Rezension über:

Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and Pestilence in the Late Roman and Early Byzantine Empire. A Systematic Survey of Subsistence Crisis and Epidemics (= Birmingham Byzantine and Ottoman Monographs; Vol. 9), Aldershot: Ashgate 2004, XII + 417 S., ISBN 978-0-7546-3021-0, GBP 49,50
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Rezension von:
Hans-Ulrich Wiemer
Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Ulrich Wiemer: Rezension von: Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and Pestilence in the Late Roman and Early Byzantine Empire. A Systematic Survey of Subsistence Crisis and Epidemics, Aldershot: Ashgate 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 [15.06.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/06/5822.html


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Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and Pestilence in the Late Roman and Early Byzantine Empire

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Versorgungskrisen und Hungersnöte sind in den letzten Jahrzehnten häufig Gegenstand althistorischer und byzantinistischer Forschung gewesen: Zahlreiche Aufsätze und Untersuchungen behandeln einzelne Aspekte, und auch an zusammenfassenden Darstellungen mangelt es nicht; man denke etwa an die Monografien von Peter Garnsey [1] oder Jean Durliat. [2] Auch das Thema "Seuchen" erfreut sich seit einiger Zeit gesteigerter Aufmerksamkeit; endemische und epidemische Krankheiten sind wiederholt eingehend analysiert worden. [3] Das hier zu besprechende Buch über "Famine and Pestilence in the Late Roman and Early Byzantine Empire" gehört also in den Kontext einer seit Längerem geführten Forschungsdiskussion. Neu ist jedoch die systematische Verbindung zwischen den beiden Phänomen, Hungersnöten und Seuchen, die in der Forschung bislang meist für sich behandelt wurden; Stathakopoulos nimmt daher mit einem gewissen Recht für sich in Anspruch, das erste Buch vorzulegen, in welchem die Spätantike aus der Perspektive der Versorgungskrisen und epidemischen Krankheiten untersucht werde (2). Dieser Zugang hat seine Vorteile, insofern er die Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen beiden Phänomenen richtet. Er hat aber auch seine Nachteile, insofern er das Thema "Versorgungskrisen" aus dem untrennbaren sachlichen Zusammenhang mit der Produktion und Distribution von Lebensmitteln herauslöst. Auf die Verkürzungen, die sich hieraus ergeben, wird später noch einzugehen sein.

Der chronologische und geografische Rahmen des Buches ist sehr weit gesteckt. Es beginnt mit dem traditionellen Epochenjahr 284, endet aber nicht, wie man es in Büchern über die frühbyzantinische Epoche gewohnt ist, mit dem Tode Justinians (565) oder demjenigen des Herakleios (641), sondern schließt auch noch die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts mit ein. Diese ungewöhnliche Abgrenzung des Untersuchungszeitraumes erlaubt es, die Entwicklung der "Justinianischen Pest" bis zu ihrem letzten überlieferten Auftreten zu verfolgen, und ist insofern sachlich sinnvoll. Sie erschwert jedoch die geografische Definition des Untersuchungsgegenstandes. Stathakopoulos bezieht den gesamten östlichen Mittelmeerraum einschließlich Italiens und Nordafrikas in seine Untersuchung mit ein; dabei sieht er bewusst davon ab, dass ein Teil dieser Regionen nur zeitweise spätrömisch-byzantinischer Herrschaft unterstand; für die Zeit nach Herakleios stammt der Großteil seiner Belege aus dem Reich der Ummayaden. Andererseits verzichtet er darauf, die für sein Thema recht ergiebige "Vita Severini" des Eugippius auszuwerten, weil er zwar Norditalien und das Illyricum, aber nicht Noricum zum Spätrömisch-Byzantinischen Reich rechnet.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil (1-173) untersucht das Thema unter verschiedenen, vor allem aber demografischen Gesichtspunkten. Diese Analyse fußt auf einem Katalog von Versorgungskrisen und Seuchen, der den zweiten Teil des Buches bildet (175-386); dieser Katalog listet in chronologischer Folge für den Zeitraum von 284 bis 750 insgesamt 222 "Vorfälle" auf, die als Versorgungskrisen und / oder Seuchen aufgefasst werden können. Den einzelnen Katalogeinträgen liegt folgendes Muster zugrunde: Am Anfang stehen Zeit, Ort und Art des "Vorfalls", darauf folgt die Angabe der Quellenstellen sowie ein Hinweis auf einschlägige Literatur. In den meisten Fällen wird anschließend der Wortlaut der Quellen referiert, ohne dass sie als Texte problematisiert würden. Während die Datierung des berichteten "Vorfalls" häufig ausführlich erörtert wird, beschränkt sich die Analyse seines Sachzusammenhangs zumeist auf knappe Bemerkungen. Trotz gelegentlicher Verweise auf landeskundliche Literatur werden naturräumliche Bedingungen und wirtschaftliche Strukturen kaum berücksichtigt.

