Rezension über:

Harold James: Die Deutsche Bank im Dritten Reich. Aus dem Englischen übersetzt von Karin Schambach und Karl Heinz Siber, München: C.H.Beck 2003, 267 S., 22 Abb., 5 Graphiken, ISBN 978-3-406-50955-1, EUR 19,90
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Rezension von:
Christopher Kopper
Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Christopher Kopper: Rezension von: Harold James: Die Deutsche Bank im Dritten Reich. Aus dem Englischen übersetzt von Karin Schambach und Karl Heinz Siber, München: C.H.Beck 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/5202.html


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Harold James: Die Deutsche Bank im Dritten Reich

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Das neueste Buch von Harold James ist eine erheblich erweiterte und überarbeitete Fassung seines Beitrages, der bereits 1995 in dem vielbeachteten Jubiläumsband "Die Deutsche Bank 1870-1995" erschien, welcher zu Recht als ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Bankengeschichte gewürdigt wurde.

Die Tatsache, dass James den Beitrag für den Jubiläumsband im Auftrag der Deutschen Bank verfasste, beeinträchtigte sein kritisches Urteil über die Deutsche Bank während des "Dritten Reiches" nicht. James war keinen Einschränkungen durch seinen Auftraggeber unterworfen und konnte bereits für die Arbeit am Jubiläumsband auf die umfangreichen Aktenbestände der Deutschen Bank zurückgreifen, die im Bundesarchiv Berlin allgemein zugänglich sind. In sein neues Buch flossen vor allem seine umfangreichen Recherchen zur Beteiligung der Deutschen Bank an der "Arisierung" jüdischen Eigentums ein, die er 2001 in einer separaten Monografie bei C.H. Beck veröffentlichte.

James wird seinem Ruf gerecht, zu den besten Kennern der deutschen Bankengeschichte der zwanziger und dreißiger Jahre zu gehören. Er stellt die ambivalenten Motive und Interessen der Direktoren und Vorstandsmitglieder für die Beteiligung an den Arisierungsgeschäften kritisch dar. Er analysiert, weshalb sich die Deutsche Bank trotz geschäftlich begründeter Zweifel und moralischer Bedenken letztlich doch am Wettlauf um lukrative Arisierungstransaktionen beteiligte, den die Dresdner Bank begonnen hatte und am Ende mit großem Vorsprung gewinnen sollte. Die inneren Widersprüche im Handeln der leitenden Bankmanager werden nicht nur angesprochen, sondern auch kompetent problematisiert. James untersucht die Eigeninitiativen und Handlungsspielräume der Bankfilialen im Arisierungsgeschäft und zeigt, dass die für die NS-Herrschaft zentrale Frage des Verhältnisses zwischen Herrschaftszentrum und Peripherie auch für die Arisierung von großer Bedeutung ist. Während die Dresdner Bank die Leitung der Arisierungsgeschäfte zentralisierte, besaßen die Filialen der Deutschen Bank einen größeren Spielraum, sich zurückzuhalten oder sich aktiv zu beteiligen. Hier hätte sich ein Vergleich mit den neueren Forschungsergebnissen zur Dresdner Bank angeboten, deren Geschichte durch ein Team von Unternehmenshistorikern aufgearbeitet wird. James stellt auch die Hilfsfunktion der Banken bei der Erfassung, Konfiskation und vollständigen Enteignung der jüdischen Vermögen im Auftrag des Reiches dar, die im April 1938 mit der "Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens" begann und im November mit der 11. Verordnung zum Reichbürgergesetz endete.

Die Darstellung der Geschäftsentwicklung wird dem relativen Einflussverlust der deutschen Großbanken gerecht, der bereits 1931 mit der Bankenkrise einsetzte. Obwohl sich die Bilanz der Deutschen Bank bis 1936 von den Folgen der Bankenkrise und der Weltwirtschaftskrise erholte und in diesem Jahr erstmalig wieder eine Dividende an ihre Aktionäre ausschütten konnte, blieb die frühere Macht der Banken gebrochen. Die Kapitalmarktpolitik und die Kreditpolitik der Reichsbank drängte die Industrie zunehmend aus der Fremdfinanzierung durch neue Aktien, Anleihen und Bankkredite heraus. Ein Nebeneffekt dieser Politik war, dass die Banken ihre einstmals starke Stellung bei der Finanzierung der Industrie verloren und die Investitionen der Großindustrie zunehmend durch die Handels-, Wirtschafts- und Rüstungspolitik des Regimes gelenkt wurden.

In seiner sehr aufschlussreichen Darstellung über die Geschäfte der Deutschen Bank in den besetzten Staaten Europas zeigt James sehr eindrücklich, dass sie im Protektorat Böhmen und Mähren eine sehr viel aggressivere Geschäftspolitik als im besetzten Westeuropa verfolgte. Ihre deutliche Zurückhaltung in den Niederlanden und Belgien war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass Göring eine aggressive Übernahme der Industrie in Böhmen und Mähren ausdrücklich wünschte. In den Niederlanden und Belgien spielte die Rücksichtnahme auf die Geschäftsinteressen der ausländischen Partner eine ebenso große Rolle wie die geheim gehaltene Rücksicht auf eine spätere Wiederherstellung der niederländischen und belgischen Souveränität. Die Gewaltsamkeit der Besatzungspolitik hatte erhebliche Rückwirkungen auf die Neigung der Banken, mit den zivilisatorischen Normen des Bankgeschäfts zu brechen. Die Zurückhaltung der Deutschen Bank, das größte polnische Bankhaus zu übernehmen, überrascht daher. James zeigt überzeugend, dass die Deutsche Bank vor allem wegen des hohen Anteils Not leidender jüdischer Kreditnehmer nicht an einer Übernahme interessiert war. Ihre Zurückhaltung ist daher nicht als eine bewusste Gegenposition zur deutschen Besatzungspolitik, sondern lediglich als eine unternehmerische Opportunitätsüberlegung zu werten.

Harold James bedient sich eines klaren Stils und einer Darstellungsform, die auch für Laien der Bankengeschichte und des Bankwesens verständlich ist. Auch wenn man über einige Formulierungen wie den Begriff der nationalsozialistischen "Kommandowirtschaft" streiten kann, ist sein Buch keineswegs nur für Bankenhistoriker und Unternehmenshistoriker lesenswert. Wer sich über das Verhalten der Wirtschaftselite im "Dritten Reich" oder über die ökonomischen Aspekte der nationalsozialistischen Rassenpolitik informieren möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Christopher Kopper