Rezension über:

Hermann Kaienburg: Die Wirtschaft der SS, Berlin: Metropol 2003, 1200 S., ISBN 978-3-936411-04-1, EUR 49,00
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Rezension von:
Rolf-Dieter Müller
Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam
Empfohlene Zitierweise:
Rolf-Dieter Müller: Rezension von: Hermann Kaienburg: Die Wirtschaft der SS, Berlin: Metropol 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 [15.06.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/06/5103.html


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Hermann Kaienburg: Die Wirtschaft der SS

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Hermann Kaienburg ist einer der renommiertesten Forscher zur Geschichte deutscher Konzentrationslager und arbeitet an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. In seiner von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Habilitationsschrift widmet er sich einem besonders umstrittenen Bereich der Geschichte des Dritten Reiches. Das "Wirtschaftsimperium" der SS gilt entweder als obskures Anhängsel dieser Terror- und Mordorganisation oder als widersprüchliches Konglomerat von Unternehmen, in dem sich technokratisches Effizienzdenken mit einem mörderischen Rassismus verbunden hat. Die erste kleine Gesamtdarstellung von Enno Georg erfolgte bereits vor vier Jahrzehnten. Eine kaum noch zu überschauende Zahl von Spezialuntersuchungen zu einzelnen Konzentrationslagern und Firmen, von biografischen Skizzen und Betrachtungen innerhalb größerer Arbeiten zum SS-System ließ schon seit längerem auf eine neue Gesamtdarstellung hoffen. Kaienburg hat sich dieser schwierigen Arbeit unterzogen.

Die stark durchgegliederte und umfangreiche Studie ist chronologisch angelegt und unterscheidet zunächst verschiedene Perioden. Sie stellt die Gründungszeit der SS dar und widmet sich dann der Entwicklung zur Massenorganisation bis 1934. Der erste große Abschnitt analysiert die Vorkriegszeit anhand einer Organisationsgeschichte der SS, die in die Ansätze zu einer SS-Wirtschaft bis 1939 mündet. Systematisch werden dann zunächst die einzelnen Wirtschaftsbetriebe untersucht, die im Zusammenhang mit den Konzentrationslagern eingerichtet worden waren und durch Häftlingsarbeit getragen wurden. Neben diesen Lagerbetrieben errichtete die SS-Verwaltung eine Reihe von wirtschaftlichen Einrichtungen zur Unterstützung der kulturellen, sozialen und finanziellen Belange der SS. Als dritter Komplex kam die Siedlungspolitik hinzu, die Himmler einen Einstieg in den Bereich der Landwirtschaft und des Wohnungsbaus ermöglichte.

Der zweite große Abschnitt behandelt umfassend die Kriegszeit und stellt zunächst die Frage in den Vordergrund, welche Intentionen die SS-Führung innerhalb der NS-Wirtschaftsordnung verfolgte und weshalb sie zur Gründung von Großunternehmen veranlasst wurde. Die Beantwortung dieser Fragen lenkt den Blick auf die nach Kriegsbeginn rasch expandierende SS-Organisation, mit der Notwendigkeiten und Möglichkeiten für eine wirtschaftliche Betätigung entstanden. Der Ausbau der Waffen-SS verlangte nach eigenständigen Finanzierungs- und Rüstungsressourcen, was mit der Gründung des Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamtes zu einer Zentralisierung der Aktivitäten führte. Kaienburg behandelt dann die verschiedenen Aktionsfelder: die Zwangsarbeit von KZ-Gefangenen und Juden im Reich sowie in den besetzten Gebieten, die Gründung beziehungsweise den Erwerb neuer Unternehmen in breit gefächerten Branchen, um schließlich einzelne Standorte und Komplexe detailliert zu untersuchen.

In einem dritten, systematisch angelegten Abschnitt legt er die Ziele und Resultate der SS-Wirtschaft in einer analytischen Betrachtung dar. Eine kurze Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse dieser eindrucksvollen Studie zusammen. Der Anhang mit Dokumenten, Tabellen, umfangreichen Literatur- und Quellenhinweisen sowie einem aufwändigen Register machen das Buch auch zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk.

Die Zwangsarbeit der KZ-Insassen - so das Ergebnis - war und blieb während des Krieges das wichtigste Wirtschaftspotenzial der SS. Es sicherte die politische Handlungsfähigkeit der SS-Führung auch in Zeiten äußerster Knappheit an Ressourcen. Das Sendungsbewusstsein Himmlers und seiner Führungselite war groß genug, um daraus einen groß angelegten Plan eines eigenen Wirtschaftsimperiums abzuleiten. Dabei ging es aber keineswegs nur um eine Erweiterung von Macht und Einfluss. Ehrgeizige SS-Manager sahen ihr Handeln als maßgebliche wirtschaftspolitische Innovation. Sie sollte nach dem "Endsieg" den Durchbruch zu einem revolutionären Wirtschaftssystem ermöglichen, das nach rassenideologischen Prinzipien strukturiert in großen Teilen auf Zwangsarbeit beruhen sollte. Um die zögernde Privatwirtschaft zu überzeugen, musste der Beweis erbracht werden, dass sich Häftlingsarbeit im Vergleich zur Arbeit von Zivilisten auch rechnete.

Wegweisend sollte auch die Art der Leitung sein. Sie verfolgte das Ziel, einerseits die hergebrachten Formen der Bürokratisierung abzuwerfen und andererseits straff nach Befehl und Gehorsam zu regieren. Die Wirtschaftspolitik der SS-Führung zielte freilich nicht auf einen völligen Umbau der deutschen Wirtschaft oder die Abschaffung des Privateigentums. Es ging vielmehr um die Durchsetzung des politischen Primats, um die Förderung von kleinen und mittleren Existenzen, um die Ausschaltung des politischen Einflusses von Großindustrie und Kapital sowie um eine wirtschaftliche "Neuordnung" in den Siedlungsgebieten. Dort sollten nur noch Handwerk und Kleingewerbe zum Zuge kommen. Aufgeschlossen gegenüber der modernen Technik entwickelten die SS-Experten auch große Raffinesse, Gelder aus staatlichen Kassen abzuziehen.

Die ökonomischen Resultate waren keineswegs beeindruckend. Viele Werke blieben ineffizient und unsinnig, wie etwa die Angorakaninchenzucht und andere arbeitsintensive Bereiche. Auch das viel gepriesene Führerprinzip erwies sich meist als wirtschaftlich unzweckmäßig. Vielerorts wurde dilettiert, weil man Mühe hatte, kaufmännische und technische Experten zu gewinnen. Mit der krisenhaften Entwicklung des Krieges war kaum noch jemand davon überzeugt, dass mit dem Modell der SS-Wirtschaft ein größerer Beitrag zu Lösung der Probleme möglich sein würde. Die SS musste das Arbeitskräftepotenzial der Privatwirtschaft zur Verfügung stellen. Kaienburg macht aber darauf aufmerksam, dass die SS-Wirtschaft für einen anderen politischen Zweck, für die Zeit nach dem "Endsieg" konzipiert worden war. Der Wirtschaftskoloss wäre aber wohl auch unter anderen Umständen auf Dauer unwirtschaftlich geblieben. Dieses Urteil gilt - wie neuere Forschungen zeigen - auch für den parallelen Versuch des Stalinismus, mit einer Lagerwirtschaft ökonomischen Nutzen zu produzieren.

Trotz der Fülle an Details geht in dieser großartigen Studie die Übersicht niemals verloren. Es ist eine bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit, die nicht so schnell übertroffen werden dürfte.

Rolf-Dieter Müller