Empfohlene Zitierweise:

Ute Lotz-Heumann / Holger Zaunst├Âck: Neuere Publikationen zur Kommunikationsgeschichte der Fr├╝hen Neuzeit. Einführung, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/forum/neuere-publikationen-zur-kommunikationsgeschichte-der-fruehen-neuzeit-88/

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Textes die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Neuere Publikationen zur Kommunikationsgeschichte der Fr├╝hen Neuzeit

Einführung

Von Ute Lotz-Heumann / Holger Zaunst├Âck

Dieses Forum erscheint anl├Ąsslich des diesj├Ąhrigen Historikertages, der unter dem Motto "Kommunikation und Raum" in Kiel stattfindet. Das gro├če Interesse der Geschichtswissenschaft an der Erforschung von 'Kommunikation' ist fraglos vor dem Hintergrund des atemberaubenden Siegeszuges des Internets w├Ąhrend der letzten Dekade zu sehen. Wolfgang Behringer hat deshalb eine "Arch├Ąologie des Cyberspace im Archiv" gefordert. [1] Schon seit l├Ąngerem hat auch die Fr├╝hneuzeitforschung das Thema 'Kommunikation' f├╝r sich entdeckt. So tagte etwa 2001 die Arbeitsgemeinschaft Fr├╝he Neuzeit im Historikerverband in Augsburg ├╝ber das Thema "Kommunikation und Medien in der Fr├╝hen Neuzeit". [2]

Dies hat dazu gef├╝hrt, dass 'Kommunikation' in den letzten Jahren in zahlreichen Bereichen der Fr├╝hneuzeitforschung zu einer integrierenden und ganze Themenfelder aufschl├╝sselnden Kategorie erhoben wurde. Der Begriff ist dadurch jedoch nicht handhabbarer geworden. Vielmehr gibt es eine gewisse Tendenz, 'Kommunikation' als eine Metakategorie zu funktionalisieren, denn der Begriff ist ausreichend 'offen', um vielf├Ąltigste Anwendung zu finden. Auch hinsichtlich der Operationalisierung von Kommunikationsbegriffen anderer Wissenschaften ist man in der Fr├╝hneuzeitforschung bislang eher zur├╝ckhaltend.

So kann es schnell passieren, dass der Begriff wieder an Attraktivit├Ąt verliert, ja 'unmodisch' wird und f├╝r die Geschichtswissenschaft gewisserma├čen verloren geht. Dies sollte nach unserer Auffassung vermieden werden; vielmehr sehen wir 'Kommunikation' als eine potenziell zukunftsweisende historiografische Kategorie. In diesem Kontext m├Âchte das Forum zweierlei erreichen: Durch die Rezensionen ausgew├Ąhlter neuerer Publikationen, die mehrheitlich den Kommunikationsbegriff in den Mittelpunkt stellen, soll zum einen der aktuelle Forschungsstand grob umrissen werden. Und zum anderen hoffen wir, durch das Interview mit dem Konstanzer Historiker Rudolf Schl├Âgl ein kritisch und perspektivisch angelegtes Diskussionsangebot zu unterbreiten.

Der Kommunikationsbegriff wird traditionell vor allem mit zwei anderen Begriffsfeldern verkn├╝pft: dem der ├ľffentlichkeit/├Âffentlichen Meinung und den damit verbundenen Medien sowie dem der Infrastruktur, insbesondere der Post, und damit der beschleunigten Durchdringung von Raum und Zeit. [3] Beide Felder sind von der j├╝ngeren Kommunikationsforschung entscheidend weiterentwickelt worden.

Im Kontext der ├ľffentlichkeitsdebatte sei hier nur erinnert an die Studie von Esther-Beate K├Ârber ├╝ber "├ľffentlichkeiten in der Fr├╝hen Neuzeit", oder auch an die Arbeit von Ulrich Rosseaux ├╝ber "Die Kipper und Wipper als publizistisches Ereignis (1620-1626)". [4] Diese Forschungsrichtung ist in unserem Rezensions-Forum mit dem von Bernd S├Âsemann herausgegebenen Sammelband ├╝ber "Kommunikation und Medien in Preu├čen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert" vertreten (besprochen von Stefan Haas).

In diesem Arbeitszusammenhang geht es letztlich um die Frage, ob sich der Kommunikationsbegriff generell - nicht nur in der deutschen, auch in der internationalen Forschung - durchzusetzen vermag, und damit darum, ob er geeignet ist, die ja mittlerweile vielerorts vehement geforderte Abl├Âsung des ├ľffentlichkeitsbegriffs von J├╝rgen Habermas herbeizuf├╝hren. Diese Frage wirft auch der im Forum besprochene Sammelband von James van Horn Melton mit dem Titel "Cultures of Communication from Reformation to Enlightenment. Constructing Publics in the Early Modern German Lands" auf (rezensiert von Maria Crăciun).