Gestaltung und Ausführung dieses Kataloges lassen viele Wünsche offen. Gewiss wäre es unbillig, Stathakopoulos, der für seinen Katalog unvorsichtigerweise Vollständigkeit in Anspruch nimmt (2), vorzuwerfen, dass er das eine oder andere Zeugnis übersehen hat. Da sich seine Quellenlektüre nach eigenem Bekunden (10, Anm. 23) auf eine recht schmale Auswahl von weltlichen und kirchlichen Geschichtswerken beschränkt, wäre er jedoch gut beraten gewesen, die vorhandene Literatur zu seinem Thema in möglichst breitem Umfang auszuwerten, um durch sie Zugang zu der fast unüberschaubaren Fülle der potenziell einschlägigen Zeugnisse zu gewinnen. Da er die vorhandene Literatur indessen nur sehr selektiv herangezogen hat, sind ihm etwa für die antiochenische Versorgungskrise der Jahre 362/363 mehrere Belege entgangen, die der Rezensent vor Jahren in die Diskussion eingebracht hat. [4] Auch für die Versorgungskrise, die im Jahre 369 (oder 370?) das kappadokische Kaisareia heimsuchte, hätten sich mehr Belege anführen lassen, wenn die vorhandene Literatur gründlicher ausgewertet worden wäre, und die bei Firmus von Caesarea (Ep. 12) belegte Versorgungskrise am selben Ort wäre nicht übersehen worden.

Die mangelhafte Berücksichtigung der Literatur schlägt sich aber nicht nur darin nieder, dass einschlägige Quellen unberücksichtigt bleiben, sie hat darüber hinaus auch zur Folge, dass längst widerlegte Irrtümer der älteren Forschung mitgeschleppt werden. So wird etwa die Behauptung wieder aufgewärmt, Julian habe in Antiocheia 3.000 kleroi städtischen Landes an kleine Bauern verteilen lassen (196), und ein Gesetz desselben Kaisers, das die Kriterien für die Rekrutierung von Ratsherren regelt, wird unter Berufung auf längst überholte Literatur fälschlich als Maßnahme zur Wirtschaftsförderung gedeutet (195). Leider ist generell zu konstatieren: Abgesehen von Datierungsfragen fehlt eine adäquate Auseinandersetzung mit der vorhandenen Literatur. Aber auch die Behandlung der Quellen weckt Unbehagen, da es allenthalben an Sensibilität für die literarische Qualität der Texte fehlt: Die Konventionen, die die literarische Darstellung von Naturkatastrophen prägten, werden nicht näher untersucht, und die Frage, welche Absicht bestimmte Autoren verfolgten, wenn sie Naturkatastrophen darstellten, wird viel zu selten gestellt. Meist wird die Aussage der Quellen ohne jede Kritik für bare Münze genommen.

Der analytische Teil fußt auf den im Katalogteil erfassten "Vorfällen", auf die durch Angabe der Katalognummer verwiesen wird. [5] Die angewandte Methode wird vom Verfasser als "morphologische Analyse" bezeichnet und ist der Literaturwissenschaft entlehnt: "I drew up several narration motifs covering the whole spectrum of crises from their causes, the social responses to them and the effects they had, and tabulated the actual recorded crises from the catalogue according to these motifs. These common points of reference were then summarized and discussed, revealing the possible structures that pervade phenomena such as famines and epidemics recorded over a period of almost five centuries" (13). Die in diesem Ansatz enthaltene Identifikation von Diskurs und Realität rächt sich in der Untersuchung wiederholt.

