Rezension über:

Marc Schalenberg: Humboldt auf Reisen? Die Rezeption des 'deutschen Universitätsmodells' in den französischen und britischen Reformdiskursen (1810-1870) (= Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte; Bd. 4), Basel: Schwabe 2002, 520 S., ISBN 978-3-7965-1930-7, EUR 50,50
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Rezension von:
Sylvia Paletschek
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Sylvia Paletschek: Rezension von: Marc Schalenberg: Humboldt auf Reisen? Die Rezeption des 'deutschen Universitätsmodells' in den französischen und britischen Reformdiskursen (1810-1870), Basel: Schwabe 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/2878.html


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Marc Schalenberg: Humboldt auf Reisen?

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Die Universitätsgeschichte ist seit etwa 10 bis 15 Jahren in Bewegung geraten und profiliert sich als eigenständiges Themenfeld. Sie sucht jenseits der häufig stark von Legitimationsbedürfnissen und Festrhetorik geprägten Universitätsjubiläumsschriften nach neuen Fragestellungen und Anbindungsmöglichkeiten. Die vorliegende, an der Humboldt-Universität verfasste Dissertation, die in der Reihe der 1995 gegründeten Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte erschien, steht für diese Entwicklung.

Schalenberg untersucht für die Jahre zwischen 1810 und 1870 die Rezeption des deutschen Universitätsmodells in der französischen und britischen Universitätsdiskussion, wobei Paris und Oxford als Fallstudien dienen. Die Universitätssysteme in Frankreich, Großbritannien und Deutschland stehen im 19. Jahrhundert, das universitätsgeschichtlich durch die allmähliche Ausbildung der Forschungsuniversität und eine enorme Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Disziplinen gekennzeichnet ist, für drei unterschiedliche Ausformungen der europäischen tertiären Bildungseinrichtungen. Der Untersuchungszeitraum orientiert sich nicht nur an Zäsuren der preußischen und deutschen Geschichte, sondern wird von Schalenberg zudem verstanden als wichtige, transnationale Scharnierphase im Übergang von der frühneuzeitlichen "Familienuniversität" (Moraw) zur "Universität als Großbetrieb" (Harnack) in den Jahrzehnten um 1900.

Vom Ansatz her greift die Arbeit die neuere Transferforschung auf, die nicht mehr von einer hegemonialen linearen Einflussnahme, sondern von gegenseitiger Beeinflussung und Umdeutungen in der Rezeption ausgeht. Sie ist ferner der Intellectual History verpflichtet und verfolgt eine thematisch fokussierte Diskursanalyse, die die institutionellen Gegebenheiten, die beteiligten Akteure und die Rezeption in der Öffentlichkeit in den Blick nimmt. Quellenbasis der Arbeit bilden vornehmlich gedruckte zeitgenössische Publikationen, Zeitschriftenartikel, Kommissionsberichte und Empfehlungen, zumal sich auf der Ebene des universitätsinternen und offiziellen Schriftverkehrs der Pariser und Oxforder Hochschuleinrichtungen keine deutschen Referenzen zeigten.

Nach der in der Einleitung sehr gut in die einschlägige methodische Literatur eingebetteten Fragestellung und Vorgehensweise fällt das kurze Kapitel zum "deutschen Universitätsmodell" leider etwas ab, da hier weitgehend der traditionell geistesgeschichtlichen Sichtweise und der im frühen 20. Jahrhundert erfolgten Idealisierung der deutschen Universität, hier vor allem der Berliner Universitätsgründung, und unterschwellig einer preußenzentrierten Argumentation gefolgt wird. [1] Als primäres Charakteristikum der deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert wird die Durchsetzung des Forschungsimperativs und die Verbindung von Forschung und Lehre angesehen. Zwar wird der Terminus "Humboldtsches Universitätsmodell" vermieden und die Konstruktion eines Mythos Humboldt zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Schalenberg betont. Doch wird weiterhin in traditioneller Sichtweise an Wilhelm von Humboldt, der kurze Zeit preußischer Kultusminister und maßgeblich an der Berliner Universitätsgründung 1810 beteiligt war, als "Vaterfigur" der deutschen Universität festgehalten. Es gab jedoch bereits seit circa 1790 in mehreren deutschen Staaten und damit noch vor der Universitätsgründung 1810 Reformen, und Wilhelm von Humboldt synthetisierte in seinen wenigen und kurzen Äußerungen, die Universitäten betrafen, eher die gängigen zeitgenössischen Reformkonzepte, als dass er bahnbrechend Neues schuf.