In engem Zusammenhang mit dem Themenfeld '├ľffentlichkeit' stehen auch Arbeiten, die die Medien und das Pressewesen im Zeitalter der Aufkl├Ąrung und in der Sattelzeit in den Blick nehmen. Dieses Themenfeld ist im Forum durch die Rezensionen von Werner Faulstichs "Die b├╝rgerliche Mediengesellschaft (1700-1830)" (besprochen von Klaus Beyrer) sowie von Hansj├╝rgen Koschwitz' "Wider das 'Journal- und Tageblattsverzeddeln'. Goethes Pressesicht und Pressenutzung" (besprochen von Werner Greiling) vertreten.

Die Aufkl├Ąrung wird bekanntlich seit l├Ąngerem als Kommunikationsprozess verstanden. Daran ankn├╝pfend, hebt die j├╝ngere interdisziplin├Ąre Soziabilit├Ątsforschung die netzwerkartige Kommunikationsorganisation der Gesellschaft der Aufkl├Ąrer als deren konstitutives und zugleich kommunikationsgeschichtlich innovatives Strukturmerkmal hervor. Daf├╝r steht der j├╝ngst erschienene Sammelband ├╝ber "Soziet├Ąten, Netzwerke, Kommunikation". [5] Diese Forschungsrichtung ist im Forum mit einer germanistischen Arbeit vertreten, Robert Seidels "Literarische Kommunikation im Territorialstaat. Funktionszusammenh├Ąnge des Literaturbetriebs in Hessen-Darmstadt zur Zeit der Sp├Ątaufkl├Ąrung" (rezensiert von Michael Schaich).

In den letzten Jahre haben zudem zahlreiche Arbeiten die spezifische Kommunikationsstruktur des Absolutismus zu erfassen gesucht. F├╝r den deutschen Kontext war hier die Studie "Absolutismus und ├ľffentlichkeit" von Andreas Gestrich leitend. [6] Dies verweist auf das ├╝bergreifende Feld der 'politischen Kommunikation'. Folgt man den Tagungen der letzten Jahre und den soeben erschienen bzw. angek├╝ndigten Ver├Âffentlichungen, sind hier in n├Ąchster Zeit noch intensive Forschungsdiskussionen zu erwarten. Im Forum sind diese Arbeitsgebiete vertreten durch eine Arbeit von Robert Darnton ├╝ber "Poesie und Polizei. ├ľffentliche Meinung und Kommunikationsnetzwerke im Paris des 18. Jahrhunderts" (besprochen von Jens Ivo Engels) sowie das Buch von Mark Hengerer ├╝ber "Kaiserhof und Adel in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Eine Kommunikationsgeschichte der Macht in der Vormoderne" (rezensiert von Andreas Pečar). [7]

Das zweite 'klassische' Feld der Kommunikationsforschung - Infrastruktur, Post und die Ver├Ąnderung des Raum/Zeit-Verst├Ąndnisses w├Ąhrend der Fr├╝hen Neuzeit - hat in den letzten Jahren dagegen weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dies gleicht nun Wolfgang Behringers gro├če Studie "Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Fr├╝hen Neuzeit" (im Forum besprochen von Johannes Arndt) durch eine umfassende Darstellung des Themas aus. [8] Hier wird die Ver├Ąnderung in der Raum/Zeit-Wahrnehmung der Menschen - durch die permanente Expansion der Post - in enger Verkn├╝pfung mit den "Medienrevolutionen" der Fr├╝hen Neuzeit gesehen und zur These von einer fr├╝hneuzeitlichen "Kommunikationsrevolution" verdichtet.