Die eigentliche Analyse [6] beginnt in Kapitel 2 (23-34) mit einer quantitativen Auswertung der im Katalog erfassten Daten, die in Form von Schaubildern nach "Phenomena per century", "Famines and shortages per city", "Epidemics per city and century" und "Famines and shortages per region and century" aufgeschlüsselt werden. Obwohl der Verfasser sich der Lückenhaftigkeit seines Materials im Grunde durchaus bewusst ist, möchte er ihm weit reichende Schlussfolgerungen entnehmen. Zunächst glaubt er belegen zu können, dass Hungersnöte, die den gesamten Mittelmeerraum in Mitleidenschaft zogen, selten gewesen seien. Diese Behauptung dürfte kaum auf Widerspruch stoßen. Bedenklich stimmt jedoch die Art und Weise, wie sie begründet wird. Der Verfasser argumentiert damit, dass sich unter 134 belegten Versorgungskrisen nur 14 von "interregionaler" Ausdehnung befänden. Überprüft man indessen die 14 Katalognummern, die für solche "interregionalen" Versorgungskrisen beansprucht werden, bleibt kaum ein zweifelsfreier Beleg für Hungersnöte von solchen Dimensionen übrig; häufig ist die Ausdehnung der Versorgungskrisen in den Quellen ausdrücklich auf wenige, eng benachbarte Provinzen beschränkt. Umgekehrt muss der Verfasser selbst einräumen, dass lokale Versorgungskrisen kaum eine Chance hatten, überliefert zu werden. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Quellen von dieser Seite her ein völlig irreführendes Bild zeichnen.

Auch der Versuch, dem Material Aussagen über die demografische Entwicklung zu entlocken, bringt keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn. Dass die "Justinianische Pest" erhebliche Bevölkerungsverluste zur Folge hatte, wird seit eh und je angenommen, weil die literarischen Quellen es zumindest für die erste, 541 beginnende Welle ausdrücklich sagen. Stathakopoulos meint jedoch, darüber hinaus feststellen zu können, dass es im Spätrömisch-Byzantinischen Reich während des vierten und fünften Jahrhunderts ein starkes Bevölkerungswachstum gegeben habe, das den vorhandenen Nahrungsmittelspielraum eingeengt habe. [3] Dies mag für Teile des Reiches zutreffen; für Nordsyrien ist es auch archäologisch nachweisbar, worauf Stathakopoulos merkwürdigerweise mit keinem Wort eingeht. Man kann diese vermutete Entwicklung jedoch nicht dadurch belegen, dass man darauf verweist, in diesem Zeitraum seien doppelt so viele Hungersnöte wie Seuchen belegt. Für Schlussfolgerungen dieser Art reicht das Material bei weitem nicht aus.

Im dritten Kapitel (35-36) geht Stathakopoulos den Ursachen, der Dauer und der Ausdehnung von Versorgungskrisen nach. Er unterscheidet naturbedingte Krisen von solchen, die durch Menschen herbeigeführt wurden. Zu ersteren rechnet er Versorgungskrisen, die durch Trockenheit, übermäßige Niederschläge, das Ausbleiben der Nilschwelle, Kälte, das Ausbleiben von für die Schifffahrt erforderlichen Winden, Seuchen sowie das Auftreten von Schädlingen wie Heuschrecken, Ratten und Mäusen bewirkt werden. Die Durchsicht der Belege ergibt, dass Trockenheit mit Abstand am häufigsten als Ursache von Versorgungskrisen genannt wird, während starker Regen und Kälte kaum eine Rolle spielen. Durch den Vergleich mit modernen Untersuchungen wird der Nachweis erbracht, dass die Darstellung von Heuschreckenplagen in den spätrömisch-byzantinischen Quellen teilweise von genauer Sachkenntnis zeugt. Als von Menschen herbeigeführte Krisen gelten Stathakopoulos solche, die durch Belagerung und allgemein durch Kriegführung, durch Preisregulierung und durch Getreidetransporte (nach Rom oder Konstantinopel) verursacht wurden. Hier wird vielfach nur an der Oberfläche gekratzt; vor allem vermisst man eine Unterscheidung zwischen primären und sekundären Ursachen. Dem Resümee, dass Versorgungskrisen in der Regel multikausal zu erklären sind, stimmt man aber gerne zu. Zwei weitere Schaubilder, "Duration and range of subsistence crises" und "Location of subsistence crises", bilden die Grundlage für Aussagen über Dauer und Ausdehnung von Versorgungskrisen. Für diese Aussagen gelten dieselben Vorbehalte, die oben bereits gegen die demografische Auswertung der Daten geltend gemacht wurden.