Doch schmälert dieser Kritikpunkt keinesfalls die gewinnbringende Lektüre der Dissertation, in der man einen ausgezeichneten Einblick in das englische und französische Universitätssystem und die dortigen Reformdiskussionen erhält. Darüber hinaus werden über die Frage nach der Rezeption des deutschen Universitätsmodells auch die zeitgenössischen nationalen Fremdwahrnehmungen greifbar. Auf die vielen Details hinsichtlich der Entwicklung in Oxford und Paris kann hier nicht eingegangen werden. Stattdessen sollen die zentralen Ergebnisse der Arbeit, die nicht nur für die Universitätsgeschichte, sondern ebenso für die Transferforschung interessant sind, knapp skizziert werden.

Es zeigte sich, das weder in Frankreich noch in England ein deutsches oder gar preußisches Universitätsmodell besonders stark rezipiert wurde. Schon gar nicht kann davon gesprochen werden, dass sich ein deutsches Modell europaweit verbreitete. [2] Wilhelm von Humboldt tritt als Universitätsreformer im Ausland nicht in Erscheinung, ist deutlich unbekannter als sein Bruder, der Naturforscher Alexander von Humboldt, und wird, wenn überhaupt, als Sprachforscher oder Staatstheoretiker rezipiert. Dieser Befund deckt sich damit, dass allem Anschein nach auch in der deutschen Reformdiskussion im 19. Jahrhundert Wilhelm von Humboldt keine besondere Rolle spielte und er auch hier vornehmlich als Sprachwissenschaftler einflussreich war.

Wenn die deutschen Universitäten in englischen und französischen Reformdiskussionen Beachtung fanden - in England in den 1820er- und 1850er-Jahren, in Frankreich seit den 1840er-Jahren -, dienten lediglich Versatzstücke des deutschen Modells der partiellen Legitimierung von universitätspraktischen Reformanliegen. An die Übernahme deutscher bildungstheoretischer Vorstellungen wurde nie gedacht. So wurde auch der Forschungsimperativ nicht bildungstheoretisch oder als moralische Selbstverpflichtung wahrgenommen. Hingegen galten die in Deutschland in der damaligen Zeit vorhandenen materiellen Bedingungen für die Produktion neuen Wissens - also gut ausgestattete Bibliotheken, Labore, Seminar- und Institutsgründungen - als vorbildlich und sollten kopiert werden. Allerdings wurde nie daran gedacht, das eigene institutionelle System grundlegend zu verändern und einem deutschen anzupassen, zu sehr war man von der nationalen Überlegenheit der eigene Bildungseinrichtungen überzeugt.

In England und Frankreich reflektierten die Rezeption und Bewertung der einzelnen aus dem deutschen Universitätssystem entnommenen Teilaspekte die unterschiedlichen gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen. Dies begann damit, dass in Frankreich das eigene staatlich homogene System auf die deutschen Verhältnisse übertragen und Unterschiede zwischen den deutschen Universitäten daher nur undeutlich wahrgenommen wurden; die Briten waren durch ihre historisch gewachsenen und von spezifischen Eigenheiten geprägten Colleges dagegen stärker für Unterschiede zwischen den deutschen Universitäten, etwa zwischen norddeutsch-protestantischen und katholisch-süddeutschen, sensibilisiert. Auf französischer Seite wurden angesichts eines stark zentralisierten und kontrollierten Universitätswesens die deutschen Universitäten als wenig vom Staat beeinflusste Einrichtungen eingestuft; auf englischer Seite wurde, die völlig selbstverwalteten und korporativ eigenständigen Oxforder Colleges vor Augen, eine staatliche Bevormundung in Deutschland festgehalten.

