Rezension über:

Pavel Himl: Die 'armben Leüte' und die Macht. Die Untertanen der südböhmischen Herrschaft Český Krumlov/Krumau im Spannungsfeld zwischen Gemeinde, Obrigkeit und Kirche (1680-1781) (= Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte; Bd. 48), Stuttgart: Lucius & Lucius 2003, IX + 373 S., ISBN 978-3-8282-0227-6, EUR 59,00
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Rezension von:
Markus Cerman
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Markus Cerman: Rezension von: Pavel Himl: Die 'armben Leüte' und die Macht. Die Untertanen der südböhmischen Herrschaft Český Krumlov/Krumau im Spannungsfeld zwischen Gemeinde, Obrigkeit und Kirche (1680-1781), Stuttgart: Lucius & Lucius 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/6437.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Ländliche Gesellschaft in der Vormoderne" in Ausgabe 4 (2004), Nr. 7/8
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Pavel Himl: Die 'armben Leüte' und die Macht

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Nicht zuletzt durch die Ansätze und Arbeiten der "Arbeitsgruppe Gutsherrschaft" an der Universität Potsdam erhielt die Gutsherrschaftsforschung im letzten Jahrzehnt neue Anstöße und wurde um grundlegende sozialhistorische Fragestellungen erweitert. Pavel Himl beleuchtet mit einer detaillierten Analyse der Herrschaftsausübung und ihrer Wahrnehmung durch die Untertanen wesentliche Aspekte dieser Diskussion. Die Arbeit basiert auf dem reichhaltigen Archiv der großen südböhmischen Herrschaft Český Krumlov (Böhmisch Krumau), die nach 1620 Teil der eggenbergischen beziehungsweise schwarzenbergischen Dominien war.

In einem einleitenden, sehr ausgewogenen und pointierten Überblick über Ansätze der Gutsherrschaftsforschung im Allgemeinen und bisherige Forschungstraditionen zur tschechischen Agrargeschichte im besonderen stellt Himl die grundlegenden Fragen seiner Untersuchung vor. Ihm ist völlig zuzustimmen, wenn er schließt, dass durch die mikrohistorische Forschung "die handelnden Individuen" und die Rekonstruktion ihrer Lebenswelten in den Forschungsmittelpunkt gerückt sind, diese Forschungsperspektive für Regionen der Gutsherrschaft bislang jedoch noch zu wenig Berücksichtigung fand. Seine Arbeit nähert sich bestehenden Forschungsdefiziten auf der inhaltlichen und methodischen Ebene und versucht darüber hinaus, Fäden der deutsch- und tschechischsprachigen Forschung - die unterschiedliche thematische Schwerpunkte aufwiesen (33) - zu verknüpfen. Wenn Himl in Bezug auf die Breite seiner Themenauswahl einschränkt, dass diese vielleicht in mancherlei Hinsicht den Eindruck von "Oberflächlichkeit" erwecke (34), so ist ihm zu widersprechen. Die Vielfalt der Themen und der sich daraus ergebende Einblick in oft widersprüchliche Merkmale der untertänigen Gesellschaft in der frühen Neuzeit ist eine der wesentlichen Stärken des vorliegenden Bandes.

Der nächste Abschnitt beschreibt einige Charakteristika des Untersuchungsgebiets und behandelt Aspekte des Verhältnisses zwischen Herrschaft und Untertanen, die, wie Abgaben, Besitzrecht und gerichtliche Praxis, in den folgenden Kapiteln aus der Perspektive der untertänigen Lebenswelten wieder aufgegriffen werden. Bei der Analyse von Formen der Herrschaftsausübung wird der Blick nicht nur auf die Ebene der Gutsherrschaft und ihre Verwaltung beschränkt, sondern auch die Rolle der dörflichen Selbstverwaltung berücksichtigt. Zwei weitere Kapitel diskutieren die Verhaltensspielräume von Individuen innerhalb der Dorfgemeinden und gegenüber der Herrschaft und ihre "Selbstbehauptungsstrategien". Abschließend geht Himl auf Aspekte des religiösen Verhaltens und der Konflikte mit den lokalen Vertretern der Geistlichkeit ein. Die Analyse weist auf die Unterschiede des Umgangs der Untertanen mit weltlichen und geistlichen Obrigkeiten hin und arbeitet die Bedeutung des kirchlichen Lebens für die ländliche Gesellschaft und den Charakter der Pfarrgemeinde durch einen Vergleich mit jenem der Dorfgemeinde und des Herrschaftsverbands heraus.