Das vierte Kapitel (57-87) ist den sozialen Reaktionen auf Versorgungskrisen gewidmet. Stathakopoulos meint, dass der Kaiser bei Versorgungskrisen häufig helfend eingegriffen habe, ohne sich auf eine Diskussion der durch Durliat angestoßenen Debatte über die Mechanismen solcher Hilfeleistungen einzulassen. Interessant und historisch plausibel ist die Beobachtung, dass die Belege für Wohltätigkeit städtischer Eliten nach dem frühen 5. Jahrhundert fast vollständig abreißen. Wenn Stathakopoulos dagegen behauptet, die Landbevölkerung habe in Zeiten der Not in ländlichen Klöstern Hilfe gesucht und in der Regel auch gefunden (65), so verallgemeinert er in unzulässiger Weise Akte der Barmherzigkeit, die Hagiografen zum Ruhme Gottes und seiner Diener berichten. Völlig verfehlt ist in diesem Zusammenhang der Abschnitt über "Miraculous Termination" von Versorgungskrisen. Was soll man davon halten, wenn einem allen Ernstes versichert wird: "The evidence from the catalogue suggests that most subsistence crises terminated miraculousy by holy men could not be characterized as serious" (66)? Hier hat die Identifikation von Diskurs und Realität in eine Falle gelockt, aus der ein Rationalismus nach Art des Hekataios befreien soll. Die Reaktionen der Bevölkerung werden in Anlehnung an Hans Selye [8] anhand eines dreiphasigen Modells analysiert: 1) "contained response", 2) "food riots", 3) "exhaustion". Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Grad des Mangels und dem Auftreten oder Ausbleiben von Revolten sei nicht feststellbar. Sehr knapp fallen die Bemerkungen zur religiösen Reaktion auf Versorgungskrisen aus. Ausführlich geht Stathakopoulos dagegen auf die durch Mangel verursachten Veränderungen der Ernährung, den Verzehr von Pflanzen und Tieren, die normalerweise von Menschen nicht verspeist wurden, und auf Berichte über den Verzehr von Menschenfleisch ein. Bei aller Skepsis gegenüber den Quellen sei nicht zu bezweifeln, dass Kannibalismus während strenger Hungersnöte vorgekommen sei.

Das fünfte Kapitel behandelt epidemische Krankheiten (88-109). Hier tun sich erneut gravierende methodische Probleme auf: Da die Zeitgenossen nicht in der Lage waren, Infektionskrankheiten zu diagnostizieren, bietet die Terminologie der Quellen keine Hilfe für eine retrospektive Diagnose. Nur in zehn Fällen enthalten die Quellen überhaupt eine Beschreibung der Symptome. Stathakopoulos vergleicht diese Berichte mit den von der modernen Medizin festgestellten Krankheitsbildern und meint, in zwei Fällen Pocken diagnostizieren zu können, in einem weiteren hält er Diphterie für möglich, in einem vierten spricht er die Erkrankung als Malaria an. In drei weiteren Fällen geht er von Vergiftung aus, ohne sich auf die genaue Diagnose festzulegen.

