Rezension über:

Enzo Collotti: Il Fascismo e gli ebrei. Le leggi razziali in Italia (= Quadrante Laterza; 124), Bari / Roma: Editori Laterza 2003, 224 S., ISBN 978-88-420-7131-0, EUR 16,00
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Rezension von:
Frauke Wildvang
Göttingen
Empfohlene Zitierweise:
Frauke Wildvang: Rezension von: Enzo Collotti: Il Fascismo e gli ebrei. Le leggi razziali in Italia, Bari / Roma: Editori Laterza 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/5482.html


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Enzo Collotti: Il Fascismo e gli ebrei

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Unter den zahlreichen Publikationen der letzten Jahre über den italienischen Antisemitismus und die Verfolgung der jüdischen Minderheit während der faschistischen Diktatur sticht das des emeritierten Fiorentiner Professors für Zeitgeschichte Enzo Collotti als umfassender und kenntnisreicher Überblick hervor. Gleichsam komplementär zu der 2000 von Michele Sarfatti vorgelegten Studie "Gli ebrei nell'Italia fascista", in der sich dieser vornehmlich aus der Perspektive der Opfer mit der faschistischen Judenverfolgung beschäftigte, nähert sich Collotti dem Thema von der Faschismusforschung her, wobei er entgegen der älteren Lehrmeinung betont, dass der Antisemitismus ein konstitutives Element des italienischen Faschismus gewesen sei. Die zentrale These, es habe einen autochthonen und autonomen italienischen beziehungsweise faschistischen Antisemitismus gegeben, trägt die acht Kapitel des um eine kommentierte Auswahlbibliografie und einen Dokumentenanhang ergänzten Buches, in dem der Bogen von den Wurzeln des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert bis hin zur Reintegration der Juden in die italienische Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gespannt wird.

Im einleitenden Kapitel über die Genesis des italienischen Antisemitismus zwischen Emanzipation, Nationalismus und Faschismus hebt Collotti die besondere Rolle der italienischen Juden im nationalen Einigungsprozess, aber auch den mit ihrer Emanzipation verbundenen permanenten Assimilationsdruck hervor. Die Lateranverträge zwischen dem Vatikan und dem faschistischen Staat von 1929 und die damit einhergehende Erhebung des Katholizismus zur Staatsreligion wertet er als ersten großen Bruch; außerdem interpretiert er das neue Statut für die jüdischen Gemeinden von 1930 mit seinem zentralistischen Zuschnitt und dem Oktroi der verpflichtenden Mitgliedschaft als Ausdruck einer verschärften Kontrolle durch den faschistischen Staat. Diese Interpretationen decken sich im Wesentlichen mit der neueren Forschung, auch wenn beispielsweise Sarfatti die ersten Anzeichen eines faschistischen Antisemitismus sogar bis 1925 zurückverfolgt.

Im zweiten Kapitel zeichnet Collotti die Ursprünge eines qualitativ neuen kolonialen Rassismus aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (Demografie, Eugenik, Anthropologie) nach und stellt die Einführung von entsprechenden rassistischen Gesetzen in den Kontext der kolonialen Eroberungen in Afrika und des in diesem Zusammenhang verbreiteten razzismo mixophobico (Gianluca Gabrielli). Dabei vertritt Collotti die in den letzten Jahren zunehmend konsensfähige These, die kolonial-rassistische Propaganda habe gleichsam als trojanisches Pferd dem staatlichen Antisemitismus in Italien den Weg bereitet.

Im dritten Kapitel skizziert Collotti die Anfang 1936 einsetzende antisemitische Propagandakampagne, mit der die Italiener auf die 1938 verkündeten antijüdischen Gesetze eingestimmt wurden. In diesem Zusammenhang betont er die zentrale Bedeutung bestimmter antisemitischer Schriften altgedienter Faschisten wie Telesio Interlandi, Julius Evola, Paolo Orano oder Giovanni Preziosi, der schon früh die "Protokolle der Weisen von Zion" publiziert hatte, um den kruden Vorwurf der angeblichen jüdischen Weltverschwörung zu untermauern. In seiner Bewertung des rassistischen Diskurses als natürliche Konsequenz der kolonialen Ambitionen des faschistischen Italien stellt der Autor erneut eine Verknüpfung von kolonialem Rassismus und Antisemitismus her, ohne diese These jedoch durch eine Analyse der zeitgenössischen Pressekampagne abzurunden.

Im vierten Kapitel vollzieht Collotti die verschiedenen Etappen der im Sommer 1938 einsetzenden Entrechtung und Verfolgung der Juden Italiens nach und bietet dabei einen neuen Erklärungsansatz für den frühen Zeitpunkt des allen anderen antisemitischen Verordnungen vorausgehenden Gesetzes über den Ausschluss der jüdischen Schüler und Lehrer aus den öffentlichen Schulen von Anfang September. Der Termin für diese oft als unvermittelt empfundene und auch im Vergleich mit NS-Deutschland harsche Maßnahme sei nicht nur dem Beginn des neuen Schuljahres geschuldet gewesen. Auf Grund der zentralen Rolle, die der Jugend- und Erziehungspolitik von der faschistischen Diktatur zugewiesen worden sei, habe sich dieser Auftakt vielmehr geradezu angeboten. Weiterhin macht Collotti klar, dass die zwischen 1938 und 1943 erlassenen antisemitischen Gesetze und Verordnungen nicht nur auf dem Papier standen, sondern dass sie in den Provinzen, Städten und Gemeinden auch umgesetzt wurden. Er erweckt sogar den Eindruck, als habe es einen von der Peripherie ausgehenden Radikalisierungsdruck gegeben, ohne diesen Punkt jedoch ausführlicher zu diskutieren.