Aus der Fülle interessanter neuer Forschungsergebnisse und Denkanstöße der Arbeit können hier nur wenige zur Illustration herausgegriffen werden. Besonders wichtig erscheinen die Schlussfolgerungen in Bezug auf das Verhältnis zwischen Herrschaft und Untertanen. Durch eine detaillierte Auseinandersetzung mit gutsherrschaftlichen Instruktionen des 17. und 18. Jahrhunderts rekonstruiert Himl Motive und Ziele der herrschaftlichen Normierungsbestrebungen (108 - 117) und deren langfristigen Wandel im Hinblick auf einzelne Bereiche der Herrschaftsausübung (64 - 79). Diese auch methodisch eindrucksvolle Diskussion lässt Instruktionen als Quellen in einem völlig neuen Licht erscheinen. Wurden in den letzten Jahren ältere Ansätze, Herrschaftsverhältnisse lediglich als Abbild der Normen zu betrachten, zu Recht zurückgewiesen, demonstriert diese Analyse den Wert herrschaftlicher Instruktionen - ihre Absichten und Motivation - für ihre Charakterisierung. Wie der Verfasser betont, ist die Einschätzung der Normierungsbestrebungen nur dann vollständig, wenn ihr tatsächlicher Einfluss im Hinblick auf die alltägliche Gestaltung der Verhältnisse untersucht wird. Diesem Problem widmet sich der anschließende Abschnitt. Seine Interpretation sieht im normativen Rahmen "die äußersten Grenzen der obrigkeitlichen Gewalt", und er nimmt ein Gesamturteil seiner differenzierten Analyse vorweg, wenn er schließt, dass diese "aber nicht immer erreicht wurden" (119).

Die Gegenüberstellung der Normierungsbestrebungen mit der sozialen Praxis überzeugt unter anderem durch die Auswahl unterschiedlicher Themenbereiche. Eine Untersuchung der Bedeutung und ambivalenten Rolle von intermediären Institutionen - des herrschaftlichen Verwaltungsapparats und der Dorfgemeinden und ihrer Funktionäre - zeigt, dass diese auf Grund der differenzierten Wahrnehmung der Untertanen nicht eindeutig der herrschaftlichen Seite zugerechnet werden können. Die Einschätzung basiert auf einer sorgfältigen Analyse von einzelnen Fallbeispielen und der Rekonstruktion der individuellen und kollektiven untertänigen Wahrnehmungen (121 - 184). Sie bestätigt in vielerlei Hinsicht Neuinterpretationen der vergangenen Jahre über die Bedeutung der Gemeinde und ihrer Autonomiebereiche auch in Regionen der Gutsherrschaft. Himl bezeichnet sie treffend als "Schnittstelle" zwischen Gutsherrschaft und untertäniger Gesellschaft. Die Ambivalenz der dörflichen Institutionen zeigt sich u.a. in zahlreichen Konfliktfällen, die Gemeinden und einzelne Untertanen mit Dorfrichtern hatten (170 - 182).

Die Bedeutung der Gemeinde wird auch in den folgenden Abschnitten über individuelle Handlungsspielräume (185 - 229) und Selbstbehauptungsstrategien der Untertanen (231 - 295) offensichtlich. Individuelle Handlungsspielräume werden vor allem durch innerdörfliche Konflikte sichtbar, wobei einige ausschließlich durch dörfliche Institutionen geregelt wurden. In anderen Fällen schalteten involvierte Parteien die Gutsherrschaft ein. Selbstbehauptungsstrategien der Untertanen werden am Beispiel eines über Jahrzehnte andauernden Konfliktfalles zwischen den Bewohnern von Německý Rychnov (Deutsch Reichenau) und der Gutsherrschaft charakterisiert.

In der Diskussion um die Gutsherrschaft sind neben den dörflichen Gemeinden in den letzten Jahren auch die intermediären Verwaltungsstrukturen der Herrschaft in den Vordergrund gerückt. Himls Zugriff ermöglicht eine präzise Einschätzung, welche Bereiche der Verantwortlichkeit diese in normativer Hinsicht hatten und wie ihre Arbeitsweise in der Praxis wahrgenommen wurde. Es zeigt sich ein bedeutender Einfluss sowohl der untertänigen Dorfgemeinden als auch der innerdörflichen Öffentlichkeit. Die Kohärenz der Gemeinde war Veränderungen unterworfen. Sie erscheint stärker in Konflikten mit außenstehenden Institutionen oder der Herrschaft (so wird zumindest in Dokumenten suggeriert, die, wie Himl an Beispielen demonstriert, aber häufig die geteilten Allianzen in der Gemeinde verdecken). Die inneren Verwerfungen hingegen treten u.a. anhand der Ehrkonflikte oder der konkreten Aufgabenbereiche, die die Gemeinden wahrnehmen konnten (228), hervor.

Der vorliegende Band bietet einen anregenden und umfassenden Einblick in den individuellen und kollektiven Umgang von Untertanen mit der Gutsherrschaft, der Dorfgemeinde und der Kirche im frühneuzeitlichen Böhmen. Der innovative Versuch, sich der Gutsherrschaft aus dem Blickwinkel der Individuen zu nähern und individuelle und kollektive Wahrnehmungen sowie ihren Wandel in den Mittelpunkt zu rücken, eröffnet interessante neue Perspektiven für die Untersuchung ländlicher Gesellschaften in der frühen Neuzeit.

Markus Cerman