Das ausführlichste und gehaltvollste Kapitel, das sechste, hat die "Justinianische Pest" zum Gegenstand (110-154). Stathakopoulos behandelt zunächst die Chronologie der verschiedenen Pestwellen. Im Zeitraum von 541 bis 750 glaubt er insgesamt 18 Ausbrüche der Seuche feststellen zu können; dies bedeute, dass die Seuche im Durchschnitt alle 11,6 Jahre ausgebrochen sei. Syrien sei von der 11. Pestwelle, die 687 ausbrach, und allen folgenden ohne Ausnahme betroffen gewesen; das durchschnittliche Intervall habe acht Jahre betragen. Dies deute auf einen Trend zur "Endemisierung" der Krankheit hin. Inwieweit diese Kalkulationen auf das Byzantinische Reich übertragen werden können, ist jedoch deshalb ungewiss, weil die Belege für die Pestwellen Nr. 9-18 sich durchweg auf den ummayadischen Bereich beziehen. Auf die Chronologie der Seuche folgt ihre Epidemiologie. Stathakopoulos schätzt den Bevölkerungsrückgang in Konstantinopel während der ersten Pestwelle auf etwa 20 %, in absoluten Zahlen: von 400.000 auf 320.000 Einwohner. Freilich ist die Marge der Unsicherheit außerordentlich groß, da weder die Bevölkerungszahl - die Schätzungen schwanken zwischen 200.000 und einer halben Million - noch die Sterberate - auch die Zahl von 48 % wird genannt - bestimmt werden kann. Stathakopoulos beschreibt dann die Art und Weise, wie die Betroffenen die Katastrophe zu bewältigen suchten. Hier werden erneut Dinge nebeneinander gestellt, die auf völlig verschiedenen Ebenen liegen. Einerseits erfährt man von der traurigen Aufgabe des referendarius Theodor, der den Abtransport der Leichen zu überwachen hatte. Andererseits liest man: "Dead saints could cure patients from the plague, while living holy men miraculously stopped the ravages of ongoing outbreaks" (150)! Aufschlüsse über die mentale Bewältigung von Katastrophen lassen sich auf diese Art und Weise nicht gewinnen. [9]

Das siebte Kapitel (155-165) ist "Results" überschrieben: Versorgungskrisen waren häufig, Hungersnöte dagegen selten. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Stathakopoulos den Beziehungen zwischen Hungersnöten und Seuchen. Hungersnöte seien häufig vom Auftreten epidemischer Krankheiten begleitet worden, doch habe deren Ausbruch nicht immer in direktem kausalen Zusammenhang mit einer Hungersnot gestanden. Jedoch habe Unterernährung die Anfälligkeit für bestimmte Infektionskrankheiten erhöht. Der Hauptgrund für den Bevölkerungsrückgang nach Hungersnöten sei das Ausbleiben der Menstruation gewesen. Seuchen wiederum hätten die Nahrungsmittelproduktion geschädigt, indem sie die ländliche Bevölkerung getötet oder zur Flucht aus ihren Wohnsitzen veranlassten.

Das achte und letzte Kapitel des ersten Teiles (166-173) steht unter der Überschrift "Conclusion: 'A History that Stands still'?" und wendet sich gegen die Vorstellung, dass die Geschichte vormoderner Agrargesellschaft von Stagnation geprägt gewesen sei. Zwar habe es im untersuchten Zeitraum und Gebiet keinen technologischen Fortschritt gegeben. Die Bevölkerungsentwicklung habe jedoch starken Schwankungen unterlegen: Auf ein Bevölkerungwachstum im 4. und 5. Jahrhundert sei in Folge der "Justinianischen Pest" ein tiefer Einbruch gefolgt, ein Rückgang um etwa 40-50 %, dessen Folgen nicht vor dem 9. Jahrhundert überwunden worden seien (167-171). Die Bevölkerungsentwicklung sei jedoch nicht der einzige Bereich, in welchem die Entwicklung zwischen der "Antike" und der Spätantike diskontinunierlich verlaufen sei. Zwar seien Versorgungskrisen und Epidemien aus denselben Gründen ausgebrochen und auch auf dieselbe Art und Weise bewältigt worden, wie dies in der "Antike" der Fall gewesen sei. Selbst die Art und Weise, wie solche Katastrophen wahrgenommen wurden, habe sich kaum verändert; nur habe der Gott der Christen die Götter der Heiden ersetzt. Jedoch hätten im Spätrömisch-Byzantinischen Reich andere Personenkreise die Führung übernommen: Während in der "Antike" das Krisenmanagement in den Händen privater Wohltäter gelegen habe, hätten diese nach dem 4. Jahrhundert kaum noch eine Rolle gespielt. An ihre Stelle sei zum einen die Kirche und zum anderen der Kaiser getreten, dessen Unterstützung zu einem konstanten Faktor geworden sei (171-172).