Des Weiteren hat in der Fr├╝hneuzeitforschung die Verbindung von Raum und Kommunikation in den letzten Jahren intensives Forschungsinteresse geweckt. Das geht von der Erforschung kleiner R├Ąume und ihrer Kommunikationsstrukturen, wie etwa in dem von Susanne Rau und Gerd Schwerhoff herausgegebenen Sammelband "Zwischen Gotteshaus und Taverne" [9], ├╝ber die intensive Erforschung der Stadt als Kommunikationsraum bis hin zu Fragen der kommunikativen Durchdringung von Regionen und Staaten, womit sich auch der Kreis zur Fragestellung der 'politischen Kommunikation' schlie├čt. [10] Zu nennen sind hier z.B. die B├Ąnde "K├Âln als Kommunikationszentrum. Studien zur fr├╝hneuzeitlichen Stadtgeschichte" (hg. von Georg M├Âlich und Gerd Schwerhoff), "Kommunikation und Region" (hg. von Carl Hoffmann und Rudolf Kie├čling) sowie "Wissen ist Macht. Herrschaft und Kommunikation in Brandenburg-Preu├čen 1600-1850" (hg. von Ralf Pr├Âve und Norbert Winnige). [11] Die Frage nach dem Kommunikationsraum 'Stadt' ist im Forum vertreten durch den von Raingard E├čer und Thomas Fuchs herausgegebenen Sammelband ├╝ber "Kulturmetropolen - Metropolenkultur. Die Stadt als Kommunikationsraum im 18. Jahrhundert" (rezensiert von Susanne Rau).

Schlie├člich entwickelt sich derzeit ein weiteres Forschungsfeld, das bereits auf der Augsburger Tagung 2001 durch eine von Rudolf Schl├Âgl, J├Ârn Sieglerschmidt und Barbara Stollberg-Rilinger geleitete Sektion ("Der K├Ârper als Medium") vertreten war: Der Kommunikationsbegriff wird im Kontext der K├Ârpergeschichte verwandt und als Interpretament erprobt. [12] Im Forum ist diese Forschungsrichtung vertreten durch den Band von Kirsten O. Frieling ├╝ber "Ausdruck macht Eindruck. B├╝rgerliche K├Ârperpraktiken in sozialer Kommunikation um 1800" (besprochen von Maren Lorenz).

Bleibt abschlie├čend die Frage nach den produktiven Perspektiven einer k├╝nftigen fr├╝hneuzeitlichen Kommunikationsforschung. Rudolf Schl├Âgl schl├Ągt im Interview dieses Forums vor, die "g├Ąngigen Themen- und Gegenstandsfelder" der Fr├╝hneuzeitforschung kommunikationstheoretisch zu reformulieren. Damit w├Ąre zweierlei gewonnen: Erstens w├╝rde damit das schlichte 'Umlabeln' von (traditionellen) Projekten und ihrer Titel gewisserma├čen enttarnbar und damit die innere Aush├Âhlung des Begriffs aufhaltbar. Zweitens w├Ąre 'Kommunikation' (nach Schl├Âgl) dann ein umfassendes Interpretament f├╝r die grundlegenden Vorg├Ąnge in der Fr├╝hen Neuzeit, wie etwa die "medialen Voraussetzungen sozialer Ordnungsbildungen" und die Herstellung sozialer Ordnung ├╝ber "Rituale und performative Inszenierungen". Drittens k├Ânnte ein solches Kommunikationskonzept die Fr├╝he Neuzeit als eigenst├Ąndige Epoche ("Transformationsgesellschaft") deutlicher herausarbeiten. Ein kommunikationsgeschichtlicher Zugang, der mehr beschreibt als die ├ťbermittlung von Informationen, k├Ânnte so zudem ein produktives Angebot sein, um die neuerdings zunehmend betonten Gemeinsamkeiten von Kultur- und Strukturgeschichte in eine innovative und integrative Fragestellung zu ├╝berf├╝hren.

Auf diesem Weg - so noch einmal Rudolf Schl├Âgl - brauchen wir eine "Methodologie der Analyse kommunikativer Formen", die letztlich darauf hinf├╝hrt, einen Kommunikationsbegriff zu entwickeln, der zu einer "Verfl├╝ssigung" von Begriffen mit "ontologischem Status" (wie etwa 'Macht') f├╝hrt. Mithin w├Ąre der Weg irref├╝hrend, sich um die Profilierung einer (eigenst├Ąndigen) 'Kommunikationsgeschichte' zu bem├╝hen. Vielmehr ginge es um eine Geschichtswissenschaft, die "mit dem Kommunikationsbegriff arbeitet".


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Behringer, Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Fr├╝hen Neuzeit, G├Âttingen 2003, 688.

[2] Vgl. das Programm unter [http://www.presse.uni-augsburg.de/unipressedienst/2001/pm2001_074A.shtml]; vgl. auch [http://www.historicum.net/themen/medien/index.htm].

