Rezension über:

John Beldon Scott: Architecture for the Shroud. Relic and Ritual in Turin, Chicago: University of Chicago Press 2003, XXXII + 443 S., 214 Abb., ISBN 978-0-226-74316-5, USD 75,00
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Rezension von:
Elisabeth Wünsche-Werdehausen
München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth Wünsche-Werdehausen: Rezension von: John Beldon Scott: Architecture for the Shroud. Relic and Ritual in Turin, Chicago: University of Chicago Press 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/5334.html


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John Beldon Scott: Architecture for the Shroud

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Reliquienbesitz gehörte seit der Spätantike zu den wichtigsten Machtsymbolen sakral legitimierter Herrscher. Nicht nur dem Deutschen Kaiser und dem französischen König gehörten so bedeutende Passionsreliquien wie die Heilige Lanze und die Dornenkrone Christi. Auch die Herzöge von Savoyen- Piemont und späteren Könige von Sardinien, die 1870 Könige des Vereinten Italien wurden, konnten sich rühmen, eines der wichtigsten christlichen Heiltümer, das Grabtuch Christi, die so genannte Santissima Sindone, ihr Eigen zu nennen.

Bei der Verlegung ihres Regierungssitzes von Chambéry in das piemontesische Turin 1563 transferierten die Savoyerfürsten natürlich auch ihren Reliquienschatz und errichteten für diesen nach mehreren provisorischen Aufstellungen und langen Planungen um 1655 eine Kapelle, die zugleich als Hofkapelle diente und genau zwischen Dom und Residenz lag. Die Cappella della Santissima Sindone wurde in der Architekturgeschichte berühmt durch die Kuppel, die ab 1667 nach dem Entwurf des Architekten, Mathematikers, Theologen und Theatinerpaters Guarino Guarini entstand.

An Untersuchungen und Interpretationsversuchen der höchst eigenwilligen Architektur der Grabtuchkapelle im Rahmen von Werk- oder Baumonografien mangelt es nicht. John Beldon Scott hat sich jedoch in dem vorliegenden, umfangreichen Buch ein anderes Ziel gesetzt. Er versucht, den Bau im weiteren Kontext der politischen-dynastischen und liturgisch-zeremoniellen Bedeutung der Reliquie zu untersuchen und sogar die urbanistische Entwicklung Turins vor diesem Hintergrund zu erforschen. Dabei steckt der Autor den weiten historischen Rahmen von den Anfängen des savoyischen Reliquienbesitzes im 15. Jahrhundert bis hin zur gegenwärtigen Grabtuchverehrung nach dem Ende der italienischen Monarchie ab. Die Ausführungen über Guarinis Kapelle nehmen zwar den breitesten Raum ein, aber letztlich stellt das Buch eine Studie über die künstlerisch-architektonischen Manifestationen des Grabtuchkults insgesamt dar.

Im ersten Teil des Buches verfolgt der Autor die herausragende Stellung der Reliquie für das Selbstverständnis der Savoyer und ihre Instrumentalisierung als identitätsstiftendes und statussteigerndes Symbol, das für die Formulierung ihres Anspruchs auf den Königstitel eingesetzt wurde. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Scott mit dem liturgisch- zeremoniellen Umgang mit der Grabtuchreliquie im 16. und 17. Jahrhundert und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Aufbewahrung und die öffentliche ostensio des Heiltums in der Palastkapelle in Chambéry, in den älteren Kapellen(-planungen) in der neuen Turiner Residenz und in den tabernakelartigen Aufbauten im Chor des dortigen Doms. Es zeigt sich, dass erst mit Guarinis neuer Kapelle eine adäquate architektonische Lösung gefunden wurde: ein sicherer Aufbewahrungsort mit unmittelbarer Verbindung zur Residenz, der eindeutig die Jurisdiktion des Herrscherhauses (und eben nicht der Kirche) veranschaulichte, zugleich aber durch die Sichtbarkeit der Reliquie vom Dom aus ein ausreichendes Maß an Öffentlichkeit für eine permanente Anbetung des Volks und für die offizielle Präsentation des großen, geöffneten Tuchs in Präsenz des Hofs bot.

