Rezension über:

Francesca Alfano Miglietti: Extreme Bodies. The Use and Abuse of the Body in Art, Mailand: Skira Editore 2003, 246 S., ISBN 978-88-8491-379-1, USD 19,95
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Rezension von:
Helge Meyer
Lengede
Redaktionelle Betreuung:
Slavko Kacunko
Empfohlene Zitierweise:
Helge Meyer: Rezension von: Francesca Alfano Miglietti: Extreme Bodies. The Use and Abuse of the Body in Art, Mailand: Skira Editore 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/7011.html


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Francesca Alfano Miglietti: Extreme Bodies

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Francesca Alfano Miglietti hat ein faktenreiches Werk über den Körper in der Kunst vorgelegt, welches einen weiten Bogen zu schlagen vermag. Sie bedient sich in ihrem 254 Seiten starken Band vielfältigster Argumentationen aus Bezugsdisziplinen wie Kunstgeschichte, Psychologie und Philosophie, um sich dem schwer einzugrenzenden Aspekt des Leibes zu nähern.

Von den selbstzerstörerischen Körperperformances von Gina Pane, Ron Athey oder Franko B. über die Fotoarbeiten von Andres Serrano, Joel-Peter Witkin oder Pierre Molinier bis hin zu digitalen Arbeiten von Ines Van Lamsweerde oder Aziz + Cucher, werden Arbeiten am anwesenden oder abwesenden Körper analysiert, miteinander verglichen und aufeinander bezogen.

Das Buch gehorcht in seinem Aufbau keiner chronologischen Abfolge, sondern verschreibt sich einer Betrachtung von Koexistenzen, inhaltlichen Vernetzungen und philosophischen Bezügen. Diese werden durch reichhaltiges Bildmaterial belegt.

Bereits in der pointierten Einleitung macht Miglietti deutlich, dass Kunst ihrer Meinung nach durch den Skandal in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. In Auseinandersetzung mit moralischen, gesellschaftlichen und sexuellen Normen oder Verboten ist es hier insbesondere Kunst, die den Körper als Sujet nutzt, die starke Reaktionen innerhalb der Gesellschaft hervorruft: Ein Thema, welches das Hervorheben von sensationellen Tabubrüchen nahe legt. Miglietti vermag das "Skandalöse" in ihrem Buch allerdings zu analysieren und teilweise in äußerst poetischen Umschreibungen zu einem eigenwilligen Text zu transformieren.

Im ersten Teil folgt die Autorin den Zusammenhängen von Macht und Schmerz. Angelehnt an die Argumentation Michel Foucaults bezeichnet Miglietti die schmerzvollen Fotoarbeiten des Wiener Aktionisten Rudolf Schwarzkogler als politische Manifeste, die sich mit der Entfremdung und der Einsamkeit des Individuums in der österreichischen Gesellschaft der 60-er Jahre auseinandersetzen. Ihre Argumentation führt sie weiter zu den feministischen Arbeiten von Gina Pane, deren stille, rituelle Selbstverletzungen durch Schnitte den Schmerz als Botschaft benutzen. Damit begibt sich Pane auf eine Ebene der Selbstbestimmung, welche die Maßstäbe der Gewalt selbst zu setzen im Stande ist und damit äußere Macht in Frage stellt.

Anhand der verstörenden Blutperformances von Franko B. schreibt Miglietti über die Provokation der Wunde: Trotzdem wir alles gesehen zu haben scheinen, rühren die Aktionen des Performers, bei welchen er seine Adern öffnen lässt und für mehrere Durchgänge blutend eine Art "Catwalk" entlang durch das Publikum schreitet, an eine primitive Beziehung zu Ritualen und hinterlassen eine tiefe Wirkung.

Unter der Überschrift "Stigmata" vergleicht Miglietti die traumatischen Erfahrungen und die daraus resultierenden Texte Antonin Artauds mit den extremen Performance-Stücken des Künstlers Ron Athey: Sie erkennt den Aufschrei des Theaters, den Artaud forderte, in den selbstzerstörerischen Posen des ehemaligen Drogensüchtigen Athey.

Ab und zu sind die Zusammenhänge schwer nachvollziehbar und erschließen sich erst nach intensiver Lektüre. Etwa wenn die Autorin einen Abschnitt über Rosso Fiorentinos Malerei mit der Filmkunst Pier Paolo Pasolinis und den Fotografien Joel-Peter Witkins vergleicht und abschließend, mitsamt den fotografischen Selbst-Inszenierungen der Afroamerikanerin Renee Cox, auf ihre Bezüge zu christlicher Ikonographie untersucht. Hier werden unterschiedliche Repräsentationsansätze auf eine gemeinsame Argumentationsebene gebracht. Miglietti begibt sich damit durchaus auf eine angreifbare Position, kann jedoch dem Vorwurf der Beliebigkeit durch die Offenlegung ihres assoziativen Ansatzes entgegenwirken.

