Rezension über:

Frank Lee Holt: Alexander the Great and the Mystery of the Elephant Medallions (= Hellenistic culture and society; 44), Oakland: University of California Press 2003, XV + 198 S., 6 Abb., 14 Tafeln, 3 Karten, ISBN 978-0-520-23881-7, GBP 16,95
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Rezension von:
Peter Franz Mittag
Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Peter Franz Mittag: Rezension von: Frank Lee Holt: Alexander the Great and the Mystery of the Elephant Medallions, Oakland: University of California Press 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/6897.html


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Frank Lee Holt: Alexander the Great and the Mystery of the Elephant Medallions

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Frank L. Holt, der als Spezialist der Geschichte Baktriens ausgewiesen ist, präsentiert mit der vorliegenden Arbeit die Ergebnisse seiner bereits 1984 begonnenen Forschungen zu einem der umstrittensten numismatischen Zeugnisse aus der Zeit Alexanders des Großen. Holt wendet sich dabei bewusst nicht nur an Numismatiker, sondern auch an Laien (xiii). Dieser Ansatz erfordert es, die eigentliche Frage in einen größeren Kontext einzubetten.

Nach einem knappen und zuweilen etwas pointiert geratenen Überblick über die Herrschaft Alexanders des Großen [1] schließt Holt ganz bewusst an Allgemeinwissen an und verbindet die Auffindungsgeschichte des ersten Exemplars der von ihm besprochenen Prägungen am Ende des 19. Jahrhunderts mit den Forschungen Charles Darwins und Heinrich Schliemanns (23-46). Die üblichen Bemerkungen zu Fundumständen und Forschungsgeschichte werden als spannende und mitreißende Geschichte erzählt, die den Leser in die Zeit eintauchen lassen.

Daran schließt sich ein Methodenkapitel an, in dem Textkritik und grundlegende numismatische Methoden vorgestellt werden (47-67). Diese eher einleitenden Bemerkungen werden in den folgenden beiden Kapiteln weiter ausgebaut, bevor im sechsten Kapitel ('A Closer Look', 117-138) die Darstellungen der Münzen gedeutet werden und im abschließenden Kapitel ('A Dark and Stormy Night', 139-165) schließlich eine historische Einordnung vorgenommen wird.

Die Grundthese Holts ist, dass die verschiedenen Prägungen als Geschenke nach der Schlacht gegen Poros am Hydaspes im Jahr 326 vor Christus an die siegreichen Soldaten verteilt wurden. Diesem Ergebnis nähert sich Holt von verschiedenen Seiten. Zum einen setzt er sich über das gesamte Buch hinweg kritisch mit älteren Deutungsversuchen auseinander, die er, von Detailüberlegungen abgesehen, insgesamt verwirft. Seinen eigenen Ansatz baut er auf drei Säulen auf: 1. die genaue Bestimmung der Darstellungen; 2. Ort, Anzahl und Urheber der Münzen; 3. Funktion der einzelnen drei Serien als gemeinsame Prägungen (117).

Insgesamt sind bisher drei verschiedene Serien (A-C) bekannt geworden, die jeweils unterschiedliche Darstellungen tragen. Die Bestimmung der Darstellungen beginnt mit (und hängt ab von) der Deutung der auf der Rückseite der Serie A zu erkennenden Person. Holt identifiziert diese aufgrund des Helmes, des Gewandes und der Bewaffnung durch Vergleiche mit Funden aus den Königsgräbern in Vergina mit Alexander dem Großen; auch das von der Person in der Rechten gehaltene Blitzbündel deute auf Alexander (118-124). Bei dem einen Elefanten attackierenden Reiter der Vorderseite könne es sich ebenfalls nur um den Makedonen handeln, da er die gleiche Bekleidung wie die Person der Rückseite trage (125). Die im Verhältnis zum Reiter besonders groß dargestellten, auf einem Elefanten reitenden Gegner seien der in den literarischen Zeugnissen als ungewöhnlich groß beschriebene Rajah Poros (Plutarch: Alexander 60.12; Arrian: Anabasis 5.19.1; Diodor: Historische Bibliothek 17.88.4; Curtius Rufus: Historiae Alexandri Magni 8.14.13) und ein Begleiter (128 f.). Der Begleiter werde von Alexander erstochen, während Poros entkomme. Ein Vergleich mit dem Alexandermosaik aus der Casa del Fauno, auf dem sich zwischen Alexander und Dareios ebenfalls ein sterbender Feind befindet, führt Holt zu der Überlegung, ob es sich nicht um eine "emerging, 'official' iconography for his wars" gehandelt haben könnte (131). Angesichts der Tatsache, dass die Deutung des Alexandermosaiks äußerst umstritten ist [2], bleiben solch weit reichenden Schlüsse problematisch.

Die anderen beiden Serien zeigen einen indischen Elefanten und einen indischen Bogenschützen (Serie B) beziehungsweise einen indischen Elefanten mit zwei Reitern, von denen einer ein Feldzeichen trägt, und einem indischen Streitwagen (Serie C). Holt deutet diese Darstellungen als "battle scenes" (138), wobei nicht klar sei, ob es sich um unterlegene oder siegreiche Kämpfer handele, zudem bleibe unklar, ob sie Verbündete oder Gegner der Makedonen seien (138).

