Rezension über:

Stefi Jersch-Wenzel (Hg.): Quellen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven. Bd. 1: Ehemalige preußische Provinzen: Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, Preußen, Posen, Grenzmark Posen-Westpreußen, Süd- und Neuostpreußen. Bearb. von Annekathrin Genest und Susanne Marquardt, München: K. G. Saur 2003, XLIV + 632 S., ISBN 978-3-598-11649-0, EUR 138,00
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Rezension von:
Barbara Kalinowska-Wójcik
Schlesische Universität Kattowitz
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Kalinowska-Wójcik: Rezension von: Stefi Jersch-Wenzel (Hg.): Quellen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven. Bd. 1: Ehemalige preußische Provinzen: Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, Preußen, Posen, Grenzmark Posen-Westpreußen, Süd- und Neuostpreußen. Bearb. von Annekathrin Genest und Susanne Marquardt, München: K. G. Saur 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 [15.06.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/06/6438.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Stefi Jersch-Wenzel (Hg.): Quellen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven

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Im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und unter Mitarbeit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts in der Bundesrepublik Deutschland wurde im Herbst 1998 mit der Erstellung von Spezialinventaren über die Quellen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven begonnen. Dieses Vorhaben wurde im Rahmen des Programms "Archive als Fundus der Forschung - Erfassen und Erschließen" der Volkswagen-Stiftung realisiert und knüpft thematisch und konzeptionell an das bereits abgeschlossene Projekt "Materialien zur Geschichte der Juden aus den Archiven der neuen deutschen Bundesländer" an.

Das nun vorliegende Inventar umfasst Akten zur Geschichte der Juden aus den Staatsarchiven von Koszalin (Köslin), Szczecin (Stettin), Gdańsk (Danzig), Elbląg (Elbing), Olsztyn (Allenstein), Suwałki (Suwalken), Toruń (Thorn), Poznań (Posen), Bydgoszcz (Bromberg), Kalisz (Kalisch), Leszno (Lissa), Białystok (Bialystock) sowie der jeweiligen Außenabteilungen und vom Hauptarchiv der Alten Akten in Warszawa (Warschau).

In allen genannten Archiven wurden Materialien erfasst, die aus der Zeit stammen, als die genannten Territorien preußische Provinzen waren beziehungsweise zum Herrschaftsbereich der Hohenzollern als brandenburgische Kurfürsten und später als preußische Könige gehörten: die Provinz Pommern von 1648 (Hinterpommern, Vorpommern seit 1720, Schwedisch-Vorpommern seit 1815) bis 1945, die Provinz Ostpreußen von 1701 bis 1945, die Provinz Westpreußen sowie Posen seit den Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) bis 1919. Richtigerweise stellen diese Stichjahre nur eine grundsätzliche Orientierung für die Materialauswahl dar, dort wo es inhaltlich geboten ist, werden Vorgänge vor beziehungsweise nach dem Herrschaftswechsel erfasst (XXVII).

Das Inventar enthält drei Teile. Teil A beinhaltet alle "aus Findhilfsmitteln erfaßte(n) Aktentitel" (teilweise erweitert um Inhaltsangaben zu einzelnen Akten), zunächst nach Provinzen und innerhalb der Provinzen nach einzelnen Archiven geordnet. Jede Provinz wird kurz in Bezug auf die Charakteristik der jüdischen Bevölkerung vorgestellt, wobei - entsprechend der Spezifik der berücksichtigten Quellentypen - der Schwerpunkt auf die Beziehungen zwischen Juden und den Vertretern des Staates beziehungsweise der staatlichen Verwaltung gelegt wird. Zu jedem Archiv werden Angaben zum Bestandsumfang sowie Grundinformationen (Anschrift, Öffnungszeiten, Archivgeschichte, vorhandene Hilfsmittel) geboten.

