Rezension über:

Martin Kukowski: Die Chemnitzer Auto Union AG und die "Demokratisierung" der Wirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis 1948 (= Beiträge zur Unternehmensgeschichte; Bd. 15), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, 221 S., ISBN 978-3-515-08059-0, EUR 41,00
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Rezension von:
André Steiner
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
André Steiner: Rezension von: Martin Kukowski: Die Chemnitzer Auto Union AG und die "Demokratisierung" der Wirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis 1948, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/3009.html


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Martin Kukowski: Die Chemnitzer Auto Union AG und die "Demokratisierung" der Wirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis 1948

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Die Verstaatlichung vor allem der Groß- und Mittelindustrie in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit der Bestrafung der "Kriegs- und Naziverbrecher" begründet und mit einem entsprechenden Volksentscheid in Sachsen am 30. Juni 1946 legitimiert wurde, ist in ihrem Ablauf, den Rahmenbedingungen und Hintergründen sowie ihren Konsequenzen auf der Makroebene insgesamt recht gut untersucht, wenn auch das eine oder andere bisher unbekannte Detail noch in den russischen Archiven verborgen sein dürfte. Die Folgen und Reaktionen in den betroffenen Unternehmen sind jedoch bisher kaum thematisiert worden. In diese Lücke stößt jetzt Martin Kukowski mit einer Studie zum Schicksal der Auto Union AG in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese beruht auf der Neuordnung und Erschließung der Archivbestände dieser Firma im Staatsarchiv Chemnitz durch den Verfasser, die von der AUDI AG Ingolstadt - einem westdeutschen Nachfolgeunternehmen der Auto Union - finanziert wurde.

Das erste Hauptkapitel behandelt die Auto Union in der Vorkriegs- und der Kriegszeit, wobei herausgearbeitet wird, dass die Auto Union während der Weltwirtschaftskrise faktisch als ein privat geführtes Staatsunternehmen entstand, das im nationalsozialistischen Konjunkturaufschwung der Vorkriegszeit mit einem zunächst vergleichsweise geringen Rüstungsanteil prosperierte, was sich aber nach Kriegsbeginn änderte. Nun entstand ein ausgeprägter, sich in vielen Bereichen engagierender Rüstungskonzern.

Im zweiten Kapitel werden Reorganisationen und Demontagen in diesem Unternehmen unmittelbar nach Kriegsende bis September 1945 dargestellt. Eine vom alten, flüchtenden Vorstand neu eingesetzte Geschäftsführung mit weniger belasteten Vertrauenspersonen aus der bisherigen Managementspitze sowie ein antifaschistischer Betriebsausschuss organisierten zunächst die Trümmerberäumung auf dem Werksgelände, kümmerten sich um die ausstehende Restabgeltung für gestoppte Rüstungsaufträge oder die Abwicklung von Luftschutzverlagerungen von Produktionsanlagen. Dabei war die Kernsubstanz des Unternehmens trotz äußerlicher Zerstörungen erhalten geblieben. Die Sowjets demontierten dann allerdings etwa 90 % der Ausrüstungen und konfiszierten einen großen Teil der Material- und Warenvorräte. Um die erwartete Zerschlagung des Gesamtunternehmens durch die Besatzungsmacht zu verhindern, plädierte die Geschäftsleitung im Einvernehmen mit den KPD-Betriebsausschussmitgliedern dafür, die Auto Union in einen Verbund von Produktionsgenossenschaften umzuwandeln. Ein solches Projekt passte aber im Sommer / Herbst 1945 nicht in die von der KPD verfolgte Strategie, sodass es von Fritz Selbmann, dem kommunistischen Wirtschaftsminister in Sachsen, verhindert wurde.

Stattdessen beschlagnahmte im Oktober 1945 die Landesregierung das noch vorhandene Produktivvermögen der Auto Union und überführte es in eine Kapitalgesellschaft, die für die Schulden ersterer nicht haftbar war. Auf dieser Basis entwickelte sich das Geschäft dieser Kapitalgesellschaft - zunächst vor allem Reparaturen und Ersatzteildienst für die Besatzungsmacht - recht günstig. Das ist Gegenstand des dritten Kapitels, in dem der Autor des Weiteren auf die Einbeziehung der neuen Kapitalgesellschaft in den angeführten Volksentscheid eingeht. Diese wird von Kukowski zwar sicher zutreffend als widerrechtlich qualifiziert. Das ist aber unvollständig, da er übersieht, dass der Wirtschaftsminister die Abtrennung der Kapitalgesellschaft auch nur als "formaljuristischen" Akt zur Bestandssicherung verstand. So war es von dessen Warte folgerichtig, auch diese Kapitalgesellschaft in die Verwaltung landeseigener Betriebe einzubeziehen. Wirtschaftlich und politisch war das nur konsequent und ein Indikator für das instrumentelle Rechtsverständnis der SED-Funktionäre in diesem Prozess. Das macht schon ein Problem der vorliegenden Darstellung deutlich: Sie erfolgt überwiegend lediglich aus der Perspektive des Unternehmens.

Im letzten Kapitel wird die Tätigkeit der die Substanz der Auto Union weiterbetreibenden Kapitalgesellschaft von Sommer 1946 bis Sommer 1948 behandelt. Sie bewegte sich im Spannungsfeld zwischen den Bemühungen einerseits, den Wiederaufbau voranzutreiben, und andererseits dem Zwang, den Reparationsforderungen der Sowjets nachkommen zu müssen. Schließlich wurde die Kapitalgesellschaft nach mehreren Organisationsreformen und Anschlüssen anderer Unternehmen im Mai in die VVB IFA umgewandelt, als die sie dann in der DDR noch längere Zeit firmierte. Im August 1948 wurde im Zuge der Berlin-Krise auch die 1945 gebildete Liquidationsgesellschaft der Auto Union aufgelöst. In diesem Zusammenhang stellt Kukowski ausführlich dar, welche Rolle sie und die einzelnen Mitglieder ihrer Spitze für den Aufbau der "Westorganisation" der Auto Union spielten. Ein knapper Überblick als Zusammenfassung, Quellenverzeichnis sowie Personen-, Orts- und Firmenregister runden den Band ab.

Wie von den verschiedenen Akteuren im Rahmen der Verstaatlichung der Industrie in der SBZ versucht wurde, unter den gegebenen Rahmenbedingungen ihre Interessen mit den verschiedensten Mitteln durchzusetzen, war so konkret für ein Unternehmen bisher noch nicht nachzulesen und man würde sich Ähnliches für weitere Firmen wünschen. Vieles ist interessant, aber es hätte der Darstellung gut getan, wenn der Autor auf manches Detail verzichtet hätte und dafür stärker analytisch vorgegangen wäre. Um einen Leserkreis über die Spezialisten im engeren Sinn hinaus zu erreichen, hätte der Verfasser seine Geschichte auch stärker in die allgemeine wirtschaftliche und politische Entwicklung der Zeit einordnen und nicht zuletzt dabei die neuere Literatur konsequent berücksichtigen sollen. Allerdings wird der in Relation zu Umfang und Gehalt des Bandes prohibitiv hohe Preis diesen ohnehin nur zu einem Sammelobjekt für finanziell gut ausgestattete Bibliotheken und Rezensenten machen.

André Steiner