Bei den Fragen nach Ort, Anzahl und Urheber der drei Serien geht Holt von Überlegungen zu ihrer Klassifizierung aus. Er stellt fest, dass die Exemplare der Serie A etwas leichter als die üblichen Dekadrachmen (reguläres Gewicht 42 Gramm, Abweichung knapp über 2 Gramm; 142) und auch die Exemplare der Serien B und C untergewichtig sind. Da sie ebenso wie "medals" mit besonders feinen Stempel geprägt wurden, kommt Holt zu dem Schluss "these medallions functioned both as medals and coins" (143). Deren Datierung ergibt sich aus dem so genannten "1973 Iraq Hoard", der in Babylon gefunden wurde und unter anderem 20 Exemplare aus allen drei Serien enthielt (Appendix 3). Holt schließt sich der Datierung durch Price [3] an und geht davon aus, dass dieser Schatzfund wahrscheinlich 323/22 vergraben wurde (97), und damit den terminus ante quem für die Prägungen bietet. Da Holt die Darstellungen im Kontext mit dem Sieg über Poros am Hydaspes deutet, können die drei Serien seiner Meinung nach somit nur zwischen 326 und 323/22 entstanden sein. Die seltenen Stücke seien in Eile von griechischen Stempelschneidern in indischen Prägestätten direkt nach dem Sieg über Poros hergestellt worden, um anschließend an die Soldaten verteilt zu werden (148 f.).

Gerade der für die Datierung der Münzen so wichtige "1973 Iraq Hoard" aus Babylon zeigt deutlich, wo die Grenzen von Holts These liegen. So kann Holt nicht überzeugend erklären, weshalb dieser Schatzfund den mit Abstand größten Teil der behandelten Münzen enthielt. Darunter 70% der Dekadrachmen (Serie A) und sämtliche bekannte Exemplare der Serien B und C. Wenn die Serien, Holt folgend, am Hydaspes geprägt und verteilt wurden, lässt sich diese Fundkonzentration in Babylon nicht erklären.

Darüber hinaus ist auffällig, dass keine der drei Serien eine Legende trägt, wie sie üblicherweise auf den Münzen Alexanders des Großen erscheint. Auch keine der übrigen Münzen des "1973 Iraq Hoard" wurde im Namen Alexanders des Großen geprägt, es handelt sich vielmehr zum überwiegenden Teil um (anonyme) Imitationen der attischen Tetradrachmen und so genannte "Löwen-Statere", die in Babylon hergestellt wurden. Auch das könnte gegen die These Holts sprechen. Viel entscheidender ist jedoch, dass die Zusammengehörigkeit der drei Serien keineswegs so offensichtlich ist, wie Holt annimmt (117). Obwohl auf allen drei Serien "indische" Darstellungen zu erkennen sind und auch der Stil keine bemerkenswerten Unterschiede erkennen lässt, fällt doch auf, dass nur die Serien A und B die Monogramme AB beziehungsweise X tragen. Darüber hinaus unterscheidet sich die Randgestaltung und die Stempelstellung der einzelnen Serien. Das sind gewiss keine schwerwiegenden Unterschiede, sie sollten aber angesprochen werden, wenn man alle drei Serien zusammenfassen möchte.

Wendet man sich den Darstellungen im Einzelnen zu, fällt auf, dass die angeblichen Siegesgeschenke zwar einen möglicherweise fliehenden Poros zeigen (Serie A), daneben aber einen indischen Bogenschützen mit gespanntem Bogen (Serie B), einen im Galopp heransprengenden Streitwagen mit Bogenschützen und einen Kriegselefanten mit Feldzeichen (Serie C), also keineswegs besiegte Gegner, sondern zum Kampf bereite Inder. Das führt zu der Frage zurück, ob es sich bei der auf der Rückseite der Dekadrachmen dargestellten Person tatsächlich um Alexander den Großen handelt.

Auch wenn H. das erklärte Ziel seiner Untersuchung, "to solve a great puzzle" (xi), wohl nicht erreicht hat, so besitzt seine Monografie doch einen bedeutenden Wert dadurch, dass es Holt gelungen ist, durch seine packende Darstellung ein breiteres Publikum mit der Arbeit eines Numismatikers vertraut zu machen und einen äußerst nützlichen Überblick über die Forschungsgeschichte einer der interessantesten Münzen der Antike vorgelegt zu haben.


Anmerkungen:

[1] Problematisch ist etwa die idealisierte Beschreibung der Herrschaftsübernahme als "an impressive entrance in the opening act of a show" (9).

[2] Siehe etwa E. Badian: A note on the "Alexander Mosaic", in: F. B. Titchener / R. F. Moorton, Jr. (Hg.): The eye expanded: Life and the arts in Greco-Roman antiquity, Berkeley / Los Angeles 1999, 75-92.

[3] M. J. Price: Circulation at Babylon in 323 B.C., in: W. E. Metcalf (Hg.): Mnemata: Papers in memory of Nancy M. Waggoner, New York 1991, 63-72, hier 65.

Peter Franz Mittag