Rezension über:

Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520-1650) (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe; Bd. 11), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, VIII + 251 S., ISBN 978-3-412-08503-2, EUR 29,90
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Rezension von:
Maria Diemling
School of Hebrew, Biblical and Theological Studies, Trinity College, Dublin
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Maria Diemling: Rezension von: Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520-1650), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/5317.html


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Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520-1650)

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Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer von Michael Toch an der Hebräischen Universität Jerusalem betreuten Dissertation. Die deutsch-jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit gilt trotz des verstärkten Interesses an diesem Thema im letzten Jahrzehnt [1] noch immer als relativ wenig erforscht. Es besteht nach wie vor Bedarf an Grundlagenarbeit, und dieser Band leistet einen willkommenen Beitrag dazu.

Einleitend skizziert Litt die Fragestellungen, die er im Buch behandeln wird. Neben der Siedlungsgeschichte und möglichen Erklärungsmodellen für jüdische (Nicht-)Ansiedlung im Untersuchungszeitraum sollen Berufsstrukturen, die "Rolle der jüdischen Frauen", "innerjüdisches Leben", Organisationsstrukturen, geistige und religiöse Zentren, Netzwerke der Thüringer Juden erforscht sowie die Auswirkungen überregionaler politischer und religiöser Entwicklungen auf die in Thüringen lebenden Juden und Jüdinnen untersucht werden. Nicht alle Themen werden jedoch ausführlich diskutiert. Das liegt freilich nicht an der Unfähigkeit des Autors, der gründliche Archivarbeit geleistet hat, sondern an einer nicht sehr üppigen Quellensituation, die oft nur sehr vorsichtig formulierte Schlussfolgerungen zulässt.

Nach einer Zusammenfassung von Forschungsstand und Überlieferungslage widmet Litt ein Kapitel den geografischen und historischen Grundlagen Thüringens, was die folgenden Ausführungen in einen größeren Kontext stellt. Die komplizierte Geschichte des territorial zersplitterten Landes wird klar und lesbar dargestellt. Litt macht deutlich, dass die geografischen Gegebenheiten unmittelbare Auswirkungen auf den Handel, den Hauptwirtschaftszweig der thüringischen Juden, hatten.

Das folgende Kapitel bilanziert die "Thüringer Juden im Mittelalter". Eine nützliche Tabelle listet die in der Germania Judaica [2] enthaltenen Angaben auf und ermöglicht so einen raschen Überblick über Siedlungsstrukturen zwischen 1200 und 1500. Der Autor bilanziert, dass die Charakteristika der jüdischen Bevölkerung im spätmittelalterlichen Thüringen auch in der Frühen Neuzeit erhalten blieben. Dabei handelt es sich typischerweise um die Ansiedlung jeweils weniger Personen in kleinen Ortschaften, die Existenz von geistigen Zentren und einen hohen Organisationsgrad.

Das mit über 80 Seiten umfangreichste Kapitel, "Jüdische Niederlassungen in Thüringen seit Ausgang des Mittelalters bis 1650", listet in alphabetischer Reihenfolge alle thüringischen Orte auf, zu denen Litt Informationen zu der Anwesenheit von Juden und Jüdinnen finden konnte. In vielen Fällen muss sich der Autor mit einer kurzen Stellungnahme zu einem einzigen Quellenbefund begnügen, aber die Eintragungen zu Ilmenau, Mühlhausen, Nordhausen (Letztere die beiden freien Reichsstädte in Thüringen), Schmalkalden oder Vacha erlauben vielschichtige Einblicke in das Leben und Handeln von Juden in der Frühen Neuzeit. Dieses Kapitel hat in weiten Zügen einen spröden, regestenartigen Charakter, da in vielen Fällen zu wenige Informationen vorhanden waren, um eine "Geschichte" schreiben zu können. Umso wichtiger sind die Auswertung und Interpretation des siedlungsgeschichtlichen Befundes, die den zweiten Teil des 4. Kapitel bilden. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass mehr als die Hälfte der erwähnten Orte in dem Gebiet südlich des Thüringer Waldes bis hin zur Rhön und Franken liegt. Außerdem befanden sich alle jüdischen Siedlungsorte an oder in großer Nähe einer Verkehrsstraße, was für die Handelstätigkeit von Bedeutung war.

Das folgende Kapitel widmet sich der rechtlichen Stellung der Juden in Thüringen im territorialpolitischen Gefüge. Es handelt sich dabei um vier prinzipielle Strukturen, die sich teilweise überlagern und nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind. Litt analysiert die kaiserlichen Mandate und Privilegien, die Reichspolizeiordnungen und den Reichsabschied von Augsburg 1551, landesherrliche Judenordnungen und Landesordnungen, in denen sich einige Artikel auf Juden beziehen und, etwas ausführlicher, Schutzbriefe. Die für den Untersuchungszeitraum aufgefundenen Schutzbriefe, ihre Adressaten und ihre Bestimmungen stellt Litt in einer Tabelle zusammen. Ein Vergleich mit Niedersachsen zeigt die deutlich stärkere Reglementierung der jüdischen Niederlassungen in Thüringen, wenn auch Gültigkeitsdauer und Zinshöhen vergleichbar sind. Die Kehrseite der Medaille obrigkeitlicher Verfügungen sind die Vertreibungen von Juden, die Litt nach herrschaftlicher Zugehörigkeit diskutiert und miteinander vergleicht. Dabei fällt auf, dass alle Ausweisungsmandate aus dem 16. Jahrhundert stammen und von protestantischen Landesherren ausgingen.

