Rezension über:

Hiltrud Wallenborn: Bekehrungseifer, Judenangst und Handelsinteresse. Amsterdam, Hamburg und London als Ziele sefardischer Migration im 17. Jahrhundert (= HASKALA. Wissenschaftliche Abhandlungen; Bd. 27), Hildesheim: Olms 2003, 572 S., ISBN 978-3-487-11864-2, EUR 78,00
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Rezension von:
Ortwin Pelc
Museum für Hamburgische Geschichte
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Ortwin Pelc: Rezension von: Hiltrud Wallenborn: Bekehrungseifer, Judenangst und Handelsinteresse. Amsterdam, Hamburg und London als Ziele sefardischer Migration im 17. Jahrhundert, Hildesheim: Olms 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/4724.html


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Hiltrud Wallenborn: Bekehrungseifer, Judenangst und Handelsinteresse

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Die Pogrome gegen die Juden in Spanien und Portugal seit dem Ende des 14. Jahrhunderts hatten zur Folge, dass sich viele Juden taufen ließen. Doch auch diese 'conversos' wurden diskriminiert und verfolgt, sodass sie seit dem 15. Jahrhundert in die islamischen Staaten Nordafrikas und in das Osmanische Reich, nach Italien, Frankreich und im 16. Jahrhundert in die spanischen und portugiesischen Kolonien in Übersee sowie die spanischen Niederlande flohen. Nach der Vereinigung Spaniens und Portugals 1580 und nachdem 1601 die Emigration zugelassen wurde, ließen sich sefardische Juden in London, Amsterdam und Hamburg nieder. Sie wurden in diesen protestantischen Städten anfangs für Katholiken gehalten und übten ihre Religion nur privat aus. Allein in London gab es zuvor bereits eine kleine jüdische Ansiedlung. Es wären also andere Städte als diese drei wesentlich geeigneter für die Glaubensflüchtlinge gewesen.

Wallenborn fragt, warum Juden um 1600 in diese Städten zogen, dort aufgenommen wurden und so erfolgreich waren. Die Quellenlage zur Beantwortung dieser Fragen ist in allen drei Städten relativ gut. Und so analysiert die Autorin in einem ersten Teil ihrer Arbeit die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung der Juden in den Städten, also deren Bevölkerungsstruktur, Entwicklung als Handelszentren, deren religiös-politische Strukturen und die Möglichkeiten zur Integration von Zuwanderern. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Städten verzeichneten London, Amsterdam und Hamburg im 16. Jahrhundert einen bemerkenswerten Aufschwung, insbesondere durch den Fernhandel, waren also - unabhängig von religiösen Hintergründen - attraktive Wanderungsziele. Als in ihnen dann erkannt wurde, dass die Zuwanderer Juden waren, setzte eine Debatte um deren Zulassung ein, die Wallenborn im zweiten Kapitel ihrer Arbeit schildert. Ein Ergebnis dieser Diskussion waren die Amsterdamer Judenordnung von 1616, der Hamburger Kontrakt von 1612 und in England eine generelle Bemühung um die Zulassung von Juden. Im dritten Teil ihrer Arbeit geht Wallenborn näher auf die Inhalte der Debatte um die Zulassung der sefardischen Juden ein, auf die Rolle des jüdischen Volkes im Heilsplan Gottes, die damals von den Christen erhoffte Bekehrung der Juden und im Gegensatz dazu die in den Juden vermutete 'Gefahr' für die Christen. Letztlich überwogen damals sowohl politische als auch - vor allem - wirtschaftliche Argumente zur Tolerierung der Juden mit ihren weit reichenden Handelsverbindungen. In einem weiteren Teil schildert die Autorin die judenrechtliche Entwicklung in den drei Städten respektive Ländern im weiteren 17. Jahrhundert. Das fünfte Kapitel befasst sich mit den sefardischen Gemeinden in diesen Städten, ihrer demografischen Entwicklung und Sozialstruktur, der Rolle des Fernhandels und der oft unterschätzten Betätigung der Juden außerhalb des Fernhandels. Im letzen Teil ihrer Arbeit betrachtet Wallenborn dann die Etablierung der jüdischen Religionsgemeinschaften in den drei Städten, der von den christlichen Obrigkeiten mit unterschiedlicher Akzeptanz begegnet wurde.

Im Vergleich zu Hamburg und London bot Amsterdam den sefardischen Juden die größten wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten, hier waren sie in den meisten Berufsfeldern tätig. Bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm das berufliche Spektrum der Juden auch in London zu, während sie sich in Hamburg auf relativ wenige Berufe beschränken mussten. Dies wirkte sich natürlich auf die Sozialstruktur der Gemeinden aus sowie auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse ihrer Mitglieder. Die Judenpolitik der drei Städte war vor allem auf die wirtschaftlichen Vorteile durch deren Ansiedlung ausgerichtet. [1] Das Bürgerrecht konnten die Juden nirgends erlangen, auch dadurch waren sie von vielen Berufen - insbesondere den Handwerken - ausgeschlossen. Ihre Sonderabgaben wurden erst Ende des 17. Jahrhunderts in Hamburg eine ernst zu nehmende Belastung und Benachteiligung dieses Teils der Bevölkerung.