Gegen Ende des ersten Abschnitts ist der Körper ein abwesender oder zumindest lebloser Leib. Ein kurzer geschichtlicher Abriss über die Darstellung von Toten führt Miglietti anschließend zu den Strategien des Andy Warhol. In seinen Bildern konfrontiert Warhol die Betrachter mit einer "Überdosis" Bild (68), benutzt die Ästhetik der Werbung und zeigt doch Schreckliches in seinen Darstellungen von "Five deaths" oder "Electric chair". Gerade seine scheinbare emotionale Unberührtheit machen die Bilder zum Skandal und hinterfragen die Funktion eines Bildes als "Wunde" auf grundsätzliche Weise.

Zwei weitere künstlerische Konzepte bieten sich für einen direkten Vergleich an: die Installationen Christian Boltanskis und die "Morgue"-Serie von Andres Serrano. Boltanski nutzt Kleidung oder Fotografien, um Abwesenden zu gedenken oder das kollektive Erinnern zum Thema seiner Arbeit zu machen. Serrano gibt den unbekannten Opfern von Gewalt, Armut und Verbrechen ein Gesicht, indem er ihre leblosen Körper in aufwändigen Cibachrome-Abzügen zu Kunstwerken komponiert. Die Fragmentierung seiner Ausschnittwahl rückt den toten Leib in den Mittelpunkt der Betrachtung. Serrano gibt den Körpern damit eine "Aufmerksamkeit, die sie vielleicht nie zu Lebzeiten bekamen" (78).

In "Impact Bodies" widmet sich Miglietti den "Fremden". Exilanten wie Marina Abramovic, die ihre Herkunft aus dem kommunistischen Jugoslawien in mehreren Performances verarbeitete oder Shirin Neshat, deren Fotografien den Konflikt des weiblichen Körpers in den Mittelpunkt einer politischen Debatte stellen (hier die Konflikte zwischen islamischen und westlichen Weltanschauungen).

Immer bezieht die Autorin die leiblichen Repräsentationen der Künstler auf einen sozialen, politischen und philosophischen Gesamtzusammenhang und ermöglicht hier wie dort interessante Rückschlüsse.

Auffällig ist das Übermaß an relevanten weiblichen Positionen in "Extreme Bodies". Neben Louise Bourgois Auseinandersetzungen mit Schmerz in ihren Installationen oder Tracy Moffats filmischen Fotografien werden die "Hautarbeiten" von Jenny Holzer gestellt: In allen Arbeiten werden Traumata und körperliche Bedrängnis verarbeitet. Die Bezüge auf philosophische Kontexte von Gilles Deleuze, Jean Baudrillard oder Jean-Luc Nancy entwerfen durchgängig das Bild einer postmodernen Krise des Körpers, die durch die verschiedenen Arbeiten der Künstler eine visuelle Repräsentation zu finden scheint.

Im abschließenden "Extraneous Body" stehen die jüngsten Entwicklungen der Körperkunst im Vordergrund, deren Bezugspunkte sich um die Ideen des Cyborgs, die Entschlüsselung der DNA und die technische "Verbesserung" des menschlichen Körpers erweitert haben.

Guy Debords 1967 publizierter Text mit dem Titel "Die Gesellschaft des Spektakels" wird von Miglietti auf die Arbeiten der französischen Extremperformerin Orlan bezogen (167). Die Künstlerin verweigert sich durch ihre chirurgischen Operationen den Anforderungen einer genormten, schönheitsorientierten Formel und setzt ihren Körper als monströse Transformation einer selbstgewählten neuen Persönlichkeit ein. In brutalen Details veröffentlicht sie Bilder und Filme der Eingriffe und setzt sich damit auch dem Vorwurf der Paradoxie aus.

Stelarcs Cyberperformances, in denen der Künstler sich unter anderem einen dritten Roboterarm anlegen lässt, den er durch Kontraktionen seiner Bauchmuskeln zu steuern im Stande ist, liefern den Hintergrund zu einem Abriss über die Geschichte der Robotik und vielfältige Bezüge zu neuesten Entwicklungen in der DNA-Forschung. Die künstlerischen Ansätze von Duane Hanson, Ron Mueck oder Aziz + Cucher (von Miglietti mit "Hyper-realism" oder "Hyper-life" betitelt) werden abschließend mit wenigen Absätzen erwähnt und bilden eventuell einen Ausblick, der treffend auch mit "Fictions" überschrieben ist.

Eine anschließende Anthologie bietet kurze Interviews mit Franko B. und Ron Athey und ergänzende Texte von Jean-Luc Nancy und Paul Valery.

Francesca Alfano Miglietti ist ein bildreiches, wortstarkes Buch über den Körper in der Kunst gelungen. Ihre Ansätze sind stark von einer Hinwendung zu postmodernen Ideen der französischen Philosophie geprägt und bieten hier eine inspirierende Gedankenwelt, welche die teilweise bekannten Positionen in einen neuen, assoziativen Zusammenhang zu stellen vermag.

Helge Meyer