Das letzte Kapitel widmet sich dem innerjüdischen Leben der in Thüringen ansässigen Juden. Litt versucht einen begrüßenswerten demografischen Befund, muss aber selbst einräumen, wie problematisch verallgemeinernde Aussagen bei einer so geringen Quellenbasis sind. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll statistische Werte zur durchschnittlichen Kinderzahl sind, wenn die - wenigen - Angaben in den Quellen zwischen einem und acht Kindern pro Elternpaar schwanken.

Aufschlussreicher sind die Ausführungen über die von Juden ausgeübten Berufe und ihre wirtschaftliche Tätigkeit. Von Gemeindeämtern abgesehen, lassen sich für das 16. Jahrhundert auch jüdische Ärzte nachweisen, aber der wichtigste Beschäftigungszweig der Thüringer Juden ist der Handel, vor allem mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten. Daneben gibt es auch Hinweise auf den Handel mit Metall und Immobilien. Geldverleiher finden sich vor allem noch im 16. Jahrhundert. In Geisa gibt es einen Beleg für die gewerbliche Tätigkeit von zwei Juden, die Fenster und Scheiden [sic! Scheiben?] herstellten. Besonders interessant ist Litts Hinweis auf die Berufe von jüdischen Unterschichten. Auch wenn sich nicht viele Belege für jüdische Knechte und Mägde erhalten haben, so werden doch einige Momentaufnahmen ermöglicht, die, sollten weitere Regionaluntersuchungen darauf eingehen, wichtige Mosaiksteine für eine größer angelegte Studie bilden können.

Ein "Frauen" gewidmeter Abschnitt fasst die Quellenlage zu jüdischen Frauen in Thüringen zusammen. Auch wenn die Quellen im Wesentlichen nur Aussagen zu beruflicher Tätigkeit und Konversionen zum Christentum zulassen, so sind doch einige interessante Fälle namentlich bekannter Frauen nachvollziehbar.

Der bedauerliche Mangel an überlieferten innerjüdischen Quellen erklärt, warum zum "geistig-religiösen Leben" in Thüringen vor allem Konversionen zum Christentum in größerem Detail behandelt werden, handelt es sich dabei doch um in christlichen Quellen aufscheinende Informationen. Alle nachweisbaren Übertritte erfolgten zur protestantischen Konfession und fanden konzentriert in zwei Zeitabschnitten statt, nämlich zwischen 1530 und 1556 beziehungsweise zwischen 1647 und 1652. Der erste Abschnitt fällt auf die Ausbreitung der Reformation, der zweite auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Auch wenn ich dem Autor zustimme, dass die Spekulation um die Hintergründe von Konversionen um psychologische Aspekte erweitert werden müssten, so finde ich seine Argumentation, warum im Zuge der Reformation vermehrt gerade jüdische Frauen konvertierten, nicht unbedingt überzeugend; allerdings ist das Einbringen einer Geschlechterperspektive für die Konvertitenforschung wichtig, wie besonders anschaulich durch die Übertritte von zwei Töchtern aus einer Familie illustriert wird. Aussagen zum bestehenden Kontakt zwischen jüdischen Eltern und konvertierten Kindern können wiederum für überregionale Studien wertvolle Hinweise bieten.

Weniger detaillierte Aussagen sind zu Rabbinern und der jüdischen Gerichtsbarkeit, der in Thüringen lebende Juden unterstellt waren, möglich. Die Anwesenheit von Rabbinern ist für den Untersuchungsraum nicht nachweisbar, aber aus den Quellen geht hervor, dass thüringische Juden sich in innerjüdischen Streitfällen an den Rabbinatssitz in Fulda wandten. Etwas gesprächiger sind die Quellen hinsichtlich der Erwähnung von Betstuben und Synagogen, wenn auch alle Erwähnungen solcher Einrichtungen aus den 1620er-Jahren stammen. Insgesamt konnte der Autor auch vier Friedhöfe für den Untersuchungszeitraum nachweisen.

Litt weist abschließend darauf hin, dass die großen Stadtgemeinden wie Frankfurt, Prag oder Worms die Ausnahmen in der Siedlungsstruktur frühneuzeitlicher Juden waren. [3] Er hat mit dieser soliden Untersuchung eine wichtige Lücke in der Erforschung der zahlreichen ländlichen Siedlungsorte von Juden geschlossen. Brauchbare Diagramme, Tabellen und Karten verdeutlichen das Dargestellte und der Index ist mustergültig.


Anmerkungen:

[1] Für eine engagierte Einführung in die derzeitige Forschung siehe <http://www.juedische-geschichte.historicum.net/index.htm> [4.6.2004].

[2] Das Forschungsprojekt "Germania Judaica" sammelt auf systematische Weise Quellen zur Geschichte der Juden im deutschen Sprachraum in Form eines historisch-topografischen Handbuchs. Die Mittelalterbände bis 1520 sind bereits abgeschlossen. Im Rahmen von "Germania Judaica IV" wird der Zeitraum von 1520 bis 1650 ausgewertet. Siehe <http://www.germania-judaica.de> [4.6.2004].

[3] Umso wichtiger sind die in den letzten Jahren meist als Dissertationen entstandenen regionalen Forschungen. Für eine ständig aktualisierte Bibliografie siehe < http://www.juedische-geschichte.historicum.net/material/bibliographie.htm#Deutsch> [4.6.2004].

Maria Diemling