Wallenborn betont, dass für die Entwicklung der sefardischen Gemeinden vor allem die außen- und handelspolitischen Verhältnisse im 17. Jahrhundert entscheidend waren, da der Fernverkehr das wirtschaftliche Rückgrat der Städte wie der Gemeinden bildete. England und die Generalstaaten konnten ihren jüdischen Kaufleuten im Ausland mehr Schutz gewähren als der Stadtstaat Hamburg. Die Amsterdamer Juden erhielten eine besondere wirtschaftspolitische Bedeutung in der Auseinandersetzung zwischen den Niederlanden und Spanien. In allen drei Städten setzten sich die Kräfte, die sich von einer Ansiedlung der sefardischen Kaufleute Vorteile versprachen, gegen die Verfechter von Restriktionen durch; Letztere waren in Hamburg die Bürgerschaft, in Amsterdam die Gilden und Einzelhändler und in London die Fernhändler. Da es in Hamburg seitens der Kirche theologische Bedenken gegen eine wirtschaftliche Gleichstellung der Juden gab, stand die dortige liberale Judenpolitik auf schwachen Füßen, eine Verunsicherung der sefardischen Gemeinde bezüglich ihrer Existenz war die Folge.

Den sefardischen Zuwanderern gelang es in allen drei Städten, Einheitsgemeinden mit fester Organisationsstruktur sowie sozialen Institutionen und Bildungseinrichtungen zu gründen. Nur den Londoner und Amsterdamer Juden war es jedoch möglich, ihre Religion offen auszuüben, in Hamburg war dies im 17. Jahrhundert nur im privaten Rahmen erlaubt und möglich. Bemerkenswerte Unterschiede gab es in den Gemeinden in Bezug auf ihr Verhältnis zur städtischen Obrigkeit, zur Intensität der Reglementierung des Gemeindelebens und zur Abgrenzung zu den aschkenasischen Juden. Dadurch wurde die unterschiedliche Selbstwahrnehmung der Juden als Minderheit in den Städten maßgeblich beeinflusst. Während der Tolerierungsdebatten in den einzelnen Städten, in denen es letztlich immer um die Rolle der Juden in der christlichen Gesellschaft ging, fällt für Hamburg das noch immer wirkende mittelalterliche Ideal vom christlichen politischen Gemeinwesen auf, während man in Amsterdam und London im 17. Jahrhundert der Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise Religion bereits viel näher war und unterschiedliche Glaubensbekenntnisse tolerierte.

Die Attraktivität von Hamburg, Amsterdam und London als Wanderungsziel von sefardischen Juden wurde einerseits durch die Möglichkeiten zum Fernhandel, andererseits durch die religiös-soziale Situation bestimmt. Für einen religiösen Juden war deshalb nach Wallenborn Amsterdam das attraktivste Ziel, für einen weniger religiösen auch London; Hamburg lag aufgrund der dortigen Restriktionen an letzter Stelle. Die Gemeinden in den drei Städten mussten daran interessiert sein, dass ausreichend wohlhabende Immigranten kamen, damit die ärmeren Mitglieder unterstützt werden konnten. Dies hatte zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche demografische Auswirkungen auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in den drei Städten: Bis zum Westfälischen Frieden 1648 wuchsen die Gemeinden in Hamburg und besonders in Amsterdam - hier auch darüber hinaus -, in Hamburg stagnierte die Gemeinde sodann, während London in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Amsterdam als Handelsstadt überflügelte und auch die dortige Gemeinde wuchs.

Wallenborn arbeitet in ihrer fundierten und gut lesbaren Studie die 'Erfolgsgeschichte' der Ansiedlung sefardischer Juden in drei wichtigen nordeuropäischen Handelsstädten heraus und geht ausführlich auf den Hintergrund dieses Prozesses und seine vielfältigen Aspekte ein, die in der Entwicklung der damaligen Handelsströme, den politischen und religiösen Kräfteverhältnissen in den Städten und der innerjüdischen Gemeindeentwicklung lagen. Gerade der Vergleich zwischen den drei Städten macht die Untersuchung reizvoll und besonders anregend, da erst dadurch eine Einschätzung der unterschiedlichen Kräfte für und gegen die Ansiedlung sefardischer Juden ermöglicht wird.


Anmerkung:

[1] Vgl. für Hamburg die etwa gleichzeitig angefertigte Untersuchung von Jutta Braden: Hamburger Judenpolitik im Zeitalter lutherischer Orthodoxie 1590-1710 (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden; 13), Hamburg 2001.

Ortwin Pelc