Als eine große Besonderheit des deutschen Systems galt die Lehr- und Lernfreiheit, die sowohl in England wie Frankreich auf andere Freiheitsvorstellungen stieß. In Frankreich spielte sich 'liberté' vor allem im politischen Raum ab, in England wurde Freiheit als Unabhängigkeit von zentralstaatlicher Gängelung betrachtet. Lehr- und Lernfreiheit in der universitären Ausbildung und Forschung stieß dabei in beiden Staaten eher auf Unverständnis und wurde aus religiösen - so vor allem in Oxford, wo die Kirche bis zur Jahrhundertmitte eine starke Stellung hatte - oder aus politischen Gründen als gefährlich erachtet. Forschungsimperativ und Innovationsdrang wurden, so vorwiegend in der englischen Diskussion, als ineffektiv betrachtet, da sie zu wenig auf Nützlichkeit und Verwertbarkeit ausgerichtet seien. Entsprechend wurde die Praxisferne deutscher Universitätsausbildung kritisiert und die postulierte Zweckfreiheit angezweifelt. Deutsche "Gründlichkeit" im wissenschaftlichen Arbeiten, gepaart mit der Vorstellung des weltabgewandten, tief schürfenden und spezialisierten Forschers war ein weiterer, häufig zitierter Topos. Vor allem in Frankreich wurde die Dezentralität und fruchtbare Konkurrenz im deutschen Universitätswesen gelobt. Mit dem Verweis auf die einzelstaatliche Bildungshoheit in Deutschland wurde zwar der französische Zentralismus kritisiert, doch wurde keineswegs an eine Übernahme des polyzentrischen deutschen Modells gedacht.

Das deutsche Modell wurde in Auszügen immer dann zitiert, wenn Missstände im eigenen Land aufgezeigt werden sollten. Zumal wurde dabei auf die gute materielle Ausstattung der deutschen Universitäten, die größere Lehr- und Lernfreiheit sowie die Möglichkeit, Wissenschaft als Beruf auszuüben, verwiesen. In keinem der beiden Staaten wurden institutionelle Facetten des deutschen Modells übernommen, was auf die große Beharrungskraft bestehender Bildungsinstitutionen verweist. Erst nach 1870 wurden in England wie Frankreich durch die Einrichtung von Fakultäten, eine stärkere Hierarchisierung des Lehrkörpers und die Festschreibung von Lehrfreiheit und Wissensproduktion als Universitätsaufgabe partielle Annäherungen an deutsche Verhältnisse sichtbar, doch kann man auch für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg nicht von einer regelrechten Rezeption des deutschen Universitätsmodells sprechen.

Als knappes Fazit: Schalenberg führt mit seiner gut geschriebenen und mit Vergnügen zu lesenden Dissertation nachdrücklich vor Augen, wie, den eigenen Interessen folgend, in Großbritannien und Frankreich in den deutschen Universitäten "gänzlich Verschiedenes erblickt" und "in den dortigen Reformdiskursen als Passfolie für eine bemerkenswerte Vielfalt von verschiedenen Anliegen in Anspruch genommen" wurde (370). Wilhelm von Humboldt spielte in dieser Rezeption, die letztlich "mehr Aufschluss über denjenigen, der seine Blicke aussendet, als über das Beobachtete" gibt, keine Rolle. Schalenbergs Ergebnisse müssten eigentlich den Abschied von Wilhelm von Humboldt beschleunigen, der weniger der "Universitätsvater" des 19. Jahrhunderts als eine im 20. Jahrhundert erfolgreich eingeführte Werbeikone für deutsche Universitäten und insbesondere deutsche Geisteswissenschaften war. Aber wie der Titel der vorliegenden Dissertation, "Humboldt auf Reisen?" zeigt, ist es anscheinend nur schwer möglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, einer erfolgreichen Chiffre zu entkommen.

Anmerkungen.

[1] An dieser Stelle kann auf diesen Punkt nicht ausführlicher eingegangen werden, vergleiche dazu Sylvia Paletschek: Verbreitete sich ein "Humboldt'sches Modell" an den deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert?, in: Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Humboldt International. Der Export des deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert, Basel 2001, 75-104; dies.: Die Erfindung der Humboldtschen Universität. Die Konstruktion der deutschen Universitätsidee in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Historische Anthropologie 10 (2002), 183-205. Siehe auch Markus Huttner: Der Mythos Humboldt auf dem Prüfstand. Neue Studien zu Wirklichkeit und Wirkkraft des (preußisch-)deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 7 (2004), 280-285.

[2] Diese Erkenntnis verstärkt und akzentuiert die Befunde im oben genannten Band von Schwinges: Humboldt International.

Sylvia Paletschek