfalls auf das Grabmal Heinrichs V., wie Duffy behauptet, sondern auf die Aufbahrung des königlichen Leichnams in Westminster Abbey; Jean de Waurin entnimmt seine Informationen zudem der Chronik des Enguerrand de Monstrelet, was Duffy nicht bekannt zu sein scheint (215). Die Kapelle südlich des Hochaltars der ehemaligen Abteikirche von St. Albans wird seit längerem als Kapelle des Abtes Wallingford und nicht, wie Duffy wiedergibt, des Abtes Wheathamstead geführt, dessen Grabkapelle am südlichen Chorseitenschiff abgerissen wurde (236). Dugdale war kein Zeichner, sondern ließ Zeichnungen von William Sedgwick anfertigen (197). Diese Aufzählung ist keinesfalls vollständig.

Ein Defizit der Arbeit liegt ferner in den vereinfachenden und deswegen oft falschen Behauptungen. Diskussionen werden vermieden zugunsten von Eindeutigkeit (zum Beispiel die widersprüchlichen Angaben zu den Begräbnissen des John of Eltham, 124f.). Die Aussage, "Grabplatten entwickelten sich zu freistehenden Tumben", ist in dieser Generalisierung schlichtweg unsinnig ("Grave slabs evolved into freestanding tombs ...", 8). Schließlich war bereits Alfred der Große (†899) in einem vermutlich wieder verwendeten Porphyrsarkophag bestattet worden, wenngleich königliche Tumben auch bis 1066, soweit wir wissen, eine Ausnahme bleiben sollte. Nach Duffy geht der "hauptsächliche Einfluss" auf wichtige englische und französische Königsgrabmäler nicht von einer bestimmten Region, sondern von Grabmälern hoher Kleriker aus (12). Wenn es doch nur so einfach wäre! Seine Annahmen gründen sich auf den gleichermaßen unkritischen Umgang mit mittelalterlichen Chronistenberichten wie mit der modernen Forschungsliteratur. Auch der Quellenwert oder die Vorlagen der Stiche, die bekannten Stichwerken des 17.-19. Jahrhunderts entnommen sind, werden nicht thematisiert. Verdächtig erscheint es da, wenn die Dichte der Beschreibungen vom Vorhandensein einschlägiger Literatur abhängt, wobei der Autor ausschließlich auf englische und französische Studien zurückgreift. Dass die Literaturzitate nicht immer den Konventionen entsprechen und ganze Absätze wortwörtlich wiederkehren, ließe sich noch einem mangelhaften Lektorat zuschreiben (12f., 176f.). Umso ärgerlicher ist es, wenn man in den Fußnoten vergeblich nach der tatsächlich konsultierten Literatur sucht, besonders misslich dann, wenn der Autor vorgibt, Quellen zu zitieren, aber die fehlerhafte Transkription der Sekundärliteratur übernimmt.

Vielleicht hätten Verlag und Autor ihre Zielgruppe genauer definieren müssen. Sicherlich gelingt es Duffy, mittelalterliche Personen einem interessierten Publikum durch ihre Grabmäler nahe zu bringen. Umso mehr hätte man eine Wertung der Quellen und die Beschränkung auf das Wesentliche erwartet. Dem derzeitigen Forschungsstand und dem postulierten wissenschaftlichen Anspruch wird das Buch kaum gerecht.


Anmerkung:

[1] Charles Wall: The Tombs of the Kings of England, London 1891; Paul Binski: Westminster Abbey and the Plantagenets. Kingship and the Representation of Power 1200-1400, New Haven / London 1995; Eva-Andrea Wendebourg: Westminster Abbey als königliche Grablege zwischen 1250 und 1400, Worms 1986; Elizabeth M. Hallam: Royal Burial and the Cult of Kingship in France and England 1060-1330, in: Journal of Medieval History, 8, 1982, 359-380; Howard M. Colvin: The History of the King's Works. The Middle Ages, Bd. 1, London 1963, 477-490; sowie verschiedene Aufsätze von Phillip Lindley und Christopher Wilson.

Antje Fehrmann