Erst diese Erkenntnisse liefern zusammen mit der folgenreichen Rekonstruktion der Verbindungsstelle zwischen Domchor und Palastkapelle als große Öffnung (an Stelle des verglasten Fensters) die richtigen Voraussetzungen für die Würdigung und Interpretation der Architektur Guarinis. Laut Scott gelang es dem Architekten, mit seiner sehr stark auf den Gesetzen der Geometrie basierenden Architektur eine Metapher für die "evidence of the truth embodied in the Shroud" (159) zu finden. Die proszeniumsartig gestaltete Öffnung der Kapelle zum Dom und ihre auf illusionistische Wirkung angelegte Kuppel schaffen eine theatralische Bühne für die als dynastisches Spektakel angelegte Heiltumsschau. Deutlich von einem wahrnehmungspsychologischen Ansatz geprägt, stellt Scott die These auf, Guarini setzte, ganz in der Tradition gegenreformatorischer Spiritualität und unter dem formalen Einfluss römischer Kuppeln und Dekorationen zum Vierzigstündigen Gebet, die perspektivische Illusion als Mittel zur Steigerung der Emotion und Devotion des gläubigen Betrachters ein. Interessante neue Ergebnisse bietet auch die Deutung der völlig unkanonischen Baudetails wie der Kapitelle mit den Leidenswerkzeugen Christi und der heraldisch gesehenen Kreuzkassettierung der Bogen-/ Pendentifzone.

Im anschließenden Kapitel zur Urbanistik, das sich erneut ausführlich mit zeremoniellen Fragen und deren politischen Implikationen beschäftigt, deutet Scott die Gestaltung des Schlossvorplatzes mit der "Heiltumsterrasse" und die Anlage der einmündenden Straßenachsen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der hier inszenierten öffentlichen ostensio in Präsenz des Herrscherhauses.

In den letzten beiden Kapiteln verfolgt Scott mit gleich bleibender Sorgfalt und Ausführlichkeit (265- 330!!) die gewandelte Rolle der Grabtuchreliquie unter den veränderten politischen Verhältnissen des Risorgimento, des Faschismus und der Italienischen Republik. Die allmähliche Entpolitisierung der Reliquie bis zur "Reduzierung" auf ein Objekt der volkstümlichen Devotion in der Obhut des Turiner Bischofs führte schließlich auch zur Aufgabe der zeremoniellen Nutzung der traditionellen, dafür geschaffenen Orte, Guarinis Kapelle und die Terrasse der Piazza Castello. Diese Ausführungen sind eigentlich nur insofern von Interesse, als in der Retrospektive ex negativo die ursprünglich politisch- dynastische Bedeutung des Grabtuchs nochmals an Kontur gewinnt. Schwerer zu verstehen ist, warum Scott die baulichen Maßnahmen für die Reliquienpräsentationen des 20. Jahrhunderts - so etwa die Kioske für den Devotionalienhandel auf der Piazza Castello von 1998 und 2000 - mit gleichem Impetus wie Guarinis Architektur bespricht.

Es ist Scotts Leistung, in seinem unter Verwendung zahlreicher Bild- und Schriftquellen äußerst gründlich recherchierten und reich illustrierten Buch die Grabtuchkapelle Guarinis und die urbanistische Gestaltung der Residenzumgebung in Turin aus der primär formanalytischen beziehungsweise rein ikonologischen Analyse befreit und die Architektur für diese Reliquie als Ausdruck machtpolitischer Ansprüche der Savoyer sowie als Mittel der Herrschaftsausübung gesehen zu haben. Bei allem Erkenntnisgewinn birgt die konzentrierte Erarbeitung dieser Aspekte die Gefahr eines zu einseitigen Blicks auf die Architektur, was sich besonders im Kapitel zur Urbanistik zeigt. Es erstaunt zudem, dass die savoyische Dynastie wie eine abstrakte Institution behandelt wird, und die einzelnen involvierten Auftraggeber wie Kardinal Maurizio und Herzog Carlo Emanuele II. kaum aus der Anonymität heraustreten. Auch die Frage nach der Bauaufgabe Palast-/ Reliquienkapelle im Konkurrenzfeld europäischer Herrscherhäuser findet zu wenig Beachtung. Insgesamt hätte eine straffere Konzeption des Buches die Lektüre erleichtert und die Ergebnisse prägnanter herausgestellt.

Elisabeth Wünsche-Werdehausen