Rezension über:

Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen von Martin Richter, München: C.H.Beck 2004, 301 S., ISBN 978-3-406-51757-0, EUR 26,90
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Rezension von:
Mathias Beer
Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Mathias Beer: Rezension von: Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen von Martin Richter, München: C.H.Beck 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/5736.html


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Norman M. Naimark: Flammender Hass

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Was verbindet den Völkermord an den Armeniern 1915, den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923, den Mord an den europäischen Juden während der NS-Herrschaft, die sowjetische Deportation der Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren im Jahr 1944, die Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs und die Umsiedlungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen auf dem Balkan im letzten Jahrzehnt des vergangen Jahrhunderts? Was unterscheidet sie? Erschüttert durch die die Weltgemeinschaft und auch die Fachwissenschaft aufrüttelnden Bilder aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg - "Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert endete schlimm" (9) - , spürt der amerikanische Osteuropahistoriker Norman Naimark in seiner nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Studie dem Phänomen der "ethnischen Säuberungen" nach: "Ihre Definition lässt sich nur durch den Gang ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert verstehen." (14)

Längst bevor der heute gängige Begriff "ethnische Säuberungen" Anfang der 1990er-Jahre Eingang in den öffentlichen Sprachgebrauch fand, hat es dieses Phänomen schon gegeben - "die Entfernung eines Volks und oft auch aller seiner Spuren von einem bestimmten Territorium" (12). Ein chronologisch angelegter Gang durch die europäische Geschichte, auf die sich die Studie ganz bewusst beschränkt, verdeutlicht unterschiedliche Erscheinungsformen von "ethnischer Säuberung" anhand von Beispielen mit gesamteuropäischer Dimension. Der Auswahl liegen pragmatische und inhaltliche Kriterien zu Grunde. Jeder der in einem Kapitel vorgestellten "Hauptfälle" (21) ist in einer anderen Region Europas und in einer anderen Zeit verortet. Schon deshalb hätte man sich zur Orientierung Karten gewünscht. Leider glaubt der Autor ohne eine einzige auskommen zu können.

Die vorgestellten Beispiele stehen, so der Autor, für jeweils einen bestimmten Typ von "ethnischer Säuberung". In der armenischen Katastrophe von 1915 kamen noch viele Elemente prämoderner religiöser Verfolgung - gepaart mit der Gründung eines türkischen Nationalstaats - zum Tragen. Das Ergebnis: eine gezielte Vertreibung, die unbeabsichtigt zum Völkermord führte. Mit der Konvention von Lausanne vom 30. Januar 1923, der Grundlage für den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch, erhielt der obligatorische Bevölkerungsaustausch mit Zustimmung der europäischen Großmächte und des Völkerbundes die Weihen der europäischen Politik. Lausanne wurde damit zum "Modell" für den Bevölkerungsaustausch auf vertraglicher Grundlage. Die nationalsozialistische Politik grenzte die Juden aus der rassisch begründeten "Volksgemeinschaft" als "artfremd" aus. Sie wurden in die Emigration gezwungen, ausgewiesen, umgesiedelt. Die rassisch begründete "ethnische Säuberung" mündete spätestens seit dem Spätherbst des Jahres 1941 in den systematisch und fabrikmäßig betriebenen Massenmord - die Vernichtung eines ganzen Volkes, dem Holocaust. Bei der geschlossenen Deportation der Tschetschenen und Inguschen aus dem nördlichen Kaukasus und der Tataren von der Krim zu Beginn des Jahres 1944 handelt es sich um Umsiedlungen innerhalb der Sowjetunion. Sie waren Ausdruck der sowjetnationalistischen Nationalitätenpolitik. Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Ostmitteleuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs - die Studie geht nur auf Polen und die Tschechoslowakei ein - umfassten Bevölkerungsverschiebungen willkürlicher Art (die so genannten "wilden Vertreibungen" vor der Konferenz von Potsdam) und solche auf vertraglicher Grundlage. Sie waren Ausdruck der alliierten Überzeugung, angeblich durch Minderheiten verursachte Konfliktherde durch Umsiedlungen zu lösen, und des Selbstverständnisses der beiden ostmitteleuropäischen Staaten als ethnisch reiner Nationalstaaten. Dem gleichen Ziel verpflichtet - sozialen Zusammenhalt und politische Stabilität durch ethnische Homogenisierung zu sichern -, waren die Vertreibung und Umsiedlungen als Folge des Auseinanderbrechens Jugoslawiens in den 1990er-Jahren.