Stathakopoulos hat eine materialreiche Studie vorgelegt, die sicherlich nicht ohne Nutzen ist. Der Versuch, aus einem Katalog von Versorgungskrisen und Epidemien Rückschlüsse auf die demografische Entwicklung zwischen 284 und 750 zu ziehen, ist jedoch methodisch verfehlt. Ebensowenig vermögen die generalisierenden Aussagen über Häufigkeit und Verlauf der Krisen zu überzeugen. Am Anfang einer solchen Analyse müsste die Einsicht stehen, dass die naturräumlichen Bedingungen im östlichen Mittelmeerraum außerordentlich vielfältig sind und höchst verschiedenartige Formen der Bodenutzung hervorgebracht haben. Was für Anatolien gilt, kann daher nicht auf Ägypten übertragen werden, und Entwicklungen, die sich in Syrien beobachten lassen, dürfen nicht für Griechenland, Italien oder Nordafrika unterstellt werden. [10] Inakzeptabel ist schließlich auch die These, dass die Perzeption von Naturkatastrophen gegenüber der "Klassischen Antike" unverändert geblieben sei; die Moralisierung der Naturkatastrophen ist ebenso spezifisch christlich wie ihre apokalyptische Deutung. Die Frage, ob der Kaiser im Spätrömisch-Byzantinischen Reich sich bei Naturkatastrophen tatsächlich stärker engagierte, wie etwa auch Durliat annimmt, bedarf weiterer Prüfung.


Anmerkungen:

[1] Peter Garnsey: Famine and Food Supply in the Graeco-Roman World, Cambridge 1988.

[2] Jean Durliat: De la ville antique à la ville byzantine. Le problème de subsistance, Rom 1990.

[3] Vgl. etwa R. P. Duncan Jones: The Impact of the Antonine Plague, in: Journal of Roman Archaeology 9 (1996), 108-136; Walter Scheidel: Death on the Nile: Disease and Demography of Roman Egypt, Leiden u.a. 2001; Robert Sallares: Malaria and Rome: A History of Malaria in Ancient Italy, Oxford 2002.

[4] Hans-Ulrich Wiemer: Libanios und Julian. Untersuchungen zum Verhältnis von Rhetorik und Politik im vierten Jahrhundert n. Chr., München 1995, 269-355; vgl. auch ders.: Der Sophist Libanios und die Bäcker von Antiocheia, in: Athenaeum n. s. 74 (1996), 527-548.

[5] Leider zielen die Verweise, wie Stichproben ergaben, nicht ganz selten ins Leere.

[6] Das erste Kapitel, in welchem auf sechs Seiten die Entwicklung des Spätrömisch-Byzantinischen Reiches dargestellt wird (17-22), hätte man leicht entbehren können.

[7] Obwohl Stathakopoulos häufig auf mittelalterliche und neuzeitliche Parallelen verweist, fehlt ein Hinweis auf das bahnbrechende Werk von Wilhelm Abel: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem hohen Mittelalter, 3. Auflage, Hamburg und Berlin 1978.

[8] Hans Selye: The Stress of Life, New York 1956.

[9] Was hier möglich gewesen wäre, zeigt eindrucksvoll Mischa Meier: Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung im 6. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2003.

[10] Eine aktuelle Synthese mit angemessener Berücksichtigung der regionalen Unterschiede bietet jetzt Cécile Morrisson (Hg.): Le monde Byzantin I: L'Empire romain d'Orient (330-641), Paris 2004.

Hans-Ulrich Wiemer