Im fünften Kapitel befasst sich der Autor mit der Reaktion der italienischen Gesellschaft auf den staatlich verordneten Antisemitismus, wobei er nicht zuletzt den Einschüchterungseffekt betont, den die leggi razziali sowohl für Juden als auch für Nicht-Juden gehabt hätten. Außerdem macht er durch eine umfangreiche Auflistung der geltenden Verbote deutlich, dass Mussolini und seine Schwarzhemden den vollständigen Ausschluss der Juden aus der italienischen Gesellschaft anstrebten. Was die Rolle der katholischen Kirche in diesem Prozess angeht, so kritisiert Collotti das ausschließliche Engagement des Vatikan für die in Mischehen lebenden und/oder konvertierten Juden und unterstreicht zudem die Identität der Ziele zwischen der faschistischen Führung und der klerikalfaschistischen Minderheit im italienischen Katholizismus. Insgesamt geht Collotti mit den politischen und gesellschaftlichen Eliten Italiens hart ins Gericht und wirft mehrfach die Frage auf, ob der Faschismus nicht den Holocaust erleichtert habe und damit eine Mitverantwortung für die Ermordung der europäischen Juden trüge. Damit grenzt er sich insbesondere von Renzo De Felice und seinen Parteigängern ab, die sich bis heute darum bemühen, Italien und den italienischen Faschismus eben von dieser Mitverantwortung freizusprechen.

Im sechsten Kapitel beschreibt Collotti die Intensivierung der Judenverfolgung während des Krieges durch eine Verschärfung der antisemitischen Propaganda einerseits und durch repressive Maßnahmen wie die Internierung aller ausländischen beziehungsweise als "gefährlich" eingestuften italienischen Juden und die im Frühsommer 1942 eingeführte Zwangsarbeit für Juden andererseits. Etwas unvermittelt erscheint in diesem Zusammenhang allerdings sein Argument, mangelnder Antisemitismus sei die wichtigste (wenn auch nicht alleinige) Ursache für die Rettung zahlreicher Juden in den von italienischen Truppen besetzten Gebieten auf dem Balkan und in Südfrankreich gewesen. Damit widerspricht Collotti nicht nur der zentralen These seines eigenen Buches, sondern nimmt auch die neuere Forschung nicht zur Kenntnis, die vor allem Aspekte wie die Wahrung der italienischen Souveränität, Nationalstolz oder die inneren Widersprüche der "Achse" Rom-Berlin hervorgehoben hat, um den italienischen Widerstand gegen deutsche Forderungen nach Auslieferung von Juden zu erklären.

In Kapitel 7, in dem geschildert wird, wie die in Italien lebenden Juden nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen im September 1943 nun auch an Leib und Leben bedroht waren, argumentiert Collotti dann auch wieder mit dem Gewicht des autochthonen faschistischen Antisemitismus. Schon aus Mangel an anderen propagandistisch verwertbaren, integrativen Ideen habe dieser in Mussolinis von deutscher Seite gestützten Repubblica Sociale Italiana eine weitere Radikalisierung erfahren. In diesem Kontext setzt Collotti sich auch mit der italienischen Beteiligung an den Deportationen auseinander, wobei er allerdings nur kurz auf das breite, noch im einzelnen zu untersuchende Spektrum von individuellen Verhaltensweisen eingeht, das von bewusster Hilfeleistung für verfolgte Juden, über passiven Widerstand zu Indifferenz, Denunziationen aus Habgier oder gar aktiver Tatbeteiligung aus faschistischer Überzeugung reichte.

Abschließend widmet sich Collotti der Abschaffung der leggi razziali und der Wiedereingliederung der italienischen Juden in die Nachkriegsgesellschaft. Dass dieses Problem nur zögerlich in Angriff genommen worden ist, begründet der Autor unter anderem mit der personellen Kontinuität in der italienischen Verwaltung. Ob sich seine dabei getroffene Feststellung, es habe nach der Niederwerfung des Faschismus nur wenige Prozesse wegen antisemitischer Verfolgung gegeben, halten lassen wird, ist angesichts neuer Lokal- beziehungsweise Regionalstudien allerdings fraglich.

Insgesamt gibt Collotti einen fundierten, kenntnisreichen, umfassenden und in vieler Hinsicht gewinnbringend zu lesenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung, dem man eine Übersetzung ins Deutsche wünschen würde. Kritisch wäre lediglich anzumerken, dass es Autor und Verlag dem Leser durch ihren Verzicht auf Fußnoten nicht gerade erleichtert haben, sich im Dickicht der Forschung zurechtzufinden, und dass Collotti zuweilen den Eindruck erweckt, als handle es sich bei seinem Buch um ein abschließendes Fazit und nicht um eine Zwischenbilanz mit vielen noch offenen Fragen.

Frauke Wildvang