Teil B gibt einen Überblick über 2000 einzelne Akten des Staatsarchivs in Poznań. Da der Anteil der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen um einiges größer war als der Anteil der jüdischen Bevölkerung in anderen preußischen Provinzen, finden auch einzelne Gruppen mit ihren dazugehörenden Untereinheiten Erwähnung. In den Posener Akten spiegeln sich sowohl die besondere rechtliche Position der jüdischen Bevölkerung, die sich unter anderem in ihrer Zweiteilung hinsichtlich der rechtlichen Emanzipation zeigt, als auch die deutsch-polnischen Nationalitätenkonflikte wider.

Im "Exkurs" genannten Teil unternahmen die Herausgeber den beispielhaften Versuch, eine Materialsammlung zur Geschichte einer Gruppe, und zwar der Juden aus Bydgoszcz (Bromberg), aus verschiedenen Archiven der Welt zusammenzustellen. Dies ist eine sehr ergiebige methodische Hinweissammlung für alle, die sich in Zukunft mit der Geschichte dieser bedeutenden jüdischen Gemeinde beschäftigen möchten. Den Band vervollständigen drei getrennte Register zu den erfassten Personen, Orten, Institutionen, Organisationen und Unternehmen.

Trotz der erwähnten positiven Merkmale und Vorzüge des vorliegenden Inventars dürfen bestimmte Mängel nicht verschwiegen werden - insbesondere im Hinblick auf die Daten der polnischen Archive. Im Gegensatz zu dem, was im Teil über die Hinweise für die Benutzer (XXXIII) geschrieben wurde, hat bereits seit März 1999 jeder Bestand eines Staatsarchivs sein eigenes, unveränderliches Nummernsystem, das den Nutzer in die Lage versetzen soll, einen bestimmten Bestand zu suchen und zu identifizieren. Da jedes Staatsarchiv in Polen mit seinen Abteilungen ebenfalls seine eigene Nummer besitzt, sollte das Auffinden eines konkreten Bestandes auf keine größeren Schwierigkeiten stoßen. Darüber hinaus ist auch dieses Werk bei der Wiedergabe polnischer Begriffe, Ortsnamen und so weiter nicht frei von Fehlern. Im Falle fehlerhafter Buchstaben ist das nicht allzu gravierend. Wirklich problematisch wird es dort, wo sich Fehler in den Bestandsbezeichnungen wie auch bei den Nummerierungen eingeschlichen haben. Die falsche Schreibung von Ortsnamen kann im schlimmsten Falle derart in die Irre führen, dass der konkrete Bestand unauffindbar bleibt, insbesondere wenn bedacht wird, dass die Autoren des Inventars den Nutzer auf die Online-Datenbank SEZAM (Internetseite der Direktion des Aufsichtsbehörde der Staatsarchive) verweisen.

Abschließend stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Erfassungsgrad der Recherche und nach den Möglichkeiten und Grenzen derart aufwändiger Archivrecherchen. Dieses Inventar bildet das Ergebnis eines mehrjährigen Aufenthaltes zweier deutscher Archivarinnen in den polnischen Archiven sowie das Resultat der Zusammenarbeit mehrerer Personen, die sich mit der Überprüfung der Daten, der Herausgabe und dem Übersetzen beschäftigten. Dies alles musste in einem begrenzten Zeitrahmen realisiert werden, sodass schon von dieser Seite her eine vollständige Erfassung unmöglich war. Problematisch erscheint auch die (Erst-) Bewertung des Inhalts der Archiveinheiten allein nach ihren Titeln, aber eine genauere Durchsicht aller Archivmaterialien würde nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte beanspruchen.

Das vorliegende Inventar ist ohne Zweifel derzeit eine der genauesten Quellenzusammenstellungen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven, und als solche verdient es volle Anerkennung. Sein Wert als Hilfsmittel der Forschung bezüglich der Geschichte und Kultur der jüdischen Minderheit in den genannten preußischen Provinzen kann überhaupt nicht überschätzt werden. Von daher darf man mit großer Ungeduld den zweiten Band dieses Inventars erwarten, der die Provinz Schlesien zum Thema haben wird.

Barbara Kalinowska-Wójcik