Naimark bleibt bei der Schilderung von Fakten nicht stehen und wählt damit einen anderen Zugang als der überwiegende Teil der seit den 1990er-Jahren erschienenen umfangreichen einschlägigen Literatur. Er vergleicht die ausgewählten Fälle miteinander, um strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Dadurch will er die Ursachen und Folgen von "ethnischen Säuberungen" und ihr "großes Potential zum Massenmord" (26) erhellen und zugleich zeigen, dass es sich um ein Phänomen handelt, das typisch für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Dem Autor gelingt die immer wieder geforderte, aber nur selten forschungspraktisch umgesetzte Kontextualisierung von "ethnischen Säuberungen" in der modernen europäischen Geschichte - auch jener, die letztendlich in den Völkermord an den Juden mündeten.

Welches sind die Schlussfolgerungen des großen diachronen Vergleichs, dem kleine Fehler anhaften? So bildete beispielweise die Konvention von Lausanne (30.1.1923) die Grundlage für den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch, nicht der Vertrag vom 24. Juli 1923 (72); die Gaswagen im ersten NS-Vernichtungslager Chełmno verwendeten Auspuffgase zum Töten, nicht reines Kohlenmonoxid (83); bei der angeführten Zahl der aus der Tschechoslowakei und Polen vertriebenen Deutschen handelt sich um die Gesamtzahl der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Ostmitteleuropa. (24)

Die Wesenszüge von "ethnischer Säuberung" werden von Naimark bei allen zeit- und ortsbedingten Merkmalen in dem hohen Maß an Gewalt gesehen, mit dem sie verbunden sind und der immer ein unverkennbares Potenzial zum Massen- bis hin zum Völkermord innewohnt. Die Gewalt und Brutalität in ihrer extremsten Form richtet sich in der Regel gegen "unschuldige" Zivilisten, insbesondere gegen Frauen "als Trägerinnen der nächsten Generation des Volkes" (243). Die Rahmenbedingungen für die Gewaltausübung bei "ethnischen Säuberungen" liefern Kriege oder kriegsähnliche Zustände. "Ethnische Säuberungen" zeichnet ihr auf Totalität ausgerichteter Charakter aus: Möglichst alle Angehörige einer Gruppe sollen entfernt werden. Dabei haben es die "Säuberer" auf das Eigentum der Ausgewiesenen abgesehen. Aber nicht nur die Eigentumsverhältnisse sollen radikal verändert werden. Auch die Erinnerung an die Deportierten und Vertriebenen wird getilgt, indem ihre materielle Kultur systematisch ausgelöscht wird.

Wie der Titel des Buches andeutet, werden "ethnische Säuberungen" als Ausdruck von Hass interpretiert, der, und darauf legt der Autor großen Wert, weder kulturell noch national zuzuordnen ist. Dass diese "anthropologische Kategorie" gerade im Europa des 20. Jahrhunderts eine solch zerstörerische Kraft entwickelte, liegt nach Naimark nicht allein am "modernen, völkischen Nationalismus" oder "integralen Nationalismus". Gepaart mit den organisatorischen, wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten moderner Verwaltungsapparate, so argumentiert der Autor Zygmunt Bauman folgend, entwickelten die Staaten einen ihnen immanenten "Drang zur Homogenisierung", der, wie die Studie eindrucksvoll zeigt, im "kurzen" 20. Jahrhundert im millionenfachen Mord endete. Aber seine Wurzeln reichen ins lange neunzehnte, dem Jahrhundert des Nationalismus, und noch tiefer zurück. Gerade deshalb greift eine auf das vergangene Jahrhundert eingeschränkte Analyse von "ethnischen Säuberungen" zu kurz.

Die im Buch vertieften Fallbeispiele "ethnischer Säuberung" sind zum Teil gut erforscht, weshalb sich der Autor auch auf eine reiche Literatur stützen kann. Dass die einschlägige Literatur der letzten Jahre nicht berücksichtigt werden konnte, ist der dreijährigen Zeitspanne geschuldet, die zwischen Erstveröffentlichung und der deutschen Ausgabe liegt. Neu sind die durch den Vergleich herausgearbeiteten strukturellen Gemeinsamkeiten der vorgestellten Fälle. Sie widersprechen dem bisher in der Regel im nationalgeschichtlichen Rahmen gepflegten Leidens- und Opferdiskurs und sind höher einzuschätzen, als die vom Verfasser immer wieder bemühten direkten Verbindungslinien zwischen den herangezogenen Beispielen. Naimark bietet eine gut geschriebene, lesenswerte historische Analyse mit aufklärerischem Ziel. Angesichts der tief sitzenden Ursachen bleibt er aber skeptisch, ob es gelingen wird, in Zukunft "ethnische Säuberungen" zu verhindern.

Mathias Beer