[3] Vgl. z.B. Wolfgang Behringer, Bausteine zu einer Geschichte der Kommunikation. Eine Sammelrezension zum Postjubil├Ąum, in: Zeitschrift f├╝r Historische Forschung 21 (1994), Heft 1, 92-112; Michael North (Hg.), Kommunikationsrevolutionen. Die neuen Medien des 16. und 19. Jahrhunderts, K├Âln, Weimar, Wien 1995; Michael North, Kommunikation, Handel und Banken in der Fr├╝hen Neuzeit, M├╝nchen 2000 [http://www.sehepunkte.de/2002/03/2171.html]; Hans Pohl (Hg.), Die Bedeutung der Kommunikation f├╝r Wirtschaft und Gesellschaft. Referate der 12. Arbeitstagung der Gesellschaft f├╝r Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vom 22.-25. 4. 1987 in Siegen, Stuttgart 1989.

[4] Vgl. Esther-Beate K├Ârber, ├ľffentlichkeiten in der Fr├╝hen Neuzeit. Teilnehmer, Formen, Institutionen und Entscheidungen ├Âffentlicher Kommunikation im Herzogtum Preu├čen von 1525 bis 1618, Berlin, New York 1998; Ulrich Rosseaux, Die Kipper und Wipper als publizistisches Ereignis (1620-1626). Eine Studie zu den Strukturen ├Âffentlicher Kommunikation im Zeitalter des Drei├čigj├Ąhrigen Krieges, Berlin 2001 [http://www.sehepunkte.de/2002/03/2278.html].

[5] Vgl. Holger Zaunst├Âck/Markus Meumann (Hgg.), Soziet├Ąten, Netzwerke, Kommunikation. Neue Forschungen zur Vergesellschaftung im Jahrhundert der Aufkl├Ąrung, T├╝bingen 2003 [http://www.sehepunkte.de/2004/07/4732.html].

[6] Vgl. Andreas Gestrich, Absolutismus und ├ľffentlichkeit: Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts, G├Âttingen 1994.

[7] Wir danken Michael Kaiser f├╝r die ├ťberlassung der Rezension von Andreas Pečar ├╝ber das Buch von Mark Hengerer f├╝r das Forum. Zur 'politischen Kommunikation' sind au├čerdem soeben erschienen: Johannes L. Schipmann, Politische Kommunikation in der Hanse (1550-1621). Hansetage und westf├Ąlische St├Ądte, K├Âln 2004; Luise Schorn-Sch├╝tte (Hg.), Aspekte der politischen Kommunikation im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Politische Theologie - Res Publica-Verst├Ąndnis - konsensgest├╝tzte Herrschaft, M├╝nchen 2004; angek├╝ndigt: Rudolf Schl├Âgl (Hg.), Interaktion und Herrschaft. Die Politik der fr├╝hneuzeitlichen Stadt, Konstanz 2004; vgl. z.B. auch den Tagungsbericht "Der Reichstag (1486-1613). Kommunikation - Wahrnehmung - ├ľffentlichkeiten" [http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2003/099-03.pdf].

[8] Wir danken Matthias Schnettger f├╝r die ├ťberlassung dieser Rezension f├╝r das Forum.

[9] Vgl. Susanne Rau/Gerd Schwerhoff (Hgg.), Zwischen Gotteshaus und Taverne. ├ľffentliche R├Ąume in Sp├Ątmittelalter und Fr├╝her Neuzeit, K├Âln, Weimar, Wien 2004.

[10] In diesem Kontext ist auch auf die Forschungen zur l├Ąndlichen Gesellschaft zu verweisen: Werner R├Âsener (Hg.), Kommunikation in der l├Ąndlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne, G├Âttingen 2000; Magnus Eriksson/Barbara Krug-Richter (Hgg.), Streitkulturen. Gewalt, Konflikt und Kommunikation in der l├Ąndlichen Gesellschaft (16.-19. Jahrhundert), K├Âln, Weimar, Wien 2003 [http://www.sehepunkte.de/2004/07/4602.html].

[11] Georg M├Âlich/Gerd Schwerhoff (Hgg.), K├Âln als Kommunikationszentrum. Studien zur fr├╝hneuzeitlichen Stadtgeschichte, K├Âln 1999 [http://www.sfn.uni-muenchen.de/rezensionen/rez70.htm]; Carl A. Hoffmann/Rolf Kie├čling (Hgg.), Kommunikation und Region, Konstanz 2001 [http://www.sehepunkte.de/2002/02/2845.html]; Ralf Pr├Âve/Norbert Winnige (Hgg.), Wissen ist Macht. Herrschaft und Kommunikation in Brandenburg-Preu├čen 1600-1850, Berlin 2001 [http://www.sehepunkte.de/2002/02/2933.html].

[12] Vgl. dazu auch das Forums-Interview.

Artikel

Rezensionen